Ein Jahr wie ein Armbruch

„Es kann nur besser werden“ – mit diesem Gedanken verabschiedeten sich nicht wenige aus dem Pandemiejahr 2020 und freuten sich auf 2021. Nun ja …

Zugegeben, der Gedanke war nicht verkehrt. Es hätte wirklich vieles besser werden können, vor allem rund um Corona. 2021 war das Jahr der Impfstoffe mit allen Höhen und Tiefen und Aufregern und Abregern. Erst zu wenig Impfstoff, plötzlich im Sommer, von einem Tag auf den anderen, mehr als genug für alle (aber keiner mehr, der sich impfen lassen wollte). Lieblings-Impfstoff (Biontech) und Impfstoff, den man nicht mal mehr mit dem Allerwertesten anschaut (erst AstraZeneca, später Moderna). 

Ich habe mir übrigens zweimal Astra und einmal Moderna besorgt, ich war halt schon immer auf der Seite der Einsamen und Unterdrückten. Und ich war für die erste Impfung bei einem Allgemeinarzt in Gauting, für die zweite bei einem HNO-Arzt in Herzogenaurach und für die dritte bei einem Kinderarzt in Forchheim. Profi-Tipp für alle, die nicht ewig auf ihre Impfung warten wollen: Nicht auf den Hausarzt oder das Impfzentrum warten, sondern Fachärzte in naher und ferner Umgebung scannen – die haben oft genug Stoff und freie Termine. Und außerdem gibt‘s bei Kinderärzten die cooleren Pflaster.

Aber die Problembären des Jahres 2021 war bekanntlich nicht jene, die Impfstoff haben wollten. Es waren und sind unsere lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, die auf eine Impfung verzichten und damit die Pandemie in die Verlängerung schicken. Da wir das Jahr so versöhnlich wie möglich ausklingen lassen wollen, verzichte ich auf eine Bewertung und sage nur glasklar, dass ich für eine allgemeine Impfpflicht bin und dass ich sehr hoffe, dass sie 2022 kommen wird. 

Warum nicht nur eine Impfpflicht für bestimmte Berufe? Das nötige Argument lieferte ein Pfleger bei Markus Lanz: Ja, er erwarte von allen Kollegen, dass sie sich impfen lassen, um keine Patienten zu gefährden; genauso wie er von allen Patienten erwarte, dass sie sich impfen lassen, um keine Pfleger zu gefährden. Ich suchte eine Weile nach Gegenargumenten und mir fiel – absolut keines ein.

Und ja, natürlich werden wir nicht sämtliche lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu bringen, sich impfen zu lassen. Es werden ein paar Unverbesserliche übrig bleiben, die lieber Strafen zahlen, in den Knast gehen oder auswandern (ja!). Die sind aber egal, und das wäre ein wirklich herzlicher Wunsch für 2022: dass wir uns sehr viel weniger mit den Verlorenen und Verrückten beschäftigen und ihnen nicht mehr überproportional viel Aufmerksamkeit schenken. 

In Wahrheit wird Folgendes passieren: Die meisten der noch Ungeimpften werden sagen: Ok, dann lasse ich mich halt impfen. War doch bisher freiwillig, was wollt ihr alle. Aber wenn‘s jetzt Pflicht ist wie Anschnallen im Auto (und auch noch teuer werden kann), dann mach ich‘s halt. Einige, die Bedenken tragen, werden es zähneknirschend machen, weil sie keine Lust haben, durch die Mühlen von Staat und Justiz gedreht zu werden. Und dann gibt es noch die Verlorenen, aber über die wollen wir ja nicht mehr reden.

Und während sich im Herbst abzeichnete, dass also doch nicht alles besser werden wird mit dieser Pandemie, erlebte ich noch dazu mein persönliches kleines Waterloo. Es begab sich am 25. September, dass eine Katze meinen Radweg kreuzte, ich zu heftig und zu rechtsseitig bremste, in hohem Bogen über den Lenker flog und mir den rechten Oberarm brach (nebst zahlreichen Hämatomen, Abschürfungen und so weiter). 

Das letzte Vierteljahr seit diesem Ereignis war, um es kurz zu sagen, beschissen. Nach fünf Tagen ohne Operation (aua!) folgte eine Operation (aua!) und eine längere Heilungsphase (aua!), an die sich jetzt eine Mobilisierungsphase (aua!) anschließt, um die wie zu Zement erstarrte Schulter wieder in Bewegung zu bringen. Begriffe, die ich dieses Jahr eigentlich nicht lernen wollte: proximale Humerusfraktur, Osteosynthese, Gilchrist-Verband, Schonhaltung.

Aber nein, es war natürlich nicht alles schlecht in diesem Jahr 2021. Durch eine wundersame Fügung gelang es uns zum Beispiel, Ende November durch eine Corona-Lücke (kein Lockdown, noch kein Omikron) nach Madeira zu schlüpfen und dort zwei wunderbare Wochen zu verbringen. Viel mehr Ausland war dieses Jahr nicht – im Sommer noch eine tolle Motorrad-Woche in Tirol und Südtirol, der Rest fand quasi vor Ort statt.

Wenn wir eines im Jahr 2021 gelernt haben, dann dass man nichts ausschließen sollte. „Eine Impfpflicht wird es nicht geben“ – tja. „Die SPD, diese Nischenpartei mit ihren 14 Prozent wird niemals den Kanzler stellen“ – tja. Insofern verzichte ich ausdrücklich darauf auszuschließen, dass 2022 noch blöder wird als 2021. Aber hoffen und sich was wünschen wird ja wohl noch erlaubt sein …

In diesem Sinne: Alles Gute für 2022! Möge es ein überraschend gutes Jahr werden.

5 Gedanken zu “Ein Jahr wie ein Armbruch

  1. Lieber Christian,
    auch Dir für 2022 alles Gute!
    Unsere Erfahrungen sind deckungsgleich, unsere Ansichten auch.

    Wir beklagen in diesem Jahr unseren ersten Coronatoten in der Familie, er wurde an dem Tag, als er seine dritte Impfung erhalten sollte, eingeliefert und verstarb kurze Zeit später. Da werden die täglich mehrere hundert Toten greifbar und andererseits doch wieder nicht. Weil wir es uns nicht vorstellen können und wollen, was es heißt. Leider lässt sich die Statistik nicht austricksen und nun trifft es auch mehr und mehr geimpfte, die aufgrund ihres Alters oder durch Vorerkrankungen gefährdet sind.

    Wir konnten in diesem Jahr zehn wundervolle sonnige ruhige Tage am Gardasee verbringen. Gut, die EM war jetzt weniger erfreulich. Zum Glück hat Italien gewonnen und nicht das Team der ehemals als sportlich fair eingeschätzten Engländer. Der Brexit lässt grüßen.

    Erfreulich ist die Erkenntnis, wie allen Unkenrufen (der Journaille) zum Trotz, die Politik verhandelt, nichts durchsickert, Ziele formuliert und kommuniziert, die am Ende sogar erreicht werden und der Stil sich insgesamt kooperativer darstellt. Eigentlich alles Dinge, die selbstverständlich sein sollten. Da nerven eigentlich nur noch Journalistinnen, die geradezu hilflos nach Fehlern suchen und dann gerne die Vergangenheit bemühen, um korrigierte Weichenstellungen schon wieder in Frage zu stellen. Das ist wirklich armselig.

    Ich freue mich für die SPD, dass sie ihr Ziel erreicht hat, für die Grünen, dass sie auf den Boden Tatsachen geführt werden und für die FDP, dass sie nun beweisen kann, wie eine soziale Marktwirtschaft in der Gegenwart und Zukunft funktioniert.

    Was wünsche ich mir für 2022? Sternenklare Nächte! Astronomisch war 2021 eine Katastrophe. Meine Highlights waren die ersten selbst erzeugten Bilder kosmischer Nebel (Irisnebel, Hantelnebel und Pac Man Nebel), die ich dank meiner verbesserten Ausrüstung (RC Teleskop und gekühlte Astrokamera) anfertigen konnte. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr mehr Gelegenheiten geben wird.

    Ich hoffe, nächstes Jahr wieder mehr von Dir zu lesen. Was macht der Hund?

    Gefällt 2 Personen

  2. Hi Christian,
    es ist ja gute Sitte geworden zum Jahresabschluss ein Fazit zu ziehen.
    Du hast es noch relativ freundlich formuliert – meiner wird gepfefferter.
    Der „Armbruch“ zieht sich noch viel weiter – grade jetzt zu Weihnachten merkt man, dass jeglicher moralischer Kompass verloren gegangen ist. Zu Heiligabend im TV „Die Hard – Teil 1 bis 8“ oder alte Schwarzweiss-Krimis unter dem Motto „schwarzweisse Weihnachten“.. Ja, kann man senden – muss man aber nicht…
    Überhaupt ist 2021 noch schlimmer als 2020. Denn es hat gezeigt, dass man selbst nach einem Jahr Pandemie nichts gelernt hat – allen vorhersagen der Virologen zum Trotz wurde nur wieder reagiert, statt aktiv agiert – dafür wurden Maskendeals ausgehandelt und Wahlkampf auf dem Rücken notwendiger Entscheidungen ausgetragen. Dass man nach der Wahl schafft, die Ministerien – Lauterbach mal ausgeschlossen – mit den größten Fehlbesetzungen zu spicken, geschenkt..
    Ich würde nach 2020 und 2021 gerne sagen: „2022 KANN nur besser werden!“ – doch ich bin ziemlich sicher: 2022 werden wir noch mehr verkacken..
    In diesem Sinne..
    CU
    P.

    Gefällt 1 Person

  3. Guten Tag aus Kanada.
    Wie immer lese ich Ihre Beiträge mit großem Interesse. In so gut wie allen Punkten stimmen wir überein und es ist gut, die eigene Meinung mal in den richtigen Worten gepackt zu lesen. Selbst könnte ich das so punktgenau und treffend nicht formulieren. Da sage noch einer, wenn man immer der selben Meinung sei, würde es doch langweilig.

    Einen Arm- oder Beinbruch hat es bei mir zum Glück nicht gegeben. Dafür gab es andere Einschläge. Einerseits auch durch die Pandemie. Dem Verlust von Freunden deshalb, wenn auch nicht etwa weil gestorben wurde, sondern geschwurbelt. Und da bleibt einem manchmal keine andere Wahl, als Bindungen zu kappen.

    In der Tat hat man in 2020 und 2021 lernen müssen, dass manchem Menschen irgendwie nicht von dieser Welt sind. Manchmal nicht einmal per Hass, aber eben Weltfremdheit. Doch leider eben auch mit Einstellungen, die aus – gedachter – tiefer Freundschaft Feindschaft macht. Für mich das Bedrückendste, das diese Pandemie offenbart. Und, dass durch das Internet gefördert und beflügelt wird. Da denk man manchmal, hätte ich doch nie ein Facebook Profil eröffnet oder mich niemals mit diesem oder jenem Menschen verknüpft. Doch wir wissen ja, hätte hätte

    Möge also 2022 tatsächlich besser werden. Manchem Zeitgenossen vielleicht die Augen geöffnet. Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Hoffentlich.

    Danke für diesen guten – auch Mut machenden – Artikel.

    A very happy New Year 2022 with health and good luck day by day

    Georg Westerholz

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