Dann rufen sie die Polizei!

Jetzt, wo die Krise langsam Normalität ist und der Ausnahmezustand nur noch ein Zustand, kehrt der Mensch wieder zu den gewohnten Verhaltensmustern zurück. Zum Beispiel: anderen erklären, was richtig und falsch ist …

Kennt man ja vom Autofahren. Das war das, liebe Kinder, was man jeden Tag gemacht hat, bevor Homeoffice zum neuen Standard wurde. Damals jedenfalls haben Autofahrern anderen Autofahrern (oder noch lieber: Radfahrern) gerne durch die geschlossene Scheibe und mit drohender Faust erklärt, warum sie im Recht sind und die anderen nicht. Heute erklären sie anderen, warum sie verantwortungslose Pandemie-Schweine sind, die mit ihrer Verhaltensweise Tod und Verderben über die Menschheit bringen (während sie selbst sich natürlich tadellos verhalten). Und wenn das nichts bringt, DANN RUFEN SIE DIE POLIZEI!!!

Mein Lieblingsbeispiel diese Woche: Anwohner in der Fränkischen Schweiz, die die Polizei gerufen haben, weil einige Mitbürger mit Nürnberger Kennzeichen auf ihren Wanderparkplätzen parkten und ihre Wanderwege nutzten. Dazu muss man wissen – kleine Nachhilfe für alle Nicht-Franken -, dass die Fränkische Schweiz so viel mit der Schweiz zu tun hat wie E-Bike-Fahren mit Sport. Die „Berge“ in der „Fränkischen“, wie die Franken liebevoll sagen, sind so um die 500 Meter hoch und also keine Berge, sondern Hügel. Und die Anziehungskraft dieser Region für Wanderer ist durchaus vorhanden, aber dass es hier wirklich mal voll wird, ist genau einmal im Jahr der Fall: Wenn Kirchweih auf dem Walberla gefeiert wird (so heißt der bekannteste dieser Hügel).

Das bring uns zu einem weiteren limitierenden Faktor, was das Pandemie-Risiko von Wanderungen in der Fränkischen Schweiz angeht: Der Franke, der hier gerne wandert, tut das aus zwei Gründen: erstens um zu wandern und zweitens um anschließend einzukehren und ein schönes Schäuferla zu essen und die eine oder andere Halbe aus der örtlichen Brauerei zu trinken. Letzteres (Schäuferla und Bier) fällt derzeit bekanntermaßen aus, weshalb mutmaßlich zwei Drittel aller potenziellen Wanderer auf ihre Wanderung verzichten, weil das eine ohne das andere für sie nun mal nicht in Frage kommt.

Wie kam ich darauf? Ach ja, die Anwohner. Die fanden trotzdem, dass das unmöglich ist, ein gefährliches Spiel mit dem Virus, das die Großstädter da trieben. Also durchquerten sie mit wachsendem Zorn ihre 5.000-Quadratmeter-Gärten und riefen die Polizei, damit sie dem gefährlichen Treiben Einhalt gebiete. Die eilte herbei. Die einzigen Ansammlungen, die sie jedoch antraf, waren einsam-vereinzelte Wander-Pärchen. Wie in der Zeitung zu lesen war, hatte sie dann ihre liebe Not, den Anwohnern zu erklären, dass das schon in Ordnung sei und dass man doch vielleicht ein bisschen Verständnis haben müsse für Menschen, die ihre enge Mietwohnung mal verlassen wollen, um frische Luft zu schnappen, und dass es sogar eine ganz gute Idee sei, das nicht am Nürnberg Duzendteich zu machen, wo es deutlich enger und voller werden kann als draußen auf dem Land.

Wie dem auch sei. Eigentlich ist die Sache doch ganz einfach: Vermeidet Menschenansammlungen! Ob sie vor eurer Haustür oder an eurem Ausflugsziel In 20 Kilometern Entfernung anzutreffen sind, macht dabei keinen Unterschied.

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Noch Lust auf ein bisschen Kaffeesatzleserei? Wie könnte es weiter gehen mit den Ausgangsbeschränkungen? Hier meine These und Prognose, die wir in Kürze gemeinsam überprüfen können: Die zu Recht verordnete Zwangsvereinzelung zeigt Wirkung, die Kurve flacht ab, die Verdoppelung der Infektion verlangsamt sich, die Basisreproduktionszahl R0 sinkt. Daher werden wir nach Ostern die ersten Lockerungen erleben und das Leben wird sich ein klein wenig normalisieren. Die Schulen werden wieder öffnen, allerdings nur für einige oder die Hälfte der Klassen. Vor allem natürlich die Abschlussjahrgänge, die Prüfungen vor sich haben. Andere Klassen vielleicht tage- oder wochenweise im Wechsel. Auf jeden Fall so, dass die Schüler Abstand halten können.

Auch der Einzelhandel und die Gastronomie wird wieder „hochfahren“, es ist ja auch kaum einzusehen, warum es gefährlicher sein soll, Kleider oder Bücher zu kaufen als Lebensmittel. Auch hier wird „Abstand halten“ die Regel Nummer 1 sein. Und ich glaube, das wird sehr gut funktionieren. In den vier Wochen Beschränkung haben wir ziemlich gut gelernt und geübt, auf Abstand zu bleiben. Das wird uns noch lange begleiten. Was wir nicht so schnell erleben werden – und ehrlich gesagt glaube ich: dieses Jahr überhaupt nicht mehr -, sind große Veranstaltungen mit vielen Menschen. Oktoberfest, Fußballstadien, Opernball, Silvesterparty … Vergesst es. Nächstes Jahr wieder, nachdem ein Impfstoff gefunden wurde.

Und kaum habe ich das geschrieben, kommen Experten schon auf ähnliche Ideen.

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Und bevor jetzt irgendwer auf die Idee kommen könnte, ich wollte die Krise verharmlosen oder fände die aktuellen Maßnahmen überzogen … noch was zum Lesen, mit dem sich keiner von uns jemals beschäftigen wollte: Was ist eigentlich dieses Triage-System, von dem zuletzt die Rede war? Und kann es wirklich sein, dass Ärzte entscheiden, einen 80-Jährigen nicht mehr zu beatmen und statt dessen einem 70-Jährigen den Vorzug zu geben, weil der bessere Überlebenschancen hat oder – ein noch gruseligerer Gedanke – mehr Lebenszeit, die man ihm nicht nehmen will? In Deutschland ist das nicht denkbar, wie hier ein Notfall- und Intensivmediziner erklärt:

Nehmen wir ein Fallbeispiel: Ein Arzt hat ein Beatmungsgerät und fünf Patienten. In dieser Situation gilt in der Triage immer der Satz: Egal, wie groß das Schadensereignis ist, es wird zuerst der behandelt, der es am meisten braucht, und zwar unabhängig von Alter, Herkunft, Vorerkrankungen oder sonst etwas. Selbst die Überlebenschancen spielen in diesem ersten Moment keine Rolle. Die Entscheidung hängt allein am medizinischen Zustand, also dem Erscheinungsbild, sowie an Vital- und Labordaten. Wenn fünf Patienten gleichzeitig im Krankenhaus eintreffen, muss ich entscheiden, wer noch ein wenig warten kann und wen ich sofort behandeln, zum Beispiel beatmen, muss. Dies kann der älteste Patient mit den schlechtesten Labordaten sein. Wenn ein Patient aber erst mal an einem Beatmungsgerät hängt, ist es juristisch verboten, es wieder abzunehmen, auch wenn ein anderer damit primär eine größere Überlebenschance hätte. Das wäre zumindest Totschlag und ist nicht durch ärztliche Ethik oder durch Verordnungen vertretbar. Ganz einfach, weil niemand anordnen kann, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht.

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Dass es mit etwas Glück in Deutschland nicht so weit kommt, dass mittels Triage über Leben und Sterben entschieden werden muss, hat eben wenig mit Glück tun, wie die New York Times schreibt. Warum nur, fragt die Zeitung, gibt es in Deutschland vergleichsweise wenige Tote im Verhältnis zur Zahl der Infizierten? Dafür gibt es einige Gründe, manche sind statistischer Art, andere haben mit politischen Entscheidungen und dem Gesundheitssystem in Deutschland zu tun:

All across Germany, hospitals have expanded their intensive care capacities. And they started from a high level. In January, Germany had some 28,000 intensive care beds equipped with ventilators, or 34 per 100,000 people. By comparison, that rate is 12 in Italy and 7 in the Netherlands. By now, there are 40,000 intensive care beds available in Germany. Some experts are cautiously optimistic that social distancing measures might be flattening the curve enough for Germany’s health care system to weather the pandemic without producing a scarcity of lifesaving equipment like ventilators.

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Immer kurzweilig: wenn Dennis Scheck die Spiegel Bestsellerliste für Belletrisitk oder Sachbuch kommentiert. Da ist dann allerdings auch immer viel Schrott dabei, und dafür sollte man gegenwärtig keine Zeit verschwenden. (Zum Beispiel Scheck launig über Sebastian Fitzek, diesen deutschen Brachial-Bullshit-Bestsellerautor: „Vulgär, abgeschmackt, gewaltgeil. Die auf Schockeffekte zielende Zombie-Prosa Fitzeks löst in mir nach wenigen Zeilen den Wunsch aus, für den Rest des Tages Friedrich Hölderlin lesen zu dürfen …“) Daher hat Scheck eine Top-Ten-Liste mit Büchern für die Zeiten der Krise erstellt. Wer Lesestoff für die nächsten Tage und Wochen sucht, wird hier bestens bedient.

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Sehenswert (1): Star Trek – Picard. Das große Risiko so eines Wiedersehens ist, dass die Serienmacher einzig auf Nostalgie setzen – der gute alte Jean-Luc Picard mit seiner halben Mannschaft, die nach und nach in der Serie auftaucht. Die große Chance ist, dass diese Nostalgie wahnsinnig viel Spaß macht, wenn sie nur mit einer halbwegs brauchbaren Handlung unterfüttert ist. Das ist hier der Fall. Und so schaut man vergnügt und gerührt dem alten Weltraum-Humanisten dabei zu, wie er nochmal eine scheinbar unaufhaltsame Katastrophe aufhält, und wie immer natürlich nicht durch Waffengewalt, sondern durch Intelligenz, Sturheit, Charme und Überzeugungskraft.

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Sehenswert (2): Dr. House, alle Staffeln. Mein Begleiter durch den nun zu Ende gegangenen Winter. Jeden Abend noch eine halbe Folge zum Einschlafen … Alles, was ich über Medizin weiß, weiß ich von Emergency Room und Dr. House. Und dieser Sherlock Holmes der Diagnostik ist der maximal denkbare Gegensatz zum eben erwähnten Humanisten Picard, aber dennoch einfach der liebenswerteste Misanthrop und Zyniker, den die Seriengeschichte hervorgebracht hat.

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Ansonsten das Übliche: Homeoffice, viele Spaziergänge (nein, ich fahre nicht dauernd in die Fränkische … Wir haben im März 80 Kilometer durch Spaziergänge vor der Haustür angesammelt!), Radfahrten, TRX-Einheiten, Kochen, bei der Gastronomie vor Ort Essen holen. Solche Sachen halt:

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