Drei Gründe, warum die nächsten Wochen ungemütlich werden

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte uns die Pandemie erstmals fest im Griff. Ich sehe auf Facebook die Bilder von damals und denke mir: Verflucht! Wer hätte gedacht, dass es so lange dauert …

Leider ist die Pandemie noch nicht vorbei, auch wenn sich manche so verhalten und alle sich das wünschen. Vor uns liegen sehr spaßbefreite Wochen, und das hat vor allem drei Gründe:

1. Die dritte Welle rollt

Sie nimmt gerade mächtig Anlauf, die dritte Welle, und wenn eine Welle in der Pandemie so etwas tut, steigen die Infektionszahlen wieder exponenziell, wie wir unfreiwilligen Pandemie-Profis inzwischen wissen. Alles, was wir uns mühsam im letzten Lockdown quasi erarbeitet haben, ist wieder dahin. Die steigende Inzidenz wird unweigerlich auch wieder mehr Menschen in die Krankenhäuser und auf Intensivstationen bringen. Es werden wieder Menschen sterben, allerdings, und das ist eine wirklich gute Nachricht, weniger als in der zweiten Welle. Dank Impfung der sehr alten Menschen sind viele Senioren „aus dem Spiel“ und vor dem Virus geschützt. Wunderbar! 

Weniger wunderbar ist, dass auch Jüngere schwere Verläufe haben können und die allesamt noch auf dem Spielfeld stehen. Das Risiko zu sterben ist zwar deutlich geringer, das Risiko auf der Intensivstation zu landen, ein paar Wochen lang beatmet zu werden und dann mit den Spätfolgen leben zu müssen, allerdings nicht zu unterschätzen. Die Intensivstationen bleiben der limitierende Faktor in der dritten Welle, und die könnten erneut an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Denn auch das ist anders als in der zweiten Welle, in der viele sehr alte Menschen nicht mehr auf die Intensivstation verlegt werden wollten. Das wird bei – sagen wir – 50- bis 80-Jährigen anders sein. Für sie wird das volle Programm der Intensivmedizin aufgefahren werden, und zwar so lange wie möglich. 

2. Wir sind pandemiemüde

Nach einem Jahr haben wir alle genug von der Pandemie. Nichts ist mehr interessant, nichts hat mehr den Reiz des Neuen und nichts lässt sich mehr schönreden. Es reicht! Hinzu kommt der Reiz der Öffnung in den letzten Tagen: Die Kinder wieder in den Schulen, die Läden wieder geöffnet, die Fitnessstudios, Sportstätten, Restaurants und Hotels mit ersten Hoffnungsschimmern. Diese Hoffnung können wir allesamt wieder einpacken, sobald die Intensivstationen an ihre Grenzen zu kommen drohen. Osterurlaub: zu Hause. Pfingstferien: vielleicht ebenfalls. Das macht keinen Spaß. Es macht wütend. 

Diese Unzufriedenheit braucht und findet Ventile. Die einen schimpfen über die Politik, die anderen über die Wissenschaft, die dritten über die Corona-Leugner-Vollidioten, die vierten über den zu harten Lockdown, die fünften über die viel zu laschen Maßnahmen, die sechsten über geöffnete Geschäfte, die siebten über geschlossene Restaurants, die achten über die Impfreihenfolge, die neunten über AstraZeneca, die zehnten darüber, dass sie nicht reisen können, die elften über Menschen, die es wagen, überhaupt auf die Idee zu kommen jetzt reisen zu wollen, und so weiter und so weiter … 

3. Wir vergleichen

Ebenso nachvollziehbar wie die allgemeine Pandemiemüdigkeit und Unzufriedenheit ist der Umstand, dass nun immer mehr nach links und rechts schauen und vergleichen, was die anderen machen und wie es ihnen geht. Das Vergleichen allerdings, und das wusste schon Sören Kierkegaard, „ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Hier ist es nicht der Anfang, sondern der Verstärker, der die Unzufriedenheit noch größer macht. 

Dabei vergleichen wir uns mit anderen Ländern und stellen fest, dass wir in Sachen Impfen überholt wurden, von Israel, Großbritannien und den USA, also ausgerechnet jenem Land, das trumpelig durchs erste Jahr der Pandemie torkelte und sich nun viel schneller als wir der Normalität nähert. Aber wir vergleichen auch im Land und sehen, wer schon geimpft wurde, finden das ungerecht und suchen nach Schuldigen. Das alles ist legitim, nicht dass wir uns falsch verstehen, es hebt nur die Laune nicht. (Tatsächlich glaube ich, dass ein paar politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen dringend auf den Tisch müssen, angefangen bei Digitalisierungs-Defiziten und nicht aufgehört bei medizinischer Infrastruktur; aber es sind ja bald Wahlen, da werden all diese Themen eine Rolle spielen.)

Was hilft uns über die nächsten Wochen? Keine Ahnung, das muss jeder für sich entscheiden. Ich für meinen Teil versuche es weiter mit Optimismus und bin nach wie vor der Meinung, dass die Geschichte im Sommer vorbei ist. Die Pandemie endet mit einem kleinen Pieks (oder vielen kleinen Pieksen, besser gesagt). Ich will nach wie vor glauben, dass im zweiten Quartal die nächste Welle kommt, aber diesmal wird es eine Impfstoff-Welle sein. Bei meinem letzten Blogpost lag die Zahl der Geimpften in meiner näheren Verwandtschaft bei Null. Nächste Woche werden es schon vier sein: meine Mutter (als 80-Jährige), mein ältester Sohn (Polizist), mein Bruder (ebenfalls) und meine Schwester (Lehrerin). Und mit meinem mittleren Sohn habe ich eine Wette laufen, dass wir bis zu seinem Geburtstag alle geimpft sind. Der ist im August. Will noch jemand mit wetten?

9 Gedanken zu “Drei Gründe, warum die nächsten Wochen ungemütlich werden

  1. Tolle, mir aus dem Herzen sprechende Worte, Christian. Danke dafür! Bei der Wette halte ich allerdings dagegen. Zu viele Impfgegner/Coronaverleugner und zu viele politische Hindernisse.

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    • Mit „wir“ meine ich natürlich alle, die geimpft werden WOLLEN. Falls Impfgegner gefährdet bleiben wollen: who cares. Aber der entscheidende limitierende Faktor ist die Menge an Impfstoff, der beschafft und schnell verteilt wird. Und da spielen dann auch die von dir genannten politischen Hindernisse eine Rolle …

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  2. Tatsächlich habe ich mittlerweile auch einige Geimpfte in meinem Umfeld… Mama (92, im Wohnstift), meine Schwester (Psychotherapeutin), meine Schwiegertochter (arbeitet in der Klinik). Was mich aber dennoch pessimistisch stimmt: meine Impfung liegt in weiter Ferne (Prio 4), obwohl ich beruflich viele Fremdkontakte habe. Die Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten macht mir Angst🤷🏻‍♀️

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  3. Ja, danke für die ebenso abwägende Übersicht wie leicht optimistische Aussicht.
    Wie naiv war ich noch zu Anfang der ersten Welle.
    Da half ein Blick in die Geschichte. Die Zeitung schrieb über die Facharbeit einer Schülerin zur „Spanischen Grippe“ vor gut hundert Jahren in Nürnberg. Die hatte sich in drei Schüben entwickelt, der zweite war damals der Schlimmste, und ein Dritter kommt eben auch noch.
    Daher bleibe ich, so gut ich kann, lieber beim „Team Vorsicht“, wobei ich einige Anliegen des „Teams Freiheit“ gut nachvollziehen kann.
    Gute Wünsche!

    Gefällt 2 Personen

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