Flache Kurven, Problemäpfel, Flatterband-Fitness

Gestern waren die Straßen wie leergefegt. Die Leute blieben zu Hause. Keiner wagte sich vor die Tür. Die zweite Welle war da, und sie schwappte die riesigen Wassermengen, begleitet von Blitz und Donner, bis vor unsere Haustür …

Ist das nicht schön, dass wir wieder über so grundsätzliche Dinge wie das Wetter reden können? Oder über Fußball. Gerade eben hätte die Fußball-EM begonnen in … Dings. Nicht mal das weiß man mehr. So richtig vermisst man sie auch nicht, finde ich.

Dass wir uns wieder anderen Themen zuwenden können, ist – ich werde nicht müde, es zu betonen – ein Segen: eine Mischung aus wissenschaftlicher Kompetenz, kluger Politik und Vernunft der meisten Menschen im Land. In der Grafik (Quelle) manifestiert sich dieser Dreiklang in Zahlen: von 2.000 Corona-Neuinfektionen in Bayern pro Tag auf 20. Respekt und Gratulation an uns alle.

Links und rechts von dieser fundamentalen Erkenntnis, dass das hier bislang sehr gut gelaufen ist und wir uns glücklich schätzen können, tummeln sich skurrile Ausnahmeerscheinungen, denen wir gerne viel Gewicht beimessen, die aber eigentlich zu vernachlässigen sind. Durchgeknallte Aluhut-Träger. Feierwütige Party-People in Berlin. Regulierungsbesessene Schwimmbad-Verantwortliche. Alles ein bisschen egal.

Denn alles in allem läuft‘s bei uns, obwohl Läden größer 800 Quadratmeter geöffnet haben, obwohl Erntehelfer einreisen dürfen, obwohl die Bundesliga wieder spielt, obwohl wir wieder einfach so, ohne guten Grund vor die Tür gehen und im Biergarten sitzen dürfen …

Behalten wir also aufmerksam ein Auge auf der abgeflachten Kurve und kümmern uns kurz um andere Themen.

***

Zum Beispiel dieses: Ich konnte ungefähr die letzten 20 Jahre meines Lebens keinen Apfel essen. Jooaah, gut, Nachrichtenwert nahe Null, sagt ihr jetzt. Aber so ist das mit Selbstverständlichkeiten, die vermisst man erst, wenn man sie nicht mehr hat. 20 Jahre. Keinen. Apfel. Das ist schon krass, man gewöhnt sich natürlich daran, aber es fehlt definitiv etwas. Grund war eine Kreuzallergie, die mit frühblühenden Bäumen begann und mit Äpfeln und Kernobst endete.

Damit war ich nicht allein, wie ich jetzt in der SZ gelernt habe: Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland haben eine Apfel-Allergie, Tendenz steigend. Der Grund dafür ist auch bekannt:

Für Kritiker von hochgezüchteten Agrarprodukten ist die Geschichte von den Apfelallergien nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die industrielle Landwirtschaft Mensch und Umwelt krank macht. Von den Streuobstwiesen mit ihren hohen und vielfältigen Bäumen können nicht nur Insekten und Vögel profitieren, weil sie hier eine größere Artenvielfalt vorfinden als zwischen den niedrigen Obstbäumen der Monokulturen, sondern offenkundig auch der Mensch. Die Neuzüchtungen sind für Supermärkte geeignet, weil sie sich gut lagern lassen, den Transport gut überstehen, glänzen und meist besonders süß sind. So gehen die im Handel üblicherweise erhältlichen Sorten letztlich auf sieben zurück, obwohl es weltweit Zehntausende verschiedene Apfelsorten gibt, allein im deutschsprachigen Raum sollen es früher bis zu 5000 gewesen sein.

Sieben Apfelsorten statt 5.000, die noch dazu alle gleich aussehen und weitgehend gleich schmecken, schönen Dank auch. Und die zunehmend für Allergien verantwortlich sind:

Die alten Sorten enthalten mehr Vitamin C und andere Antioxidantien, die gegen die schädlichen freien Radikale helfen, sowie mehr sekundäre Pflanzenstoffe wie die Polyphenole, die als Schutz vor Entzündungen und Krebs gelten. Sie sorgen außerdem für das Aroma des Apfels, aber sie erzeugen auch die inzwischen eher unbeliebte Säure und haben zur Folge, dass das Fruchtfleisch beim Aufschneiden schnell braun wird – das will kein Kunde mehr. Deshalb werden die Polyphenole den Äpfeln für den Handel abgezüchtet. Nur binden diese Stoffe auch die Allergene, sodass Äpfel mit wenig Polyphenolen zu Problemäpfeln für Allergiker werden.

Mein Weg zurück zu Äpfeln führte ähnlich wie im SZ-Artikel (hinter der Paywall) beschrieben über eine Art Desensibilisierung durch alte Apfelsorten. Irgendwo in der Region jemanden entdeckt, der die noch verkauft, vorsichtig probiert, allmählich wieder an die Supermarkt-Äpfel rangewagt – hat funktioniert.

***

Und sonst so? Die Fitness-Studios haben auch in Bayern wieder geöffnet. Gute Sache. Das Ganze hat zwar deutlich Baustellen-Charakter mit viel Flatterband und Einbahnstraßen und Markierungen, aber ich hatte nach dem ersten Besuch nach Monaten doch einen gepflegten Muskelkater, was zeigt, dass da ein bisschen was vernachlässigt wurde.

Und dann können wir ja derzeit schön draußen Sport machen. Am Wochenende etwa eine grandiose Radfahrt von Bad Staffelstein nach Erlangen. Hin mit dem Zug in 40 Minuten, zurück mit dem Rad in 3,5 Stunden mit ein paar Schlenkern über die Berge. Allerdings auch grandios anstrengend, weil es wahnsinnig heiß war (bevor dieser anfangs erwähnte üppige Regen kam).

***

Sehenswert: Es war einmal in Amerika (auf Netflix). Letztens hatte ich euch ja schon von Sergio Leone-Erlebnissen erzählt, diesmal haben wir uns diesen Klassiker angeschaut, den ich zuletzt vielleicht vor 30 Jahren gesehen habe. Fast vier Stunden lang. Immer noch großartig und ikonographisch in Bild und Ton. Das Telefon! Der Müllwagen! Die Brücke! (Letztere, die Manhattan Bridge, habe ich aus filmnostalgischen Gründen vor zwei Jahren beim New York-Besuch fotografiert.)

Ebenfalls sehenswert: The Founder (auf Amazon Prime). Die Geschichte des Mc Donald‘s Gründers, der gar nicht der Mc Donald‘s Gründer war, sondern den Mc Donald‘s Gründern ihre Idee und ihr Geschäftsmodell geklaut hat. Ein guter Film und ein Lehrstück in Sachen Erfindergeist und Kapitalismus.

2 Gedanken zu “Flache Kurven, Problemäpfel, Flatterband-Fitness

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.