(K)ein Reisender

Mandeville Kein ReisenderImmerhin die Reisen John Mandevilles müssten doch in allen Details und unzweifelhaft bekannt sein, galt er doch lange Zeit als der Reisende des Mittelalters, der das erfolgreichste Reisebuch seiner Zeit verfasst hatte … Aber das Gegenteil ist der Fall, und sicher ist nur eines: John Mandeville, der große Reisende, hat Europa nie verlassen.

Durch aufwändige Quellenstudien konnte schon im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden, dass Mandeville keine einzige der zahlreichen in seinem Bericht geschilderten Episoden selbst erlebt hat. Vielmehr weiß man inzwischen genau, welcher Quellen er sich bedient hat, welches Abenteuer von welchem Autor stammt und welche Werke ihm als Vorlage dienten. Tatsache ist: Mandevilles Reisen fanden in der Bibliothek statt.

Entsprechend vernichtend war die Kritik der Gelehrten im 19. Jahrhundert: Mandeville habe seinen Text „in unverzeihlicher Gewissenlosigkeit anderen Schriftstellern geraubt und als die Frucht eigener Anschauung und Kenntnis herausgegeben“. Da er nie selbst unterwegs war, „leimte er die verschiedensten Berichte über den Orient, die ihm unter die Hände kamen, zusammen und sein Werk war fertig. Unter der Flagge eines falschen Namens segelte dann dieses Machwerk durch den Strom von mehreren Jahrhunderten hindurch, von einem sensationssüchtigen Publikum als das erhabene Zeugnis eines kühnen, gewaltigen Geistes angestaunt.“

Heute freilich sieht man Mandevilles Leistung in einem anderen Licht: Sein Bericht ist nicht weniger als eine Darlegung des Weltwissens seiner Zeit, eine Summe der Reiseberichte des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts und damit geradezu eine Enzyklopädie des Reisens im Mittelalter.

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