Alles auf Abstand

Na gut, die erste Woche Ausgangsbeschränkung (Bayern) bzw. Kontaktverbot (Rest der Republik) ist rum. Ein Zustand, an den wir uns gewöhnen müssen …

Denn bis nach Ostern soll es so weitergehen. Danach sukzessive Lockerung, sofern nicht vorher die Welt untergeht. Man muss wohl kein Prophet sein, um zu ahnen, dass zunächst der normale Handel (und hoffentlich die normale Gastronomie) ihren Betrieb wieder aufnehmen werden, dass es aber noch eine ganze Weile dauern wird, bis wir wieder volle Opern und Fußballstadien sehen werden.

Und es spricht ja auch nicht allzu viel dagegen, mit Abstand zueinander Bücher, Blumen und Schuhe einzukaufen ebenso wie wir Tomaten, Käse und Kaffee einkaufen. Im Supermarkt üben wir zurzeit Einkaufen auf Distanz, und meine These ist, dass uns dieses Verhalten schnell in Fleisch und Blut übergeht. Ich würde gerne schreiben: aus Gründen der Vernunft, in Wahrheit aber wohl eher, weil dieser Abstand ganz gut zu einer Eigenschaft passt, die nicht wenige Deutsche tief in ihrer DNA verankert haben: Misstrauen. Wir sind nun mal keine Nation von Menschen, die sich gerne um den Hals fallen. Deutsche Herzlichkeit, das war ein trockener Händedruck, und dass der jetzt auch noch wegfällt, ist vielen vermutlich ganz recht. War doch ein bisschen zu intim, alles in allem, diese ständige Berührung.

Das rätselhafte Horten von Nudeln, Mehl, Hefe, Desinfektionsmittel und Klopapier war bereits eine Facette davon: Misstrauen, dass die Versorgung in diesem ultrahochentwickelten Land sicher ist und dass man in einer zivilisierten Gesellschaft schon irgendwie miteinander klarkommen wird; dann doch lieber sich gegeneinander positionieren, den eigenen Vorratskeller füllen, sollen die anderen doch schauen, wo sie bleiben … Und wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, aber die bösen Blicke, die man in Supermärkten von Kunden zugeworfen bekommt, weil man es wagt, gleichzeitig mit ihnen den Laden zu betreten, haben zugenommen.

Meine These also: Nach Ostern (und vielleicht bis ans Ende aller Tage) werden wir sozial distanzierter einkaufen als bisher, immer schön auf Abstand, sicher vor Viren und unliebsamen Kontakten. Ach ja, und natürlich werden auch diese monströsen Plexiglasscheiben an der Kasse bleiben, die teils aussehen, als hätte Hausmeister Huber sie auf die Schnelle selbst gebastelt, teils aber auch, als hätte eine hochprofessionelle Plexiglasscheiben-Kassen-Industrie nur auf diesen Tag gewartet, um endlich diesen lange unterschätzten Artikel aus ihren Lagern an den Mann bzw. die Frau bzw. die Kasse zu bringen. Schwer vorstellbar, dass diese durchsichtigen Kassen-Käfige wieder verschwinden, wo sie die Kassierer(innen) doch vor Viren, Mundgeruch und Griesgrämigkeit ihrer Kunden schützen. (Vorher verschwinden noch die Kassierer(innen) und werden ersetzt durch vollautomatische Kassensysteme, denen Viren, Mundgeruch und Griesgrämigkeit egal sind; das ist aber ein anderes Thema.)

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Und sonst so? Homeoffice, Sport, Kochen, Streaming, Lesen, Schlafen. Play it again, Sam. Tag für Tag. Ergänzend zum Kochen gab es Versuche, die sympathische lokale Gastronomie in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu stützen, und die gestalteten sich unterschiedlich erfolgreich. Die Wahl fällt in diesen Zeiten natürlich nicht auf den Standard-Pizza-Lieferservice (auf den die Wahl bei uns sowieso nie fällt), der sich vor Aufträgen vermutlich kaum retten kann, weil der Durchschnittsdeutsche nicht genau weiß, was er mit der gehamsterten Dosensuppe jetzt eigentlich anfangen soll. Die Wahl fällt auf kleine, gute, nachhaltige, slowfoodige Restaurants, die sich mit einem völlig neuen „To go“-Angebot über Wasser zu halten versuchen und die leider mit dem Versuch, das Essen nicht nur an den Tisch zu tragen, sondern per Auto zum Gast zu liefern, heillos überfordert sind.

Wir warteten auf das versprochene Essen gute zwei Stunden lang, wurden immer hungriger, verkürzten uns die Wartezeit mit dem einen oder anderen Gin Tonic und verschlangen dann das sehr spät und nur noch sehr lauwarm gelieferte Essen mit einem Heißhunger, als wäre die Lieferung der Endpunkt einer 7-tägigen Fastenkur mit Meditation und Kräutertee gewesen. Aber: Andere Zeiten, andere Umstände, eine neue Gelassenheit. Alle hatten Hunger und gute Laune, alle waren der Meinung, dass die Gastronomen es echt schwer genug haben, dass es ohnehin größere Probleme gibt als spät geliefertes Essen, und die sichtlich zerknirschte Lieferservice-Novizin bekam trotz Rekord-Verspätung tröstende Worte („alles gut, halb so wild“). Merker für die kommende(n) ausgangsbeschränkte(n) Woche(n): die gastronomische Kernkompetenz in Anspruch nehmen (toll kochen) und Essen lieber selbst abholen.

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Ein Wort noch zum Thema Streaming: Wem nutzt die Krise? Tendenziell natürlich allen volldigitalisierten Unternehmen, die unter Ausgangsbeschränkungen nicht leiden, sondern von ihnen profitieren. Wie eben die Streaming-Anbieter. In den weltweiten Wohn-, Kinder- und Teenagerzimmern glühen die Leitungen, und Netflix, Amazon und YouTube senden, was das Zeug hält. Allein, es zeigt sich: Wer vor der Krise sein Unternehmen nicht im Griff hatte, hat sein Unternehmen auch in der Krise nicht im Griff.

Die Rede ist natürlich von Sky. Dort hätte man allen Grund, Gas zu geben – die Fußball-Exklusivrechte, die diesen Streaming-Patienten bislang am Leben gehalten haben, sind nun nicht erst nächstes Jahr weggebrochen (mit neuen Konkurrenten, die noch höher pokern können), sondern jetzt schon. Man müsste also mit aller Kraft versuchen, neue Interessenten auf das Serien- und Filmprogramm aufmerksam zu machen und als Kunden zu gewinnen. Doch es bleibt beim Versuch. Werbemails gibt es reichlich, das funktionierte bei Sky schon immer gut. Wenn man die Werbeangebote mit vergünstigten Streaming-Monaten aber nutzen will, landet man im üblichen Sky-Nirwana zwischen funktionalem Debakel, Ahnungslosigkeit und Desinteresse. Die in der Werbung versprochenen Tarife wollen sich, angemeldet auf der Plattform, einfach nicht buchen lassen. Und der Support schweigt. Adios, Sky, deinen Untergang wird niemand bedauern, denn er ist nicht äußeren Umständen, sondern schlicht deinem kompletten Versagen geschuldet.

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Letztes Thema für heute: Sport. Dazu zählt bei mir alles, was irgendwie mit Bewegung zu tun hat und länger als 30 Minuten dauert. Irgendwo gelesen: „Ein trainierter 60-Jähriger wird besser mit der Krankheit fertig als ein schlapper 40-Jähriger“, so ein Sportmediziner. Also trainieren wir schön weiter. Einfach ein bisschen zu Fuß gehen ist ja auch schon was, und so haben wir uns angewöhnt, (neben TRX, Rennradfahren und Joggen) täglich eine Stunde durch die Gegend zu spazieren. Natürlich in mindestens 1,5 Metern Abstand zu anderen, um nicht noch mehr misstrauische Blicke zu ernten.

Ebenfalls irgendwo gelesen: „Der Mensch heute ist ziemlich fußlahm. Informatiker der Universität Stanford haben die Schrittzahlen von fast 700 000 Personen in 46 Ländern anhand ihrer Smartphones ausgewertet, Handys haben ja inzwischen Schrittzähler. Die Welt lief im Durchschnitt 5000 Schritte am Tag, etwa drei Kilometer. Klingt gar nicht so übel, wenn man die Zahl aber in Beziehung setzt zur Schrittzahl von Kleinkindern, sieht man, wie verhalten die Gehfreude bei Erwachsenen ist: Der Nachwuchs kommt auf fast 2500 Schritte – pro Stunde. Weltweit am meisten laufen die Menschen in Japan (6000), am wenigsten in Saudi-Arabien (3000). Männer laufen 1000 Schritte mehr als Frauen. Manche Mediziner raten, mindestens 10 000 Schritte am Tag zu laufen.“

Ach ja, eine Branche haben wir noch vergessen, die natürlich erheblich von der Krise profitiert: Die Hersteller von Sportgeräten und Heimtrainern. Die Umsätze explodieren, dabei gibt es diese Geräte schon sehr lange und sie hatten schon immer dasselbe Schicksal. Wiederum irgendwo gelesen: „Viel geschwitzt wurde an diesen Maschinen mutmaßlich eher nicht. Und auch hundert Jahre danach lautet eine ungeschriebene Regel des Hometrainers: Die Motivation, ein solches Gerät zu benutzen, sinkt ab dem Moment des Auspackens mit jedem Tag exponentiell. Das alte Kettler-Trainingsrad, das in Millionen deutschen Bügelzimmern ein Dasein als Möbelstück fristet, kann das bezeugen.“

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Hey, Christian, wo bleiben die Links auf lesenswerte Beiträge? Also gut, wenigstens zwei:

Eine spannende Frage ist, ob das eigentlich alles rechtens ist, was gerade passiert. Das Verfassungsblog hat sich damit beschäftigt:

Die Corona-Quarantäne trifft die gesamte Bevölkerung in atemberaubenden Tempo, fast von einem Tag auf den anderen. Das sind, jedenfalls in der Summe, wohl unbestritten und mit großem Abstand die weitreichendsten Grundrechtseinschränkungen, die seit Bestehen des Grundgesetzes zu verzeichnen sind – auch, wenn sie nur temporär gelten sollen. Wie wird das Bundesverfassungsgericht diese mehr als außergewöhnlichen Maßnahmen einschätzen? Wagen wir eine Prognose.

Und wenn ihr meint, dass euch langsam das Dach auf den Kopf fällt und die Situation hier unerträglich wird: Es. Geht. Uns. Gut. In der Süddeutschen Zeitung berichtet eine deutsche Ärztin über die zweimonatige Zwangsisolation in Wuhan:

Es ist ein Privileg, in einem reichen, sicheren Land wie Deutschland aufzuwachsen und dort leben zu können. Aber auch das realisiert man erst, wenn man in die Welt zieht und andere Lebensumstände sieht.

 

6 Gedanken zu “Alles auf Abstand

  1. Als Sky noch Premiere hieß und Premiere noch DF1 – seitdem kannte ich den Laden. Ich habe mich schon vor vielen vielen Jahren von diesem Unternehmen verabschiedet. Erschreckend ist allenfalls zu hören, dass sie heute wie damals immer noch die selben Fehler machen. Ich wollte tatsächlich mal einen Boxkampf zum Schauen buchen. Ich bin kläglich gescheitert. Wie sich diese Dilettanten immer noch halten konnten, ist mir ein Rätsel. Ich stimme Dir zu, dass die Uhr für sie wohl abläuft. Ich werde sie auch nicht vermissen. :-)

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  2. Ein wundervoller Blogbeitrag. Ich habe mehrfach herzhaft gelacht. Nicht weil die Geschichte an sich so witzig, sondern weil es so wahr ist. Überaus pointiert formuliert.

    Ein Kleinstwiderspruch: Die Sky-Dämmerung würde ich tatsächlich bedauern. Jahrelang vom Bannstrahl meiner Ignoranz und Arroganz getroffen, weil scheiß-Bundesliga-Kommerz und echt kein Bock mehr drauf, aber ein schmuckes Schatzkästlein an hochwertigem Serien-Content, der Netflix die Rücklichter zeigt, was Originalität anbelangt. Leider erst vor zwei Monaten entdeckt. Schade wärs also schon.

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  3. Hallo Christian,
    danke für Dein Update zum Abstand.
    In meiner Heimarbeits-Umgebung gibt es Nachfragen zu Video-Schaltungen.
    Welche Anwendungen sind aus Deiner Sicht empfehlenswert und sicher?
    Meine Liebligskneipe liefert kein Essen. Ich hab‘ Gutscheine bestellt für später.
    Viele Grüße
    Bernd

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