Greta, Christian und der Klimawandel

Man glaubt es kaum, aber ich habe mal ein Buch über das Thema „Klima“ geschrieben. Auch deshalb habe ich eine bestimmte Sicht auf Greta Thunberg und die aktuellen Debatten um ihre Person – und die möchte ich euch nicht vorenthalten …

Übrigens nicht irgendein Buch im Selbstverlag, das niemanden interessiert, sondern einen echten Bestseller: Band 125 aus der WAS IST WAS-Reihe. Das waren zumindest früher mal ganz wunderbare Sachbücher für Kinder und Jugendliche, in denen Fachleute verständlich und wissenschaftlich korrekt über die verschiedensten Themen geschrieben haben – eben auch über das Klima unserer Erde. Als Professor für Geologie war mein Vater vom Tessloff Verlag gefragt worden, ob er sich dieses Themas annehmen wollte. Er wollte, und zwar zusammen mit mir als Co-Autor. Er war sozusagen für die Wissenschaft und ich für die Verständlichkeit zuständig, eine Arbeitsteilung, die wir schon an zwei anderen WAS IST WAS-Bänden erfolgreich praktiziert hatten.

Und so kam es, dass wir schon vor rund zehn Jahren alles Wissenswerte über Klima und Klimawandel in einem leicht verständlichen und ideologiefreien Buch zusammengefasst haben, zum Einfluss des Menschen auf den Klimawandel unter anderem Folgendes:

Normalerweise sind natürliche Ursachen wie etwa die Stärke der Sonneneinstrahlung für einen Klimawandel verantwortlich, und meist ändert sich das Klima sehr langsam. In den letzten hundert Jahren – und das ist für Klimaforscher ein kurzer Zeitraum – beobachten wir aber einen ungewöhnlich starken Anstieg der globalen Temperatur. Der größte Teil dieses Anstiegs dürfte von den Menschen verursacht sein. Die Hauptursache ist, dass wir sehr viel Energie verbrauchen und dadurch immer mehr Treibhausgase in die Luft gelangen. Ob wir den Klimawandel noch verhindern können? Das nicht, denn den hohen Ausstoß von Treibhausgasen in den letzten hundert Jahren können wir nicht rückgängig machen. Aber wir können versuchen, die Erwärmung durch wirksamen Klimaschutz so weit wie möglich zu begrenzen.

Und natürlich war das vor zehn Jahren keine brandneue Erkenntnis, sondern eine Zusammenfassung dessen, was seit Jahrzehnten unter Wissenschaftlern common sense ist. Wir haben dieses Buch geschrieben, das in Tausenden von Kinderzimmern gelandet ist, wir haben dazu Interviews gegeben, wir haben dem damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sogar medienwirksam ein Exemplar auf dem „Kinder-Klima-Gipfel“ (ja, so etwas gab es damals schon) überreicht, und so weiter und so fort.

Allein, bewirkt hat das – gar nichts. Das Thema Klimaschutz in Deutschland ist heute ein einziges Trauerspiel (vom globalen Klimaschutz mal ganz zu schweigen). Die gesteckten Ziele wurde nicht erreicht. Die neuen Ziele und Maßnahmen aka Klimapaket sind ein Witz oder freundlicher gesagt ein üblicher halbgarer Groko-Kompromiss. Verkehrsmittel Nummer 1 ist das Auto, ein Drittel aller Neuzulassungen in Deutschland sind völlig idiotische, übergroße und -schwere SUV, die Bahn ist verglichen mit anderen Ländern in einem desolaten Zustand, Fahrradfahrer leben gefährlich, wenn sie es wagen, die Fahrbahn besagter SUV zu kreuzen, Fliegen ist so billig wie ein Kilo Massentierschnitzel bei Aldi … Die Liste ließe sich fortsetzen.

Vor diesem Hintergrund taucht nun eine 16-jährige Schwedin namens Greta auf und bewirkt in der öffentlichen Wahrnehmung mehr als alle Klimaforscher und alle Kinderbuchautoren zusammen. Innerhalb kürzester Zeit ist es ihr und ihren Mitstreitern der „Fridays for Future“-Bewegung gelungen, nicht nur eine in dieser Dimension bis dahin unvorstellbare öffentliche Diskussion über den Klimawandel in Gang zu setzen, sondern das Thema auch auf die politische Agenda nahezu sämtlicher Regierungen zu setzen, Deutschland eingeschlossen.

Das verdient größten Respekt.

Was damit zwangsläufig einhergeht, ist eine Emotionalisierung und Zuspitzung der Debatte. Natürlich fühlt sich der deutsche SUV-Fahrer (ich bleibe mal bei dem Beispiel) angegriffen und will seinen Besitzstand verteidigen, sei es mit kuriosen Argumenten („die hohe Sitzposition ist besser für meinen Rücken“) oder den in „sozialen“ Medien heute üblichen Diffamierungen des Gegners. Natürlich schlagen auch die Aktivisten ein wenig über die Stränge und neigen vor allem zu einer schwer erträglichen moralischen Überhöhung der eigenen Positionen, da man sich eben auf der Seite der „Guten“ wähnt, die die Welt retten, während alle anderen (Autofahrer, Vielflieger, Fleischesser …) sie zu Grunde richten.

Foto: Torsten (der es natürlich nicht geliked hat)

Interessant übrigens, wie viele sich im Reigen der hysterischen Social Media-Diskussionen versuchen, auf die Seite der „Guten“ zu schlagen, indem sie Greta bejubeln, indem sie vielleicht sogar ein wenig CO2-Ballast über Bord werfen (irgendetwas, auf das man leicht verzichten kann), um dafür von ihrer Timeline bejubelt zu werden, indem sie aber ganz sicher nicht ernsthafte Veränderungen vornehmen, das würde dann doch zu weit gehen. Interessant auch, wie die Beiß-Reflexe auf allen Seiten innerhalb kürzester Zeit zunehmen, wie normal inzwischen Zynismus und Häme in der Auseinandersetzung geworden sind, wie schnell Bilder von PS-starken Vehikeln mit „Fuck you, Greta“-Aufklebern Likes einsammeln, und wie schnell ein Grünen-Politiker öffentlich zerrissen wird, der spontan nicht jedes Detail der Pendlerpauschalen-Regelung auswendig kennt, obwohl er mit dem Kern seiner Argumentation Recht hat.

Und natürlich ist auch die Überhöhung Gretas zur Ikone einer Bewegung problematisch. Denn kein Mensch kann die Erwartungen an eine Ikone erfüllen, schon gar nicht eine 16-jährige Schülerin ohne Elder Statesman-Bonus a la Helmut Schmidt, der man eigentlich wünschen will, sich in Ruhe auf die Schule zu konzentrieren, sich mit netten Jungs und Mädchen ihres Alters zu treffen, das Leben zu genießen und was man halt so macht …

Das alles – die Polarisierung, die Häme, der Hass – ist bedauerlich, das alles gab es in dieser Form, Ausprägung und Intensität vor zehn Jahren noch nicht – aber es gab halt leider auch überhaupt keine größere Debatte über Klimaschutz und erst Recht keinen Handlungsdruck. Das eine scheint heutzutage der Preis des anderen zu sein. Trotz allem Bedauern freue ich mich, dass nicht mehr nur Pegida & Co die Timelines und Talkshows dominieren (vor Kurzem war das noch so) und dass sich gefühlt immer mehr (junge) Leute für Politik interessieren und für ihre Interessen engagieren.

Ach ja, und sollte jemand seinen Kindern doch nochmal erklären wollen, um was es da eigentlich geht: einfach Bescheid sagen. Ich habe noch ein paar Exemplare unseres Klima-Buchs, die ich gerne verschenke. (Sorry, alle schon weg.)

19 Gedanken zu “Greta, Christian und der Klimawandel

  1. Sehr gut geschrieben. Ich hoffe, dass es viele Leser gibt!
    Falls noch ein Buch übrig ist… meine Kinder mögen die Was-ist-Was-Bücher, genauso wie Fahrradfahren und die Natur genießen.
    Man kann als Eltern ein Vorbild sein, den Kindern den richtigen Weg weisen und die Wichtigkeit einer gesunden Umwelt erklären, damit auch unsere Kinder eine gesunde Zukunft auf diesem Planeten haben. Diesen Beitrag sollte jeder leisten, ohne Fingerzeig auf andere.

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  2. Lieber Christan Buggisch,
    Vielen Dank für den guten Text und die anschaulich dargestellten Zusammenhänge. Ich und meine Kinder würden sich sehr über ein Buch freuen, vielleicht bringt die gemeinsame Lektüre uns alle ein Stück weiter und erklärt die Hintergründe ohne Polemik.

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    • Danke für diesen Beitrag. Leider ist alles an ihm wahr.
      Mein Geographie-Studium vor 25 Jahren bestand zu nicht unwesentlichen Teilen aus genau diesen Themen und zu behaupten, das ganze sei ein neues Thema, ist schon ziemlich dreist.

      Ich unterrichte und auf die Nachfragen unserer Schüler muss ich leider sagen: „Ja, wir haben das vor 30 Jahren auch schon in der Schule gelernt und über 3l Autos und alternative Antriebe spekuliert – passiert ist…. nix.“

      Ich finde an dem Thema schade, dass die Zuspitzung auf „das Klima,“ zwar in der Sache richtig ist, aber den meisten Zweiflern offenbar die Seiteneffekte gar nicht klar sind. Leider fällt da selten der Begriff „Nachhaltigkeit“.

      Meine Kinder lieben die WiW Reihe genauso wie wir als Kinder (ich hatte nie welche, daher wohl meine Studienfachwahl, :) ).
      Das zum Thema Klima müssen wir wohl auch mal anschaffen…

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  3. Herzlichen Dank für diese Zeilen !!
    Über ein Buch würden wir uns tatsächlich auch sehr freuen, da unser Sohn (7) sich zum Ziel gesetzt hat, später Erfinder zu werden um die Welt zu retten !

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  4. Spannend ist tatsächlich die Reaktion auf eine Person, wie Greta, erinnert ein wenig an die 68er und die Reaktionen.
    Es scheinen viele Ängst und Wut zur Zeit in Bewegung zu sein, den daraus entstehen Reaktionen massiver Ablehnung, Zuspitzung, Polemik,
    ein konstruktiver Diskurs erscheint so nicht möglich, dafür darf man mehr als einmal tief durchatmen.

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  5. Ein sehr gelungener Artikel. Wobei mir dann immer wieder auch nicht ganz klar ist, warum die sogenannten Erwachsenen von einer 16 jährigen einen rationalen und strukturierten Lösungsansatz zum Thema Klima und Umwelt erwarten. Im gleichen Atemzug wie Greta vorgeworfen wird fremdgesteuert zu sein, wird ihre absolut altersgerechte Emotionalität verhöhnt. Hab ich da was verpasst? Lasst doch dem Mädel ihren Pathos, Ethos, Emotionalität und Idealismus. Verkopfte Politiker haben wir schon genug, und die haben uns ja nun auch nicht wirklich weiter gebracht-bisher. Sie will ja keine Politik machen, sondern Politiker (und uns Normalo Verbraucher) dafür sensibilisieren (Quelle Duden: „sensibel (1), empfindlich machen (für die Aufnahme von Reizen und Eindrücken“), damit wir endlich verstehen, dass es so eben nicht weitergehen kann. Es kann doch nicht gerecht sein, dass wir heute „Party machen“ und die Generationen nach uns unseren Dreck wegräumen müssen. Ich würde mich da an Greta´s Stelle auch ziemlich drüber aufregen….

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  6. Lieber Christian, ich habe echt gezögert, diesen Beitrag zu lesen, weil ich fast befürchtet hatte, dass Du Greta bashen würdest (tust Du ja generell nicht, aber ich dachte, es geht um mediale Präsenz und so). Jetzt bin ich froh, dass ich doch noch reingeschaut habe. Was-Ist-Was habe ich ja schon einmal von Dir bekommen :-) Danke dafür nochmals. Ja, das war auch meine Jugendlektüre. Schönes Wochenende wünsche ich Dir.

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  7. Leider bin ich zu spät dran mit meinem Kommentar, wenn ich mir den letzten durchgestrichenen Absatz angucke…als Kind/Jugendlicher habe ich die Was ist Was-Reihe verschlungen, eigentlich fast egal, um welches Thema es ging. Da kommen auch grad schöne Erinnerungen hoch an Vulkane, Dinosaurier oder Die Germanen…

    Zum Thema Polarisierung der Debatte(n): Ich finde es auch immer wieder schwierig, nicht zu emotional zu reagieren und versuche, mich nicht an zu vielen Debatten zu beteiligen (vor allem auf Facebook), die sehr oft eigentlich gar nichts bringen außer Unmut und, im besten Fall, Selbstbestätigung, sowohl bei mir als auch bei anderen. Es klappt nur leider nicht immer mit dem Schweigen. Aktuelles Beispiel wäre die Dieter Nuhr-Sache, wozu ich nichts geschrieben oder kommentiert habe, obwohl es mir teilweise unter den Nägeln brannte. Auf der anderen Seite finde ich es genauso schwierig, wenn Kritik schnell als Shitstorm, Angriff oder Verbot der Meinungsfreiheit bewertet und teilweise auch diffamiert wird…ich bin etwas ratlos, wie man die Debattenkultur online verbessern kann. Vielleicht ist die Lösung wirklich, weniger online und mehr offline miteinander reden.

    Eine kritische Anmerkung habe ich allerdings auch noch zu einem anderen Punkt deines Beitrags. Und Du hattest das auch schon mal in einem Facebook-Post so oder so ähnlich geschrieben:
    „Interessant übrigens, wie viele sich im Reigen der hysterischen Social Media-Diskussionen versuchen, auf die Seite der „Guten“ zu schlagen, indem sie Greta bejubeln, indem sie vielleicht sogar ein wenig CO2-Ballast über Bord werfen (irgendetwas, auf das man leicht verzichten kann), um dafür von ihrer Timeline bejubelt zu werden, indem sie aber ganz sicher nicht ernsthafte Veränderungen vornehmen, das würde dann doch zu weit gehen.“

    Erstens würde ich hinterfragen wollen, ob das wirklich so ist, also ob es wirklich viele sind, die auf irgendeine kleine Sache verzichten und das dann aufbauschen, um sich vor anderen als gut darzustellen, obwohl sie eigentlich nichts tun würden, was weh tut. Und wer entscheidet, auf was man „leicht verzichten“ kann und was weh tut?

    Und zweitens: Selbst wenn es so ist, dass „viele“ sich damit brüsten, auf Kleinigkeiten zu verzichten, um bejubelt zu werden: Fangen so nicht Veränderungen an? Und verhinderst Du nicht mit solchen Aussagen gerade, dass mehr Menschen darüber reden, worauf sie verzichten und damit dann vielleicht andere ermuntern, Ähnliches zu tun? (und vielleicht schreibe ich mal auf, welche Veränderungen wir so im letzten Jahr bei uns in der Familie angestoßen haben, was teilweise wirklich „weh tut“, sowohl finanziell als auch genussmäßig…auch auf die Gefahr hin, dass andere das als Gutmenschentum abtun…)

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    • Lieber Lars, natürlich weiß ich nicht, ob sich viele etwas scheinheilig verhalten, das entspringt meiner subjektiven Wahrnehmung wie so vieles hier … Und ist es schlimm? Nein. Ich finde es dann problematisch, wenn es zur moralischen Überhöhung der eigenen Position dient und zum „Mit dem Finger auf andere Zeigen“, weil sich andere (vermeintlich) weniger vorbildlich verhalten. Das fördert Polarisierung und reißt noch mehr Gräben auf. Das ist aber nicht immer das Motiv, das gebe ich zu. Beispiel: Ich habe auch mal gepostet, dass ich mich für Knochenmarkspenden habe typisieren lassen (oder wie das heißt). Nicht, um dafür gefeiert zu werden, sondern um andere auf die Idee zu bringen das auch zu tun – das entspricht ja deiner Argumentation. Sagen wir einfach: Solche Ego-PR ist eine Gratwanderung. Es kann personalisierte PR für eine Sache sein oder auch nur fürs Ego …

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      • Ja, bei dem „Mit dem Finger auf andere zeigen“ bin ich bei Dir. Das Problem ist allerdings, wie Du ja auch sagst, dass die Übergänge eben wirklich fließend sind und jeder Mensch anders reagiert auf Dinge. Vor einem Jahr hatte Bernd Ulrich im Zeit Magazin zum Beispiel von seinem veganen Experiment berichtet. Das hat ja sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Mich hat das sehr inspiriert und war mit ein Auslöser dafür, meine Ernährung auch umzustellen. Ich habe allerdings auch viele viele andere Kommentare gelesen, die ihn als Gutmenschen und Ernährungsnazi und was weiß ich alles beschimpften. Soll man deswegen aufhören, von solchen Erfahrungen zu berichten? Ich würde sagen, nein.

        Mir fällt auch grad auf: Vielleicht ist ein gutes Mittel gegen die Polarisierung in Social Media auch, Diskussionen einfach wieder in Blogs zu führen. Das erfordert etwas mehr Auseinandersetzung mit einem Thema als den schnell hingerotzten Kommentar.

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