Zwischen Hamsterkäufen und Homestorys

Während da draußen die Leute durchdrehen und Nudeln und Dosensuppen hamsterkaufen, als würde der nächste Dreißigjährige Krieg anbrechen, passieren die entscheidenden Dinge doch wieder zu Hause …

Denn: Kind Nummer 1 hat uns verlassen. Nach 20 Jahren müssen wir uns langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass die Familie nicht mehr wächst, sondern wieder schrumpft, zumindest was die Präsenz zu Hause angeht. Immerhin, es ist eine sukzessive Entwöhnung, denn Kind Nummer 1 hat seine Ausbildung bei der Bayerischen Polizei begonnen, das bedeutet: Abwesenheit von Sonntag Abend bis Freitag Nachmittag. Am Wochenende wohnt er noch bei uns. Die Gefühle dabei sind gemischt: einerseits Freude, dass der nicht immer schnurgerade verlaufene Lebensweg dorthin geführt hat, dass nun ein neues spannendes Kapitel aufgeschlagen wird; andererseits irgendetwas zwischen seufzender Resignation und Panik, wie UNFASSBAR schnell die Zeit vergeht, war er doch gerade noch ein Baby in unseren Armen, ein Knirps mit Schultüte in der Hand, ein Teenager …

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Dass ich nochmal Wahlwerbung für die SPD mache, hättet ihr sicher auch nicht gedacht, mache ich doch sonst kein Geheimnis darum, FDP-Wähler zu sein. Ja, das sind diese neoliberalen Schweine, die den Armen das bisschen wegnehmen wollen, das sie noch haben, um es den Reichen zu geben … Die immer nur Steuern senken wollen und Lobbyarbeit für Apotheker machen … Egal. Hier geht es aber um was anderes, nämlich die Kommunalwahl in meiner Heimatstadt Erlangen, die seit sechs Jahren von Florian Janik als Oberbürgermeister (nebenbei erwähnt: mit einer Koalition aus SPD, FDP und Grünen) regiert wird, nachdem er sehr jung sehr überraschend den etablierten CSU-OB abgelöst hatte. Seitdem hat er erstens vieles richtig gemacht: zum Beispiel eine Stadt-Umland-Bahn erfolgreich initiiert, den sozialen Wohnungsbau gegen viel Widerstand gefördert, klare Kante gegen rechts gezeigt, eine Bürgernähe und Dialogbereitschaft an den Tag gelegt, deren Sinn die CSU bis heute nicht so ganz verstanden hat … Und zweitens sollte er Gelegenheit bekommen, noch mehr richtig zu machen. Was sind schon sechs Jahre, wo doch die Zeit so unfassbar schnell vergeht …? Na, dafür können wir ja jetzt in der Stichwahl in zwei Wochen sorgen.

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Der Kiezneurotiker nennt sich inzwischen Pestarzt, was aber ein bisschen egal ist. Wichtig ist nur, dass er seine schrecklich lange Blog-Pause seit einer Weile beendet hat und uns die Welt wieder zurecht sortiert, indem er den täglichen Wahnsinn beim Namen nennt – wie jüngst die Corona-Panik unserer allerliebsten Mitbürgern:

Verrückte Zeit. Diese ständig überdrehten Leute immer. Angst. Seele. Essen. Auf. Ehrlich, es geht mich ja nix an, aber ich weiß nicht wie die Deutschen mit der Mentalität zwei Weltkriege vom Zaun brechen, Steckrübenwinter, Mauer, schießende Grenzer, gefechtsbereite Russen hinter Helmstedt und NATO-Doppelbeschlüsse überleben konnten ohne sich dabei ständig einzunässen und ununterbrochen in der Gegend herumzuplärren. Wahrscheinlich ging das nur deshalb, weil es damals kein Internet mit sich selbst verstärkenden Echokammern und 25.000 Minuten Aufmerksamkeit pro Stunde für jeden dahergelaufenen Twitterhonki gab, der im Wohnzimmer vor dem Monitor zwischen Netflix, Call of Duty und Pizzabestellen seine unmaßgebliche Sicht zur Weltlage zum Besten gibt, was er früher auf dem Klo maximal sich selber erzählt hätte oder seiner zu ihrem Glück dementen Oma am Krankenhausbett.

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Das verordnete und zweifellos auch wirksame und daher nicht in Frage zu stellende Social Distancing führt zu mehr Zeit zu Hause. Da sind kreative Lösungen gefragt, und ich finde es ganz wunderbar, wenn zum Beispiel die Wiener Staatsoper auf die Idee kommt, während sie zwangsweise geschlossen hat jeden Abend eine Inszenierung via Stream kostenlos (!) in die Wohnzimmer zu liefern. Infos zur Aktion und zum grandiosen Opernprogramm frei Haus findet ihr auf der Website der Wiener Staatsoper.

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Und nach der Oper noch ein bisschen Serie. Sehenswert in Zeiten virenbedingter sozialer Isolation: Unbelievable. Netflix haut für meinen Geschmack viel zu viel zielgruppen-quoten-algorithmus-optimierten Serien-Müll raus. Aber es gibt Ausnahmen, und Unbelievable ist definitiv eine. Basierend auf einer leider wahren Geschichte geht es um einen Serien-Vergewaltiger … Bzw. nein, es geht eben nicht um ihn, es geht um seine Opfer, vor allem um eines: Marie Adler. Die junge Frau wird nicht nur vergewaltigt, in der Folge glaubt man ihr das nicht, sie wird von Polizei und Justiz unter Druck gesetzt und von diesem männlich dominierten System fast in den Tod getrieben. Dass man das überhaupt anschauen kann, ohne komplett irre zu werden, liegt an zwei Ermittlerinnen, die anderswo im Land mehrere Vergewaltigungen untersuchen und acht Folgen lang mitfühlend, geduldig und akribisch Puzzleteile zusammensetzen, bis … Na ja, kein Spolier. Schaut euch das an. Sensationelle Schauspielerinnen, ein phantastisches Drehbuch, perfektes Tempo und Timing. Zu sehen bei Netflix.

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Aber bitte nicht von früh bis spät vor dem Bildschirm sitzen. Führende Virologen wie Christian Drosten von der Charité empfehlen: frische Luft. Wir haben das Wochenende für gleich zwei Wanderungen (einmal in der Nähe von Bamberg, einmal im Altmühltal) genutzt. Sehr wenige Menschen, sehr viel frische Luft – und erste wirklich frühlingshafte Sonnenstrahlen …

Bildnachweis: Beth Dubber/Netflix

4 Gedanken zu “Zwischen Hamsterkäufen und Homestorys

  1. Ein kleiner Kritikpunkt: Fotos von leeren Regalen zu veröffentlichen, erzeugt vermutlich genau die Panik, die eigentlich vermieden werden sollte. Und zwar bei den Leuten, die bisher davon ausgehen, es gäbe keine Hamsterkäufe. Auch am Samstag in der heute-Sendung ein riesen Aufmacher von leeren Regalen, nur um dann im eigentlichen Beitrag zu erläutern, dass es keinen Versorgungsengpass gäbe. Das halte ich wirklich für kontraproduktiv. Unsere Erkenntnis vom Wochenende: die Regale waren nicht leergekauft. Es gab ausreichend Klopapier und Spaghetti zu kaufen ;-)

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    • Na ja. Das ist beim Rewe hier umme Ecke. Nicht gestellt, keine besondere Perspektive, kein Photoshop. Es ist, wie es ist. Und ich glaube nicht, dass mein kleiner Wohnzimmerblog in der Lage ist, die Hysterie in der Bevölkerung zu vergrößern. PS: Mit dem wahren Run auf die Supermärkte rechne ich heute, nachdem in Bayern der KATASTROPHENfall ausgerufen werden soll, OMG!!!

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  2. Aus einer temporarären Langeweile-Notlage heraus habe ich mir „Unbelievable“ vor diversen Wochen auch angesehen. Und kann es absolut empfehlen. Zwar nervt es mich, dass die Serie ab der Hälfte wieder diesen neofeministisch-einseitigen Touch kriegt (zwei weibliche Ermittlerinnen erleiden selbst Sexismus und männliche Arroganz am Arbeitsplatz und bügeln – Dank Herz am rechten Fleck – all die Fehler und Patriarchismen aus, die männliche Ermittler zuvor gemacht haben), aber sei es drum. Sind ja in Nebenrollen auch ein paar Frauen drumherum, die allerhand verbocken, zuvorderst die großartige Elizabeth Marvel (die viele auch als Karriere-Politikerin Heather Dunbar aus „House of Cards“ kennen), dadurch ist diese dramturgische Schieflage halbwegs erträglich. Und dadurch, dass die beiden Ermittlerinnen einfach saugut spielen, die junge Protagonistin sowieso. Also, ja: schauen!

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