Wer misstraut Fakten und glaubt an Verschwörungstheorien?

Jetzt, da Impfungen gegen Corona in greifbare Nähe rücken, lässt die Regierung endlich ihre Maske fallen: Wir sollen zwangsgeimpft weden! Und zwar indem man den Impfstoff aus Flugzeugen als Chemtrails auf uns herabregnen lässt! Das „Ermächtigungsgesetz“ dazu wurde gerade beschlossen, da passt doch einfach eins zum anderen …

Ja, haha, sehr lustig, Christian. So einen Unsinn glaubt doch keiner.

Schön wär’s.

Tatsächlich sind nicht nur Desinformation und Lügen immer präsenter in gesellschaftlichen Diskursen, auch die etwas komplexeren Verschwörungstheorien haben ihre Anhänger. Die Konrad Adenauer Stiftung hat nun dankenswerterweise in einer repräsentativen Umfrage untersucht, wie viele Deutsche tatsächlich Fakten misstrauen und an Verschwörungstheorien glauben.

Was sind eigentlich Verschwörungstheorien?

Eine wichtige Frage, denn nicht jeder Zweifel ist eine Verschwörungstheorie. Im Gegenteil: Zweifel dienen dem Erkenntnisgewinn, nicht zuletzt als Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens. Verschwörungstheorien hingegen sind feststehende Überzeugungen, die sich jeder skeptischen Frage verweigern. Sie behaupten, um das mal auf den Punkt zu bringen, „dass eine im Geheimen operierende Gruppe, nämlich die Verschwörer, aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören“.

Dabei negieren Verschwörungstheorien Chaos und Zufall, die nun mal in dieser Welt omnipräsent sind, und unterstellen komplexe, im Geheimen geschmiedete Pläne und böse Absichten, die nicht von Einzeltätern, sondern von Kollektiven in die Tat umgesetzt werden. „Nach der Verschwörungstheorie setzen die Verschwörer gemeinsam einen komplexen, langfristigen Plan fehlerfrei um, wobei sie dennoch ständig Spuren hinterlassen, die aber allein von den jeweiligen Verschwörungstheoretikern entschlüsselt werden können, während die große Mehrheit diese unterstellten Entwicklungen verkennt.“

Verschwörungstheorien sind komplex. Sie machen „die offensichtlich unrealistische Annahme, dass eine große Anzahl von Menschen sich auf einen perfekten Plan einigt und diesen über sehr lange Zeit, zum Teil über mehrere Generationen, verfolgt, ohne dass Beteiligte die Verschwörung aufdecken.“ Davon unterscheiden kann man so genannte Verschwörungsgerüchte, die weniger komplex sind, eher aus Andeutungen bestehen und in ihrer raunenden Uneindeutigkeit kaum angreifbar oder widerlegbar sind. Wer weiß schon, ob uns die Regierung nicht doch alle zwangsimpfen will?

Heutige Verschwörungstheorien handeln häufig von Verschwörungen „der Mächtigen“, von „denen da oben“ gegen „uns hier unten“, einer gewissen „Elite“, die finstere Pläne gegen „das einfache Volk“ ausheckt. Damit besteht eine systematische Nähe zum (Rechts-)Populismus, der ebenfalls einen grundlegenden Antagonismus zwischen zu bekämpfender Elite und zu schützendem Volk konstruiert.

Bei aller Verschrobeneit von Verschwörungstheorien sollten wir nicht vergessen, dass sie gefährlich sind. Attentate wie das von Anders Breivik in Norwegen oder das in Christchurch basieren auf Verschwörungstheorien.

Wer zweifelt an Fakten?

Um die Anhänger von Verschwörungstheorien quantifizieren zu können, hat die Konrad Adenauer Stiftung eine Befragung durchgeführt, bei der mehrere Aussagen getroffen wurden, die von den Teilnehmern beurteilt werden sollten (sicher wahr, wahrscheinlich wahr, wahrscheinlich falsch oder sicher falsch). Die Aussagen bezogen sich teils auf Fakten (anthropogener Klimawandel, Gefährlichkeit von Masernimpfungen) teils auf Verschwörungskonstrukte (Steuerung der Welt durch geheime Mächte). Insofern sagen die Ergebnisse nicht nur etwas über den Glauben an Verschwörungstheorien aus, sondern auch über den Umgang der Bevölkerung mit Tatsachen.

Die gute Nachricht: Eine deutliche Mehrheit der Deutschen stellt Fakten nicht in Frage und verlässt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. So halten über 90 Prozent einen menschlich beeinflussten Klimawandel für (sehr) wahrscheinlich. Und immerhin rund 80 Prozent sind sich (ziemlich) sicher, dass die Masernimpfung nicht gefährlicher ist als die Krankheit selbst. Eine Minderheit leugnet diese Fakten und ist vom Gegenteil überzeugt. (Mit Blick auf die sozialen Medien muss man sagen: eine sehr lautstarke Minderheit.)

Interessant ist, dass die Leugnung von Fakten wenig mit Geschlecht und Alter zu tun hat. Im Großen und Ganzen ist das Akzeptieren oder In-Zweifel-Ziehen von Tatsachen unter Männern und Frauen sowie in den verschiedenen Altersgruppen gleich verteilt. Einen großen Unterschied macht hingegen der Bildungsabschluss der Befragten: je mehr Schulausbildung desto weniger Zweifel an Tatsachen. Die Zahl der Leugner ist unter denen, die ohne Abschluss frühzeitig die Schule verlassen haben und keine Lehre gemacht haben, mit Abstand am größten. It’s the education, stupid!

Wer glaubt an Verschwörungstheorien?

Im Gegensatz zu den konkreten Aussagen zu Klimawandel und Masernimpfung zielte eine Frage auch auf diffuse Verschwörungstheorien ab, sie lautete: „Es gibt ja einige Behauptungen, bei denen man manchmal nicht so sicher ist, ob sie stimmen. Wie sehen Sie das bei den folgender Behauptung: Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern.“

Und hier die schlechten Nachrichten: 11 Prozent halten diese Aussage für „sicher richtig“, 19 Prozent für „wahrscheinlich richtig“. Knapp ein Drittel der Deutschen halten also eine geheime Weltverschwörung für mindestens wahrscheinlich. Auf Nachfragen, wer denn diese Mächte sein könnten, geht es wild durcheinander: Wirtschaftsunternehmen, Banken, „das Finanzkapital“, Geheimdienste, „reiche Familien“, einzelne Länder wie die USA oder Russland, die Mafia, kriminelle Clans, Lobbyisten, Geheimbünde, die Europäische Zentralbank, das Judentum …

Auch beim Glauben an Verschwörungstheorien spielen Alter und Geschlecht keine große Rolle. Deutliche Unterschiede zeigen sich allerding bei der Nähe der Befragten zu politischen Parteien. Und wen wundert’s: Unter den Anhängern der AfD ist der Glaube an Verschwörungstheorien besonders groß. Eine Mehrheit von 56 Prozent der AfD-Anhänger hält die Aussage, dass geheime Mächte die Welt steuern, für sicher oder wahrscheinlich richtig. Aber Vorsicht, nicht vorschnell mit dem Finger auf andere zeigen: Auch unter den Wählern anderer Parteien gibt es nicht wenige Verschwörungsanhänger.

Fazit

Die große Mehrheit der Deutschen lehnt „alternative Fakten“ und diffuse Verschwörungstheorien ab. Allerdings sind vor allem Letztere erstaunlich salonfähig, vermutlich gerade weil sie diffus und wenig greifbar sind. Dass sich aktuell zum Beispiel sehr gemischte Gruppierungen zusammenfinden, die Corona als Instrument der Regierung zur Unterdrückung des Volkes begreifen, kann angesichts der Zahlen kaum verwundern, im Gegenteil: Das Potenzial für solche Proteste ist groß.

Um so wichtiger ist es für die Mehrheit, bei den Fakten zu bleiben, raunende Andeutungen zu vermeiden und Falschaussagen ebenso wie Verschwörungstheorien nicht zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen – denn auch der mit größter Empörung geteilte Unsinn ist ein Unsinn, der für mehr Menschen sichtbar wird als zuvor.

Alle Zahlen und Informationen und Zitate stammen aus dieser Studie.

Photo by Markus Spiske on Unsplash

6 Gedanken zu “Wer misstraut Fakten und glaubt an Verschwörungstheorien?

  1. Danke, Christian, für Deine aktuelle Erörterung und den Literaturhinweis.
    „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern.“ Immer wieder ist die Rede von einer „hidden agenda“.
    Frage: Ist diese Annahme eine Art säkularisierter Variante der Rede von einem „unerforschlichen Ratschluss“ Gottes, „querer“ Religionsersatz?
    Gute Zeit und viele Grüße
    Bernd

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  2. Lieber Christian Buggisch, der Glaube an Verschwörungstheorien ist sicherlich ein sehr verstörendes Phänomen. Ihre Folgerung, „um so wichtiger ist es für die Mehrheit, bei den Fakten zu bleiben …“, müßte meiner Ansicht nach ergänzt werden. Vielleicht ist es auch bei den rationalen und faktentreuen Stimmen notwendig, die Pluralität von Meinungen und Ängsten abzubilden. Sonst haben wir am Ende eine Mainstream-Meinungsblase, in der wir rationalen Menschen uns zu Hause fühlen, aber manch anderem (und es sind wahrscheinlich nicht nur abgehängte Deppen) fehlt es an kritischer Haltung, und dann driftet er auf die Seite der überzogenen Kritik, des mangelnden Vertrauens und der Verschwörungstheorie. Viele Grüße Johannes Nebe

    Gefällt 1 Person

    • Ja, völlig einverstanden. Es gibt zwar einiges, das nicht Meinung ist und damit auch nicht verhandelbar (zum Beispiel die Frage der Gefährlichkeit von Impfungen im Vergleich zu den Krankheiten, gegen die geimpft wird), aber jenseits davon brauchen wir Meinungsvielfalt, Diskurs und Streitkultur, die aufgrund der zunehmenden Polarisierung und dem Denken in Freund/Feind-Schemata leider verkümmert …

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  3. Die Frage stellt sich, wie beurteilt man eine Verschwörungstheorie, welche Bewertungen machen eine Behauptung zur Theorie.
    Bei den NSU Morden ging man jahrelang von einer Art Mafia Morden aus. Bei dem Bologna Attentat in Italien waren erst Linksextremisten in Verdacht.
    Der Bergriff Verschwörungstheorie ist ein Totschlagsargument im Sinne eines faktenbasierten Diskurses.
    Wenn dann noch so genannte alternative Fakten mit einbezogen werden, bleibt für faktisch belegte Wahrheiten wenig Spielraum.
    Es macht Sinn auch bei vermeintlichen Verschwörungstheorien genau hinzuschauen und sie zu analysieren.
    Eines der Bücher die mich sehr beeindruckt haben handelt über den Watergate Skandal.
    Ich würde vermuten, heutzutage wäre es möglich daraus eine Verschwörungstheorie zu basteln und Nixon hätte im Amt bleiben können. Somit kann man das Mittel der Verschwörungstheorie nutzen, um ein tatsächliches Verbrechen zu verschleiern.
    Man kann diese Theorien auch zu einer Art moderner Kriegsführung einsetzen , insbesondere Demokratien lassen sich so schwächen, manipulieren.
    Wir erleben es gerade just in time in den USA.
    Daher halte ich den Begriff Schwurbler für recht verharmlosend.
    Der letzte Satz im Watergate Buch, von Deep Throat lautet „ folge der Spur des Geldes“
    Jede Verschwörungstheorie hat einen Sinn und einen Ursprung.

    Liken

  4. In meinen Augen hat es Verschwörungstheorien immer gegeben. Neu ist, daß es nun für die Anhänger dieser Verschwörungstheorien z.B. über SocialMedia Möglichkeiten des Austauschs und der Organisation gibt und damit ein breiterer Personenkreis mit diesem meiner Meinung nach kruden Unfug erreicht wird. Tragisch ist für mich, daß die Medien diesen Minderheiten eine so große Präsenz ermöglichen. Vor Jahren schon, bevor es das Internet gab, sagte ein Kabarettist: „Es gibt nichts Langweiligeres, als die Wahrheit.“ Heute wissen wir aus div. Studien, daß Fake-News mit dramatisch höherer Geschwindigkeit kommuniziert werden, als vermeintliche Tatsachen. Evtl. liegt der Charme an Verschwörungstheorien an der vermeintlichen Einfachheit der Antworten auf extrem komplexe und teils auch abstrakte Themen. Das würde auch erklären, weshalb sich in vielen Gesellschaftsschichten (lassen wir die AfD mal aussen vor, das ist ein eigenes Thema) Anhänger finden. Fast schon lustig finde ich den Gedanken, dass die vermeintlich geheime Macht/Weltregierung etc. über Facebook mit intellektuellen Klappspaten wie Hildmann oder Naidoo kommunizieren soll… So lange sie niemandem etwas tun oder gegen Gesetze verstossen, ist es mir am Ende egal, was da geglaubt wird und was nicht. Und wenn sie gegen Gesetze verstossen, ist es Sache der Justiz.

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