Freiheit ist ja auch so eine Sache

Ein Nachtrag zum Auto vs. Fahrrad-Thema von letzter Woche. Nach wohltuender Pause wieder mal einige Corona-Anmerkungen – es steht zu befürchten, dass dieses Thema dauerhaft ins Blog zurückkehrt. Beginnen wollen wir aber mit Sandwiches …

Ja, doch, man kann es mit der Freiheit auch übertreiben. Nehmen wir ganz pragmatisch mal die Freiheit bei Subway, nach Herzenslust und Geschmack wirklich alles zu kombinieren, was man will. Maximale Freiheit beim Bestellen. Mag ich nicht. Nicht nur weil mir die Sandwiches bei Subway nicht schmecken, sondern weil ich zu viel Auswahl hasse. Ein wenig Auswahl – ok. Sich auf einen Pizzabelag einigen – meinetwegen. Aber alles mit allem kombinieren zu können, überfordert mich. Ich stehe dann ratlos an der Theke, antworte auf die zahllosen Fragen, ohne richtig zuzuhören, und bekomme am Ende natürlich ein Sandwich, das irgendwie seltsam schmeckt. Ich brauche Standards, aus denen ich auswählen kann, das ist mein Ding. Die fünf beliebtesten Sandwiches unserer Kunden – damit kann ich leben, da ist was für mich dabei. Immerhin, ich bin nicht der einzige, dem es so geht:

Ja, auf jeden Fall kann es bei Subway zu bestellen locker mit zehn Runden Quizduell während einer stinklangweiligen S-Bahn-Fahrt aufnehmen. Fragen über Fragen über noch mehr Fragen. Dabei winken als Gewinn weder Highscore noch Ruhm noch Ansehen und schon gar keine 100.000 Euro, sondern nur eine Stulle.

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Wahre Freiheit, das wissen wir alle, besteht darin, ohne Tempolimit wie ein Bescheuerter über eine deutsche Autobahn brettern zu dürfen. Wie absurd das ist, wurde mir bei der Lektüre dieses Interviews mit einem Verkehrstherapeuten wieder mal bewusst. Er spricht einige einfache Wahrheiten aus („Beim Autofahren hört der Verstand auf“), und begründet sie (wir alle schätzen zum Beispiel völlig falsch ein, wie viel Zeit wir sparen, wenn wir schneller fahren als erlaubt). Würde Vernunft auf der Straße vorherrschen, müssten natürlich auch alle für ein Tempolimit sein, denn die „Durchflusskapazität von Straßenabschnitten hängt von der Durchschnittsgeschwindigkeit und der Homogenität der Geschwindigkeit ab“, sprich weniger Tempo bedeutet für die Gesamtheit (!) der Verkehrsteilnehmer weniger Stress, weniger Stau und weniger Zeitverlust.

„Aber meine Freiheit!“, mault das Individuum … Faszinierend, dass nicht wenige ausgerechnet beim Autofahren Freiheit für sich reklamieren. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bekanntlich was das lautstarke Einfordern von Freiheitsrechten für seine Bürger nicht zimperlich ist, gilt dagegen all überall ein Tempolimit mit 55 Meilen pro Stunde, knapp 90 Stundenkilometer, und keiner beklagt sich. Was dem US-Amerikaner sein Recht ist, im zivilisiert scheinenden 21. Jahrhundert jederzeit eine Waffe zu tragen, ist dem Deutschen sein Anspruch, ein Geschoss auf vier Rädern mit unbegrenztem Tempo durch die Gegend zu jagen. Ist irgendwie auch nicht besser. Und wie kommt es nun, dass wir ausgerechnet im Auto zum Idioten mutieren, und andere Verkehrsteilnehmer (wie Radfahrer) wie Gegner behandeln?

Beim Autofahren sind Sie von der sinnlichen Erfahrung des Fahrens abgeschlossen, Sie spüren keinen Fahrtwind und die Geräusche sind gedämpft, während Sie in Ihrer eigenen Zivilisationsblase sitzen. Deshalb neigen wir dazu, als Autofahrer nicht Menschen um uns zu sehen, sondern den roten Sportwagen oder den schwarzen Kombi vor uns. Wir tun so, als hätten wir es im Verkehr mit Fahrzeugen und Objekten zu tun, nicht mit Menschen. Verkehr ist aber die Bewegung von Menschen, das ist ein Kommunikationsprozess, bei dem wir eine ganze Menge über Kommunikation aushandeln müssen.

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Es führt wohl kein Weg daran vorbei, dass wir uns nach und nach wieder mehr mit dem Thema Corona beschäftigen müssen. Die Nachlässigkeiten nehmen zu, das Virus verbreitet sich nach wie vor massiv, auch wenn wir in Deutschland, etwa verglichen mit den USA, noch paradiesische Verhältnisse haben.

Was selbstverständlich auch zur Freiheit des Individuums gehört: jeden auf YouTube verbreiteten Unsinn glauben zu dürfen. Von dieser Freiheit machen immer mehr Menschen Gebrauch, jedenfalls hat die Zahl oder Sichtbarkeit von Verschwörungstheoretikern in meinem Umfeld zuletzt deutlich zugenommen. Vielleicht habe ich die bislang konsequenter ignoriert, vielleicht werden es mehr je länger die Pandemie dauert, wer weiß das schon. Ein beliebtes Märchen der Verschwörungstheoretiker ist auf jeden Fall, dass Menschen gar nicht an, sondern mit Corona sterben. Ist Quatsch, bleibt Quatsch, kann jeder nachlesen, der will (aber natürlich will nicht jeder, denn auch das gehört zur Freiheit, nur Videos von irgendwelchen raunenden Klugscheißern auf YouTube anzusehen und alle auch nur halbwegs seriösen Quellen zu ignorieren):

Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigen nun erneut zwei Studien aus Italien. Die Botschaft lautet vielmehr: Die Zahl der Corona-Toten ist noch viel höher, als die offiziellen Statistiken bislang ahnen ließen. (…) Zahlreiche coronabedingte Todesfälle sind den Behörden demnach entgangen – auch weil Menschen, die zu Hause oder in Heimen starben, nicht auf Sars-CoV-2 getestet und deshalb nicht als Covid-19-Fälle gezählt wurden.

Und wo wir schon um die Themen Corona und Freiheit kreisen: Dass Masken nichts bringen und nur ein Mittel der Merkel-Diktatur zur Unterdrückung von Freiheit und Demokratie sind, ist noch so ein Märchen der Verschwörungstheoretiker. Hat Donald Trump ja auch lange erzählt (ohne Merkel-Kontext). Was ich mich frage: Nachdem jetzt selbst Trump eine Maske aufsetzt, korrigiert da der einfache Verschwörungstheoretiker seine Verschwörungstheorie? Ist Maske jetzt auf einmal doch ok, weil Donald, der Oberguru der Verschwörungstheoretiker, seine Absolution erteilt hat? Oder ist Donald jetzt Teil der großen Verschwörung, noch einer, der zur dunklen Seite der Macht gewechselt ist, haben wir jetzt eine Merkel-Trump-Diktatur? Muss ich dringend mal recherchieren.

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Dass die Grünen ein kleines Problem mit der Wissenschaft haben, ist bekannt. Man kritisiert zwar gerne und zu Recht die Fakten-Leugner von der AfD am anderen Ende des politischen Spektrums, nimmt sich aber selbst gerne die Freiheit, den akademischen Experten mal zu glauben und mal nicht, wie es gerade passt. Einerseits zitiert man liebend gerne Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Parteipolitik etwa beim Thema Klimawandel stützen, andererseits gibt es ein paar Themen, bei denen man doch lieber einer Ideologie anhängt und Erkenntnisse, selbst wenn sie breiter Konsens unter Forschern sind, ignoriert oder leugnet:

Zur Wissenschaft zählen für viele Grüne auch Homöopathie, die magischen Praktiken der „biodynamischen“ Landwirtschaft und die vielen Außenseiter, die behaupten, Impfen verursache Autismus oder doch zumindest Entwicklungsverzögerungen beim Kind, „Fremdgene“ im Mais führten zu Krebs, man könne Wasser „feinstofflich-energetisch beleben“ und die „Natur“ könne zwischen „natürlichen“ und „chemisch-synthetischen“ Stoffen unterscheiden. Die Beispiele für derlei Alternativ-„Wissenschaft“ sind Legion.

Dabei hätten die Grünen die Chance, sich als Modernisierer zu präsentieren und alt(grün)e Dogmen über Bord zu werfen. Sieht aber nicht so aus. Die Parteivorsitzenden etwa schweigen zu den Themen hartnäckig. Kann man hier nachlesen.

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Genug gejammert. Frei von Schule ist inzwischen auch Kind Nummer 2. Wie viele andere dieses „Corona-Jahrgangs“ hat er unter widrigen Umständen sein Abi geschafft. Die Zeugnis-Übergabe konnten wir immerhin virtuell per Live-Stream auf YouTube verfolgen. Ansonsten leiden unter dieser spaßbefreiten Zeit auch die Abiturienten: keine Abifahrt, keine Abifeier, kein Abiball. Hier, Zeugnisse, bitte, danke und tschüss. Na ja. Das Kind hat die Zeit aber genutzt und eben mal ein Start-Up gegründet und frisch gelauncht, einen Online-Shop mit nachhaltigen und hochwertigen Klamotten mit Graffiti-Motiven. Ein Beispiel seht ihr auf dem Titelbild dieses Beitrags. Nennt sich StreeT-Shirts, und ihr könnt euch das hier mal anschauen und, noch besser, sofort etwas kaufen. Ich bin so frei, hierfür ein bisschen Werbung zu machen. Bitte, danke und tschüss.

5 Gedanken zu “Freiheit ist ja auch so eine Sache

  1. „Was ich mich frage: Nachdem jetzt selbst Trump eine Maske aufsetzt, korrigiert da der einfache Verschwörungstheoretiker seine Verschwörungstheorie? Ist Maske jetzt auf einmal doch ok, weil Donald, der Oberguru der Verschwörungstheoretiker, seine Absolution erteilt hat? Oder ist Donald jetzt Teil der großen Verschwörung, noch einer, der zur dunklen Seite der Macht gewechselt ist, haben wir jetzt eine Merkel-Trump-Diktatur? Muss ich dringend mal recherchieren.“
    Köstlich, die Antwort steht freilich noch aus – wir werden sie wohl nicht bekommen, oder es wird heimlich still und leise einfach nicht mehr darüber geredet. Wäre ja auch schon was :-)

    Zum Verkehrstherapeuten: das ist eine interessante Betrachtung, die man sich als Autofahrer bewusst machen sollte. Da ich in allen Rollen unterwegs bin, merke ich schon auch, dass es etwas anderes ist, im Auto zu sitzen als z. B. auf dem Motorrad, wo ich auch noch auf alle anderen acht geben muss. Aber spannend die Entpersonalisierung der anderen Verkehrsteilnehmer (der rote …)

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  2. Seufz – als Mitglied der Grünen seit mehr als 25 Jahren muss ich zum bashing natürlich etwas sagen. Jede Partei hat die Mitglieder die beitreten und nicht sie sie verdient. Ja – um den Verschwörer Attila zu erwähnen, es gab auch mal Untergrundtexte einzelner grüner Mitglieder vor mehr als dreißig Jahren die über Sexualität mit Kindern nachdachten, genauso wie vor mehr als 30 Jahren Münchner und andere Jusos schriftlich philosophierten, ob man das Ende des Kapitalismus mit der Entfernung von dem sehr wertgeschätzten und in diesen Tagen betrauerten Hans-Jochen Vogel von dieser Welt einläuten könnte.

    Und doch sind die Grünen heute eine moderne, weltoffene und fortschrittsfreundliche Partei die Ökologie und Ökonomie versöhnen und Dogmen über Bord geworfen hat. Dies werden wir in einem modernen Grundsatzprogramm Ende 2020 auch dokumentiert haben. Der Diskussionsprozess ist öffentlich und der aktuelle Status hier nachzulesen: https://cms.gruene.de/uploads/documents/202006_B90Gruene_Grundsatzprogramm_Entwurf.pdf

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  3. Wieder mal sehr treffende und lesenswerte Gedanken!
    Nur bei einem kleinen Detail kann ich nicht ganz mitgehen: Die Grünen indirekt ans der AfD gegenüberliegende Ende des politischen Spektrums (und damit in die linksradikale bzw. -extreme Ecke) zu setzen finde ich überzogen und unnötig. Nichts gegen die berechtigte Kritik an deren Neigung zu Esoterik und selektiven Rückgriffen auf wissenschaftliche Erkenntnisse – da bin ich durchaus bei Dir, aber diese generalisierte Einordung dürfte auch nicht ganz im Einklang mit dem aktuellen Erkenntnisstand der seriösen Wissenschaft (hier: Politikwissenschaft) sein. Just my 5 Cents…
    (bin übrigens weder Grünen-Anhänger oder gar -mitglied, aber auch kein Grünenhasser)

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