Extrempositionen

In aufgeregten Zeiten neigen wir zu aufgeregten Debatten über Extrempositionen. Die Zeit dafür sollten wir uns sparen …

Da sind zunächst die radikalen Verharmloser, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern, Aluhutträgern, Impfgegnern, und den ganzen anderen Verrückten der Republik befinden. Sie sehen das Land unter der Herrschaft von Virologen. Sie schreien „Siehste!“, wenn zwei Virologen sich widersprechen, weil sie nicht mal ansatzweise einen Schimmer haben, wie Wissenschaft funktioniert und dass Widerspruch Im Ringen um Erkenntnis ein Segen und kein Fluch ist. Sie meinen, dass die Regierung das Volk an der viel zu kurzen Leine hält und kurz davor ist, eine Diktatur zu etablieren.

Sie halten die in Deutschland ergriffenen Maßnahmen für völlig überzogen, weil sich bei uns nicht die Toten stapeln wie in Italien oder New York und machen dabei den gleichen Fehler wie die bereits erwähnten Impfgegner: Die Impfprogramme der letzten Jahrzehnte waren so erfolgreich, dass sie den Schrecken von Pocken, Polio und Masern nahezu aus dem Gedächtnis der Menschen gestrichen haben. Wozu aber impfen, wenn um uns herum „alles gut“ ist? Ebenso war die Pandemiebekämpfung in Deutschland bislang so erfolgreich, dass sie den Schrecken von Covid-19 vergessen lassen. Wozu aber harte Maßnahmen ergreifen, wenn um uns herum „alles gut“ ist? Das ist ein bisschen so als würde man die Feuerwehr für überflüssig halten nur weil es in den letzten Wochen nicht gebrannt hat oder – noch besser – weil sie beim letzten Brand so schnell vor Ort war, dass sie das Feuer rechtzeitig eingedämmt hat und nichts Schlimmes passiert ist … „alles gut“ halt.

Auf der anderen Seite haben wir die gnadenlosen Dramatisierer, die jede Diskussion für eine Zumutung halten und jede zarte Kritik an den ergriffenen Maßnahmen für den Anfang von Ende. Sie finden, dass jeder Tote ein Toter zu viel ist, womit sie zweifellos Recht haben, sie vergessen aber, dass das Ziel von Politik nicht „null Tote“ sein kann und noch nie war, denn gestorben wird immer und nicht selten aufgrund von Maßnahmen, die wir alle tolerieren oder gut finden (Straßenbau, Alkohol und so weiter). Sie halten jede Lockerung für tödlichen Leichtsinn und jeden Debattenbeitrag dazu für komplett unverantwortlich.

Sie richten sich in ihrer kleinen, kontaktbeschränkten nicht selten privilegierten Blase ganz gut ein und verstehen die ganze Aufregung nicht, weil ihnen Intelligenz und Empathie fehlen, sich in die Situation anderer zu versetzen: derjenigen, die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, unter häuslicher Gewalt zu leiden oder im Altenheim zu sterben ohne ihren Partner nochmal gesehen zu haben. Sie wissen natürlich alles besser und bombardieren dich auf Facebook mit Links und Statistiken, die verblüffenderweise immer exakt ihre Weltsicht stützen. Das haben sie – welch schöne Ironie! – mit den radikalen Verharmlosern gemeinsam: diese Verachtung von Wissenschaft, weil sie Uneindeutigkeit und Umdenken aufgrund neuer Erkenntnisse hassen, weil sie glauben, den Stein der Weisen entdeckt zu haben und gönnerhaft dem Rest der Welt erklären, was wirklich wahr und richtig ist.

Wir beschäftigen uns leider viel zu viel mit diesen Extrempositionen und verschwenden unsere Zeit mit Verharmlosern und Dramatisierern. Oder, wie es in einem sehr lesenswerten ZEIT-Artikel jüngst hieß: „Das hat schon etwas Obsessives und nahezu Wahnsinniges, sich immer mit den extremsten Rändern zu konfrontieren – es führt wie immer zu nichts.“

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Ein sehr ausführlicher Beitrag mit sehr viel Statistik. Ich mag das, wenn mir jemand Statistik so erklärt, dass ich sie verstehe. Viele wichtige Informationen über die Ausbreitung der Pandemie, den Reproduktionsfaktor, Sterblichkeit und Übersterblichkeit. Spoiler: Ohne konsequente Gegenmaßnahmen wird es sehr viele Tote geben. Details lest ihr bitte im Beitrag. Dass wir in Deutschland noch relativ gut dastehen, kommentiert der Autor ganz un-statistisch:

Ansonsten: etwas Glück gehabt, keine 2000-Menschen Bet- und Singwoche bei uns wie in Mulhouse. Keine Internationaler-Tag-der-Frauen-Kundgebung mit 120.000 Teilnehmerinnen wie in Madrid. Keine C-19-Verharmloser wie die beiden blonden Witzbolde in London und Washington.

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Nochmal Thema Reisen … Im Großen und Ganzen finde ich ja, dass „unser“ Ministerpräsident Söder das alles ganz gut macht. Im ZDF meinte er allerdings neulich, gefragt ob ein Urlaub in Österreich demnächst wohl wieder möglich sein wird, mit einem süffisanten Lächeln, dass jeder, der in Österreich Urlaub machen will, das doch in Bayern machen könne, da sei es genauso schön. Das finde ich doch reichlich unangemessen, und zwar nicht nur weil ich einen Österreich-Urlaub Ende Juni geplant habe. Wo ich Urlaub mache, sollte doch nicht von der Meinung eines Ministerpräsidenten abhängen, sondern ausschließlich von mir selbst. Freiheit und so. Eingeschränkt einzig durch die Notwendigkeit des Infektionsschutzes und der Pandemie-Eindämmung. Da wird es in Sachen Österreich aber dünn, denn, wie Söder selbst sagte: Österreich ist uns zwei Wochen voraus und hat die Pandemie inzwischen gut im Griff. Die Neuinfektionen in Österreich sind um ein Vielfaches geringer als in Bayern, von Deutschland ganz zu schweigen. Und dann spricht halt exakt gar nichts dagegen, dass Österreicher nach Bayern kommen dürfen und umgekehrt. Ich hoffe sehr, dass das ein kleiner Ausrutscher im guten Krisenmanagement war und keine Anzeichen von Allmachtsphantasie gepaart mit dem Gedanken, die bayerische Tourismusbranche auf Kosten von Nachbarländern und der Freiheit der eigenen Bürger zu stärken.

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Und sonst so? Letzte Woche habe ich ja ein klein wenig über das Verhalten des Baumarkt-Besuchers in Zeiten von Corona geschimpft. Diese Woche sind wir eines schönen Nachmittags durch die Stadt spaziert und fanden alles sehr entspannt. Wenige Menschen – oben seht ihr den Erlanger Marktplatz mit Schloss, da ist sonst echt gut was los -, die sich allesamt brav verhalten, auf Abstand bleiben, Masken tragen, wenn sie Läden betreten … Vielleicht wird das ja doch noch was mit der Menschheit.

Und wir haben wieder dafür gesorgt, dass das Körpergewicht der kontaktbeschränkten Heimarbeiter und Viel-Zeit-zu-Hause-Verbringer nicht zu weit sinkt – Gott bewahre. Die Entfernung meines derzeitigen Arbeitsplatzes ca. 2 Meter Luftlinie vom Kühlschrank ist da schon eine ganz gute Grundlage. Zusätzlich supporten wir weiter die lokale Gastronomie, diesmal zum Beispiel mit einem vor die Tür gelieferten wunderbaren Frühstück vom Herzstück. Und wir lassen den eigenen Herd und Ofen glühen. Ergebnisse unter anderem: Pizza mit Rucola und Parmesan, zauberhaftes Eichelschwein aus Pfanne und niedrigtemperiertem Ofen, Brennessel- und Speckknödel und anderes mehr …

8 Gedanken zu “Extrempositionen

  1. Wenn ich in Ihrem Text gleich zu Anfang lese, dass also auch Menschen, die nach rationaler Recherche zu dem wissenschaftlich untermauerten Schluss kommen, dass wir gar nicht wissen, wie gefährlich das Virus ist, dass es wahrscheinlich aber nicht so gefährlich ist, wie wir es jetzt aufblasen – dass solche Menschen sich Ihrer Meinung nach also „in unmittelbarer Nachbarschaft von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern, Aluhutträgern, Impfgegnern, und den ganzen anderen Verrückten der Republik befinden“, dann reicht es mir schon. Sie widersprechen doch Ihrem eigenen Rationalitäts-Ideal, wenn Sie rationale und irrationale Kritik nicht auseinanderhalten! Aber vielleicht ist Ihnen ja nachvollziehbar, dass es massive wissenschaftlich stichhaltige Argumente gibt, die momentane „Coronoia“ zu kritisieren. Dazu nur zwei Dinge: 1. wissen wir nicht, wie groß die Dunkelziffer der infizierten, aber symptomlosen oder harmlos Erkrankten ist. 2. wissen wir nicht, wer tatsächlich an der COVID-basierten Pneumonie stirbt und wer nicht. Ohne diese beiden Vergleichszahlen sind alle Aussagen über die Gefährlichkeit des Virus reine Kaffeesatzleserei. Und keine Wissenschaft. Das hab nicht ich mir ausgedacht, das sagen kluge Leute landauf, landab. Ihr Bashing ist billig und widerspricht Ihren eigenen hehren Grundsätzen von Wissenschaftlichkeit.

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    • Interessant: Auch nach mehrfacher Lektüre konnte ich das, was Sie zu Anfang in meinem Blog gelesen haben wollen, nirgendwo geschrieben finden. Dennoch fühlen Sie sich offenbar angesprochen. Aber werden Sie doch mal konkret: Wer bläst Ihrer Meinung nach was auf? Und warum? Wenn alles nur aufgeblasen ist, was wäre dann Ihrer Meinung nach die beste Strategie im Umgang mit dem mutmaßlich eher harmlosen Virus?

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      • Sie schreiben am Anfang: „Da sind zunächst die radikalen Verharmloser, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern, Aluhutträgern, Impfgegnern, und den ganzen anderen Verrückten der Republik befinden.“ Okay, vielleicht habe ich das überbewertet; ich würde mich nur als „moderaten Verharmloser“ bezeichnen. Wer bläst auf? Unsere kollektive Gruppendynamik, die aus Todesangst und Erregungsbereitschaft gespeist ist, macht aus COVID einen Dämon, einen Killer, und erzeugt eine regelrechte Panik. Dazu tragen viele ihr Scherflein bei, auch zB die Tagesschau mit ihren Zahlen, die irreführend sind (weil ohne Vergleichsgrößen). Die beste Strategie (die Ideen sind nicht von mir, das sagen kluge Leute): Saubere Zahlen erarbeiten, die aussagekräftig sind (bis jetzt sind sie es nicht, weil der Bezug auf die Dunkelziffer der Infizierten fehlt sowie die tatsächliche Letalität, also die COVID-19-spezifische Bestimmung der Todesursachen); repräsentative Kohorten erarbeiten; Risikogruppen schützen, statt alle über einen Kamm zu scheren. Dazu wäre rationale Wissenschaft bestimmt gut. Ich habe mittlerweile eine Menge guter, vernünftiger Leute gehört, und alles, was ich hier gesagt habe, habe ich durch sie begriffen. Es gibt eine fundierte, rationale Kritik, die jenseits der Extreme ist.

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      • Jenseits von Extremen, von radikalen Verharmlosern und Dramatisierern gibt es Diskussionsmöglichkeiten – nichts anderes schreibe ich. Warum also die Aufregung („Ihr Bashing ist billig“), wenn wir jetzt diskutieren könnten, wo wir unterschiedlicher Auffassung sind? Zum Beispiel bei einer kollektiven Gruppendynamik, die ich so nicht wahrnehme, da gibt es doch schon sehr viele unterschiedliche Verhaltens- und Denkweisen. Wenn überhaupt geht eine Gruppendynamik zurzeit doch sehr stark in Richtung Lockerungen und die ganze Sache auf die leichte Schulter nehmen – war doch alles halb so wild … Und „saubere“ Zahlen gibt es zuhauf. Dass eine Sendung wie die Tagesschau sie nicht ähnlich ausführlich darstellt wie zum Beispiel der oben verlinkte Beitrag, ist doch klar.

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  2. In meinen Augen entspricht das dem Phänomen „Fussballtrainer“. Es gibt ja gefühlt ca. 30 Mio. „Fussballtrainer“ in Deutschland, die allesamt mehr Ahnung als die geschätzt 300 professionellen Trainer haben. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, daß all diese Themen inzwischen eine erheblich größere Komplexität mit sich bringen, als wir uns vorstellen wollen. Wenige können zugeben, daß sie keine Ahnung haben. Ähnlich bei Corona: Virologen sind Profis und Forscher in einer extrem schwierigen Thematik, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt vom Meinungsaustausch und der widersprüchlichen Diskussion leben muß. „Verharmloser“ und „Dramatiker“ (da gehören auch Politiker dazu) würden selbstverständlich nie zugeben, daß sie keine Ahnung oder Meinung dazu haben, ganz im Gegenteil. Viele konsumieren aus ihrer Komfortzone meist auch nur Infos, die ihre Sicht der Dinge bestätigen. Glücklicherweise muß die Meinung dieser Personen i.d.R. aber keiner realen Verantwortung standhalten. Meiner Ansicht nach war dieses Verhalten nie wirklich anders, es war nur nicht so offensichtlich und präsent. Dank der elektronischen Medien hat heute quasi jeder eine Plattform (so wie ich gerade auch eine nutze) und ein Forum. Fluch & Segen zugleich.

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  3. wenn ich das immer höre, „Risikogruppen schützen“ und die anderen machen lassen … Ich bin Risikogruppe, kann aber ohne eine Covid-19-Erkrankung steinalt werden, würde aber vielleicht an den Folgen einer Erkrankung sterben — MIT Corona UND an Corona.. Alte Menschen sind Risikogruppe, Übergewichtige sind Risikogruppe, Menschen mit Stoffwechselerkrankungen sind Risikogruppe, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Risikogruppe. Nach dieser Denkart müsste man zwei Drittel der Bevölkerung „schützen“, um den Rest normal weitermachen zu lassen. Merken die Leute eigentlich nicht, wie absurd ein solcher Vorschlag ist? *augenroll*

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