Mit Vorsicht zu genießen

Inzwischen haben wir ausgiebig die gelockerten außengastronomische Angebote in Anspruch genommen, was zum einen ein großes Vergnügen war, zum anderen interessant …

Denn die Vorgaben zum Infektionsschutz werden doch recht unterschiedlichen eingehalten. Test Nummer 1: Erlanger Biergarten. Ein wunderbar milder Spätnachmittag, mit dem Rad hin, am Eingang Name plus Telefonnummer hinterlegt, zum Platz geleitet, dort Masken ab, Tische mit viel Abstand voneinander, Bier gut, Essen gut, alles gut. Die Servicekräfte desinfizieren die Tische, bevor neue Gäste kommen, und selbst auf den laminierten Speisekarten wird potenziellen Viren sofort der Garaus gemacht. Genuss: 8 von 10, Hygiene 10 von 10 Punkten.

Test Nummer 2 und 3 auf einer schönen Wanderung auf dem Altmühltal-Panoramaweg: erst auf einer sehr großzügig angelegten Terrasse mit Slowfood-Mittagessen (wir hatten zum Glück reserviert), dann am Ende der Wanderung in einem Biergarten. Beim Slowfood alles top: Liste mit Daten, Tische mit Abstand, grandioses Essen, Genuss und Hygiene: volle Punktzahl (und damit auch die Erkenntnis wie schon im Biergarten Nummer 1, dass beides kein Widerspruch sein muss; die Vorsichtsmaßnahmen finden flott, diskret, im Hintergrund statt, ohne zu nerven; in der Zeitung habe ich gelesen, manche Menschen würden lieber daheim bleiben, weil sie Angst vor Ansteckung haben oder – weil sie nicht einsehen, ihre Daten hinterlegen zu müssen … na gut, für mich ist die Abwesenheit solcher Datenschutz-Betonköpfe ein einigermaßen verkraftbarer Verlust.)

Beim Biergarten: Listen, Abstände, Masken, Desinfektion, soweit alles ok. Aber es war halt Vatertag, neben uns saß eine größere Gruppe an mehreren zusammengestellten Tischen (bestimmt zwei Großfamilien), dann kam eine weitere Gruppe sichtlich angeheiterter älterer Männer (immerhin ohne Bollerwagen) dazu, man begrüßte sich herzlich mit viel Hallo und Gejohle, Umarmung und Schulterklopfen. Und all das weniger aus Vergesslichkeit, mehr aus Trotz, wie man den Gesprächsfetzen entnehmen konnte: dem Virus mal zeigen, was genug Vatertags-Bier aus einem ohnehin schon robusten Immunsystem macht. Corona am Arsch, hoho, und prost! Genuss 7, Hygiene 5, wofür der Biergartenbetreiber wenig kann, was soll er denn machen …

Um diese Erfahrung reicher halte ich es für eine ausgezeichnete Idee, die Biergärten derzeit schon um 20 Uhr schließen zu lassen, denn solche Szenen dürften sich an Nicht-Vatertagen doch eher vermehrt zu fortgeschrittener Stunde abspielen. Und ich bin wirklich froh, dass Ordnungsamt und Polizei meiner Heimatstadt schon vor dem Vatertag deutlich ankündigten, jegliche bollerwagengestützen oder -ungestützten bierseligen Zusammenrottungen mit und ohne Kastenlauf zu unterbinden und mit empfindlichen Strafen zu belegen; die Ermahnungen zeigten Wirkung, in Erlangen, so war der Zeitung zu entnehmen, blieb es komplett ruhig und friedlich, und selbst die angedrohte Reiterstaffel konnte zu Hause bleiben.

Test Nummer 4 bei einer Erlanger Eisdiele war dagegen eine Rückkehr in die guten alten Zeiten, als Corona noch eine Biermarke oder ein Phänomen während der Sonnenfinsternis war. Immerhin Masken beim Personal; Abstände: sosolala; Desinfektion und Eintragung in Listen: Fehlanzeige. Den oben erwähnten Betonköpfen sei dieses Etablissement empfohlen. Dem Ordnungsamt ebenfalls (oder gelten für Cafes und Eisdielen andere Regeln und ich habe was verpasst?). Genuss 7, Hygiene 2 von 10.

Beim Biergarten-Besuch (Nummer 1), dem ersten des Jahres, wurde uns übrigens wieder mal klar, dass Corona vor allem auch im Kopf stattfindet: Ach, ist das herrlich, sagten wir, endlich wieder Biergarten, was waren das für harte zehn Wochen ohne solche Vergnügungen, endlich wieder ein klein wenig Normalität … Allein: Selbst in den normalsten, von keinerlei Pandemie getrübten Jahren begann für uns irgendwann im Mai die Biergarten-Saison. Das Gefühl, hier durch Corona wahnsinnig viel verpasst zu haben, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Vorzeitige Biergarten-Sehnsucht ist eine Corona-Nebenwirkung, die wieder abklingen wird, sobald Corona Geschichte ist.

***

Und sonst so? Dass ich in jedem Corona-Monat ungefähr ein Kilo zunehme (was diese Pandemie mit jedem weiteren Monat zur echten Katastrophe werden lässt), liegt nicht nur am bereits beschriebenen kurzen Weg vom Homeoffice-Arbeitsplatz zum Kühlschrank, sondern auch daran, dass wir viel selbst kochen und uns gelegentlich beliefern lassen. Der magische Akt, aus verschiedenen Lebensmitteln wohlschmeckendes Essen zuzubereiten, ist auch ein Ritual gegen schlechte Laune in der Pandemie. Essen als Soulfood, einen Begriff, den ich sonst etwas albern, derzeit aber ganz passend finde.

Beliefert hat uns etwa Kühners Landhaus (das wir letztes Jahr bei einem Augsburg-Trip kennen und schätzen gelernt haben) mit One Pots: eingekochte, dadurch mehrere Wochen haltbare Currywurst, Chili con carne, Huhn, Schwein in Biersauce, geschmortes Rind und anderes mehr. Selbst gebacken und gekocht haben wir Pizza in diversen Varianten, grünen Spargelsalat mit Tomaten, Brokkolisalat mit Skyr und gerösteten Walnüssen, Flammkuchen mit Ziegenkäse und Trauben und eine im Prinzip klassische, aber mit diversem Gemüse gepimpte Tortilla.

Apropos Pizza: Vincent Klink, der gemütliche und grandiose Sternekoch aus Stuttgart in der Süddeutschen Zeitung über seine gastronomische Corona-Auszeit:

Wir haben am 15. März dichtgemacht, und dann begann eine Zeit, die ich fast als die schönste meines Lebens ansehen würde. Endlich Zeit! Bei mir hat es seit Jahrzehnten so gut wie keine Ferien gegeben. Man ist mal zum Bocuse gefahren, aber das waren Expeditionen, kein Urlaub. Jetzt habe ich den plötzlich. Wenn auch den teuersten Urlaub, den man sich vorstellen kann. Ich verliere im Monat etwa 80 000 Euro, meine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, und klar, meine Altersvorsorge sieht jetzt prekär aus. Aber ich habe eh nicht vor, in Rente zu gehen, dafür macht mir mein Beruf zu viel Spaß. Weil ich mich gut mit mir selbst beschäftigen kann, waren diese Wochen kein Problem. Ich habe die wunderbare Bibliothek meines Großvaters sortiert und mal wieder im „Faust“ gelesen. Ich habe im Gartenhaus gewerkelt und zu Hause die erste Pizza meines Lebens gebacken.

2 Gedanken zu “Mit Vorsicht zu genießen

  1. gestern hatte ich auf Twitter einen Thread von Karl Lauterbach gelesen, in dem er schreibt, dass besagte „Datenschutz-Betonköpfe“ falsche Angaben zur Person machen.
    Ganz abgesehen davon, dass dieses Verhalten der Gemeinschaft gegenüber unfassbar ist (also bitteschön, was wiegt den höher: das Risiko einer lebensgefährlichen Infektion bei den Mitmenschen oder dass der Gastronom weiss, dass Du an dem Abend dort essen warst?). Das ist es, was mich bei Corona so nervt: dieser grenzenlose Egoismus und die katastrophale Dummheit einer Vielzahl von Zeitgenossen.
    Doch das Thema Datenschutz ist damit ja nicht durch. Das Risiko der Datenerhebung wird auf den Betreiber abgewälzt – mit dem Risiko empfindlicher Strafen bei Verstößen.
    Hier wird der Datenerheber im Regen stehen gelassen. Einheitliche vorgefertigte Formulare auf den Seiten des Ministeriums zwecks Rechtssicherheit? Fehlanzeige. Das Recht sich den Ausweis zwecks Kontrolle zeigen zu lassen? Fehlanzeige.
    Man ist darauf angewiesen, dass der Gast/Kunde seine wahre Identität angibt ohne auch nur im mindesten sicher sein zu können, dass Sie auch stimmt.

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, es ist und isst sich vieles recht schwierig. Danke für die Hinweise und die bildlichen Eindrücke.
    Bei meinem ersten Biergarten-Besuch dieses Jahres war ich sehr zufrieden mit Speis und Trank sowie Hygiene.
    Gute Wünsche und schöne Grüße

    Liken

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