Genuss und Schnörkel in Wien

In Wien bin ich eher selten, aber letzte Woche hatte ich mal wieder das Vergnügen …

Die Zeit war knapp bemessen, wie das auf Dienstreisen so üblich ist (Zug – Hotel – Konferenz – Zug), aber immerhin einen halben Abend hatte ich Zeit, durch die Stadt zu spazieren. Es ist und bleibt eine Genuss-Stadt, was mir natürlich äußerst sympathisch ist. Caféhaus reiht sich an Caféhaus, Restaurant an Restaurant. Von außen sieht man durch die Scheiben ältere, vornehm gekleidete Damen bei einem Stück Torte sitzen und plaudern … Hier lebt das Klischee, und das ist auch gut so.

Mein Weg führte mich durch viele opulente Straßenzüge (die natürlich alle Gassen heißen) einmal mehr zum Café Heiner hinterm Dom, wo ich mir einmal mehr jenen Schokokuchen mit warmer Schokosauce und Sahne gönnte, der in Wien auch dann noch Mohr im Hemd heißen wird, wenn alle Mohrenapotheken in Deutschland längst geschlossen sind, weil man derartig diskriminierende Überbleibsel aus Kolonialzeiten bei uns nicht dulden will.

Die Opulenz der Stadt sowohl bei Nachspeisen als auch beispielsweise bei der Gestaltung von Hauseingängen (sehr angemessen für Häuser, die sich an solchen Gassen befinden) gefällt mir immer besser je älter ich werde. Es ist die Lust an Schönheit und Schnörkel, die mich einnimmt, und die sich doch sehr unterscheidet vom Charakter anderer Hauptstädte, etwa jener Rotzigkeit, mit der Berlin seinen Besuchern zu verstehen gibt, dass hier alles irgendwie nur halbfertig, halbschön und auch halbegal ist.

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Inhaltlich ging es in Wien dann übrigens um interne Kommunikation, insbesondere in der digitalen Spielart von Social Intranets. Hier plagen viele Unternehmen die gleichen Sorgen, nämlich vor allem: wie man im zunehmenden Durcheinander an täglich mehr werdenden Informationen ein klein wenig Orientierung schaffen kann. Die einen tun das, indem sie sage und schreibe 350 verschiedene Konzern-Intranets zu einem zusammenführen; die anderen indem sie versuchen, Struktur und Optik zu verbessern; wieder andere durch Kuratierung von Inhalten. Beruhigend jedenfalls zu wissen, dass sich die Probleme in Wien und Nürnberg (und wahrscheinlich überall sonst auch) nicht ganz unähnlich sind.

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Seit meinem Besuch in Japan vor gut einem Jahr bin ich fasziniert von diesem Land, das auf uns doch in vielen Facetten fremd und schwer verständlich wirkt. Einer der besten Japan-Kenner in meinem kleinen Netzwerk ist Björn Eichstädt. Mal erklärt er im Deutschlandfunk die Bedeutung eines neu erschienenen Mangas, mal erklärt er wie hier, warum sich Japan in Sachen Innovation von anderen Ländern unterscheidet: „Innovation funktioniert in Japan oft anders als in anderen Ländern, das ist zumindest mein Eindruck. Sie verläuft langfristiger, ganzheitlicher, allumfassender, kundenzentrierter, evolutiver.“ Das ist lesenswert, vorausgesetzt man interessiert sich für Japan …

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Manche Formulierungen ziehen mich magisch an. Ich kann nicht anders, ich muss klicken und lesen. Zum Beispiel diese hier: „Ringförmig eintrocknende Kaffeeflecken faszinieren Strömungsmechaniker und Laien“ … Ist das nicht wunderbar? Was die einen für ein Missgeschick halten und einfach wegwischen, ist für andere so faszinierend, dass sie buchstäblich eine Wissenschaft daraus machen und sie „Kaffeefleckenphysik“ nennen. Grandios. Wenn ihr nun ähnlich angefixt seid wie ich: Weiterlesen bei Spektrum der Wissenschaft.

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Sehenswert: Das schöne an Märchen ist, dass man sich um Logik nicht allzu viele Gedanken machen muss und etwas schräge Grundannahmen einfach akzeptiert. So auch beim Film Yesterday: Eines Tages fällt erstens auf der ganzen Welt für wenige Sekunden der Strom aus und wird zweitens die ganze Welt von einer partiellen Amnesie getroffen. Manches ist einfach aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwunden – unter anderem die Beatles mit all ihren Songs. Einer der wenigen, der sich noch an sie erinnern kann, ist Jack Malik, ein reichlich erfolgloser Singer-Songwriter. Und da er sich nicht nur an sie erinnern, sondern sie auch noch ziemlich toll performen kann, beginnt für ihn mit „seinem“ neuen Repertoire eine Wahnsinns-Karriere in einem Wahnsinns-Tempo, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Wie es sich für ein Märchen gehört, gibt es natürlich noch eine Liebesgeschichte, und unser Held muss sich irgendwann zwischen Karriere und Liebe entscheiden – man kennt das … Fluffig erzählt, mit einem schön selbstironischen Ed Sheeran in einer Nebenrolle und einem natürlich wunderbaren Soudtrack … Macht Spaß! (Gesehen auf Amazon.)

Ein Gedanke zu “Genuss und Schnörkel in Wien

  1. schöner Beitrag für jemanden der in Wien gelebt hat und zum Lernen immer mit Kollegen im Café saß.
    Der Ober wusste auch immer was wir bestellen werden :-)

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