Fortbewegung in Hotels

Höchste Zeit, dass wir uns hier mal wieder investigativ mit einem rätselhaften Alltagsphänomen beschäftigen …

Ich fahre eigentlich selten bis nie Aufzug (Ausnahme: mit einer vollen Kaffeetasse von der Kaffeemaschine im Erdgeschoss ins Büro im dritten Stock – Treppe wirkt sich nachteilig auf den Füllstand der Tasse aus). Fitness, ihr kennt das. Und seit Corona weiß man ja auch, dass in Aufzügen die Luft der letzten sieben Monate konserviert wird. Nein, muss nicht sein. 

Um so erstaunter bin ich immer in Hotels, wie viele Menschen den Aufzug nutzen. Nein, nicht um ihren extrem schweren Koffer bei Ankunft ins oberste Stockwerk zu befördern. Sondern zum Beispiel auf dem Weg zum Frühstück. Zimmer in der ersten oder zweiten Etage, Frühstück im Erdgeschoss: Man kann sicher sein, dass immer einige Leute geduldig auf den Aufzug warten, gerne auch mehrere Minuten, statt die fünf bis zehn Meter Treppe (abwärts!) zu nehmen.

Warum? Auf Twitter wurde mir die These „Knieprobleme“ zugespielt. Als Fan evidenzbasierter Wissenschaft habe ich sofort eine empirische Versuchsreihe gestartet und die Besucher im Frühstücksraum beobachtet. Nein, keine hüftsteifen Hotelgäste, keine humpelnden Hungrigen … Alles ziemlich normale Leute. Zugegeben: eher anekdotische Evidenz, aber trotzdem: nein.

Also wollte ich hier zynisch die Faulheit der ohnehin teiladipösen Gesellschaft anprangern und eine Predigt über Bewegung und die Vermeidung von Wohlstandserkrankungen halten. Aber: In besagtem Bürogebäude fährt fast niemand ein Stockwerk abwärts zur Kaffeemaschine.

Es muss also an der Location liegen, und siehe da, es dämmerte die Erkenntnis (oder zumindest die These, die es zu verifizieren gilt): Aufzüge sind das Herz jedes Hotels. Architekten bauen Hotels offenbar um Aufzüge herum, alle Wege führen zu Aufzügen, alle Schilder und Rezeptionisten weisen auf Aufzüge hin. Man fällt aus dem Bett, verlässt das Zimmer, schlurft den Hotelgang entlang und landet – vor einem Aufzug. Könnt ihr euch an ein Hotel erinnern, in dem das Treppenhaus im Zentrum der Aufmerksamkeit lag, in dem ihr zielgerichtet zum Treppenhaus statt zum Aufzug geführt wurdet? In dem der freundliche Mensch am Empfang zu euch sagte: „Herzlich willkommen, hier ist Ihr Schlüssel und dort finden Sie unser wunderbares Treppenhaus …“? Eben. 

Das gilt zumindest für das typische deutsche Business-Hotel in Innenstädten aus den 1950er bis 1990er Jahren. Ausnahmen bilden nur sehr alte Hotels – ich erinnere mich an ein üppiges Treppenhaus im Hotel Atlantic in Hamburg (Jahrgang 1909) und ein ebensolches in unserem Hotel in Karlsbad, wo ja sowieso alles alt und mondän ist (inklusive der meisten Gäste, außer uns natürlich).

Als passionierter Hotel-Treppen-Nutzer kann man übrigens immer mal was erleben, also probiert das aus. Treppenhäuser, die ins Parkhaus statt ins Erdgeschoss führen (und im Parkhaus gibt es selten Frühstück). Treppenhäuser, die zugleich als Abstellkammern dienen. Besonders beliebt: Treppenhäuser, die man nur in eine Richtung betreten kann: Ihr macht euch auf den Weg zum Frühstück, geht ins Treppenhaus, euch fällt ein, dass ihr was auf dem Zimmer vergessen habt, macht auf dem Absatz kehrt, wollt auf dem gleichen Stockwerk das Treppenhaus wieder verlassen – keine Chance! Die Tür geht nur in eine Richtung auf. Fluchtweg und so. Schutz gegen Einbrecher und so. Zurück ins Zimmer geht‘s nur über das Erdgeschoss. The circle of life, der ewige Kreislauf der Treppenbenutzer.

Fragt mich nicht, warum, aber das Thema Überwinden von Höhenunterschieden mittels modernster Technologie scheint mich zu beschäftigen. Daher gibt es in diesem kleinen Fachblog für Nichtigkeiten bereits einen Beitrag über Rolltreppen.

***

Geschrieben im Zug auf dem Weg nach Hause, was mich zu folgender Randbemerkung veranlasst: ein letztes Mal staatlich verordnete Corona-Schutzmaßnahmen in Form einer zwingend zu tragenden FFP2-Maske. Ich notiere das als ehrfürchtiger Chronist, der vor fast drei Jahren den ersten Beitrag zu dieser scheußlichen Pandemie geschrieben hat („ Man muss wohl kein Prophet sein, um zu ahnen, dass (…) es noch eine ganze Weile dauern wird, bis wir wieder volle Opern und Fußballstadien sehen werden …“ Aber natürlich konnte ich mir damals auch nicht vorstellen, dass das alles so lange dauern wird).

Das Volk im spärlich besetzten Zug nimmt die Pflicht eher gelassen, sei es weil es aus einem dicht besetzten Bus ohne Maskenpflicht in den Zug umgestiegen ist oder weil es weiß, dass die Pflicht in wenigen Tagen entfällt und sich fragt, warum die Pandemie vor dem 2. Februar so gefährlich ist, dass man Maske tragen muss, die Endemie nach dem 2. Februar aber so normal, dass man Maske tragen kann, wenn man will. 

Sei‘s drum. Freuen wir uns, dass nach drei Ausnahmejahren Normalität zurückgekehrt ist, und drücken uns die Daumen, dass es so bleibt,

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