Was für ein Jahr

Gegen Jahresende zu lesen, was man letztjährig zum Jahresende geschrieben hat, ist zunehmend ernüchternd. Es ist ein Zeichen dieser Zeit: Die Jahre sind schwierig, am Jahresende behilft man sich mit einem „Kann ja nur besser werden“, um dann festzustellen: Nein. Es kann auch noch schlechter werden. Kein Problem …

So schrieb ich vor recht genau einem Jahr hier im Blog: „Insofern verzichte ich ausdrücklich darauf auszuschließen, dass 2022 noch blöder wird als 2021. Aber hoffen und sich was wünschen wird ja wohl noch erlaubt sein … In diesem Sinne: Alles Gute für 2022! Möge es ein überraschend gutes Jahr werden.“

Gut zwei Monate später beschloss der größenwahnsinnige Mörder im Kreml, sein Nachbarland zu überfallen, Millionen Menschen in die Flucht zu treiben und Tausende umzubringen, kurzum in Europa einen Angriffskrieg vom Zaun zu brechen, der tatsächlich die Bezeichnung „Zeitenwende“ verdient und die Hoffnungen von einem „überraschend guten Jahr“ aber so was von pulverisierte … Dazu Ängste vor einem Atomkrieg, einer immer noch nicht endenden Pandemie, zunehmende Sorgen wegen schwächelnder Wirtschaft, galoppierender Inflation, fraglicher Energieversorgung und bedrohter Infrastuktur. Alles nicht lustig, alles noch blöder als 2021.

Schwierig sind solche Jahre, finde ich, vor allem dann, wenn uns nicht nur die Welt da draußen Kummer macht, sondern sich auch im inner circle die Probleme türmen. Über Details breite ich diskret den Mantel des Schweigens. Wobei, eine Erkenntnis möchte ich euch nicht vorenthalten: Wenn ihr alt werdet (und das wird passieren, vertraut mir), könnt ihr entweder vorausschauend oder auf Sicht fahren. Die meisten tun Letzteres und mir ist völlig klar, warum das so ist. Was könnte schwerer sein, als sich noch in guten, stabilen, kräftigen, gesunden Zeiten einzugestehen, dass diese Zeiten enden werden? Dass man das große Haus mit dem wundervollen Garten aufgeben sollte, in dem man sein halbes Leben glücklich verbracht hat? Sich von Nachbarn und Bekannten vor Ort verabschieden, in eine kleine, vielleicht sogar betreute Wohnung umziehen – während einem alle sagen: Bist du verrückt? Es geht dir doch noch gut! Warum willst du das aufgeben?!

Die Antwort ist einfach: Wenn ich diese (gravierende, für viele dramatische) Veränderung nicht rechtzeitig selbst in die Hand nehme, entgleitet sie mir und liegt in den Händen anderer. Und das kann niemand wollen, das führt unweigerlich zu einer Lose-Lose-Situation. Verlierer sind dann die älteren Menschen, über deren Kopf hinweg (scheinbar) plötzlich Entscheidungen getroffen werden müssen, und die jüngeren, die diese Entscheidungen vorantreiben oder treffen müssen und sich das nie gewünscht haben. Das Ganze ist für alle Beteiligten eine enorme Belastung, aus der Perspektive des Jüngeren kann ich sagen: physisch (Neustart organisieren, Umzug, Haus ausräumen) und psychisch (jede Menge familiärer Sprengstoff; und das eigene Elternhaus mit all den Erinnerungen, die damit verbunden sind, zu entsorgen, ist auch kein Spaß).Noch habe ich leicht schreiben. Wenn alles gut läuft, sind die Zeiten, in denen meine Frau und ich in der Rolle der Älteren sein werden, noch weit entfernt. Ist bei euch vielleicht ähnlich. Wollen wir uns gemeinsam vornehmen, dann rechtzeitig hieran zurück zu denken und uns gegen die Fahrt auf Sicht zu entscheiden?

Selbst so ein in vielen Facetten unerfreuliches Problem-Jahr wie dieses hält ein paar Lichtblicke bereit. So sind wir beim letztgenannten Thema auf der Zielgeraden. Neustart, Umzug, Hausräumung, alles erledigt, die Probleme liegen hinter uns. Auf Ebene der Weltpolitik sind wir noch nicht so weit, aber: Was sich der irre Diktator im Kreml als Eroberungs-Spaziergang vorgestellt hat, wurde dank taktischem Unvermögen und Schrott-Armee auf der einen und Durchhaltevermögen und westlicher Solidarität auf der anderen Seite zu einem Krieg, der einen sehr unerwarteten Verlauf genommen hat. Und auch hier überschneiden sich Weltpolitik und inner circle, wie die Leser dieses Blogs wissen: Aus ukrainischen Flüchtlingen wurden erst Gäste und dann Freunde, ich habe davon berichtet.

Was noch wirklich gut war dieses Jahr:

Es gab wieder viele tolle Reisen nach der Corona-Durststrecke. Salzburg, Algarve, Lissabon, Gardasee, Karlsbad, Allgäu, Tegernsee, Weinfranken, Teneriffa (in chronologischer Reihenfolge). Und wir planen Großartiges für nächstes Jahr.

Ich wurde 50 und es hat nicht weh getan. 

Mit Better Call Saul und The Walking Dead sind zwei der großartigsten Serien des Streaming-Zeitalters zu Ende gegangen. Es war mir ein Fest!

Arthurs Tochter kocht wieder nach längerer Pause. Und Mrs Flax war ein Jahr nach uns auf Madeira und hat ausführlich darüber berichtet. Um nur mal zwei Blogs zu erwähnen, die ich gerne lese.

Und: Jürgen hat einen üblen Herzinfarkt überlebt. Ihr müsst ihn nicht kennen, um das hier zu lesen, es ist beängstigend und dank digitaler Vermessung der Katastrophe unterhaltsam zugleich. Und die Geschichte hat ein happy end, das macht sie erträglich.

Was noch wirklich genervt hat dieses Jahr: 

Dieser moralische Rigorismus und Absolutismus, der einem überall begegnet. Der einen überall anbrüllt, denn normale Lautstärke wird ja offenbar nicht mehr wahrgenommen. Also höher, schneller, weiter, lauter, krasser, Hauptsache mit Effekt, und immer schön unterkomplex. Die einen kleben sich auf Flughäfen fest und behaupten, sie würden dadurch die Welt retten (und alle anderen würden das nicht tun oder nicht ausreichend tun). Die anderen kleben sich in Timelines auf Twitter oder sonst wo fest und klagen an: Warum verhältst du dich moralisch verwerflich und falsch (während ich auf der Seite der Guten bin)?

Und diejenigen, die sich Philosoph nennen und mit Fug und Recht über Moral philosophieren könnten, halten sich plötzlich für und äußern sich als Militärstrategen („Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung, aber auch die Pflicht zur Klugheit, einzusehen, wann man sich ergeben muss.“ – Richard David Precht im März 2022). Nie war der Satz wahrer: Hättest du geschwiegen, hätte man dich für einen Philosophen gehalten.

Vielleicht habe ich mit 50 (siehe oben) aber auch das Mindesthaltbarkeitsdatum für die Beteiligung an Erregungsspiralen überschritten. Manchmal zucken noch die Finger in Richtung Tastatur, um den nächsten kleineren (Menschen, die Kartoffelbrei auf Kunstwerke werfen) oder größeren Wahnsinn (Menschen, die sich unter einem Prinz Heinrich dem Viertelvorzwölften den Umsturz zurecht phantasieren) zu kommentieren. Aber dann ermüde und ermatte ich auf halbem Weg und lasse es bleiben. 

Na ja.

So, das war‘s. Keine Prognose für 2023. Macht‘s gut!

5 Gedanken zu “Was für ein Jahr

  1. So treffend formuliert – danke sehr für den Lesegenuss und die Erkenntnisse, die auch etwas mit den Erfahrungen des Lebens zu tun haben. Manchmal selbst etwas in die Hand nehmen (wie ihr positives Ukraine-Projekt) und die Hoffnung nicht aufgeben. Herzliche Grüße Angela Behler

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  2. Ein bisschen verwirrt bleibe ich zurück. Aber gut, ich stehe selbst vor einer Entscheidung, ein lange gehegtes Projekt zu canceln – bevor es mir entgleitet. Noch bin ich nicht gänzlich überzeugt. Aber sagen wir so: ich kann mit bestimmten Unwägbarkeiten umgehen, meine Grundhaltung ist zweckpessimistisch bis optimistisch. Aber ab einer bestimmten Anzahl von Unsicherheiten, die ich selbst nicht steuern kann, gebietet die Vernunft, ein Ende mit Schrecken anzustreben. Ich vertraue darauf, dass mein Gott sich was dabei gedacht hat.
    In diesem Sinne möchte ich Dich beglückwünschen, dass Du für Dich die Klarheit hast, das Risiko zu minimieren und mit positivem Blick auf das Erreichte schauen kannst.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest, einen guten Start ins neue Jahr! Ich glaube es wird wieder besser 🤗
    Viele Grüße vom Raul

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  3. Ein Punkt in deinem Artikel hat mich sehr berührt: Auch im Alter das Leben in die Hand nehmen und rechtzeitig Entscheidungen treffen. Genau das haben meine Schwiegereltern kürzlich getan und ich bin sehr stolz auf sie. Mit Anfang 70 haben sie ihr großes Haus entrümpelt und verkauft und sich in eine 3-Raum-Wohnung eingemietet. Sie sind sehr glücklich mit ihrer Entscheidung und genießen ihr Leben.

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  4. À point wie immer, vieles, was die Älteren betrifft, musste ich 2020 und 2021 erleben – da haben Deine Worte mich sehr berührt? (Die Jüngeren unter uns sagen wahrscheinlich „abgeholt“.)
    Gerne würde ich Dich im Gegenzug zu meinem mit spitzer Feder geschriebenen Jahresrückblick einladen (https://agentursatire.blog/2022/12/06/folge28-dasletztewort/), der aus einer Erregungsspirale entstand und an einer Stelle eine interessante Überschneidung mit Deiner Philosophen-Einschätzung hat … have fun!
    Und sonst: Dir und Deiner Familie eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch hinüber nach 2023.
    Lassen wir uns überraschen.

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