Eine gute Woche

Es folgt der gewagte Versuch, die politischen Ereignisse in den USA mit der neuen Social Media Plattform Clubhouse zu verknüpfen …

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir sind diese Woche ganze Bergmassive vom Herzen gefallen, als ich der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten zugesehen habe. Es war das unwahrscheinliche Happy End in einem Film, der sehr, sehr schlecht auszugehen drohte. Die beunruhigend uneindeutige Wahlnacht. Die Lügen danach. Die Versuche, die Demokratie zu sabotieren. Und dann sogar ein Putschversuch. Es war ein bisschen wie in „Eine verhängnisvolle Affäre“ mit Michael Douglas und Glenn Close, die Älteren erinnern sich: Selbst als die Furie besiegt scheint, taucht sie nochmal halbtot und schreiend aus der Badewanne auf, um alles kaputt zu schlagen.

Aber am Ende ist die Furie tot und der, dessen Name nicht mehr genannt werden soll, auf dem Golfplatz. Gut so. Und vor dem Kapitol in Washington kam genau im richtigen Moment die Sonne hinter den Wolken hervor. Ist euch das aufgefallen, wie wahnsinnig erleichtert und gut gelaunt dort alle waren? Lady Gaga konnte vor lauter Grinsen kaum singen (sie konnte dann doch, und wie), Amanda Gorman brauchte keine Sonne, um zu strahlen, und Joe Biden sagte all das, was man so lange vermisst hatte.

Ich will aber auf etwas anderes hinaus.

Dialog statt Debatten-Verweigerung

Noch am Tag der Vereidigung etablierte Biden eine neue Art von Kommunikation im Weißen Haus. Seine Pressesprecherin Jen Psaki erklärte, man wolle wieder täglich mit den Journalistinnen und Journalisten reden – nein, nicht ihnen Lügen verkünden und sie anpöbeln, wenn sie kritisch nachfragen, sondern mit ihnen reden. Es ist fast schon banal, aber halt vier Jahre lang in Vergessenheit geraten: Es kann in einer modernen demokratischen Gesellschaft nicht darum gehen, Entscheidungen zu verkünden und Debatten darüber zu verhindern, sondern im Gegenteil sie zu erklären, Fragen zu beantworten, sich der Debatte zu stellen, kurz: Dialog zu führen.

Zur Dialog-Verweigerung der nun hinter uns liegenden US-Regierung passt die Wahl von Twitter als wichtigstem Kommunikationskanal, als Verkündungs- und Debatten-Verweigerungs-Kanal. Denn machen wir uns nichts vor: Twitter gilt zwar als soziales Medium, doch die sozialste aller Kommunikationsformen, der Dialog auf Augenhöhe, findet hier kaum statt. Twitter wird heute sehr selten als Diskussionsplattform genutzt. Hier werden One-Liner rausgehauen, denen man zustimmen darf („Gefällt mir!“). Widerspruch findet in der Regel ebenfalls knackig-kompakt und in einer Form statt, die Mauern hochzieht statt Türen zu öffnen. Für echten Diskurs fehlen Raum und Bereitschaft. Dass Einzelne, die diese Form der Kommunikation perfektioniert haben, von der Plattform ausgeschlossen werden, löst das Problem natürlich nicht mal im Ansatz.

Clubhouse, das Dialog-Eldorado

Und wie‘s der Zufall will, wird nun genau zu diesem Zeitpunkt des Paradigmenwechsels in der US-amerikanischen Polit-Kommunikation eine neue Plattform in Deutschland heiß diskutiert und ausprobiert, die alles anders macht als Twitter.

Die Rede ist von Clubhouse. Was genau das ist, wurde an anderen Stellen schon ausführlich erklärt. Clubhouse ist nur Audio … kein Video, kein Text, nicht mal in Form von kleinsten Chats, Kommentaren oder ähnlichem. In Clubhouse gibt es Räume für Gespräche – es sind virtuelle Podiumsdiskussionen mit Fishbowl-Logik, sprich: die Diskussionsrunde kann beliebig erweitert werden. Alle Interessierten können solche Räume ad hoc öffnen oder für einen bestimmten Zeitpunkt planen. Und da man von Raum zu Raum wandert und mal hier, mal dort reinhört und hängen bleibt, wenn es spannend ist, hat Clubhouse auch viel von einem dauernden virtuellen Barcamp.

Damit ist Clubhouse das Gegenteil von Verkündung und Diskurs-Verweigerung. Es ist ein Dialog-Eldorado.

Kein Hass, wenig Konfrontation – noch …

Was in der ersten Woche intensiver Nutzung in Deutschland ebenfalls aufgefallen ist: der freundliche Umgangston. Die Logik der Plattform reduziert auf verschiedene Art und Weise zumindest bislang den im restlichen Social Web üblichen Hass, die Misanthropie, die Konfrontation, die Kompromisslosigkeit.

Natürlich bin ich nicht naiv, und Clubhouse ist ein zartes Dialog-Pflänzlein, das zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt ist. Noch tummeln sich vor allem Kommunikations-Nerds und Early Adopter im Clubhouse, die Masse hat die Party noch nicht gestürmt. Noch ist von Monetarisierung nichts zu sehen, es fehlt die ganze Werbung und der aufdringliche Content, der sich die Aufmerksamkeit des Publikums erkauft. Noch fehlt die Reichweite, um diejenigen von anderen Plattformen hierher zu ziehen, die Dialog bestenfalls vortäuschen und eigentlich nur Ego-Marketing betreiben.

Aber warten wir‘s ab. Die Woche war gut, denn es gab gleich zwei Signale auf ganz unterschiedlichen Ebenen für mehr Gesprächsbereitschaft. Da darf man mal optimistisch sein.

4 Gedanken zu “Eine gute Woche

  1. Ich bin gerne Optimist und lese gerne optimistische Dinge, Danke dafür. Bei alldem sollte man jedoch auch die (derzeitigen) Schattenseiten von Clubhouse nicht vergessen. Deshalb der Vollständigkeit halber hier der Hinweis auf einen Artikel in t3n, der diese recht gut auf den Punkt bringt, ohne allzuviel Pessimismus auszustrahlen ;-) https://t3n.de/news/clubhouse-live-podcasting-nur-1351044 (Offenlegung: ich bin als überzeugter Android User übrigens auch von Clubhouse ausgeschlossen).

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  2. Just another social media …
    Ich hatte über Club-House gelesen. Es war für mich in dem Moment uninteressant, wo ich gelesen habe, dass man eingeladen werden muss, um es nutzen zu „dürfen“. Nun habe ich ja iOS, bemühe mich aber ehrlich gesagt nicht sehr intensiv – sprich: gar nicht – darum, eingeladen zu werden.
    Künstliche Verknappung des Angebots halte ich für die weniger gute Marketing Strategie.
    Naja. Kann so wichtig nicht sein ;-)
    Ansonsten habe ich den ganzen Abend die Vereidigung geschaut – auf allen Kanälen. Es war wohltuend.
    Für die Medien wird es hart: über welches Stöckchen sollen sie jetzt springen? Nun, wo sie es so gut gelernt haben … die Click Rates werden definitiv zurück gehen – au weia.

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