Erlebnisse im Baumarkt

Es gibt wieder Klopapier, wie schön. Normalisierung! Das bedeutet aber leider auch: Teile der Bevölkerung verhalten sich wieder wie normale Idioten …

Bislang war ich der Meinung: Maskenpflicht ist eine gute Idee – in öffentlichen Verkehrsmitteln. Volle U-Bahnen und so. Dort, wo man schlecht Abstand halten kann. Sie ebenfalls beim Einkaufen zu verordnen, fand ich etwas merkwürdig, hatte ich doch bisher immer den Eindruck, dass das Abstandhalten beim Einkaufen gut funktioniert. Man beäugt sich skeptisch und bewegt sich souverän in Ausweichrouten durch den Laden. Einkaufen als tänzerisches Gesellschaftsspiel, wer dem anderen zu nahe kommt hat verloren …

Allein: Meine Einkaufserlebnisse waren, beschränkt auf den sympathischen kleinen Stadtrand-Rewe vor Ort, nicht repräsentativ. Mein Leben hat in den vergangenen Wochen in der kleinstmöglichen Einkaufsblase stattgefunden, die man sich denken kann, denn fast alle anderen Läden waren ja geschlossen und man sollte möglichst wenig durch die Gegend fahren. Eine Filterblase par excellence.

Ähnliche Erkenntnisse auf Twitter

Die Blase ist diese Woche geplatzt, und zwar mit einem satten, hässlichen „Platsch!“ Beim Besuch eines Baumarkts, die ja nun als erste in Bayern wieder öffnen durften, weil … ja, weil … keine Ahnung. Warum nochmal durften zuerst Baumärkte öffnen? Warum durften sie öffnen, bevor nächste Woche Läden kleiner als 800 Quadratmeter öffnen dürfen, während Läden größer als 800 Quadratmeter geschlossen bleiben, außer Baumärkten, die allesamt weit mehr als 800 Quadratmeter Fläche haben …? Man weiß es nicht. Es ist eines der großen Rätsel der zu Recht vorsichtigen Öffnungsstrategie.

Bei ihrer Baumarkt-Präferenz haben die Politiker einen wichtigen Faktor vergessen: Der Deutsche kehrt im Baumarkt ganz zu sich selbst zurück, er ruht in sich, wird eins, Yin und Yang sind vollkommen im Einklang, mit anderen Worten: Er verhält sich wieder wie ein Idiot.

Da wäre zunächst die Sache mit den Masken. Letzte Woche konnte man noch beobachten, wie der Deutsche mit einer dringenden Empfehlung, um die Pandemie zu begrenzen und Leben zu retten, umgeht – er ignoriert sie. Es braucht schon eine Maskenpflicht und 150 Euro Strafe, um ihn von seiner Wurschtigkeit (Hab ich mich noch nicht drum gekümmert, hab ich vergessen …), seiner Klugscheißerei (Bringt eh nix, hab ich im Internet gelesen …) oder seiner Wutbürgerei (Da steckt doch wieder die Merkel dahinter, ich lass mir doch nicht vorschreiben, dass …) abzubringen.

Gefühlt die Hälfte der Baumarkt-Besucher verzichtete auf Masken, interessanterweise vor allem ältere Herrschaften, die ja tendenziell zur Risikogruppe gehören, aber was weiß ich schon. Vor allem jener ältere Herr, der direkt vor mir herzlich befreit und ungebremst durch den Baumarkt nieste – vielen Dank auch. (Umgekehrt sehe ich draußen erstaunlich viele Radfahrer mit Maske, was schon an sich skurril ist, erst recht wenn die Maske wie ein falscher Bart schief unter der Nase hängt. Aber das ist ein anderes Thema.)

Hinzu kommt eine generelle Gedanken- und Rücksichtslosigkeit. Man könnte auch sagen: Der Deutsche in seinem Normalzustand, zu dem er nach wochenlanger Schockstarre langsam zurückkehrt, steht mit so etwas wie einem Abstandsgebot generell auf Kriegsfuß, weil es voraussetzt, dass er nicht nur an sich und seine Bedürfnisse denkt, sondern ein Gegenüber in die Überlegungen mit einbezieht. Sehr schwierig.

Im Baumarkt manifestiert sich dieses Dilemma, indem ein nicht eben kleiner Teil der Besucher gedankenverloren durch die Gänge torkelt, den Blick auf die Regale geheftet, auf der Suche nach systemrelevanten Blumentöpfen, Dachlatten und Imbusschlüsseln. Wie Zombies in The Walking Dead schwanken und schlurfen diese Gestalten durch den Markt, mit dem Unterschied freilich, dass nicht frisches Blut sie in Ekstase versetzt, sondern eine weitere geöffnete Kasse, die sofort zu größtmöglichem Durcheinander führt. Denn noch schlimmer als Abstandhalten ist für den Deutschen nur der Gedanke, jemand anderes könnte schneller an einer noch leeren Kasse sein als er selbst.

Wenn der deutsche Baumarktbesucher nicht torkelt und schwankt und sucht, steht er übrigens sehr gerne im Weg. Das hat früher schon genervt, doch konnte man sich ja irgendwie an ihm vorbeiquetschen. Ein im Frühjahr 2020 im Weg stehender Baumarktbesucher blockiert einen Gang komplett. Statt sich mitten im Gang mit schräg stehendem Einkaufswagen zu platzieren und minutenlang über den Sinn des Lebens nachzudenken, könnte er aus Rücksicht auf andere auch etwas seitlich pausieren und parken, aber nein. Spricht man ihn darauf an, reagiert er entweder gar nicht oder patzig.

Vom Virologen bis zum Ladenbesitzer: Die Mahnungen nehmen zu, dass wir in wenigen Wochen den nächsten Lockdown bekommen könnten. Offiziell wird es dann heißen „weil die Lockerungen zu schnell kamen und zu weit gingen“. Wir hier in diesem kleinen Corona-Blog kennen aber den wahren Grund: weil ein zu großer Teil der Bevölkerung leider zu dumm ist, mit so einer Situation angemessen umzugehen.

***

Und um allen noch schnell die gute Laune zu verderben: Mehr Rücksichtslosigkeit, mehr Missachtung einfacher Regeln werden nicht nur eine Rückkehr zu eingeschränkter Normalität in weite Ferne rücken lassen, sondern uns auch sehr viel mehr Tote bescheren. Ein weiterer Fachausdruck, mit dem ich mich nie beschäftigen wollte, ist der der Übersterblichkeit. Ich verzichte hier weiterhin auf die Auflistung und Diskussion von Unsinn und Verschwörungstheorien („alles nicht schlimmer als in anderen Jahren“), und verweise auf diesen Beitrag, der klar nachweist und in Grafiken leider sehr anschaulich zeigt, dass in vielen Ländern die Sterblichkeit im Frühjahr 2020 deutlich höher liegt als sonst. Und zwar nicht nur die Covid-19-bedingte Sterblichkeit. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Dunkelziffern von unerkannten Corona-Infektionen beispielsweise oder überlastete Gesundheitssysteme, unter denen auch andere Erkrankte leiden. Fakt ist jedenfalls:

Nun zeigen vorläufige Daten aus mehreren Regionen, dass während der Pandemie tatsächlich viel mehr Menschen sterben als zu dieser Jahreszeit üblich. In vielen Ländern liegt die Sterberate in der zweiten März- und der ersten Aprilhälfte weit über den statistisch zu erwartenden Werten. Diese sogenannte Übersterblichkeit ist in vielen Regionen sogar weitaus größer, als es die bestätigen Todesfälle durch Covid-19 vermuten lassen.

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Und sonst so? Ich bin letztens nach sechs Wochen Homeoffice mal wieder im Büro gewesen. Es war ein verdammt gutes Gefühl – schon kurios, das ist doch nur ein Gebäude und ein Ort … Es war aber auch sehr, sehr einsam, was die Freude natürlich geschmälert hat. Ich habe dann vom Büro aus mit allen anderen im Homeoffice videokonferenzt …

8 Gedanken zu “Erlebnisse im Baumarkt

  1. Der offensichtliche Wahnsinn in Obi & Co. überrascht doch jetzt nicht wirklich…? ;-) Ich musste für meinen Teil leider ebenfalls immer wieder feststellen, dass auch im „sympathischen kleinen Stadtrand-Rewe vor Ort“ Abstand halten und aus dem Weg gehen oft nur äußerst „suboptimal“ funktionieren… (Und wehe man rückt nicht sofort und unverzüglich zum nächsten frei gewordenen Abstandsstreifen an der Kasse auf! Da kann man sich was anhören. ;-) )

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  2. Amüsanter Bericht aus dem Nachbar-Bundesland! Bei uns in Ba-Wü hatten Baumärkte die ganze Zeit durch offen. Okay, auch ich frage mich, warum der Baumarkt, aber nicht der Mediamarkt? Aber gut. Vor zwei oder drei Wochen war ich da, zweck systemrelevanten Hochbeets. Es gab Einlasskontrollen („höchstens 2 Personen zusammen und mindestens ein Einkaufswagen dabei“) und dementsprechend eine Warteschlange vor dem Eingang, um sicherzustellen, den Laden nicht zu überfüllen. Das hatte zwei Effekte: Einerseits wird jeder Kunde automatisch in Krisenmodus versetzt, so dass niemand vergisst, dass wir gerade Corona haben. Aber zweitens fühlt es sich wie ein Privileg an, endlich drinnen zu sein. Da schiebt man den Wagen mit Elan durch die Gänge, weil sich jeder Gang anfühlt, als würde er mir gehören. Schließlich hab ich draußen gewartet und mir den Aufenthalt im Markt redlich verdient. Masken trug kaum jemand, war auch nicht verpflichtend, und mit dem Abstandhalten klappte es .. naja, so mehr oder weniger halbwegs. War ja auch nicht so viel los :D

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  3. Die Frage ist doch warum Baumärkte in Bayern geschlossen hatten während sie in BaWü offen hatten? In Ulm hatte sich da sogar der „kleine Grenzverkehr etabliert“, als alle Bayern von Neuulm nach Ulm zu den Baumärkten fuhren um sich für „ihr gärtla“ einzudecken …. .

    Hier beim OBI Erlangen lassen sie seit vergangenen Montag „nur 120 Personen“ rein (da sie 120 Einfkaufswägen haben, (ein muss für jeden kunden), die aber in keinster Weise desinfiziert werden :-D
    und das obwohl gerad dort abstands halten wunder bar ginge. Die geschilderte Zombi-Mentalität konnte ich beim Kauf von ein paar „lebensnotwenigen“ brettern, schrauben und blumenerde, allerdings nicht beobachten, alles noch im grünen bereich, mit oder ohne masken , …. abstand , gedult, und tatsächlich kaum hetze ….
    Cheers!

    (und ja, ich bin der Gleiche t.montblanc wie bei intsagram

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  4. Aktuelle Beobachtung aus der Erlanger Innenstadt: Die Mund-Nasen-Bedeckung wird – auch von Damen – fast ausschließlich als Bartschutz getragen. Jede*r fasst sich erstmal frontal ins Gesicht, wenn das Ding letztlich doch über die Nase gezogen wird. Raucher und Leberkäs`semmelesser haben es besonders schwer. Über die Umsetzung der Notwendigkeit, die Dinger zu waschen, reden wir noch gar nicht. Also ein leider wirkungsloser und damit völlig ungeeigneter (= ungerechtfertigter)Grundrechtseingriff…

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  5. Das wäre doch auch zu schön gewesen, wenn das klappt. Publix in den USA hat die Gänge zu Einbahnstraßen gemacht (https://www.bizjournals.com/tampabay/news/2020/04/10/publix-institutes-one-way-aisles-at-all-stores-to.html). Würde auch bei uns helfen.
    Das Grundproblem aber ist – wie richtig beschreiben – sein Gegenüber in die eigene „Routenplanung“ einzubeziehen. Das klappt hier (auch Mittelfranken) auf keinem Feld-, Wald- und Wiesenweg. Traurig. Und wehe, man bedankt sich dann für das Nichtausweichen.

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  6. „Dummheit“ ist das zutreffende Wort, das die Situation, die wir (übrigens seit Wochen in München bei schönem Wetter) erleben, beschreibt. Wir warten einfach mal auf die Zahlen in 7 bis 10 Tagen. Wenn die Infektionen wieder ansteigen, sollten wir wissen, was falsch gelaufen ist. Ich befürchte nur, dass der Lerneffekt erst und nur dann bei jemanden eintritt, wenn jemand persönlich oder sein Angehöriger schwer erkrankt oder jemand aus dem Umfeld verstirbt. Der Twitter-Kommentar trifft es ziemlich gut.

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