Wir machen uns locker

Nach Lockdown nun also Lockerungen. Hammer & dance – ein schönes Bild. Nach den hammerharten Einschränkungen tänzeln wir zurück in Richtung Normalität. Hoffentlich nicht zu schnell …

Ich bin sicher nicht der einzige, dem die Lockerungen dann doch sehr schnell und sehr weitreichend vorkamen. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass wir uns schon an den Hammer gewöhnt hatten. In einem früheren Beitrag schrieb ich mal von der großen Entschleunigung, die mit dem Lockdown einhergeht, und wenn man mal entschleunigt war, kommt einem jede Beschleunigung gewagt vor.

Der Tanz zurück in die Normalität gibt uns auch erste Hinweise darauf, was sich nach der Krise ändern dürfte, wie die Deutschen mittel- und langfristig mit diesem Ausnahmezustand umgehen, was wir daraus lernen, wie wir unser Verhalten ändern, wie wir Gutes bewahren und Schlechtes künftig bleiben lassen, wie wir ein Stückchen bessere Menschen werden, weil wir aus diesen besonderen Zeiten etwas mitnehmen … … … Ja, genau. Ich habe euch lachen gehört. Nichts wird sich ändern. Nichts nehmen wir mit. Nichts wird besser. Sorry für die Enttäuschung.

In den ersten Tagen der Lockerung fuhr ich mal wieder mit dem Rad zur Arbeit, was zurzeit schwierig ist, weil die Arbeit ja zu Hause stattfindet. Aber einmal war ich halt doch im Büro, mit dem Fahrrad. Ich halte den langsam zunehmenden Autoverkehr für einen Frühindikator für die Änderungsbereitschaft der Deutschen, und dieser Indikator steht auf Null. Kein Ausschlag. Nicht mal ein müdes Zucken.

Die Autofahrer (und LKW-Fahrer, die wollen wir mal nicht vergessen) verhalten sich genauso rücksichtslos und arschlochig wie eh und je. Bestenfalls verwirrt (oh, ich steh auf dem Radweg, na sowas, hab ich gar nicht gemerkt), schlimmstenfalls bösartig (der LKW-Fahrer, der genau gesehen hat, dass ich mit Vorfahrt komme, dem das aber völlig egal war, weil mehr Stahl halt immer gewinnt). Sorry, Leute, aber das wird nix mit den Heile-Welt-Phantasien eines Matthias Horx. Zukunftsforscher, pffff …

Was ich wirklich, wirklich vermissen werde, sind die leeren Landstraßen an Wochenenden, als die ganzen üblichen Ausflugsfahrer weg waren, die ihre schwergewichtigen Familienmitglieder von der Haustür bis zur Gastwirtschaft chauffierten; die ganzen motorisierten IKEA-, Mediamarkt und Einkaufspassagen-Pilger; die ganzen Sparfüchse, die sich einmal bei Aldi und Lidl den Kofferraum mit billigstem Grillfleisch volladen, das, wie wir gerade lernen, auch deshalb so billig ist, weil es unter erbärmlichen Umständen von osteuropäischen Gastarbeitern produziert wird, die mangels Hygiene und Abstand und halbwegs vernünftiger Unterkunft die Corona-Zahlen wieder nach oben treiben; die ganzen Rastlosen, die am verkaufsoffenen Sonntag aus der tiefsten Pampa in die Stadt kamen, als hätte ein Sonntag nichts besseres zu bieten als exakt das, was wir das ganze Jahr von montags bis samstags tun können. Nie war Rennradfahren schöner als in den letzten Wochen, nie die Stimmung entspannter, die Luft besser, die Fahrt sicherer, die Nerven geschonter, das Leben weniger bedroht … Ach ja.

***

Ein interessanter Artikel im Spiegel, der erklärt, warum New York so viel härter von Covid-19 getroffen wurde als Hongkong. Die Voraussetzungen waren ähnlich: Um die acht Millionen Einwohner auf engem Raum, um die 60 Millionen Besucher pro Jahr, die das Virus einschleppen können, aber: 19.000 Tote in New York, in Hongkong dagegen 4 (in Worten: vier). Warum? Kurzfassung: verlorene Zeit. Langfassung: hier nachlesen.

***

Für die Freunde grafischer Veranschaulichung: Hier gibt es die Pandemieverläufe in verschiedenen Ländern zu sehen, und zwar einfach als Liniengrafiken. So sieht man schön vereinfacht, wer es schon geschafft hat (die erste Welle zu beherrschen), wer kurz davor ist und wer noch allerhand vor sich hat.

***

Und um mal kurz aus der weiten Welt nach Bayern zu kommen: Statistische Untersuchungen der LMU München legen nahe, dass die von der Politik ergriffenen Maßnahmen gegen die Pandemie erfolgreich waren. So eine Ahnung hatten wir ja schon (schließlich gehen die Zahlen eindeutig runter), aber hier zeigt sich, dass ein Zusammenhang mit konkreten Maßnahmen nahe liegend ist:

Bis ungefähr 10. März stieg die Zahl der Neuerkrankungen dramatisch an. Danach hat sich die Kurve etwas abgeflacht, ist aber weiter deutlich nach oben gegangen. Um den 16. März machen die Statistiker einen deutlichen Knick aus. Von da an blieben die Erkrankungszahlen in etwa konstant. Vom 23. März an setzt ein starker Rückgang ein, der sich von Anfang April an sogar noch leicht verstärkt.

Die Forscher nehmen an, dass die Infektion im Schnitt fünf Tage vor der Erkrankung stattfand, daraus ergeben sich der 11. und 18. März als markante Daten, an denen sich der Verlauf der Pandemie in Bayern verändert hat. Und siehe da:

„Um den 11. März herum liefen im Fernsehen die schlimmen Bilder aus dem norditalienischen Bergamo“, sagt Küchenhoff [der Statistiker von der LMU]. „Aber vor allem hat Bundeskanzlerin Merkel erstmals massiv zur Meidung von Sozialkontakten aufgerufen und es gab die freiwillige Umstellung auf Heim- und Telearbeit.“ Nach dem 18. März griffen die Schließung von Schulen, Läden und Gastronomie, aber auch die Ausgangsbeschränkungen und die Schließung der Grenzen. Auch LGL-Chef Zapf ist überzeugt, dass es diese harten Einschnitte in das gesellschaftliche Leben waren, die das schnelle Abflauen der Pandemie brachten.

Immer schön, wenn sich Statistik mit eigenem Erleben deckt: Seit dem 10. März bin ich im Homeoffice.

***

Gelesen: Laura Spinney, 1918 – Die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Immer interessant, etwas über eine Pandemie zu lesen, wenn man sich selbst in einer befindet. Diese fand vor gut 100 Jahren statt und wird weitgehend unterschätzt:

Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen. Zwischen dem ersten Krankheitsfall, der am 4. März 1918 gemeldet wurde, und dem letzten, irgendwann im März 1920, tötete die Grippe 50 bis 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung – eine Spannweite, die zeigt, wie vage die Erkenntnisse über die Spanische Grippe auch heute teils immer noch sind.

Und faszinierend zu lesen, dass viele der Maßnahmen, die wir heute ergreifen, damals schon Mittel der Wahl waren, um die Pandemie einzugrenzen:

Als im Jahr 1918 die Influenza meldepflichtig geworden war und man erkannte, dass es sich um eine Pandemie handelt, trat eine Fülle jener Maßnahmen des »Social distancing« in Kraft – zumindest in Ländern, die über die dafür nötigen Ressourcen verfügten. Schulen, Theater und Gotteshäuser wurden geschlossen, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel eingeschränkt und Massenansammlungen verboten. Man verhängte über Seehäfen und Bahnhöfe eine Quarantäne, Krankenhäuser richteten Isolierstationen ein, um Grippekranke von nicht infizierten Patienten zu trennen. Öffentliche Informationskampagnen empfahlen den Gebrauch von Taschentüchern beim Niesen und regelmäßiges Händewaschen; man sollte Menschenmengen meiden, aber viel lüften (weil schon damals bekannt war, dass sich Keime in warmen, feuchten Milieus besonders gut vermehren).

Ebenfalls faszinierend und irgendwie auch sonnenklar, dass die Menschen damals wie heute nach einer Weile die Gefahr vergaßen, weil der Mensch nun mal so ist und das Unangenehme lieber ausblendet. Vor 100 Jahren wurde die Nachlässigkeit mit einer zweiten Pandemie-Welle bestraft, die deutlich heftiger und tödlicher war als die erste. Ich hoffe wirklich, das bleibt uns diesmal erspart …:

Die Bereitschaft der Menschen, Seuchenbekämpfungsmaßnahmen zu befolgen, erlahmte noch mehr. Man ging wieder in die Kirche, suchte Zerstreuung bei illegalen Rennen und ließ die Atemmaske zu Hause. An diesem Punkt geriet die medizinische Infrastruktur, basierend auf Krankentransporten, Kliniken, Grabaushebungen, ins Wanken und brach schließlich zusammen.

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.