Abbruchpunkte

Kennt ihr diesen Moment beim Lesen eines Buchs oder Anschauen einer Serie, in dem ihr euch fragt: Ersthaft? Das soll ich mir weiter antun? Für diesen oft erlebten Moment habe ich endlich die passende Bezeichnung gefunden …

Maximilian Buddenbohm hat einen sehr schönen Text geschrieben über einen Schwimmbadbesuch mit seinen Söhnen (lesen bitte), in dem mir vieles bekannt vorkam, da ich auch einige Schwimmbadbesuche mit Söhnen hinter mir habe … Von Schwimmkursen in minikleinen, brühwarmen Krankenhausschwimmbecken bis hin zu Spaßbadbesuchen mit Wellen, Rutschen und Gedöns. Und ja, auch die Schwimmbadpommes kenne ich natürlich, nur bin ich der Meinung, dass die noch nie geschmeckt haben, dass die Geruchsmischung aus Chlor, Fett, Salz und Ketchup nur nostalgische Erinnerungen an glückliche Kindheitstage weckt, was aber natürlich jenseits von geschmacklichen Fragen auch viel wert ist.

Aber ich will auf etwas anderes hinaus, denn im erwähnten Schwimmbadtext geht es auch ums Lesen:

Wir legten uns also auf die Liegen und lasen. Ich las den Mannschen Hochstapler Felix Krull, hauptsächlich um ihn durchzukriegen, eher nicht aus reinem Genuss, denn das Buch gefiel mir nicht. Aber ich war schon über den Abbruchpunkt hinaus, jetzt wollte ich es auch komplett schaffen, ich wollte ihn erledigt haben, abgehakt und wieder wegsortiert. Ich überlegt zwischendurch einen Moment, ob es nicht irre tiefsinnig wäre, nur so zu tun, als würde ich den Felix Krull lesen, das wäre doch überaus meta … aber dann rief ich mich wieder zur Ordnung und fraß mich durch die Stunden und die Kapitel und dieses reine Fertigwerden, das ist bei Büchern manchmal eben auch eine Lust, Sie kennen das vielleicht. Ich wollte dieses Buch durchgearbeitet haben, ich fand das entspannend. Wellness ist eine individuelle Angelegenheit.

An diesem „Abbruchpunkt“ bin ich hängen geblieben – ein schöner Begriff für ein diffuses Phänomen, finde ich.

Es ist dieser Moment beim Lesen eines Buchs (oder beim Konsum anderer Medien), in dem man das untrügliche Gefühl hat, dass die Zeit, die man investiert, und der Nutzen oder Genuss, den man dafür bekommt, in keinem guten Verhältnis mehr stehen. Abbruchpunkte sind dabei in der Regel eher Abbruchzonen, die ich bei mir daran erkenne, dass ich mich gerne ablenken lasse (ach, nochmal schauen, ob sich im Kühlschrank seit dem letzten Kontrollgang auf magische Weise neue Verführungen eingefunden haben); dass ich beginne nachzuschauen, wie lange denn das Kapitel noch geht; und dass ich anfange Zeilen, Absätze und irgendwann ganze Seiten zu überfliegen, um mal ein bisschen voranzukommen.

Je älter ich werde desto weniger Hemmungen habe ich, an Abbruchpunkten konsequent abzubrechen. Früher war mehr Quälerei sozusagen. Vielleicht weil ich den Kaufpreis im Hinterkopf hatte (man will ja nichts zum Fenster rauswerfen) oder weil jemand das Buch stürmisch empfohlen hatte (muss ja gut sein) oder weil es vom berühmten Autor XY ist (dito). Aber irgendwann merkte ich, dass Abbruchpunkte zu ignorieren keine gute Idee ist, weil das bei mir für zunehmend schlechte Laune sorgt. Wenn man einen Abbruchpunkt zu lange ignoriert, kommt irgendwann der Durchhaltepunkt: Jetzt hab ich schon so weit gelesen (gesehen, gehört …), jetzt bringe ich‘s noch zu Ende. Ist aber in der Regel keine gute Idee, bei mir persönlich ist das „reine Fertigwerden“ (siehe oben) in der Regel keine Lust, sondern führt unweigerlich zum Gedanken: Hätte ich mal lieber rechtzeitig abgebrochen!

Ich muss aber auch zugeben, dass ich heute ein fast hundertprozentiger Spaß- und Genussleser bin. Das war früher anders. Ich habe ja mal Germanistik studiert und bin vermutlich einer der wenigen Menschen auf Erden, der alle vier Goethe-Romane gelesen hat. Ich las die, weil ich irgendwie der Meinung war: Wenn Goethe schon so wenige Romane geschrieben hat, sollte ein Germanist sie gelesen haben. Nun ja, der Werther ist toll, die Wahlverwandtschaften sind ganz nett, bei Wilhelm Meister aber häufen sich die Abbruchpunkte massiv, die Lehrjahre sind gerade noch aushaltbar, aber die Wanderjahre eine einzige sehr längliche Zumutung. Heute würden mich jedenfalls keine zehn Pferde mehr dazu bringen, die Wanderjahre nicht frühzeitig abzubrechen.

Wie schon angedeutet gibt es natürlich auch in Filmen, Serien und Musik Abbruchpunkte, und besonders wichtig scheint mir deren Beachtung bei Serien zu sein, denn hier lässt sich ein Haufen verschwendeter Lebenszeit sparen. Das gequälte Vordringen in Serien vom Abbruchpunkt zum Durchhaltepunkt sorgt bei mir immer und ausschließlich für Verdruss – wann hat je eine großartige Serie schleppend und langweilig begonnen, wann hat eine vorhersehbare Handlung je unerwartete Dynamik entwickelt, wann haben Drehbuchautoren eindimensionalen, holzschnittartigen Figuren je im hinteren Drittel echtes Leben eingehaucht? Eben.

Und auch bei Serien gibt es natürlich Zeichen, dass der Abbruchpunkt erreicht ist. Der Kühlschrank ist selbstredend auch hier ein Warnsignal, wobei auch gute Serien gelegentlich Verpflegungs-Nachschub vertragen. Die ultimative Alarmglocke ist in meinem Fall aber der sich häufende Griff zum Smartphone. Ich weiß, manche Menschen ahnen gar nicht, dass man auch ohne Smartphone in der Hand fernsehen kann, dass es kein Second-Screen-Naturgesetz gibt, dass man sich tatsächlich auf eine Sache konzentrieren kann, ohne auf der Stelle vor Langeweile tot umzufallen. Ich bin da etwas altmodischer gestrickt und halte Multitasking sowie so für eine Legende. Daher: Je häufiger der Griff zum Smartphone während einer Serie, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Abbruchpunkt erreicht oder überschritten ist.

Interessanterweise bin ich bei Filmen toleranter. (Ausnahme zuletzt: The Irishman auf Netflix … Gigantische Abbruchpunkte nach spätestens 30 Minuten, gesparte Lebenszeit: 3 Stunden.) Ich habe tatsächlich noch nie vorzeitig einen Kinosaal verlassen. Was nicht heißt, dass ich jeden Kinofilm zu Ende geschaut habe. Aus Abbruchpunkten werden bei mir in dunklen Räumen gelegentlich Einschlafpunkte. Auch eine Lösung :-)

8 Gedanken zu “Abbruchpunkte

  1. Lieber Herr Buggisch,
    ich grüße Sie. Auch diesen Beitrag habe ich wieder mit Interesse gelesen. Unser letzter Kontakt in Persona datiert schon einige Jahre zurück. Mein damaliger Arbeitgeber und der Ihre hatten gemeinsame Sache gemacht. Informationen sollten verständlich ausgearbeitet und in Medien aufbereitet werden. Mein Gedächtnis sagt mir, es sei dabei thematisch um das zeitgemäße Verarbeiten von Daten im Geschäftsumfeld gegangen, im Speziellen deren Sicherheit. Möglicherweise teilen Sie, spontan oder nach einiger Anstrengung, diese Erinnerung? Wie auch immer – im Folgenden möchte ich auf etwas anderes hinaus.

    Zu jener Zeit (es müsste 2010/11 gewesen sein) las ich erstmals in Ihrem Blog. Das mache ich bis heute gerne. Zugegeben, nicht jede Ihrer Einschätzungen deckt sich mit den meinen. In den „Abbruchpunkten“, wie Herr Buddenbohm und Sie sie hier nun aber diskutieren, habe ich mich sofort wiedergefunden. Dies mag auch in meinem Fall dem Studium der Germanistik geschuldet sein (Germanist = Bücher = lesen usw.). Es mag ebenso damit einhergehen, dass auch ich mich nicht erinnern kann, einen Kinosaal verlassen zu haben, bevor der Film zu Ende war (…genau genommen gab es auch kein Einschlafen). Ähnliches beim Lesen. Ist doch klar, dass nicht jede Erzählung (…auf Papier oder Bildschirm) herausragend war. Viele waren mittelprächtig, manche weniger als das.

    Bisweilen ermöglicht bereits das Sichten des ersten Drittels eine gute Ersteinschätzung, wohin die weitere Reise gehen wird. Fällt der Ausblick trübe aus, weshalb fortfahren? Die von Ihnen genannten Gründe passen (…zumindest in meinem Fall) wie Deckel auf Topf: Hat was gekostet. Wurde mir vom Umfeld empfohlen, kann so schlecht also nicht sein. Da sind Leute vom Fach, die sagen, es ist ein Klassiker, also muss er es sein. Geleitet durch solche Denke, habe ich mich Abbruchgelüsten schonmal widersetzt. Mitunter zurecht. Alexis Sorbas (…die Verfilmung aus 1965) und der Kater Murr (…als Roman von E.T.A. Hoffmann) sind solche Fälle.

    Den Griechen habe ich, Asche auf mein Germanistenhaupt, nie gelesen. Der Verfilmung des Stoffs mit Anthony Quinn wurde ich erst vor wenigen Jahren gewahr, als sie im TV ausgestrahlt wurde. Der mitunter merkwürdige Plot mündet im weiteren Verlauf in eine Ode an die Freundschaft, das Festhalten an Träumen, und er zeichnet die Unzulänglichkeiten des menschlichen Wesens. Den Murr hatte ich während meines Studiums mühselig bis zur Hälfte durchkämmt. Dann, oh Wunder, beginnt die Erzählung damit, die zuvor geschilderten, scheinbar zusammenhanglosen Fragmente, stimmig zu einem Ganzen zu flechten. Ob solcher (…vereinzelter) Fälle würde ich der von Ihnen im Blogbeitrag (…freilich in Bezug auf Serien) getroffenen Aussage widersprechen wollen, „wann hat je eine großartige Serie schleppend und langweilig begonnen, wann hat eine vorhersehbare Handlung je unerwartete Dynamik entwickelt?“

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    • Und viele Grüße zurück :-) Ja, ich erinnere mich, allerdings nicht mehr an die inhaltlichen Details … Den Kater Murr haben wir tatsächlich in der Schule gelesen, LK Deutsch, und ich fand ihn damals komplett interessant, wer weiß, ob das heute noch gelten würde. Das ist ja auch interessant, dass alles seine Zeit hat: Wenn ich gelegentlich zu einem Buch greife, das ich früher gerne gelesen habe, kann es heute frühzeitig zum Abbruch kommen, weil die Zeit dafür einfach vorbei ist …

      Liken

      • Da haben Sie wohl recht. Mir fiel das mal bei der Klamotte Spaceballs auf. Als Twen, so meine Erinnerung, hatte ich den gut gefunden. Helmchen als gar nicht so schwarzer Lord, der halb-Mensch-halb-Köter-Möter … waren lustig, irgendwie. Vor einiger Zeit lief der mal wieder im Fernsehen. Könnte man sich anschauen, dachte ich mir. Das Gedächtnis auffrischen. Was soll ich sagen? Schon nach den ersten Szenen überkam mich das Gefühl, mit solcher Art Star-Wars-Persiflage zu fremdeln (konkreter: mit der Brooks’schen Komik hernach wenig bis nüscht mehr anfangen zu können). Die Folgeminuten taten ihr Übriges. Schnell ward das Teil wieder abgeschaltet. Manches im Leben ist einfach zeitgebunden. Im genannten Fall ist’s ja nur ein Film. Also nicht weiter schlimm …

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  2. Danke für die engagierte Erörterung eines oder der Abbruchpunkte.
    Geht mir auch so. Beim Abi-Treffen erinnerte ich mich, während der Schulplatzmiete im Opernhaus zur Pause abgebrochen zu haben, während mir dies im Schauspielhaus nicht einfiel.
    Ja, abbrechen Unpassendes. Und später vielleicht wieder Aufnehmen, wenn die Zeit reif ist beim Lesen, Chorsingen, Schauen –
    gute Wünsche und Grüße

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  3. Da stimme ich zu. Was für ein wunderbarer Begriff! Das Englische „to cut your losses“ kommt da nicht wirklich mit. Auch Deine feinen Beobachtungen, woran man merkt dass ein Abbruchpunkt dräut, erinnern mich nur zu gut an meine eigene Erfahrung :-)

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  4. Abbruchpunkte? Kenne ich ebenfalls bei Büchern (z.B. „Vom Winde verweht“ auf Seite 3; gewünschter, aber wegen Deutschunterricht unmöglicher Abbruchpunkt bei „Romeo und Julia auf dem Dorfe“) bei Filmen, bei „musikalischen Ereignissen“ aus dem Radio (nicht aber bei „Radio Gaga“) und … bei Besprechungen!!!!
    Und jetzt werde ich mir, nach dem Lesen des Blogs und der Kommentare, den Kater Murr aus dem Bücherregal holen und ihn nach so vielen Jahren wieder lesen. Inklusive der Bleistift-Kommentare aus dem Deutsch-LK. Danke für diese schöne Idee.

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