Liebe Leser*innen, Leser_innen, LeserInnen, Leserinnen und Leser (m/w/d)!

Letzte Woche war ich in Augsburg auf einer Konferenz zum Thema „Corporate Language“, was insofern schon etwas lustig ist, weil man das Ganze auch einfach Unternehmenssprache nennen könnte, aber sei‘s drum …

Neben zahlreichen Facetten ging es auch um das Reizthema Nummer 1: „gendern“, also um einen geschlechterbewussten Sprachgebrauch. Darüber wurde schon so viel geschrieben und erst recht gestritten, dass ich hier auch einfach 1.000 Links auf Debattenbeiträge posten könnte. Statt dessen möchte ich kurz zusammenfassen, was der Referent zum Thema zu sagen hatte, nämlich Prof. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, bekannt unter anderem durch sein Blog und seine Tätigkeit als Jury-Vorsitzender bei der jährlichen Wahl zum Anglizismus des Jahres.

Von Männern reden und Frauen meinen

Sein Beitrag war wohltuend unaufgeregt und sachlich, wenngleich man ihn schwerlich als komplett neutral bezeichnen könnte – Stefanowitsch hat erkennbar eine Sympathie dafür, der geschlechterbewussten Sprache mehr Bedeutung zukommen zu lassen als in den letzten drölfhundert Jahren.

Die These, auf der seine Argumentation basiert: Es ist eine Fiktion der deutschen Sprache, dass auch Frauen gemeint sein könnten, wenn man über Männer redet. Der Linguist spricht hierbei vom „generischen Maskulin“ und ihr alle kennt das: „Die Zuhörer applaudierten“ meint im Deutschen nicht zwingend ein rein männlich besetztes Publikum. Es können auch Frauen dabei sein. Es können sogar überwiegend Frauen dabei sein. Es können sogar ausschließlich Frauen dabei sein bis auf einen Mann – selbst dann hätte man im Deutschen bislang beherzt von „Zuhörern“ geredet. Dass auch diverse Menschen (divers im Sinne von: weder Mann noch Frau) im Publikum sein können, macht die Sache nicht unbedingt leichter.

Alte Sprache, alte Bedeutung in den Köpfen

Zurück zu Stefanowitsch: Er bezeichnet das generische Maskulin als Fiktion, weil man bei der üblichen Verwendung der männlichen Form eben nicht gleichberechtigt alle denkbaren Geschlechter mitdenke. Das sei auch durch Studien belegt. Meine persönliche Intuition sagt etwas anderes, aber das hat natürlich nichts mit Evidenz zu tun. (Wenn ich zum Beispiel zu meiner Ärztin gehe, sage ich: „Ich gehe zum Arzt“ und denke dabei dennoch nicht an einen Mann im weißen Kittel.)

Die Wurzeln des generischen Maskulin liegen aber nun mal in einer jahrhundertelang männlich dominierten Gesellschaft, in der mit „Arzt“ ein männlicher Arzt gemeint war, weil man nur über Männer geredet hat und Frauen außerhalb von Heim und Herd keine Rolle spielten. Dass sich das seit vergleichsweise kurzer Zeit geändert habe, bedeute noch lange nicht, dass dieses gesellschaftliche Update ein sprachliches Update verzichtbar mache. Alte Sprache, alte Bedeutung in den Köpfen, so das Argument.

Können wir nicht nicht gendern?

These Nummer 2: Wir können nicht nicht gendern. Falls wir glauben, nicht zu gendern, entscheiden wir uns laut Stefanowitsch eben für einen traditionellen Sprachgebrauch, der auf das Mitdenken und -meinen von anderen Geschlechtern als dem männlichen bewusst verzichtet. Auch diese These ist angreifbar, denn viele verwenden Sprache nun mal nicht als gesellschaftspolitisches Konzept, sondern weil sie sie als Kind so gelernt haben. Eine pauschale Unterstellung, was wer mit welchem Sprachgebrauch intendiert, geht mir zu weit, zumal sich auch viele Frauen vom traditionellen Sprachgebrauch ganz und gar nicht ausgegrenzt fühlen, und These 2 würde sie in diesem Kontext mehr oder weniger zu Opfern machen, denen man aus ihrer traurigen Sprachexistenz (bzw. -nichtexistenz) heraushelfen muss.

Basierend auf diesen Thesen stellte er in einem guten Überblick mögliche Lösungen vor: von traditionellen Formen ergänzt um Fußnoten („verwendete männliche Formen schließen alle Geschlechter ein“) oder Kürzel („m/w/d“) über geschlechtsneutrale Formulierungen („Zuhörende“ statt „Zuhörer“) und Umschreibungen („Wer zuhörte, erfuhr Neues“ statt „Die Zuhörer erfuhren Neues“) bis hin zu kreativen Formen: Binnen-I („ZuhörerInnen“), Gender-Gap („Zuhörer_innen“) oder Gender-Sternchen („Zuhörer*innen“).

Es gibt keine Sprach-Wahrheit

Kurzfassung seiner Bewertung dieser Lösungen: Alle haben Vor- und Nachteile. Und das ist schon mal eine wichtige Erkenntnis aus seinem Vortrag: Wie so oft im Leben gibt es kein Schwarz oder Weiß. Die meist verbittert und ideologisch geführte Debatte zwischen Sprach-Traditionalisten und -Progressiven legt nahe, dass es nur Gut und Böse gibt, das man jeweils unterschiedlich verortet. In Wahrheit gibt es keine Sprach-Wahrheit.

Zumal sich Sprache schon immer verändert hat und das auch weiter tut. Stefanowitschs Prognose in Sachen Veränderung ist beispielsweise, dass sich der Siegeszug des Gender-Sternchens nicht mehr aufhalten lässt und es in spätestens zwei Jahren mindestens von der offiziellen Rechtschreibung geduldet werden wird.

Gendern und Corporate Language

Die zweite wichtige Erkenntnis für mich betrifft die Frage, wie ein Unternehmen sprachlich mit all dem umgeht. Eine finale Lösung gibt es nicht, eben weil sich Sprache verändert. Bis dahin muss man einen tragfähigen Kompromiss jenseits von ideologischen Maximalpositionen finden, denn – und das ist jetzt meine These: Unternehmen haben in der Regel kein Interesse daran, sprachlich als besonders traditionell oder progressiv aufzufallen. Unternehmen wollen mit Sprache immer noch Kommunikation ermöglichen und letztlich Ziele erreichen, idealerweise indem ihre Sprache klar und verständlich ist, und nicht indem sie von Normen abweicht und dadurch sozusagen Störgeräusche erzeugt.

Deshalb entscheiden sich viele Unternehmen heute für eine gemäßigt genderbewusste Sprache (indem sie etwa die „Zuhörerinnen und Zuhörer“ anspricht, was einerseits Frauen explizit berücksichtigt und andererseits im Sprachgebrauch schon recht normal ist). So wie sich die Sprache aber ändert, so werden sich auch Unternehmen anpassen. Sollte sich das Gender-Sternchen, wie von Stefanowitsch vorhergesagt, tatsächlich durchsetzen, wird es auch in der Unternehmenssprache bald zum Alltag gehören. Wenn nicht, dann nicht. So einfach ist das manchmal.

3 Gedanken zu “Liebe Leser*innen, Leser_innen, LeserInnen, Leserinnen und Leser (m/w/d)!

  1. Hallo Christian,
    das Thema scheint derzeit im Mainstream angekommen zu sein. Immer mehr Zeitungen und Magazine stellen schon auf sichtbar gegenderte Sprache um. Ich selbst versuche wo möglich zumindest genderneutrale Begriffe zu verwenden, finde allerdings einen konsequenten Gebrauch von Gendersternchen oder Gendergap noch ziemlich anstrengend beim Lesen. Wobei ich mir vom Mindset her dabei in keinster Weise etwas vorwerfen lassen müsste.
    Schon im April 2018 hatte ich das Thema aufgrund der Thematik Stellenanzeigen rund um das 3. Geschlecht in einem Blogbeitrag aufbereitet. Denn dort geht es aufgrund der rechtlichen Vorgaben des AGG ganz besonders um diskriminierungsfreie Sprache.
    Vielleicht ist das ja eine passende Leseergänzung?
    https://persoblogger.de/2018/04/10/stellenanzeigen-diskriminierungsfrei-und-das-dritte-geschlecht-maennlich-weiblich-inter-bzw-divers/
    Einen guten Start in die Woche wünscht
    Stefan

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe neulich die deutsche Übersetzung des Buches „Moonfire“ von Norman Mailer gelesen (die große Bildbandausgabe), die anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Mondlandung neu beworben (aber scheinbar nicht neu lektoriert) wurde. Das Buch besticht neben amüsanten und informativen Texten durch wahnsinnig tolle und detaillierte Bilder, in denen man sich verlieren kann und die man bisweilen sehr lange betrachtet – wenn einen das Thema interessiert. Beim Lesen einer Bildbeschriftung zu einem nachfolgenden doppelseitigen Bild bin ich aber dann fast vom Stuhl gefallen. Dort steht: „Hier installieren Arbeiter in der Fertigungshalle von Downey, Kalifornien, Kabelstränge, mit denen die gesamte Kommandokapsel mit Strom versorgt wird.“ Und dann blätterte ich um. Auf der Doppelseite sieht man genau sieben Frauen beim Verlegen der Kabelstränge. Meine Überraschung kam daher, dass ich tatsächlich Männer erwartet hatte. Daran erkennt man wohl, wie das mit der Sprache funktioniert. ;-)

    Gefällt 1 Person

  3. Einfach gendern funktioniert mit dem ‚gegenderten Maskulinum‘:
    Der Gender-Stern steht für alle Geschlechter (m,f,d) und alle Geschlechtsidentitäten (bisexuell, queer, genderfluid, …) und wird an die maskuline Personenbezeichnung angefügt.
    Beispiele: der Mieter*, die Mieter*, der Koch*, die Köche*
    Vorteile: Einfache Sprache, alle Geschlechter sind gleichermaßen gemeint, die Personenbezeichnung hat ein eindeutiges grammatisches Geschlecht (kein ‚der/die Mieter/in‘), leicht in andere Sprachen zu übersetzen

    Liken

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.