Ein Monat Homeoffice

Homeoffice? Das ist doch das, wo die Leute zu Hause abhängen statt „richtig“ zu arbeiten, oder? Dieses bis vor kurzem immer noch in manchen Manager-Köpfen verankerte Klischee dürfte nach der Krise in der Mottenkiste landen …

Denn Homeoffice, das ist jetzt das, was vielen Unternehmen – mit Verlaub – den Arsch rettet. Und dabei spielt es keine Rolle, ob wir von einem Milliardenunternehmen mit Tausenden von Mitarbeitern oder einem Drei-Mann/Frau-Betrieb reden. Wessen Geschäftsmodell es in den letzten Jahren auch nur halbwegs vorsah, sich zu digitalisieren, der ist jetzt im Vorteil, oder besser gesagt: der kann im Vorteil sein, wenn er oben genannte Köpfe rechtzeitig gelüftet und die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, ortsunabhängig zu arbeiten.

Wer mit oder ohne Digitalisierung der Meinung war, alle sollten immer vor Ort sein, weil das halt irgendwie dazugehört (und weil man da natürlich alles viel besser kontrollieren kann), wer auf Investitionen in die nötige Technik und das nötige Mindset verzichtet hat, kann jetzt arbeits- und umsatzfrei von der Seitenlinie aus zuschauen. Von der Kanzlei bis zum IT-Konzern, vom Kleinstunternehmen bis zum Mittelständler – viele in meinem unmittelbaren Umfeld machen zwar nicht weiter wie bisher, aber sie machen weiter, auch dank Homeoffice. Schwer vorstellbar, dass das nach der Krise wieder einkassiert wird, dass noch irgendjemand mit dem Argument aus dem Präkambrium Gehör findet, arbeiten zu Hause sei ja weniger produktiv und irgendwie ein großzügiges Zugeständnis des Arbeitgebers an die Mitarbeiter.

Homeoffice – das ist im Zeitalter seit Corona ein Privileg. Es ist mit Händen zu greifen, dass viele Menschen, die vor Ort arbeiten müssen, zurzeit entweder völlig überlastet sind oder völlig beschäftigungslos. Völlig überlastet in Krankenhäusern, Pflegeheimen und anderen medizinischen Einrichtungen; völlig beschäftigungslos im Einzelhandel und in vielen produzierenden Betrieben, die derzeit die Pausetaste gedrückt haben. Wer ungefährdet von Ansteckung oder Arbeitslosigkeit am Bildschirm arbeiten kann, genießt einen digitalen Luxus, von dem andere nur träumen können.

Homeoffice kann im Rahmen dessen und wohl wissend, dass es sich um Jammern auf höchstem Niveau handelt, auch ein klein wenig anstrengend und herausfordernd sein. In meiner speziellen Situation besteht die Herausforderung darin, dass ein Ende der Arbeit mit einem Rückzug ins Private schwierig bis unmöglich ist. Büro verlassen, nach Hause fahren, zu Hause ankommen: Dieser sehr lang eingeübte Dreiklang der Distanzierung fehlt und muss irgendwie neu etabliert werden. Die Arbeit ist omnipräsent und hat einen jederzeit im Griff, erst Recht, wenn man sehr viel zu tun hat und wenn das Homeoffice mitten im Wohnzimmer stattfindet, da es kein Arbeitszimmer gibt (alles, was Arbeitszimmer sein könnte, ist Kinderzimmer).

Es war geradezu ein kathartischer Akt der Befreiung, als ich über Ostern für vier Tage alle Gerätschaften weggeräumt und das Wohnzimmer in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt habe. Ich denke, man braucht diese symbolischen Distanzierungen (nur symbolisch, denn das Notebook ist ja nur einen Handgriff entfernt) dringend auch im Homeoffice. In dem Monat vor Ostern bestand die Distanzierung vor allem in einem regelmäßigen ausgedehnten Spaziergang: nach zig Stunden Videokonferenz und Mailflut Home und Office verlassen, den Kopf freibekommen und die wenigen verbliebenen ausgangsbeschränkten Freiheiten nutzen.

Heute beginnt der zweite Monat im Homeoffice und ich hoffe, es wird kein ganzer Monat. Denn natürlich fehlen die echten Begegnungen. Ach ja, und noch ein großer Nachteil: Küche und Kühlschrank sind einfach wahnsinnig nah am Arbeitsplatz – Luftlinie nur zwei Meter entfernt. Wer das nicht für einen Nachteil hält, hat einen phantastischen Stoffwechsel oder keine Waage zu Hause.

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Einer der wenigen positiven Nebeneffekte der Krise ist, dass Wissenschaft(ler) stärker wahrgenommen wird und werden als im Normalbetrieb der Republik. Diese Bekanntheit von einzelnen wie Prof. Christian Drosten hat natürlich auch Nachteile, im Großen und Ganzen kann man aber erfreut feststellen, dass seriöse Informationen gefragt sind. Mit dafür verantwortlich ist das „Coronavirus Update“ von NDR Info, das tägliche Podcast-Interview mit Drosten, das ihr sicher alle anhört. Ein sehr schönes Beispiel dass eine gute Idee und eine gute Umsetzung wunderbar funktionieren können, auch wenn dicke Bretter gebohrt werden. Der Podcast hat inzwischen bis zu 15 Millionen Aufrufe pro Episode. Was mir beim Podcast immer wieder auffällt ist übrigens, dass nicht nur Drosten ein sehr guter Gesprächspartner ist, sondern dass auch die NDR-Wissenschaftsredakteurinnen hervorragend vorbereitet sind und über ein beeindruckendes Wissen verfügen. Eine Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hier gibt es einen Blick hinter die Kulissen.

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Kurz zum Gegenteil: Natürlich blüht in der Krise auch der Aberglaube. Verwirrte, Verrückte und Verlorene glauben, dass sich Corona mit Zahlenkombinationen a la Lost beherrschen lässt und rufen einmal mehr die große Weltverschwörung aus: „Die Juden sind schuld!“ Ich bin es Leid, mir all diesen Schwachsinn im Detail durchzulesen und säubere meine Timelines und die Kommentare hier im Blog sorgfältig, um mit möglichst wenig verschwurbelter Dummheit behelligt zu werden. Wer dennoch ausführlicher lesen möchte, wie irre ein Teil der Bevölkerung ist, findet eine Zusammenfassung im Tagesspiegel mit dem bezeichnenden Titel: Die Schäbigen, die Tödlichen und die Saudummen.

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Lesenswert: Philip Roth, Nemesis. Eine Epidemie geht um, sie verunsichert die Menschen, verändert das Leben, fordert Opfer. Die Rede ist nicht von Covid-19, sondern von Polio (aka Kinderlähmung); der Roman – Philip Roths letztes Buch – spielt im Jahr 1944. Es ist schon ein bisschen skurril, dass Ich nun ausgerechnet diesen Roman auf meiner Leseliste entdeckt habe (aber auf die Liste gesetzt habe ich ihn natürlich nicht wegen akuten oder vergangenen Epidemien, sondern weil ich Philip Roths letztes Buch lesen wollte). Aber wie das so ist: Auf einmal liest man es mit anderen Augen.

Natürlich ist Polio allgegenwärtig in der Geschichte, eigentlich geht es aber um einen jungen Mann, seine bescheidenen Pläne und Ziele, seinen Willen, das Richtige zu tun, ein ordentliches Leben zu leben, seine Geliebte zu heiraten … und wie all das pulverisiert wird – gar nicht mal zuvorderst von der Seuche, sondern vielmehr von der Frage, was individuelle Schuld ist, mit der man leben muss, und was Schicksal oder Zufall, trotz derer man leben sollte. Es ist ein wunderbares kleines letztes Buch, das zu jeder Zeit lesenswert ist. Speziell zur jetzigen Zeit kommt einem manches verblüffend bekannt vor. Und wenn Schriftsteller in einigen Jahren oder Jahrzehnten über die Corona-Pandemie schreiben werden, wird man vermutlich wieder ähnliches lesen können:

Die Epidemie ging nicht zurück – vielmehr hatte die Zahl der Fälle seit dem Vortag zugenommen. Diese Zahlen waren natürlich beängstigend, entmutigend und zermürbend, denn dies waren nicht die unpersönlichen Zahlen, wie man sie sonst in der Zeitung las oder im Radio hörte, keine Zahlen, die dazu dienten, ein Haus zu finden, das Alter eines Menschen zu bestimmen oder den Preis von einem Paar Schuhe zu nennen. Es waren die furchterregenden Zahlen, die das Fortschreiten einer schrecklichen Krankheit bezifferten, und in den sechzehn Bezirken Newarks wurden sie aufgenommen wie die Zahlen der im Krieg gefallenen, verwundeten und vermissten Soldaten. Denn auch dies war ein Krieg, in dem es Tod, Zerstörung, Verdammnis und all die anderen Verheerungen des Krieges gab …

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Und sonst so? Wein online gekauft beim Lieblingswinzer in Nordheim (#supportyourlocals; einen Tag später von ihm selbst vor die Haustür geliefert), gekocht, geradelt, spazieren gegangen, den Frühling genossen …

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