Mastodon und eine ganz grundsätzliche Frage

Blicken wir kurz auf ein Social Media Nerd Thema. Und machen von dort einen Schwenk zur Frage nach dem großen Ganzen …

Der eine oder andere wird es mitbekommen haben: Twitter, der knuffige Kurznachrichtendienst mit dem blauen Vogel, wurde zu einem irrsinnigen Mond-Mars-Preis von Elon Musk gekauft. Seitdem ist vor allem eines klar: dass alles unklar ist. Mitarbeiter werden entlassen und wieder eingestellt, Funktionen angekündigt und wieder verworfen. Management by Musk halt. Die besorgte Twitter-Community fragt sich, ob nun alle mühsam etablierten Mechanismen, um Hatespeech und Fakenews unter Kontrolle zu halten, abgeschafft werden. Nichts genaues weiß man nicht.

Vor diesem Hintergrund wird Mastodon, ein sehr kleiner knuffiger Kurznachrichtendienst mit dem blauen Urvieh, als mögliche Twitter-Alternative diskutiert.

Natürlich habe ich mir das gleich angeschaut. Auch wenn sich das nicht durchsetzt, kann man was lernen. Wie funktioniert das, was ist ähnlich wie bei Twitter, was nicht? Die letzte große Lernplattform in diesem Sinne war Clubhouse, da war noch deutlich mehr Hype, der aber auch sehr schnell wieder nachgelassen hat. War es deshalb ein Fehler oder Zeitverschwendung, sich dort anzumelden? Nope.

Mastodon ähnelt Twitter wirklich sehr. Es ist das übliche Prinzip eines sozialen Netzwerks: Man hat ein Profil, vernetzt sich mit anderen Profilen und baut darauf Kommunikation in Form von Kurznachrichten, Links und Bildern auf. So weit, so üblich. Eine Besonderheit und zugleich Schwierigkeit bei Mastodon ist, dass es keinen zentralen Elon Musk oder Marc Zuckerberg gibt, der alles steuert, alles entscheidet, auf den ganzen Daten sitzt und versucht sie zu monetarisieren, sondern dass Mastodon aus vielen dezentralen Instanzen besteht, sozusagen vielen kleinen Inseln die mehr oder weniger gut miteinander verbunden sind. Auf jeder Insel herrschen ein wenig andere Regeln, aber man kann sich ja vorab entscheiden, auf welcher Insel man wohnen will. Und wenn es einem da nicht gefällt, kann man auch auf eine andere Insel umziehen.

Diese prinzipiell gute Idee macht Mastodon leider auch sperrig. Schon die Entscheidung für eine Insel dürfte am Anfang viele überfordern. Und dann ist das Ganze einfach nicht so durchlässig, wie man es gewohnt ist und sich auch wünscht. Der Weg zu Mitbewohnern der eigenen Insel ist kürzer als der zu anderen Nutzern (vereinfacht gesagt). Es sind einfach ein paar Klicks mehr, um sich ein gutes Netzwerk aufzubauen. Und mehr Klicks = mehr Aufwand ist genau das, worauf die allermeisten Nutzer vermutlich keine Lust haben. Zumal der gute alte Netzwerkeffekt immer für die etablierten Plattformen und gegen neue Alternativen spricht: Es sind noch sehr wenige Nutzer auf Mastodon, man findet viel weniger Bekannte als auf Twitter (oder Facebook oder Instagram). Der größere Aufwand führt daher zu einem geringeren Nutzen.

Man muss daher kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass Mastodon eher nicht das nächste große Ding sein wird. Trotzdem: Anschauen und dabei was lernen schadet nicht.

Die Sache mit den Inseln bringt uns zu dem grundsätzlichen Problem, das ich mit Mastodon, mit Social Media, mit der Gesellschaft, ja mit dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest derzeit habe …

Denn wie schon geschrieben, hat jede Instanz auf Mastodon ihren eigenen Verwalter, der eigene Regeln aufstellt. Ich bin zum Beispiel auf der in Deutschland durch Jan Böhmermann bekannt gewordenen Instanz det.social angemeldet, und dort gelten offenbar Regeln, wer eher erwünscht ist und wer eher nicht. Ich erläutere das an einem plakativen Beispiel:

Nein, Roland Tichy, der mir sehr unsympathische, hart am rechten Rand der Gesellschaft fischende Journalist, wird auf meiner Instanz nicht gesperrt oder zensiert, aber versteckt. Wenn ich lesen wollte, was er dort schreibt, würde mich das wieder mehr Klicks und Aufwand kosten, damit er eben nicht mehr versteckt ist. Auf Mastodon wird also von Anfang an gefiltert nach gut und schlecht, sichtbar und versteckt, einfach oder kompliziert im Zugriff. Mastodon baut von Anfang an Filterblasen mit homogenen Meinungen und Haltungen, die ich mir in anderen Netzwerken erst erarbeiten muss. In anderen Netzwerken entstehen sie durch Interaktionen, lassen sich aber auch (mühsam) verändern. Bei Mastodon sind sie gleich mal gesetzt.

Und das soll die Lösung sein?

Wohin wir auch schauen, überall nimmt die Polarisierung zu, findet eine Radikalisierung der Meinungen statt, Fronten verhärten sich, unterschiedliche Meinungen werden immer weniger ausgetauscht. Wer anderer Meinung ist, ist ein Gegner, dem man am liebsten absprechen möchte, dass seine Meinung oder Haltung legitim sein könnte. Alles schwarz-weiß. Oder rot-blau, wie gerade in den USA zu beobachten. Eine wirklich schlechte Entwicklung, die uns in Sachen Demokratie und Meinungsfreiheit noch in Teufels Küche bringen kann.

Wenn Mastodon wirklich so funktioniert, wie es momentan auf mich wirkt, dann entwickelt es nur konsequent weiter, was wir in den „alten“ Netzwerken schon lange beobachten können – mit dem Unterschied, dass es uns als Fortschritt oder Errungenschaft verkauft wird. Auf Twitter ist Tichy für alle sichtbar – ich muss mich allerdings gegebenenfalls rechtfertigen, wenn ich ihm folge. Wie, du folgst diesem rechten Hetzer, was bist du nur für ein schlechter Mensch?! Als wäre folgen gleichbedeutend mit „begeistert zustimmen“ und nicht auch mit „auch andere Meinungen zur Kenntnis nehmen, selbst wenn sie mir wirklich fern sind“.

Wenn Mastodon wirklich so funktioniert und erfolgreich wäre, hätten wir bald ein Mastodon der „Linken“ und ein Twitter der „Rechten“, das alle „Linken“ verlassen hätten. Oder ein Mastodon mit gar nicht so durchlässigen „linken“ und „rechten“ und sonst wie verorteten Instanzen, in denen alle munter um sich selbst kreisen. So oder so würden wir digitalen Diskurs unter diesen Voraussetzungen bald komplett verlernen. Völlig übertrieben? Nö:

Einen Ausweg aus dem Dilemma? Sehe ich nicht. Nicht im Rahmen der digitalen Plattformen, die dank Algorithmen, fragwürdigen Eigentümern und grundlegenden Konstruktionsfehlern für Debatten von gesellschaftlicher Relevanz einfach lost sind.

3 Gedanken zu “Mastodon und eine ganz grundsätzliche Frage

  1. Lieber Herr Buggisch, vielen Dank für die Informationen, die mir viel Zeit sparen. Ich brauche Mastodon nicht auszuprobieren. Neben den Punkten, die Sie zu sozialen Medien anführen, stört mich besonders, dass Oberflächlichkeit zur Normalität wird. Niveau, wie Sie es in Ihren Beiträgen bringen – und ich bemühe mich auch darum – findet man immer seltener. Und, als Rechtschreibtrainer stört mich auch, dass oft ohne Rücksicht auf gutes Deutsch und stimmige Grammatik gepostet wird. Langsam glaube ich, dass das nicht nur Schludrigkeit ist, sondern Ausdruck des Unvermögens. Herzliche Grüße!

    Gefällt 3 Personen

  2. Irgendwie mache ich gerade als Newbie bei Mastodon völlig andere Erfahrungen. Es herrscht eine Dynamik und Neustart-Stimmung, die bemerkenswert ist.
    Viele alte Twitteraccounts treffe ich wieder, viele neue sind dazu gekommen, ja, es ist etwas komplizierter aber auf dem Schwung mitzusufen ist wirklich cool.
    Während bei Twitter Frust und Lamentieren immer größer werden, in zunehmenden Maße tolle Accounts verschwinden und die Followerzahl von Tag zu Tag sinkt.
    Bleibt abzuwarten, ob nicht Mastodon am Ende doch Bestand haben wird und Twitter, sollte es wirklich für alle kostenpflichtig werden, den Bach runtergehen.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich bin bei Technik, sowohl bei Hard- wie bei Software, ein ganz bewusster „late adopter“.
    Zuerst soll sich etwas mal ein paar Jahre bewähren. Und wenn es dann noch existiert, dann schaue ich es mir vielleicht mal an.
    So bin ich bisher erfolgreich, und ohne darin Zeit und Energie zu investieren, um Clubhouse, TikTok, Second Life, ICQ, Instagram und vieles andere gekommen.

    Wenn eine Sache den Bach runter geht (was bei Twitter ein bisschen danach aussieht), kann man ja auch mal grundsätzlich hinterfragen, was man mit seiner wenigen Lebenszeit eigentlich anfangen möchte.
    Ich komme dann schnell zu dem Schluss, dass die Dichotomie zwischen Twitter und Mastodon eine falsche ist, und dass ich viel lieber Bücher lese, Spanisch lerne, um die Welt reise oder an meinem Blog arbeite.

    Gefällt 1 Person

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..