(K)ein verlorenes Jahr

Die Tage sind grau und kalt, die zweite Welle ebbt nicht ab, der Lockdown wird härter … Da kann man durchaus auf die Idee kommen, dass 2020 ein verlorenes Jahr war …

Es war zumindest ein Jahr der Zumutungen und Belastungen. Klein- und Mittelständler aus Branchen, die von Begegnungen leben, können ein Lied davon singen. Ebenso das Personal in Altenheimen und Krankenhäusern. Erst recht jene, die sich mit Corona infiziert und damit zu kämpfen hatten.

Größere und kleinere Zumutungen

Allerdings war die Aufmerksamkeit für die verschiedenen Zumutungen in diesem Jahr sehr ungleich verteilt, wenn ihr mich fragt. Kaum stand das Ende des „Lockdown light“ fest, standen haufenweise Menschen vor Kameras und Mikrophonen, die nun ihre Läden schließen, auf Distanz unterrichten oder lernen oder sonst irgendeine Einschränkung hinnehmen müssen. Alles bedauerlich, keine Frage. Immerhin ist es um die verqueren Nicht-Denker etwas ruhiger geworden, die das Tragen einer Maske und generell alle Maßnahmen zum Infektionsschutz für die größte Zumutung ihres Lebens halten.

Die wahre Zumutung ist aber, dass wir in dieser zweiten Welle täglich Hunderte Tote beklagen müssen – und das irgendwie kaum einen zu interessieren scheint. Es ist, als würde jeden Tag ein vollbesetzter Airbus A380 über Deutschland abstürzen – und keinen kümmert’s. Sitzen ja nur Rentner drin. Die Ignoranz, mit der schnell noch die Innenstädte geflutet werden, damit das Shopping-Erlebnis in diesem Jahr nicht gar zu kurz kommt, ist erschütternd. 2020 wirkt wie ein verlorenes Jahr hinsichtlich der Tugend, sich mal ein bisschen zusammenzureißen und aus Solidarität auf Dinge zu verzichten, die einem selbst wichtig sind.

Aber 2020 war natürlich nicht in jeder Hinsicht ein verlorenes Jahr, im Gegenteil. Drei Dinge, die ich besonders beeindruckend und bemerkenswert fand …

Wissenschaft vs. Virus

Erstens: Die Leistung der Wissenschaft und die breite Wahrnehmung derselben. Ich habe hier schon mal über die Spanische Grippe geschrieben, die vor einem Jahrhundert weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Tote forderte. Ich weiß, dass man die Spanische Grippe nicht einfach mit der Corona-Pandemie vergleichen kann, und dennoch: Dass wir Corona trotz aller Widrigkeiten einigermaßen im Griff haben und 2021 die Pandemie komplett werden abhaken können, hat mit wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer Anwendung zu tun. Das Virus zu verstehen, seine Ausbreitung einzugrenzen und ihm innerhalb kürzester Zeit dank Impfstoff den Stecker zu ziehen, ist eine großartige Leistung.

Diese Leistung hat zu Recht breite öffentliche Beachtung gefunden. Ein kleiner Teil der Beachtung äußerte sich in hysterischer Aufgeregtheit, manifestiert etwa auf Plakaten der so genannten Querdenker, die Virologen in Gefängniskleidung zeigten. Aber ignorieren wir doch diese Spinner, denn die große Mehrheit dürfte dieses Jahr verstanden haben, was Wissenschaft zu leisten im Stande ist. Auch dank intensiver Aufklärungsarbeit von Wissenschaftlern in erfreulich reichweitenstarken YouTube-Kanälen und Podcasts.

Digitalisierung auf Speed

Zweitens: Die Beschleunigung der Digitalisierung. Während ich diese Zeilen schreibe, arbeite ich im Homeoffice, Kind Nummer 2 hat Online-Vorlesungen und Kind Nummer 3 hat – Wunder über Wunder – reibungslos funktionierenden Online-Distanz-Unterricht. (Der Vollständigkeit halber: Kind Nummer 1 hat noch Vor-Ort-Ausbildung, nächste Woche sind sie auch im Homeoffice; und meine Frau arbeitet als Erzieherin im Kindergarten, das lässt sich nicht digitalisieren).

Der Digitalisierungs-Schub 2020 war bemerkenswert, und das inzwischen gut funktionierende Remote-Arbeiten und -Lernen ist ja nur ein winziger Teil davon. Die Fortschritte, die wir in diesem Jahr erzielt haben, hätten ohne Corona vermutlich drei bis fünf Jahre gedauert, und manche davon hätten wir nie erzielt. Hätten wir beispielsweise ohne Not überhaupt ausprobiert, ob Distanz-Unterricht gut funktionieren kann? Oder hätten nicht zig verschiedene Interessensgruppen und Meinungsführer so lange Bedenken getragen, bis wir ermüdetet beschlossen hätten, dass der Unterricht auf jeden Fall weiterhin so stattfinden muss wie in den letzten 50 Jahren?

Und tschüss, Donald

Und drittens: Der Abschied von Trump. Ich erspare uns eine detaillierte Auflistung von Gründen, warum weitere vier Jahre mit ihm sehr schrecklich gewesen wären und konzentriere mich auf einen Grund: Er hat die Art und Weise, wie man politisch und gesellschaftlich miteinander umgehen sollte, zum Schlechten verändert. Er hat die Maßstäbe, was erlaubt und öffentlichkeitsfähig ist, verschoben. Er hat durch die Vorbildfunktion, die ein amerikanischer Präsident nun mal hat, weltweit dafür gesorgt, dass Lügen, Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit salonfähiger sind, als wir uns das noch vor wenigen Jahren vorstellen konnten. Ich darf Helmut Schmidt zitieren als maximal denkbaren Gegensatz zum abgewählten amerikanischen Präsidenten: „Und ich dachte: Die Pflicht zur Mitmenschlichkeit, das ist die Antwort auf die Sinnfrage.“

Es wird eine Weile dauern, bis der Schaden repariert ist. Pessimisten meinen, er sei irreparabel, aber das will ich nicht glauben. Ich wünsche uns, dass Gras über die Sache wächst und er irgendwann als diffuse Erinnerung an einen der schlechtesten Präsidenten aller Zeiten verblasst

Frohe Weihnachten!

7 Gedanken zu “(K)ein verlorenes Jahr

  1. Danke für deine wie immer luziden Gedanken.

    Ergänzender, bekräftigender Zusatz: Es betrifft halt nicht ausschließlich alte Leute, denen verhältnismäßig weniger Lebenszeit vergönnt ist. Es trifft auch jüngere Menschen, zwar weniger, aber es trifft sie eben doch auch. Wenn du an Corona stirbst, wird es deine Familie nicht trösten, wenn deine Altersgruppe in der Statistik nicht so häufig auftritt; für deine Angehörigen und Freunde bist du keine abstrakte Zahl und kein winzig kleiner Bestandteil einer Kurve. Covid-19 ist nur so lange abstrakt, bis es dich oder jemand aus deinem Umkreis persönlich trifft. Wenn Menschen so viel Konkretheit benötigen, um die Maßnahmen ernst zu nehmen und sie zu befolgen, kann es für immer zu spät sein.
    Zwei gute Freunde von mir sind an Corona schwer erkrankt, einer in der ersten Welle, der zweite vor wenigen Wochen. Beide waren weder Rentner noch sonstige Risikogruppe noch sonst in igendeiner Weise ungesund.
    Der zweite ist daran gestorben. Für ihn und seine Familie war 2020 das verlorenste aller Jahre.

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    • Du hast Recht und das ist mir natürlich auch bekannt. Christian Drosten hat in seinem Podcast schon mehrfach darauf hingewiesen, dass sich das Problem mit fortschreitenden Impfungen verschärfen wird: Wir impfen zuerst die Hochrisikogruppen, also erst die Altersgruppen 80+, dann 70+ etc. Dadurch leeren sich die Intensivstationen, die Sterberate geht runter, alles wunderbar. Das wird auf jeden Fall zu Lockerungen führen und es wird sehr schwer bis unmöglich sein, die notwendige Disziplin in der Pandemie beizubehalten, wenn das Risiko offenkundig sinkt. Die Infektion wird sich daher schneller in den weniger gefährdeten und noch nicht geimpften Gruppen ausbreiten, und da es auch hier schwere Verläufe bis hin zu Todesfällen gibt, werden die auf den Intensivstationen landen. Das sind zwar relativ gesehen deutlich weniger als in den hohen Altersgruppen, aber da die Durchseuchung zunimmt, werden die absoluten Zahlen dennoch unschön sein. Sprich: Wir werden nach und nach weniger Alte und mehr Junge/Mittelalte auf den Intensivstationen bzw. unter den Opfern haben – bei kontinuierlich sinkender Bereitschaft der Gesellschaft, noch harte Maßnahmen mitzugehen.

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      • Eine schlüssige und plausible Prognose. Drosten hatte ja auch die Situation wie wir sie jetzt haben ziemlich exakt so vorausgesagt bzw. davor gewarnt, wenn nicht schärfere Maßnahmen ergriffen würden. Diese sind jetzt gekommen, aber erst unter dem extremen Druck der Zahlen.
        Die große Mehrheit ist, wie du sagst, wirklich sehr vernünftig. Problematisch empfinde ich die starke mediale (von den Medien gepushte) Präsenz der Verquerdenker, die bei uns allen, bewusst oder unbewusst, ein verzerrtes Bild der Realität zu hinterlassen scheint. Und vielleicht auch die Entscheidungen der Politik beeinflusst. Die AFD hat da einen guten Riecher bewiesen, als sie bemerkte, dass man mit Angriffen von dieser Seite her zur Korrosion des Vertrauens an unserer Demokratie beitragen kann.

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  2. Sehr schöne Analyse. Interessant finde ich noch, dass manche dieser Aspekte doch recht eng untereinander miteinander verwoben sind. Das politische Erbe von Trump und seinen Schergen ist es, die Kategorie „menschlicher Anstand“ im öffentlichen Miteinander getilgt zu haben. Und leider sind sie damit nicht alleine. Hat man früher mit politischen Gegnern die unmittelbare Konfrontation gesucht, schickt man heute den Vergiftungstrupp vorbei – Stichwort Nawalny. Wenn man darüber nachdenkt, muss man sich ernsthaft fragen: Geht´s eigentlich noch? Empathie, Solidarität und Mitmenschlichkeit scheinen in manchen Kreisen allenfalls sinnentleerte Begriffe von belächelten Gutmenschen zu sein. In der Folge muss man sich dann nicht darüber wundern, wenn auch „Normalos“ beim Thema Corona immer häufiger ungerührt schulterzuckend die stetig wachsenden Todeszahlen quittieren. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Wir Menschen können wohl mit diesen abstrakten Zahlen auch äußerst schwer umgehen. Fast 1K Corona-Tote heute, liest sich ja auch recht nüchtern. Dass sich dahinter fast 1.000 Menschen verbergen, die gelacht haben, liebten und geliebt wurden muss man sich auch immer aktiv wieder ins Gedächtnis rufen. Aber Schluss mit dem Kulturpessimismus, es gibt ja Lichtblicke. Der kommende US-Präsident beispielsweise schreibt zwar deutlich langweiligere Tweets und hat bei Auftritten beileibe nicht den Unterhaltungswert des amtierenden Bierzeltclowns, aber er strahlt genau diese Werte aus, die wiederkommen werden. Empathie, Solidarität und Mitmenschlichkeit. Ich glaube, 2021 wird gar nicht so schlecht. Schöne Weihnachten.

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  3. Lieber Christian Buggisch,

    vielen Dank für diese (wie immer) aufmunternden Worte in einer turbulenten Zeit. Zumindest in der Öffentlichkeit mag die Präsenz der Leerdenker ein wenig abgenommen haben. Ich wohne in Leipzig, über das sie ja auch in Heerscharen herfielen und sich im Angesicht der üblen diktatorischen Maßnahmen aka. Seuchenschutz aufführten wie bockige Kinder. Abgesehen von offensichtlichen Realitätsverweigerern mit Sophie Scholl u.ä. Vergleichen, treiben etliche in den (a)sozialen Medien weiter ihr Unwesen. Sie verbreiten ungehindert und schlimmer noch,ungestraft Lügen, Falschmeldungen und Propaganda. Ob das ein sächselnder Nazi mit angeblichen Verbindungen überall hin und natürlich den dementsprechenden absolut geheimen Informationen oder ein Schwätzer aus Franken ist, oder, oder, oder- es wird etliche Menschen geben, die mindestens verunsichert, aber auch soweit beeinflussbar sind, um den größten Käse (5G, Gates, Diktatur, Impfstoffe, Lügen mit Statisik etc.) zu glauben. Es scheint dieser Tage dennoch wichtiger, ins Urlaubs- bzw. Skigebiet zu fahren. Motto: Ich lass mich doch von der Merkel – Diktatur nicht einsperren. Wo kommt das her? Ist das Wohlstandsverwahrlosung? Ist mein Nächster nichts wert?

    Ich selbst sehe das noch nicht, wie wir alle gemeinsam diesen Egoismus überwinden können. Und daran werden wir sicher noch einige Monate zu kämpfen haben. So lange haben wir es noch mit COVID zu tun. Guten Rutsch, Steffen

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