Schweigen ist Gold

Spätestens nach den jüngsten Corona-Demos in Berlin, Stuttgart und was weiß ich wo dürfte den meisten klar geworden sein: Ein gewisser Anteil der Bevölkerung hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Aber muss man diese coronabesorgten Bürger nicht dennoch ernst nehmen? Mit ihnen reden? Sie überzeugen? Sie aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien?

Nachdem ich, das dürft ihr mir glauben, viele Diskussionen mit Realitätsverweigerern (insbesondere rund um die Themen Impfen und Homöopathie) geführt habe, glaube ich die Grenze einigermaßen zu kennen, jenseits derer Gespräche nicht mehr lohnen, Diskussionen nur Nerven kosten und ein halbwegs fruchtbarer Austausch von Argumenten unmöglich ist. Ich versuche mal diese Grenze im Folgenden anhand kritischer Aussagen zu Corona zu visualisieren:

Masken nerven.
Das RKI war doch am Anfang auch gegen Masken.
Die Experten sind sich ja auch nicht einig.
Ist Corona überhaupt so gefährlich wie alle behaupten?
An der Grippe sterben viel mehr Menschen.

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Die Mainstream-Medien berichten ja auch sehr einseitig zu Corona.
Schaut euch dieses YouTube-Video an, da sagt endlich mal jemand die Wahrheit.
Die Menschen sterben gar nicht an, sondern mit Corona.
Freiheit heißt keine Maske tragen zu müssen.
Corona ist der Einstieg in die Diktatur.
Jetzt setzt die Regierung ihren heimlichen Plan zur Unterdrückung des Volks durch.
Corona dient doch nur dazu, dass Bill Gates mit Impfungen noch reicher wird.

Es ist die Grenze zu einem hermetisch abgeriegelten Schattenreich, wo Unvernunft, Besserwisserei, Freund-Feind-Denken und intellektuelle Trägheit regieren und sich zu einem Konglomerat aus pseudoreligiöser Ideologie vermischen, das sich jeder rationalen Ansprache oder Kritik entzieht.

Jenseits dieser Grenze ist Reden Zeitverschwendung und Schweigen Gold. Genauso gut könntet ihr versuchen, Joseph Ratzinger auf dem Sterbebett davon zu überzeugen, dass die Sache mit der Auferstehung aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht sehr wahrscheinlich ist.

Diesseits der Grenze sieht die Sache anders aus, um auf die Beispiele oben zurückzukommen. Es ist ein Unterschied, ob man Masken blöd findet oder als Symbol für staatliche Unterdrückung sieht. Der Hinweis auf uneinige Experten ist legitim und könnte zu einer spannenden Diskussion führen, wie Wissenschaft „funktioniert“ und dass sie eben nichts mit der Propagierung ewiger Wahrheiten zu tun hat, für die pseudoreligiöse hermetische Schattenreiche zuständig sind. Die Frage, wie gefährlich Corona tatsächlich Im Vergleich zu anderen Risiken des Lebens ist, welche Maßnahmen dadurch gerechtfertigt sind und wie hoch der Wert des reinen Überlebens (zum Beispiel im Vergleich zu schulischer Bildung und seelischer Gesundheit) ist, ist sehr berechtigt. Und ein Vergleich zwischen Corona und saisonaler Grippe würde tief in Statistiken und damit zu relevanten Fakten und deren Interpretation führen.

Diesseits der Grenze herrscht Unsicherheit, es werden Fragen gestellt mit einem echten Interesse an Diskurs und Antworten. Jenseits wurden alle Antworten längst gefunden und unerschütterlich ins Glaubensgebäude einzementiert. Und genau deshalb muss man jenseits der Grenze nicht mehr zuhören, nicht mehr mitreden und sich nicht die Zeit stehlen lassen von Leuten, die glauben „die Wahrheit“ zu kennen.

***

Mit diesem Thema befassen sich auch mehrere Beiträge, die ich euch zur Lektüre empfehle. Hier zum Beispiel: Karneval der Aluhüte. Viel Aufregung über Corona-bedingte Restriktionen, viele Bedenken und Beschwerden – nur definitiv von den Falschen:

Es gibt eine ganze Menge Mitmenschen, die sehr viele gute Gründe haben, gegen diese Maßnahmen zu protestieren. Weil sie wirklich existenziell geschädigt sind. Kleinunternehmer und Kleinselbstständige, Freiberufler, Künstler und Kulturschaffende, Gastronomen, Theaterleute, Musiker, Reiseveranstalter etc. etc. Denen sind massiv Einnahmen weggebrochen, viele hängen an der Grundsicherung, haben Insolvenz anmelden müssen bzw. wissen nicht, wie lange sie noch durchhalten. Möchte ich nicht tauschen mit. Auch nicht mit Home Schooling-geplagten Eltern übrigens. Protestieren tun aber, wie es aussieht, vor allem teilenthirnte, größenwahnsinnige, wohlstandsverwahrloste Dunning-Kruger-Opfer mit einem in jeder Hinsicht maßlosen, kindlich-totalitären, über Leichen gehenden Freiheitsbegriff, denen die viele Tagesfreizeit der letzten Monate augenscheinlich eher geschadet denn genützt hat. Die zudem so schmerzfrei sind, Seit‘ an Seit‘ mit Rechten, Nazis und anderen, teils vorbestraften Blitzbirnen zu latschen, Journalisten mit Gewalt zu bedrohen (ah, die Freiheit!) und sich allen Ernstes ein neues 1989 zusammenphantasieren.

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In eine ähnliche Kerbe schlägt der Beitrag Nicht schon wieder zuhören. Es ist ja schon länger üblich, wenn irgendwas aus dem Ruder läuft zu fordern, man müsse mehr kommunizieren. Eine beliebte Floskel auch am Wahlabend: Wenn die gescheiterte Partei verkündet, sie hätte ihre Politik besser erklären müssen. Nö, vielleicht war die Politik einfach Mist und die Wähler haben das ganz gut verstanden. Der Glaube, Kommunikation würde immer alles heilen, ist naiv, und wer dem Glauben anhängt, verweigert sich der simplen Erkenntnis, dass es Gegensätze gibt, die sich nicht wegkommunizieren lassen:

Es gehört zu dieser Rhetorik („Mehr Zuhören!“, „Sorgen und Ängste ernst nehmen“ und so weiter), jede Abweichung, jede Irritation, jeden Konflikt einer Gesellschaft lediglich zum Produkt verfehlter oder ausgebliebener Kommunikationsprozesse zu erklären, dem man nun mit noch mehr Reden oder noch mehr Zuhören beikommen könne, als seien Menschen nicht auch ein wenig selbst dafür verantwortlich, was sie so denken und von sich geben. Im Fall von Corona könnte man sagen, dass es wohl weniger ein Versagen von Aufklärung ist, als vielmehr ein Erfolg der Gegenaufklärung, die dankbar auf schon vorhandene Ressentiments gefallen ist. Je pompöser dieses Zuhören nun eingefordert wird, desto unklarer wird ohnehin, was aus diesem Vorgang überhaupt erfolgen soll: Entweder das Zuhören ist eine symbolische, paternalistische Geste, die letzthin die Demonstranten zu emotional verwirrten, launenhaften Kindern verniedlicht, die nach etwas mehr Anerkennung ihrer Sorgeberechtigten rufen. Oder das Zuhören wird zum relativistischen Wahrheitsprinzip selbst erhoben, an dessen Ende alles nur noch in „Meinungen“ aufgeht und im Zweifel die Ansicht eines Virologen gleichberechtigt neben der des Mannes steht, der glaubt, Angela Merkel sei von Echsenmenschen gesteuert oder womöglich selbst einer.

***

Noch etwas deutlicher wird der Beitrag Covidioten: Eine Pandemie der Infantilität. Die von mir oben beschriebene pseudoreligiöse Abschottung mancher Zeitgenossen interpretiert der Autor zu Recht als Reaktion auf zunehmende Unsicherheit in einer komplexer werdenden Welt. Da sucht man sich gerne den passenden YouTube-Experten mit Doktortitel, der per Ferndiagnose diese Sicherheit wieder herstellt (Corona? Alles Unsinn …). Und Zur Not gründet man eine Partei, so viel Freiheit muss sein:

Es gab wohl noch nie so viele Grundrechtsexperten in Deutschland wie 2020. Leute, die noch nie eine Güterabwägung jenseits der eigenen Egoismen durchgeführt haben, gönnen sich täglich neue Grundrechte, nach dem Prinzip: Jeder, dem irgendetwas nicht passt, heult herum, er sei „verletzt“. Sogar eine Partei wurde gegründet, Widerstand 2020. Widerstand wogegen? Ich habe den Eindruck: dagegen, dass sich die Welt vielleicht verändert und dass uns das Angst macht.

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Wo ist eigentlich Christian Drosten, wenn man ihn braucht? So lange schon Sommerpause für seinen Corona-Podcast … Ach, da ist er ja: Er hat einen lesenswerten Plan für den Herbst.

5 Gedanken zu “Schweigen ist Gold

  1. Volle Zustimmung.
    Ich fand den Kommentar von Julia Merlot auf SPON („Covidioten“ Sinnlose Debatten) sehr schön zusammengefasst: „Für den Umgang mit Corona-Leugnern gilt daher das Gleiche wie für den mit Rechtsextremen: Mit Extremisten zu reden, ist sinnlos. Mit Menschen, die Zweifel, berechtigte Sorgen und Fragen haben, ist es unbedingt nötig.“
    Ich habe vor ein paar Tagen einen Bericht über die Demo in Berlin im Fernsehen gesehen, den ich besser nicht geschaut hätte. Ich gebe zu, dass mich die kalte Wut ob dieser grenzenlosen Dummheit gepackt hat. Es verursacht mir sehr sehr schlechte Gefühle, oder besser Aggressionen, wenn ich sehe, wie aufgeheizt, gewaltbereit und gewalttätig diese Menschen mittlerweile unterwegs sind. Und ich bin mir durchaus der Ambivalenz meiner Gefühlsregung bewusst.
    Die Demonstranten nehmen in einer Demokratie für sich die Freiheit in Anspruch, demonstrieren zu dürfen, und skandieren permanent von der angeblichen Freitheitseinschränkung, die sie durch die Pandemie erfahren.
    Ich finde, man sollte solche Bilder nicht zeigen. Man sollte die Leute laufen lassen und einfach ignorieren. Die Polizei sollte die gewaltbereiten Demonstranten entsprechend erkennungsdienstlich behandeln und im Blick behalten. Denn da wächst m. E. eine extrem gefährliche Gruppe heran, denen ich mittlerweile alles zutraue.
    Interessant und entlarvend übrigens das Sommerinterview mit dem Herrn Tino Chrupalla. Man, was ist der ins Rudern geraten bei dem Vergleich mit dem Sicherheitsgurt. Man hatte bisweilen das Gefühl, der glaubt den Scheiß, den der labert, selbst nicht. Würde mich nicht wundern.

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  2. Ich mache mir dennoch Sorgen, weil die Verschwörungsfanatiker gefühlt unendlich viel mehr Zeit haben, ihren Unfug in die Welt zu brechen. Wenn wir das alles unwidersprochen lassen, wenn die Covidioten die Überhand durch Erschöpfung ihrer Opponenten erringen, dann müssen wir uns ja auch nicht wundern, wenn ihre Position mehr und mehr Zustimmung findet. Wir können das ja nicht alles den Herrn Drosten wieder einrenken lassen.

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    • Ja, die Zeit haben sie. Ich sage ja auch nicht, dass der Unsinn unwidersprochen bleiben soll, sondern dass Gespräche mit den Spinnern sinnlos sind, um irgendetwas bei ihnen zu erreichen, eine Einsicht oder auch nur ein Nachdenken. Aber mit Fakten dagegenhalten und eigene Beiträge posten, bleibt natürlich wichtig.

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