Diversity – und was die katholische Kirche mit eurem Unternehmen oder Arbeitgeber zu tun hat

Eine beeindruckende und bewegende ARD-Doku sei auf diesem Weg nochmal empfohlen. Und was man da lernt, kann man ein wenig weiterdenken …

Anekdote aus meiner Jugend: Ich bin nun schon sehr lange mit meiner Frau zusammen, die meiste Zeit davon verheiratet. Vor unserer Hochzeit (1996!) lebten wir schon gemeinsam in einer Wohnung – und das durfte ihr Arbeitgeber damals nicht wissen, denn sie arbeitete in einem katholischen Kindergarten. 

Das hat uns damals amüsiert und war uns auch ein bisschen egal, aber daran musste ich wieder denken, als ich in der ARD die Doku „Wie Gott uns schuf“ sah. Die ist weder egal noch amüsant, sondern dramatisch gut und furchtbar zugleich. Es geht um 100 Angestellte der katholischen Kirche, vom Pfarrer bis zur Erzieherin, die ihre sexuelle Diversität nicht mehr verstecken wollen und ein Coming Out wagen. Und das ist wirklich ein Wagnis, denn im Deutschland des Jahres 2022 kann der Arbeitgeber katholische Kirche seine Angestellten tatsächlich entlassen, wenn sie bekennen, schwul, lesbisch, transgender oder sonst was jenseits der heterosexuellen Norm zu sein. So eine Entlassung ist arbeitsrechtlich aus Gründen, die niemand verstehen muss, der halbwegs bei Verstand ist, völlig in Ordnung.

Die Betonung liegt dabei durchaus auch auf „bekennen“, denn heimlich von der absurden Sexualmoral der katholischen Kirche abzuweichen, wird mehr oder weniger geduldet. So wie jeder zweite katholische Pfarrer eine „Haushälterin“ hat, die sich um mehr als nur den Haushalt kümmert (was die Spatzen von den Dächern pfeifen), so darf man als Angestellter schon homosexuell sein, nur bitteschön soll das keiner mitbekommen. Unter dieser Heimlichkeit, das wird in der Doku deutlich, leiden viele Betroffene mindestens so sehr wie unter der Angst, ihren Job verlieren zu können. Und als Zuschauer ist man einfach nur sprachlos über die Verlogenheit dieser „moralischen Instanz“, die weit ab von der proklamierten Nächstenliebe (und selbstverständlich gegen jede naturwissenschaftliche Erkenntnis) auch heute noch Menschen quält …

(Bis einem einfällt dass dieselbe „moralische Instanz“ ja auch jahrzehntelang Kindesmissbrauch zugelassen und gedeckt hat und sich heute mit windigen Argumenten aus ihrer Verantwortung stehlen will statt sich dieser zu stellen … Und wenn es kein sexueller Missbrauch war, dann Gewalt gegen Kinder, wie jüngst anschaulich hinter der SZ-Paywall nachzulesen … Und überhaupt ist ja nun wirklich nicht neu, dass die Kirche im Laufe ihrer Geschichte Macht ausgeübt und missbraucht hat, oder wie es in demselben Beitrag heißt: „Die Kirchengeschichte ist voll mit bösen Taten, man nennt es Tradition.“)

Folglich ist die Erkenntnis, dass die katholische Kirche im Laufe der Zeit nicht nur Gutes (*hüstel*) getan hat, keinen Blogbeitrag wert. Aber wir können ja mal einen Schritt weitergehen und fragen: Und sonst so? Wie sieht es anderswo in der Gesellschaft aus? Zum Beispiel bei euren Unternehmen oder Arbeitgebern?

Good news: Besser als bei der katholischen Kirche, das ist wohl mal klar. Die Rechtslage ist eh eine andere, Repressalien und Entlassungen aufgrund sexueller Orientierung darf es nicht geben. Aber darum geht es mir nicht, und dass die Kirche in dieser Frage kein Maßstab sein kann, müssen wir wohl auch nicht debattieren. In einer Diskussion an anderer Stelle wurde mir aber klar: So eindeutig souverän aufgeklärt und menschenfreundlich geht es bei diesem Thema in deutschen Unternehmen auch nicht zu. Falls ihr diesen Eindruck habt („Bei uns ist das kein Problem“) könnte das zwei Ursachen haben: Entweder es ist wirklich kein Problem oder ihr seht das Problem nicht, weil ihr als Teil der heterosexuellen Mehrheit nicht betroffen seid.

Insofern lohnt es, glaube ich, die Menschen und Schicksale aus der ARD-Doku gedanklich mal ins eigene Unternehmen zu übertragen und sich zu fragen: Wie würden wir damit umgehen? Wie normal ist zum Beispiel Homosexualität bei uns in der Firma? Stellt ein Mann das Foto seines männlichen Ehepartners mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf seinen Schreibtisch wie ein Kollege das seiner Frau? Und wenn nein, warum nicht? Reagieren wir auf beide Fotos genau gleich oder schauen wir im einen Fall genauer hin als im anderen und denken: „Hoppla, der traut sich was!“ Und wenn ja, warum? Gibt es bei uns wirklich keinen Grund, seine Sexualität zu verheimlichen? Kann jeder und jede aus freien Stücken entscheiden, ob das ein Thema am Arbeitsplatz sein soll oder nicht? (Denn selbstverständlich bin ich der Meinung, dass die sexuelle Orientierung reine Privatsache sein sollte, wenn man das so will – nicht aber, weil man Gerede oder gar Restriktionen welcher Art auch immer fürchtet.)

Im Rahmen der Bemühungen um Diversity spielt auch das Thema sexuelle Vielfalt in immer mehr Unternehmen eine Rolle. Und dabei begegnet einem immer dasselbe Gegenargument: Muss das sein? Muss das so viel Aufmerksamkeit bekommen? Haben wir keine größeren Probleme? Das ist, mit Verlaub, wirklich unterkomplex gedacht, ein Totschlagargument wie jeder „Whataboutism“. Es tut so, als seien Unternehmen oder Menschen nur dazu fähig, sich mit genau einem (wichtigen) Problem auseinanderzusetzen. In Unternehmen, die ich kenne, werden aber in der Regel Hunderte von Problemen gleichzeitig angegangen, von winzigen bis riesigen. Ja, doch, man kann sich gleichzeitig darum kümmern, dass der Umsatz steigt, die Kundenzufriedenheit erhöht wird, ein Produkt erfolgreich eingeführt, eine neue Strategie entwickelt, der Kaffee in der Kantine besser, der Fuhrpark nachhaltiger und ein vielfältiges, diskriminierungsfreies Umfeld für die Belegschaft diskutiert und mit Leben gefüllt wird. 

Krass, oder?

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