Coole und uncoole Digitalisierung

Als Technologie-Optimist gehe ich intuitiv davon aus, dass Innovationen, vor allem digitale, unsere Welt ein wenig besser machen. Das ist natürlich Quatsch. Ein Beispiel (und ein Gegenbeispiel) …

Ich muss auf meine alten Tage ja nicht alles verstehen. Aber mal angenommen, ihr müsstet euch was tolles Neues ausdenken. Eine Innovation. Irgendwas. Kämt ihr auf die Idee, dass eure Innovation absurd viel Energie verschlingen sollte? Eine Idee basierend auf Stromverbrauch jenseits von Gut und Böse? Eine CO2-Raushauen-Idee? Und jetzt kommt‘s: Das alles komplett digital? Keine Steinzeit-Technologie mit brummenden Motoren und rauchenden Schornsteinen, sondern eine rein digitale Innovation, die dennoch das komplette Gegenteil von nachhaltig ist …

Rätselhaft, aber wahr: Genau das ist Bitcoin.

Dezentrales, digitales, anonymes Zahlungsmittel … Alles schön und gut. Aber um neue Bitcoin zu erzeugen – neudeutsch „Bitcoin-Mining“ – braucht man irrsinnig große Mengen an Energie. Und da ein simpler Computer mit seiner Rechenleistung dafür schon lange nicht mehr reicht, braucht man riesige Serverfarmen. Die standen zunächst vor allem in China, wo der Strom natürlich aus Kohle gewonnen wurde. Irgendwann hat China bei dem Thema buchstäblich den Stecker gezogen, weshalb man unter anderem in Texas – ebenfalls bekannt für sparsame Nachhaltigkeit und ökologische Sensibilität – auf die Idee kam, ins energieintensive Bitcoin-Mining-Geschäft einzusteigen.

Eine geplante Bitcoin-Mining-Fabrik, in der also Rechner völlig sinnbefreit, aber mit höchster Leistung vor sich hin rechnen, damit am Schluss ein Stück digitales Geld herauspurzelt, eine solche in Texas geplante Fabrik also würde eine Millionen Gigawatt Energie verbrauchen, so viel wie 750.000 Haushalte (kann man auf Spiegel Online nachlesen). Eine Studie schätzt, dass  die weltweite Bitcoin-Herstellung so viel Strom verbraucht und Kohlendioxid emittiert wie ein mittleres europäisches Land (kann man auf Wikipedia nachlesen).

Das ist, als würde der Esel, bevor er Gold scheißt, nicht Stroh fressen, sondern … keine Ahnung. Irgendwas irrsinnig Wertvolles, das man für alles Mögliche hätte gebrauchen können, aber keinesfalls für einen Esel. Oder, weil es selten und wertvoll ist, am liebsten gar nicht gebrauchen, sondern schön aufheben würde, statt es einem Esel in den Rachen zu werden.

Dass die Menschheit einen Knall hat manchmal ein bisschen schwierig ist – geschenkt, wissen wir. Aber dass eine digitale Innovation so derart irrsinnig, nicht-nachhaltig konstruiert und maximal uncool ist … Na ja. (Zur Ehrenrettung der Menschheit: Es gibt auch nachhaltigere Kryptowährungen, habe ich gelernt.)

***

Es gibt natürlich weltweit auch ein, zwei Server, auf denen sinnvolle Daten vorgehalten und dem Nutzer mittels cleverer Berechnungen zur Verfügung gestellt werden. Beim Streaming zum Beispiel. Vom linearen Fernsehen habe ich mich, Leser dieses Blogs wissen das, schon lange verabschiedet, dafür habe ich Abos bei Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Sky (ich verweigere mich dem Rebranding und werde diesen saublöden neuen Namen „Wow“ möglichst wenig verwenden). Apple+ pausiert gerade, man muss mit seiner Zeit ja haushalten.

Was Audio angeht, findet mein Leben auf Spotify statt. Ich hasse Radio-Gedudel. Bin ich allein unterwegs, laufen fast ausschließlich Podcasts. Bei gemeinsamen Autofahrten neigt meine Frau dazu, das Radio anzumachen. Dann werde ich schnell unruhig, beginne zu zappeln wie ein Kind, das unbedingt am nächsten Rastplatz mal raus muss, bis meine Frau endlich sagt: „Na gut, dann mach halt was anderes an …“ Zack, Spotify, alles gut. Seit ich im Auto Podcasts höre, ist es mir meistens völlig egal, ob ich schnell oder langsam vorankomme. Selbst ein Stau kostet nicht Lebenszeit, sondern verlängert die Zeit, in der man interessante Sachen hören kann. Was will man mehr?

Spannend in diesem Kontext diese wunderbare animierte Grafik: Aufstieg und Fall der Musikverkäufe nach Format, von der Langspielplatte bis zum Streaming. Zweierlei finde ich interessant: Zum einen dass die Kassette, die ja auch schon ein „mobiler Datenträger“ war, zwar Wachstum verzeichnen konnte, aber offenbar erst die CD der Gamechanger war. Warum? Ich vermute, weil die Qualität der Kassetten, vor allem bei intensiver Nutzung, zu lausig war, während CDs bekanntlich deutlich höhere Qualität verlustfrei über lange Zeit garantieren. Kann ich aus eigenem Erleben jedenfalls bestätigen: Ich kann mich an genau eine Kassette erinnern, die ich besaß, „Into the Fire“ von Bryan Adams, die ich in Teenager-Zeiten totgehört habe und deren Lieder ich heute noch alle auswendig kann. Aber halt nur eine. CDs besaß ich dagegen so mittelviele, ohne je ein echter Sammler geworden zu sein. Zum Glück, denn als Streaming-Fan brauche ich keine CDs mehr, weder aus Nostalgie noch aus anderen Gründen.

Zweite Erkenntnis: Am Ende des CD-Zeitalters stand ein Einbruch, klar. Illegale Downloads haben die CD gekilled, aber: Legales Streaming hat die Umsätze der Musikbranche wieder auf die alten Levels gehoben, Tendenz weiter krass steigend. Dass mit Streaming kein Geld verdient wird, ist also ein Märchen, es wird Geld verdient. Ob es richtig verteilt wird, ist eine andere Frage. 

Und um den Bogen zu unserem ersten Thema zu schlagen: Auch beim Streaming ist in Sachen Nachhaltigkeit noch viel Luft nach oben. Der Bitkom hat mal ausgerechnet, dass eine Stunde HD-Videostreaming rund 100 bis 200 Gramm CO2 verbraucht, das entspricht einem Kilometer Fahrt in einem PKW mit Verbrennungsmotor. Allerdings werde Streaming kontinuierlich energieeffizienter: Für das Jahr 2020 könne angenommen werden, dass im Vergleich zum Jahr 2018 die Bereitstellung und Übertragung eines Films bei gleicher Auflösung etwa 25 Prozent weniger Energie benötigt.

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