Empathie und kalte Herzen

Schon zu Corona-Zeiten konnte man ein bisschen sprachlos sein, wie viel Kaltherzigkeit und Empathielosigkeit manche Mitbürger an den Tag legten …

Natürlich konnte man Maßnahmen der Regierung kritisieren (vor allem ex post ist das ziemlich leicht), aber bei all dem auszublenden, wie viel Tod und Leid dieses Virus über die Welt, ins Land, in die Nachbarschaft gebracht hat, das ist schon beeindruckend gefühllos. Ich habe mich ab und zu gezwungen, eine ganze Seite Drei in der SZ über den Kampf eines Covid-Patienten in einer Klinik, über seine Ärzte, Pfleger und Familie zu lesen … Ich habe mir die vierteilige Doku Charité intensiv angeschaut … Auch wenn es mir danach schlecht ging. Warum? Weil man das nicht kühl und distanziert ausblenden sollte, wenn man versucht sich ein Bild zu machen. Weil die Zahlen und Modellierungen der Statistiker nur ein Teil der Wahrheit sind. Weil wir Menschen sind und keine Roboter.

Diese kühle, unnahbare Haltung kann man bei manchen Mitbürgern auch im Konflikt um die Ukraine beobachten, und medienwirksam zur Schau getragen wird diese Haltung von Sarah Wagenknecht und Alice Schwarzer. Egal, was man von ihren Positionen inhaltlich halten mag (meine Meinung dazu kennt ihr): Es ist diese Kaltherzigkeit und Empathielosigkeit, die mich zusätzlich auf die Palme bringt und zu dieser kleinen Fotomontage inspiriert hat. Die das Leid in der Ukraine nur erwähnt, um mit einem großen ABER alles Gesagte sofort zu relativieren. Die aus Opfern Täter macht und aus Tätern potenzielle Opfer. Die mit kühlem Blick über die Gräber Tausender Toter hinwegsieht, nur um Recht zu haben und es besser zu wissen. Die sich selbst auf Fotos, Bühnen und in Talkshows inszeniert. Die Egozentrik mit Egoismus verbindet, denn letztlich lautet die Botschaft hinter dem ABER: Lasst uns in Ruhe, das ist nicht unser Krieg, sollen die Ukrainer sich mal schön selbst verteidigen. Oder, wie es in einem Blog nebenan passend hieß:

Neben der von mir unterstellten Kohorte an naiven Dummköpfen, die fordern, man solle doch jetzt mal verhandeln, damit der Krieg endet, gibt es auch diejenigen, die nach zehnmaligem Nachfragen sagen, man müsse die Ukraine jetzt halt opfern, damit wir endlich mal schön Frühling machen können. Grob zusammengefasst.

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Irgendwie passend dazu habe ich mir gerade erneut die grandiose HBO-Serie Chernobyl (verfügbar auf Sky) angeschaut. Das ganze Debakel von 1986 in nur fünf Folgen, exzellent ausgestattet, inszeniert, gedrehbucht und geschauspielert. Passend weil die ersten Gedanken der Verantwortlichen wirklich ausschließlich um die Frage kreisen: Wie kann ich mich wegducken? Wie kann ich die Schuld nach unten weiterverteilen? Und: Wie können wir dafür sorgen, dass unser System keinen Schaden erleidet, denn unser System mit seinen Genossen und Befehlsketten, seinem Lenin, seiner Partei, seiner Armee und seinem Geheimdienst ist doch unfehlbar … 

Ja, gut, da brechen die Menschen zusammen, ihre Körper schmelzen weg und bluten aus, die Feuerwehrleute verrecken, die Angestellten krepieren, und Menschen, Familien, Kinder in den umliegenden Städten werden in wenigen Wochen bis Jahren an Krebs dahinsiechen – aber das ist ja noch lange kein Grund für eine großräumige Evakuierung, die man nicht mehr unter den Teppich kehren und statt dessen als Schuldeingeständnis werten könnte. Empathie kommt in diesem grausamen Apparat kurioserweise ausgerechnet von den Wissenschaftlern, die als einzige das Ausmaß der Katastrophe begreifen und mühsam versuchen, die Politiker, vom feisten Dorf-Apparatschik über den zunehmend zweifelnden Minister bis hin zum recht positiv gezeichneten Generalsekretär Gorbatschow, zum Handeln zu bewegen; und die schier daran verzweifeln, wenn sie weitere Menschen zum AKW und damit in den sicheren Tod schicken müssen, um noch Schlimmeres zu verhindern. 

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Und als hätte ich es mir bestellt, passt dazu dieser Artikel in der SZ (Paywall), der uns zurück in die Ukraine führt und versucht zu verstehen, was dort in den letzten Jahren beim Militär passiert ist und warum die kleine Ukraine sich immer noch erfolgreich gegen den übermächtig scheinenden Nachbarn wehren kann. Die Wende begann 2014, als die ukrainische Armee bei der Annexion der Krim in einem erbärmlichen Zustand war und man beschloss, sich westliche Militärberater ins Land zu holen, um die Armee zu modernisieren. Die Anfänge waren chernobylesk:

Der Anfang in Kiew war schleppend, ja frustrierend. Treffen mit dem jeweiligen Verteidigungsminister und seiner Entourage fanden an langen Besprechungstischen statt, es gab Tee und Kekse, und nur der Minister las von einem vorbereiteten Sprechzettel. Zuhören war weniger wichtig. Nicht anders war es, wenn Kommandeure zu Gesprächen mit den westlichen Beratern zusammentrafen. Der jeweils dafür vorbestimmte Offizier gab eine Erklärung ab, die anderen saßen mit versteinerten Mienen dabei. Auch Meldungen zur Einsatzbereitschaft im großen Kinosaal des Verteidigungsministeriums verliefen nach bester sowjetischen Manier: Plan erfüllt oder übererfüllt.

Nach und nach gab es aber Annäherungen und Veränderungen, ein neues Mindset wie man neudeutsch sagen würde:

Jeder sollte an den Diskussionen teilhaben. Widerspruch sollte möglich werden. Befehlshaber sollten sich für ihre Untergebenen verantwortlich fühlen, Entscheidungen vor Ort getroffen werden und nicht ständig in der Militärbürokratie nach oben durchgereicht werden.

Das in Verbindung mit der Ausbildung von Soldaten nach westlichen Standards, erst in der Ukraine, seit Kriegsbeginn im US-Trainingszentrum in Grafenwöhr und bei der Bundeswehr, habe die ukrainische Armee auf ein anderes Level gehoben.

(Etwas, das Schwarzer und Wagenknecht sicher auch ablehnen, schließlich verlängern diese Maßnahmen den Krieg.)

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