Erfreuliches im Herbst 2019

Im Herbst war unter anderem Zeit für einen kontrovers diskutierbaren Joker, den neuen alten Breaking Bad-Modus, einen Spion, eine Katastrophe, zahlreiche Lügen und den Weltuntergang auf 1.500 Seiten …

Joker

Der Film hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Jeder dürfte ja mitbekommen haben, worum es geht: Erzählt wird, wie ein kranker, verwirrter, misshandelter Mann zum Psychopathen namens Joker wird. Entfernt basierend auf den DC-Comics, hat das ganze sehr wenig mit Comic und gar nichts mit Superhelden zu tun. Und warum ratlos? Einerseits haben wir eine großartige schauspielerische Leistung, gar keine Frage. Ich mag Joaquin Phoenix sowieso … Andererseits sieht man einem Gestörten dabei zu, wie er komplett wahnsinnig wird und die Gesellschaft ihn dafür feiert. Das hat bei mir irgendwie ein ungutes Gefühl hinterlassen, zumal der Film versucht, einen auf die Seite des Jokers zu ziehen: seine traurige Vergangenheit, die Gesellschaft, die sich nicht um ihn kümmert, schlimme Begegnungen, die er hat, und so weiter. Ich weiß, dem Film wird Verherrlichung von Terror und Amokläufen vorgeworfen – so weit würde ich auf keinen Fall gehen. Aber der Film baut dem Wahnsinnigen eine ziemlich lange Verständnis-Anlauframpe und stellt ihn am Ende auf die Seite der Unterdrückten, mit denen man tendenziell ja auch gerne sympathisiert – und das finde ich irgendwie schwierig. Aber: Ich habe einige kontroverse Diskussionen über den Film geführt, und das passiert nun wirklich nicht bei jedem Film. Er ist also nicht egal, sondern – sehenswert. (Gesehen im Kino.)

El Camino

Jahre nach Serienende gibt es nochmal einen Film, in dem erzählt wird, was aus Jesse Pinkman, Walter Whites Drogen-Partner, wurde. Und was soll ich sagen: Alles stimmt. Erzähltempo, Optik, Figuren, Wendungen. Man ist sofort wieder im Breaking Bad-Modus. Für Serienfans ein Muss – man wird daran erinnert, was einem fehlt, seit die Serie zu Ende ist. Für alle anderen komplett verzichtbar, weil man gar nicht verstehen kann, worum es geht. (Gesehen auf Netflix.)

The Spy

Erzählt wird in wenigen Episoden die (wahre) Geschichte von Eli Cohen, einem israelischen Spion, der in den 1960er Jahren in Syrien eingesetzt war, während seine Familie in Israel erst ahnungslos, dann besorgt, dann verzweifelt sieht, was der Job aus und mit ihm macht. Optik, Ausstattung, Erzähltempo, Figuren … alles ganz großartig. Am überraschendsten ist, dass der Hauptdarsteller Sacha Baron Cohen auch ganz anders kann als „Borat“ und wie seine etwas anstrengenden Witzfiguren alle heißen – er kann verdammt gut schauspielern und der Geschichte die Menschlichkeit verleihen, die sie zum Drama macht, das unter die Haut geht. (Gesehen auf Netflix.)

Chernobyl

Wegen dieser Serie habe ich mir zwei Monate Sky (via Sky Ticket) gegönnt. Man las zu viel Gutes über die Serie – und man las es zurecht. Ich finde es immer schön, wenn eine Serie Spannung erzeugt, obwohl die Handlung kaum Überraschungen bieten kann, weil man die Story inklusive deren Ausgang kennt. Aber hier sitzt man vor dem Bildschirm und schaut teils gebannt, teils frustriert, wie das Debakel seinen Lauf nimmt, wie menschliches und technisches Versagen in die Katastrophe führen, gepaart mit dem Unvermögen, in diesem politischen System Fehler einzugestehen und schnell gegenzusteuern. Nichts für zarte Gemüter. (Gesehen auf Sky).

Big Little Lies

Noch ein Erlebnis von meinem Ausflug zu Sky. Auch diese Serie wurde mit Lob überschüttet, und es handelt sich wirklich um einen clever gemachten Whodunit, denn am Ende, das weiß man von Anfang an, gibt es einen toten Menschen, und man fragt sich, wie es dazu kommen konnte, in dieser heilen kalifornischen Welt der Schönen und Reichen. Die so heil nicht ist, wie man recht bald erfährt, denn Reichtum und Schönheit werden begleitet von Neid, Hass und Gewalt. Und weil es nicht reicht, wenn sich Erwachsene das Leben schwer machen, projiziert man all die Eitelkeiten, Sehnsüchte und Bosheiten in die lieben Kleinen und verwandelt deren Schule in ein grausames Spielfeld, das die Helikopter-Eltern so lange mit den Rotorblättern ihrer Überfürsorge zerpflügen, bis nichts mehr wächst. (Gesehen auf Sky.)

The I-Land

Vor dieser Serie wird gewarnt. Eine attraktive Idee (geheimnisvolle Insel, irgendwas zwischen Lost und Westworld) lockt den unbedarften Serienfan, der dann von Folge zu Folge fassungsloser den kompletten Schwachsinn erleidet, den Produzenten, Drehbuchautoren und Schauspieler in selten einiger Stümperhaftigkeit auf den Bildschirm bringen. Es ist so schlecht, jedes weitere Wort wäre Verschwendung. (Gesehen auf Netflix.)

Stephen King: The Stand

Nach 30 Jahren mal wieder gelesen: Stephen Kings episches Meisterwerk vom Weltuntergang dank militärisch gezüchteter Supergrippe. Wieder gilt: An Tod und Schrecken herrscht kein Mangel, aber der Horror ist nebensächlich. Was wirklich Spaß macht ist zu sehen, wie King seine Figuren entwickelt, miteinander in Beziehung bringt und auf die dunkle oder helle Seite der Macht wandern lässt. Ursprünglich „nur“ rund 1.000 Seiten stark, weil der Verlag den jungen und noch nicht unfassbar erfolgreichen Autor zwang, das Buch stark zu kürzen, liegt der Roman seit einigen Jahren in der ursprünglichen bzw. von King neu ergänzten 1.500-Seiten-Fassung vor. Genau das Richtige für lange Herbst- und Winterabende.

 

Bildnachweis: Ben Rothstein/Netflix

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