Licht am Ende des Tunnels

Mehr als ein Jahr Pandemie. Die Ausdauer bei der Bewältigung derselben schwindet, der Missmut steigt. Dabei sind wir nur noch Wochen davon entfernt, die ganze schlimme Geschichte hinter uns zu lassen …

Womit wir aus der Sache nicht mehr herauskommen werden: mit einem klugen und konsequenten Pandemie-Management. Deutschland hat sich dafür entschieden, auf einer mittelhohen Inzidenz auf den Durchseuchungswellen zu reiten. Irgendwas zwischen 100 und 200 Infektionen pro 100.000 Einwohner scheint in diesem Land akzeptabel zu sein. Keine Chance für NoCovid. Das liegt an politischen Fehlern, am krisenuntauglichen Konstrukt des Föderalismus, aber auch – sind wir ehrlich – an der Bevölkerung, also uns allen, die wir Vor-Ort-Anwesenheit in Büros, Shopping-Touren in der City und Kinderbetreuung in der Kita wichtiger finden als Intensivstationen an der Belastungsgrenze, Krankenhauspersonal im Burnout und 80.000 Tote. (Und nein, selbstverständlich ist weder der Autor dieser Zeilen noch irgendwer, der hier mitliest, Treiber der Pandemie – das sind immer die anderen!)

Was uns aus diesem Schlamassel befreit, sind Impfungen. Jene grandiose medizinische Entdeckung, die Edward Jenner vor gut 200 Jahren machte, als er im Kampf gegen die Pocken die ersten Impfversuche unternahm. Faszinierend zu sehen, dass in dieser Zeit bahnbrechende Behandlungen wie die Impfung und therapeutische Nullnummern wie die Homöopathie entstanden sind; noch faszinierender zu sehen, dass die Menschheit 200 Jahre später immer noch nicht vollends davon überzeugt ist, dass das eine Segen und das andere Nonsens ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Corona – wie ein lästiger Schnupfen

Noch im April werden 25 Prozent der Deutschen die erste Impfung gegen Covid19 erhalten haben. Sie sind damit nahezu vollständig gegen schwere Verläufe, Hospitalisierung und Tod im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 geschützt. Corona wird perspektivisch zum normalen Infekt, der lästig ist, aber ansonsten nicht mehr der Rede wert. Das ist wunderbar. 

Bundesgesundheitsminister Spahn hat prognostiziert, dass im Mai ein Drittel der Deutschen ihre Erstimpfung erhalten haben werden. Das ist ziemlich konservativ geschätzt, und hätte Spahn ein paar Joe Biden-Gene und würde in Sachen Impf-Marketing ein bisschen mehr auf den Putz hauen (was in Deutschland aber nicht gut ankäme), hätte er auch ankündigen können, dass vier von zehn Deutschen bis Ende Mai geimpft sein werden. Das ist erst recht wunderbar und wichtig, was den Verlauf der Pandemie angeht. Denn natürlich sind heute schon deutliche Auswirkungen der Impfungen sichtbar. Da zunächst die sehr Alten geimpft wurden, sind die Todeszahlen im Vergleich zur zweiten Welle deutlich gesunken. Nun werden die Impfungen auf Menschen ausgeweitet, die anders als die Alten (zu) viele Kontakte pflegen, was zwangsläufig dazu führen wird, dass sich die Dynamik der dritten Welle abschwächt und die Inzidenz sinkt (vorausgesetzt man hebt diesen Effekt nicht durch voreilige und zu weit gehende Lockerungen wieder auf) – in Israel und Großbritannien ließ sich das schön beobachten.

Verkomplizierung? Kein Problem …

Aber natürlich gibt es Möglichkeiten, diese positive Entwicklung auszubremsen. Und wer wäre dazu besser in der Lage als die Deutschen, die Verkomplizierungs-Weltmeister. Vor allem zwei Fehler gilt es zu vermeiden:

Erstens müssen wir sehr bald aufhören, beim Impfen nach fein ziselierten Priorisierungs-Listen vorzugehen. Was anfangs sinnvoll war, um gerade Alte und Vorerkrankte zu schützen, macht bei fortschreitender Durchimpfung und größeren Impfstoff-Mengen keinen Sinn mehr. Der Aufwand, auf Teufel komm raus in der richtigen Reihenfolge zu impfen, ist zu groß und bremst das Impftempo. Davon können niedergelassene Ärzte ein Lied singen, die ihren Prio-Gruppen hinterher telefonieren und kurzfristige Absagen kassieren, ohne übrige Impfstoffe schnell und unkompliziert an Impfwillige ohne Priorität abgeben zu dürfen. Pragmatische Ärzte ignorieren das zum Glück und impfen ihre Reste einfach weg, was natürlich den als Gerechtigkeitsempfinden getarnten Neid in Teilen der Gesellschaft befeuert. Wie kann es sein, dass der schon geimpft ist? Wurde etwa die heilige Impfreihenfolge missachtet? Skandal!

Das zweite Problem besteht darin, dass die Deutschen ein gestörtes Verhältnis zu Chance und Risiko haben: Im Zweifelsfall werden Risiken zu hoch eingeschätzt und Chancen ignoriert. Wenn das Ganze noch medial befeuert wird, gibt es auf einmal vermeintlich Impfstoffe erster und zweiter Klasse. Das „gute“ Zeug von Biontech und Moderna will jeder haben, den „gefährlichen“ Stoff von AstraZeneca und Johnson & Johnson lieber nicht. Termine für letztere Vektorimpfstoffe werden nicht wahrgenommen und abgesagt, da wartet man lieber noch ein bisschen. Das aber ist das Gegenteil von Impftempo und zudem in den allermeisten Fällen eine groteske Fehleinschätzung, welchem Risiko man sich mit oder ohne Impfung aussetzt. 

Beispiel Johnson & Johnson: Bis Ende des 2. Quartals sollen knapp 10 Millionen Impfdosen dieses Herstellers in Deutschland verfügbar sein. Und da hier nur eine Impfung nötig ist, bedeutet das: 10 Millionen Deutsche können mit Johnson & Johnson kurzfristig vollständigen Impfschutz entwickeln. Das funktioniert aber nur, wenn das Zeug nicht liegen bleibt, weil die feinen Deutschen zu mRNA-Fans geworden sind. 

Impfen: je schneller je mehr desto besser

In der nun vor uns liegenden Schlussphase der Pandemie haben wir es also ein Stück weit selbst in der Hand, ob wir pünktlich abpfeifen können oder in eine zähe Verlängerung gehen müssen. Je schneller und je mehr wir impfen desto besser. Werfen wir unnötige Bürokratie über Bord, vor allem wenn sie zu Lasten des Impftempos geht. Und zeigen wir uns solidarisch, indem wir jedes Impfangebot annehmen – das heißt meiner bescheidenen Auffassung nach vor allem, dass alle über 60-Jährigen und alle Männer beherzt bei den Vektorimpfstoffen zugreifen müssen, damit alle jüngeren Frauen, die bei solchen Impfstoffen einem etwas höheren Risiko ausgesetzt sind, schnellstens mit den verfügbaren mRNA-Impfstoffen versorgt werden können.

Ich habe übrigens diese Woche meine Erstimpfung mit AstraZeneca bekommen und bin unfassbar froh, dass ich nun in wenigen Tagen einen ordentlichen Schutz gegen diese Scheißkrankheit entwickelt haben werde (und dieses Scheißvirus kaum noch an andere werde weitergeben können). In Bayern wurde die Impfpriorisierung bei AstraZeneca ja schon aufgehoben, eben weil zu viele Berechtigte den Impfstoff nicht wollen und Ärzte auf Restbeständen sitzen bleiben. Die Impfreaktion war harmlos, aber es empfiehlt sich, in den zwei Tagen nach der Impfung keinen Marathon zu planen – ein bisschen zerlatscht ist man schon. Doch das ist nun wirklich ein kleiner Preis, um diese Pandemie zu beenden.

7 Gedanken zu “Licht am Ende des Tunnels

  1. Jetzt werden die geimpft, die (berufsbedingt) viele Kontakte haben? Das wär wirklich schön. Habe keine Chance momentan, weil meine Hausärztin zu wenig Impfstoff erhält und ich im Impfzentrum noch nicht dran bin, trotz angeblicher Prio 3. Würde AstraZeneca nehmen, obwohl ich noch keine 60 bin. Sorry, wenn ich leicht verbittert klinge, aber der Ruf nach Aufhebung der Prio ist in meinen Augen momentan purer Aktionismus. Ich hoffe sehr, dass ich noch bis zur Impfung durchhalte, aber da ich berufsbedingt nicht die Möglichkeit habe, mich nur im Homeoffice einzuigeln, habe ich langsam große Zweifel.

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      • Echt jetzt? Ich bin seit Februar im Impfzentrum und bei zwei Hausärzten (Wohn- und Arbeitsort) angemeldet. Beide Hausärzte versichern mir, dass sie so viele Impfinteressenten (auch für Astra) haben, dass sie weiterhin nach Prio vorgehen. Das kann man auch gut finden. Vielleicht kenne ich einfach nur die falschen Ärzte, habe die schlechteren Verbindungen oder womöglich stelle ich mich blöd an? Dein Kommentar suggeriert, dass ich irgendwas falsch mache. Nach dem Motto… wer eine Impfung will, der kriegt auch eine. So ist es eben nicht. Versteh mich nicht falsch. Ich gönne jedem seine Impfung und jede/r, der geimpft ist, ist ein Fortschritt in der Pandemie. Aber ich muss es nicht gut finden, den Ruf nach Aufhebung der Priorisierung.

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      • Mein Punkt ist ja ein anderer: Irgendwann verlangsamt das Festhalten an Priorisierung in Verbindung mit Bürokratie und der Sorge, dass ja kein Missbrauch entsteht (und dessen Verhinderung wichtiger als alles andere ist) das Tempo, mit dem wir impfen könnten. Und das wäre schlecht. Und natürlich können sich noch nicht alle sofort impfen lassen, die wollen. Es gehört wie in meinem Fall auch etwas Glück dazu. Aber es wird nicht mehr lange dauern, und dann können alle, die wollen …

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  2. Ach, wenn deine guten und klugen Worte doch nur Gehör bei den Politikern:Innen finden würden!… Und erst recht bei den behördlichen Sesself***ern…
    Ich habe am Donnerstag meinen Impftermin, mit Astra Zeneca. München hat für die kommende Woche 6.000 Dosen dieses Serums frei gegeben, und ich konnte online doch glatt eine davon ergattern – ich fühle mich, als hätte ich einen Sechser im Lotto.

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  3. Sehe ich sehr viel skeptischer. Soll ich wirklich meine Kinder potentiell opfern (keine Impfungen zugelassen), um wieder alles „hinter uns zu lassen“?

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