Kluge Politik, moderne Medizin, besonnene Bürger

Eines der großen Probleme an Corona ist, dass die Gefahr weit weg zu sein scheint. Klar, das Ding ist im Land, aber die allermeisten Verläufe sind doch harmlos …

Viele merken gar nicht, dass sie infiziert waren. Kritisch ist das ja „nur“ für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen … Letzteres ist natürlich eine zynische Adaption des St. Florians-Prinzips, aber so ist der Mensch. Dabei wird vergessen, dass dieses Scheiß-Virus jeden von uns dahinraffen kann. Alle Maßnahmen, die Bund und Länder ergreifen, dienen dazu, das Gesundheitssystem vor Überlastung und jeden einzelnen von uns vor dem Tod zu bewahren. So bitter einfach ist das.

Um das nicht zu vergessen, zwinge ich mich regelmäßig, Berichte und Reportagen von Intensivstationen zu lesen, so wie beispielsweise diese aus der Süddeutschen Zeitung (hinter der Paywall). Das macht überhaupt keinen Spaß, es zieht einen runter. Aber es ist, denke ich, nötig, um nicht zu vergessen, dass wir es hier mit einer krassen Bedrohung zu tun haben, einer Art Spanischen Grippe des 21. Jahrhunderts, mit einem Ausnahme-Ereignis, das hoffentlich nur einmal in dieser Generation erlebt werden muss. Wenn wir alle das gemeinsam überstehen und es schaffen, dass möglichst wenige Menschen an diesem Virus sterben, können wir mal stolz unseren Enkeln davon erzählen: Das war wie die Spanische Grippe, aber durch kluge Politik, moderne Medizin und besonnene Bürger haben wir‘s gemeinsam in den Griff bekommen …

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Daher ist die sehr mäßige Lockerung, die wir jetzt erleben, vermutlich die richtige Strategie. Sie ist recht nah an den Empfehlungen von Forschern der Helmholtz-Gemeinschaft, die kurz gesagt dafür plädieren, lieber nochmal ordentlich Zurückhaltung zu üben. Warum sie das tun, warum die Reproduktionszahl so wichtig ist und warum das mit zügiger Herdenimmunisierung bei gleichzeitig funktionierendem Gesundheitssystem leider nix wird, könnt ihr ausführlich und interessant in diesem ZEIT-Interview nachlesen.

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Und so müssen wir halt noch ein bisschen durchhalten und uns zurückhalten. Eine Kuriosität, die mich dabei beschäftigt, betrifft das Thema Tracing-App. Ihr wisst: Eine Idee ist, Infektionen besser nachverfolgen zu können, indem wir eine App nutzen, die auf Kontakte mit Infizierten schneller hinweist als der hellwachste Mitarbeiter irgendeines Gesundheitsamts. Wie das Ganze funktionieren soll, können wir hier überspringen, lest das in diesem Internet-Dings nach. Viele Experten meinen: Das könnte ein wichtiger Beitrag sein, damit das Leben weniger eingeschränkt weitergehen kann und die Pandemie zugleich beherrschbar bleibt. Manche meinen, die Technik könne das kaum leisten.

Aber egal, ich will auf etwas anderes hinaus: Wir akzeptieren klaglos die größten Einschränkungen in der Freiheit der einzelnen, die diese Republik je erlebt hat. Markus Söder bekommt Zustimmungswerte von 95% für den größten Freiheitsentzug der neueren Geschichte. Aber wehe, jemand kommt auf die Idee, so eine Tracing-App könnte nicht nur freiwillig, sondern verpflichtend eingeführt werden … Neiheiehein!!! Da habt ihr die Rechnung ohne die Datenschützer, die Verteidiger des informationellen Selbstbestimmungsrechts, die Digital-Prediger, die Twitter-Besserwisser und überhaupt die ganzen superbesorgten Deutschen gemacht, denen nichts Schlimmeres passieren kann, als dass IHRE DATEN IN DIE FALSCHEN HÄNDE GERATEN!!! Kontaktverbote? Ausgangsbeschränkungen? Ausgesetztes Demonstrationsrecht? Einschränkung der Religionsfreiheit? Alles kein Problem, Hauptsache die Pandemie wird gebremst. Zwangs-Nutzung einer App, um die Pandemie zu bremsen? NIEMALS!

Ich will gar nicht sagen, dass so eine Zwangs-Nutzung erstrebenswert wäre. Ich wundere mich nur, dass das nicht mal diskutiert wird, dass es offenbar völlig undenkbar ist. Wenn man die derzeitigen Maßnahmen gegen die Pandemie – die ja nun wirklich nicht auf Freiwilligkeit beruhen – gut und richtig findet, gibt es kein einziges Argument gegen eine Verpflichtung der digitalen Verfolgung und Eingrenzung von Infektionen. Und wenn jetzt irgendwer sagt: Ja, ja, aber wenn das einmal eingeführt ist, werden wir das nie mehr los, wehret den Anfängen etc. etc. … Dann darf ich gegenfragen: Wer hat „Wehret den Anfängen“ gesagt, als wir einen erheblichen Teil unserer persönlichen Freiheit aufgegeben haben, um Corona zu bekämpfen? Eben. 95% Zustimmung. Just saying.

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Und sonst so? Wir verabschieden uns allmählich gedanklich von unserem Pfingsturlaub, den wir in Frankreich und Spanien verbringen wollten. Isoliert per Auto und in Ferienhäusern (das nenne ich mal geradezu unheimliche Weitsicht, als wir das 2019 geplant und gebucht haben!) – aber das reicht halt nicht. Erstens wissen wir nicht, ob die Grenzen wieder geöffnet werden. Zweitens wissen wir nicht, ob Urlaub vor Ort überhaupt möglich ist – durch ein runtergefahrenes und abgeschottetes Barcelona zu spazieren dürfte die lange Anreise jedenfalls nur bedingt rechtfertigen. Ende Juni plan(t) en wir dann eine Mehrtages-Wanderung durch die Kitzbühler Alpen. Ich will das noch nicht abhaken und aufgeben, auch wenn Söder, der Allwissende, schon orakelt hat, dass Urlaube außerhalb Deutschlands schwierig werden dürften. Aber da frage ich dann nochmal persönlich bei ihm nach, warum Wandern in bayerischen Alpen möglich und in österreichischen Alpen unmöglich sein soll.

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Zu guter Letzt: das Übliche. Homeoffice, Sport, Kochen, Einkaufen, Locals supporten. Einkaufen neuerdings mit Gesichtsmasken. Wir waren mehr oder weniger die einzigen im Supermarkt mit Masken und wurde entsprechend beäugt, als wären wir die neueste Attraktion im Zoo. Immerhin hat die Masken-Sonnenbrillen-Kombination den entschtscheidenden Vorteil, dass man sehr flexibel vom Einkaufen aufs Ausrauben umschwenken kann, wenn man mal seinen Geldbeutel vergessen hat.

Und es ist die Zeit, in der man endlich mal Dinge erledigt, die man schon lange erledigen wollte, aber immer vor sich hergeschoben hat. Zum Beispiel unsere Eingangstür renovieren lassen. Als die vor 16 Jahren erstlackiert wurde, hatten die Lackierer irgendwie einen schlechten Tag, denn nach wenigen Jahren begann sie auszubleichen. Das haben wir uns jetzt wiederum einige Jahre lang tatenlos angeschaut („müsste man mal machen lassen …“), bis wir uns kürzlich einen Ruck gaben und einen Handwerker beauftragten, schöne frische Farbe aufzulegen. Mit dem Ergebnis sind wir glücklich und zufrieden:

3 Gedanken zu “Kluge Politik, moderne Medizin, besonnene Bürger

  1. Lieber Christian,
    vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich denke auch, dass man leider viel zu selten davon hört / liest, was für eine schlimme Infektion das ist. Sie ist auch nicht mit einer Grippe vergleichbar, denn die Sterbefälle Stand heute RKI sind mit 3,1 % ggü. den erkannten Infektionen extrem hoch (> Faktor 100). Ein Kollege hatte das neulich so auf den Punkt gebracht, dass es im schlimmsten Fall ein jämmerlicher Erstickungstod über Tage ist. Man kann und mag sich gar nicht vorstellen, dass in Italien, Spanien, UK und USA, wo die Gesundheitssysteme komplett überlastet waren / sind, die Menschen auf den Fluren verreckt sind (sorry, anders kann man das nicht ausdrücken).
    Wir verlassen uns hier in Deutschland darauf, dass wir die notwendige medizinische Versorgung erhalten werden, und auch nur so kann man weitestgehend human sterben, wenn der Organismus es nicht mehr schafft. Die Stabilität des Gesundheitssystems kann jedoch nur gewährleistet werden, wenn man die Neuinfektionen im den Griff hat. Und das heißt, man muss einigermaßen genau wissen, wie viele es sind und man muss dazu testen können.
    Hier noch eine Anmerkung zur App: ich stimme Dir prinzipiell zu, dass das Thema Datenschutz hier eigentlich zweitrangig ist, allerdings ist der Nutzen der App vermutlich gering bis Null. Ein Kollege, der ein Modell zu Corona erstellt hat, das den Verlauf der Infektionen und die Einflussgrößen in Beziehung setzt, hat berechnet, dass unter folgenden Annahmen die App sinnvoll wäre (Details dazu gerne per E-Mail):
    Um die Zeit zwischen Infektion und Diagnose nur um _einen_ Tag zu reduzieren (ausgehend von heute 6,5 Tagen), müssten 56 % aller Menschen die App nutzen – allerdings unter der Annahme, dass jeder App-Nutzer tatsächlich nach der Benachrichtigung durch die App sofort zum Testen kommt. Kommt der App-Nutzer erst am nächsten Tag zum Testen, müsste die Nutzungsrate der App bei 67 % liegen. Bei 2000 Neuinfektionen pro Tag (wir sind heute etwas drunter) müssten 40.000 Personen pro Tag getestet werden (aktuell sollen es 100.000 Tests pro Tag sein – das sind aber keine Anzahl Personen!). Zum Vergleich: in Südkorea testet man täglich 400.000 Proben. Leider ist aber nicht davon auszugehen, dass so viele die App nutzen werden / können – reell sind wahrscheinlich 25 – 40 % – es sei denn, es würde verpflichtend gemacht werden ;-)
    Wie geschrieben: das ist ein Rechenmodell.

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  2. Lieber Herr Buggisch, Corona bringt einiges durcheinander. Erfreulich ist, was sich derzeit an Kreativität, Flexibilität und Solidarität zeigt. Die Politik leistet zurzeit viel Gutes. Wir sehen das ja auch, wenn wir schauen, was woanders los ist. Unruhig werde ich allerdings, wenn Politiker ihre eigene Politik als klug bezeichnen, was man derzeit ständig hört. Warum stellen die Politiker ihre Klugheit so heraus? „Eigenlob stinkt“, pflegte meine Großmutter zu sagen. Vor lauter Klugheit darf nicht übesehen werden, dass es enorme Kollateralschäden gibt, für Einzelne und für die Gesellschaft, wahrscheinlich auch langfristig. Und nicht immer wirken die Rettungschirme. Wenn man bedenkt, dass noch nicht einmal ein Prozent unserer Bevölkerung „durch“ ist, steht uns noch einiges bevor. Ich glaube, dass wir erst noch richtig lernen müssen, was Solidarität wirklich bedeutet. Ein bisschen zeigt das ja auch die von Ihnen schön geschilderte „Kuriosität“ Tracing-App.

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