Naturgesetze

Totschlag-Zitate: Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde …

Wenn die Argumente mal wieder ausgehen, wenn man ein bisschen zu faul ist, um selbst nachzudenken, wenn auch noch dem größten Unsinn Nachdruck verliehen werden soll … Was gibt es dann Schöneres als ein passendes Zitat? Denn noch viel besser als ein Totschlag-Argument ist ein Totschlag-Zitat. Höchste Zeit also, dass wir diesem Phänomen mal forschend nähertreten …

Habt ihr schon mal versucht, mit Astrologie-Freaks, Mondphasen-Phantasten oder Erdstrahlen-Fetischisten über deren merkwürdig-verschwurbelte Weltsicht zu diskutieren? Ist ja eher schwierig, weil der Gegenstand der Betrachtung jeweils … nun ja, sagen wir mal: etwas schwer zu greifen ist. Man appelliert dann an den gesunden Menschenverstand, weist auf Naturgesetze, wissenschaftliche Studien und die Kraft von Autosuggestion und sich selbst erfüllenden Prophezeiungen hin … Aber das hilft natürlich alles nichts.

Aber Shakespeare hat gesagt …

Irgendwann, wenn das Gespräch munter im Kreis rotiert, fällt garantiert dieser magische Satz, der schlagartig verdeutlicht: Du bist zu klein für solche Themen, Christian, dir fehlt der Zugang, deine rationalistische Herangehensweise verhindert, dass du tiefer eindringst, dir die Geheimnisse des Lebens und der Welt erschließt … Der Satz lautet natürlich: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.“ Hat Shakespeare gesagt, jawoll …

Zack, aus, Gespräch beendet. Ja wenn der große Shakespeare das gesagt hat, muss natürlich was dran sein.

Die Mutter aller Totschlag-Zitate

Der arme Shakespeare. Hätte er geahnt, für welchen Unsinn seine Worte vereinnahmt werden, hätte er gewusst, dass sie zur Mutter aller Totschlag-Zitate werden – er hätte sie sich vermutlich verkniffen.

Aber was zeichnet ein waschechtes Totschlag-Zitat aus? Dreierlei:

Erstens brauchen wir eine echte Autorität, der sich das Zitat zuschreiben lässt. Jemand, dem man eher nicht widersprechen will. Shakespeare ist gut. Goethe auch (bei dem ist schwurbelmäßig sowieso immer was zu holen). Schiller geht so. Gerne auch fernöstliche Größen wie der Dalai Lama, Konfuzius und wie sie alle heißen. Und natürlich sind auch alle irgendwie naturbelassenen Völker hinreichend glaubwürdig, dann geht’s auch ohne einzelne Autoritäten: alte indianische Weisheit, uralte Weisheit der Maya und so weiter …

Shakespeare und Eso-Gedönse

Zweitens darf sich der Totschlag-Zitierer grundsätzlich nicht um Kotext und Kontext scheren – das wäre kleingeistig und relativistisch. Und so ist es völlig wurscht, dass Hamlet die Sache mit der Schulweisheit zu Horatio sagt – und nicht etwa der große Shakespeare zum Leser im 21. Jahrhundert. Übrigens ist auch eine genaue Übersetzung kleinlich und unangebracht, denn eigentlich heißt die Stelle bei Shakespeare: „There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy.“ Also nichts da zwischen Himmel und Erde, schade, denn das klingt ja irgendwie raunender und geheimnisvoller …

Zum Shakespeare-Schulweisheits-Zitat gibt es übrigens einen wunderbaren Blog-Beitrag, den ich euch wärmstens empfehlen möchte: Bitte nicht Shakespeare! Fazit des Beitrags:

Auf keinen Fall hat Shakespeare, oder besser: Der von ihm konstruierte Hamlet mit obigem Zitat gesagt, dass Homöopathie funktioniert, oder dass Heilkristalle, oder Reiki, oder irgendein anderes Eso-Gedönse oder Ufo-Sichtungen irgendetwas mit Realität zu tun haben, wirken oder funktionieren oder gut oder wahr sind – da kann jeder gern mal bei Hamlet nachschlagen.

Soso jaja gell

Drittens und letztens braucht ein gestandenes Totschlag-Zitat eine gewisse diffuse Allgemeingültigkeit. Ob ein Satz totschlag-zitat-tauglich ist, lässt sich dabei leicht überprüfen: Kann man darauf mit einem nachdenklichen „Soso jaja gell“ reagieren, ist er hervorragend geeignet! Probieren wir das mal:

„Heißa! – rufet Sauerbrot – Heißa! meine Frau ist tot!!“ Na ja, nein, nicht geeignet. Irgendwie zu … zynisch. Da wabert nichts. Typisch Wilhelm Busch halt.

Wie wär’s damit: „Überall, wo der weiße Mann die Erde berührt, ist sie wund …“ Hervorragend geeignet! (Kein Wunder, ist ja auch eine indianische Weisheit.)

Ich freue mich über weitere schöne Totschlag-Zitate in den Kommentaren! Ach ja, und eins hab ich noch, von Schiller: „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergeblich.“

Bildnachweis: EsoWatch Blog

28 Gedanken zu “Totschlag-Zitate: Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde …

  1. Dem Verschwurbelten empfehle ich André Gide:
    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“
    „Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“

    Sogar Adenauer eignet sich: „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“

    Der Beschwurbelte möge sich gegen Shakespeare und Co. mit Faust zur Wehr setzen:
    „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“
    „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber. “ -> Mein persönlicher Favorit. Wirkt am besten mit großer Geste und sofortigem Abgang, sollte aber sparsam eingesetzt werden.

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  2. Wirklich fein, hab sehr geschmunzelt. Ich hab mich ja komischer Weise am meisten bei „Schulweisheit“ amüsiert, dieses „Schul-“ ist echt ein Phänomen, ich zitiere einen Leserbrief ans brandeins:

    Irritierend ist es, dass sich das Unwort der „Schulmedizin“ mittlerweile in der deutschen Sprache durchgesetzt zu haben scheint. In keiner anderen Wissenschaft muss sich der Experte von selbsternannten Alternativfachleuten belehren lassen. Wo sind sie, die Alternativmathematiker? Wo ist der Komplementärmaschinenbau? Warum gibt es keine Physikpraktiker? Die Schulmathematik, Schulphysik, Schulbiologie dürfen sich allgemeiner Geltung rühmen – deshalb nennen wir sie auch Mathematik, Physik und Biologie. Schulmedizin ist Medizin. Der Rest ist Quacksalberei. Fangen wir an, die Medizin wieder so zu nennen.

    Ob jetzt Schulweisheit Weisheit ist wage ich trotzdem mal zu bezweifeln.

    Ach ja: Mein Lieblings-Totschlag-Zitat, da kann man nichts mehr sagen…
    „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel…“
    Lukas Podolski

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    • Ach je, die „Schul“medizin ist doch zunächst mal nur eine semantische Codierung einer bestimmten erkenntnistheoretischen Herangehensweise, die ja zweifellos unterschiedlich ist zu zum Beispiel TCM, Ayurveda-Medizin etc. Deren Grundlagen und über tausende von Jahren unbestreitbaren Erfolge nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, offenbart doch ein recht begrenztes und zudem eurozentrisch-arrogantes, geschlossenes Weltbild. Diese dogmatische Haltung tut im übrigen auch vielen „Schul“medizinern Unrecht, die sich durchaus offen für alle möglichen Ansätze zeigen und sich derer von Akupunktur bis Homöopathie auch durchaus erfolgreich bedienen.

      Vielleicht hilft es ja, sich mal die Erkenntnisse der sogenannten „Schulmedizin“ im Verlauf von 100 Jahren anzuschauen. Dann sollte man schnell erkennen, daß hier kein unverrückbarer und fest umrissener wissenschaftlicher Kanon vorliegt, der pauschal alles jeweils historisch Undenkbare ausschlösse.

      Das gilt ja nun auch gerade für „die Physik“, die schon gar nicht mehr klares ‚Schwarz‘ oder ‚Weiß‘ bieten kann. Die avanciertesten Theorien der Quantenphysik stehen doch nun in der Tat in großer Spannung zu fundamentalen Überzeugungen der klassischen Physik. Letztendlich geht es hier auf beiden Seiten in die Metaphysik. Wer hier, wie auf anderen Gebieten, die Widersprüche und Unschärfen einfach einebnen möchte, der hat wahrscheinlich in erster Linie das Bedürfnis nach einem glasklaren, geschlossenen Weltbild. Aber das ist im tiefsten Ursprung (verständliches) menschliches Sicherheitsbedürfnis, nicht überlegener wissenschaftlicher Ansatz…

      Montaigne-Leserin

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      • Ach je, ich gebe zu, ich bin Anhänger dieser erkenntnistheoretischen Herangehensweise, die nebenbei erwähnt das Gegenteil von Dogmatismus ist, aber das würde jetzt zu weit führen. Arrogant scheint mir hingegen das typische esoterische Argumentationsmuster zu sein, das all jenen Kleingeistigkeit vorwirft, die die „unbestreitbaren Erfolge“ nicht sehen wollen – was genau es da zu sehen geben soll, bleibt wie immer diffus. Ich freue mich jedenfalls über Hinweise auf nachweisbare (!), nicht nur herbeigeredete Wirkungen und Erfolge. Die gibt es aber nicht, das wissen wir beide. Vielen Dank auch für das Standard-Schwurbel-Argument, dass jahrtausendealte Medizin ja nicht schlecht sein kann – wenn echte Nachweise fehlen rettet man sich eben gerne in Allgemeinplätze und Klischees. Dass sich auch Schulmedizin verändert, hat niemand bestritten, und dass du von einem unveränderlichen „wissenschaftlichen Kanon“ ausgehst, zeigt nur, dass du nicht wirklich weißt, wie wissenschaftliche Erkenntnis etwa im Sinne Karl Poppers funktioniert – sie ist das Gegenteil von Kanon und Geschlossenheit und offen dafür, jederzeit revidiert zu werden. Das ist aber anstrengend und fordert Aufgeschlossenheit und die stete Bereitschaft, die eigenen Theorien zu modifizieren. Da ist es natürlich bequemer, mal schnell ein „Metaphysik“ in den Raum zu werfen …

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  3. … wieder ein sehr schöner Beitrag, Christian !

    Tja, – da hilft nur, mit „Abwehrzitaten“ zu arbeiten. Das bietet sich auch insofern an, weil deren Gefälschtheit genau von denen nicht beurteilt werden kann, die uns mit kontextlosen Standardzitaten quälen.

    Was sich z.B. als Fälschungsgrundsubstanz eignen könnte: „Man sagt, die Astrologie (bzw. Mondphasen oder Erdstrahlen) raubt denen den Verstand, die einen haben und gibt ihn jenen, die keinen haben.“

    Original (von der Verpackung meiner Muskote-Zigarettenblättchen): „Man sagt, die Liebe raubt jenen den Verstand, die einen haben und gibt ihn jenen, die keinen haben“ Denis Diderot

    Bestimmt kann man das noch kreativer angehen, – viel Spaß beim Verproben;-)

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  4. Für alle des Englischen sufficient mächtigen ist folgender Link, in dem auch Shakespeare’s Zitat nicht fehlt, von nicht unerheblicher Relevanz (abgesehen davon, dass er umwerfend komisch ist):

    Grüße,

    Markus

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  5. Schön,
    was sich manche Schöngeister sich so „einfallen“ lassen…

    da kann man einiges von lernen….

    jedenfalls

    mir kam mal in den Sinn:

    „Man kann sich dem Altern nur durch den eigenen Tod entziehen!“

    aber den Zeitpunkt „dazu“ überlasse ich dem „lieben Gott“ –
    der weiß, wann der richtige Moment dazu da ist…

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  6. Ich bin der Meinung Ihr Totschlagzitat über «Himmel und Erde» sei so formielrt worden von Johann Wolfgang von Goethe. Bei Shakespeare, 200 Jahre früher, heisste es: «There are more things in heaven and earth, Horatio,Than are dreamt of in your philosophy.»

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  7. Aha, mehrere tausend Jahre Erfolge in der medizinischen Behandlung darf man schlichtweg ignorieren?! Absurder geht es wohl nicht mehr! Die Mediziner wurden damals nur dann bezahlt, wenn der Mensch gesund war. Wenn er krank wurde…..
    Jeder Fall wurde natürlich fein säuberlich seit tausenden von Jahren festgehalten! Die 20 bis 30 Tausend Tote (nach offizieller Statistik) durch die Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente der Pharmaindustrie werden selbstverständlich nicht erwähnt! Dunkelziffer 2x – 3x so hoch! Na und ????!!!!! Ich selber darf mich jetzt schon über 60 Jahre an der Schädigung durch die Pockenschutzimpfung erfreuen (ständig 15-20 Kg Untergewicht, mangelnde Vitalität). Ich war aber keineswegs ein Einzelfall, sondern hunderte von anderen Fällen bis hin zumTod in dieser Zeit sind dokumentiert Auf der geistigen Ebene ist zum Glück nichts passiert. Erst wer so etwas bei sich selber oder bei anderen mehr oder weniger nahestehenden Menschen erlebt hat, beginnt wirklich zu verstehen und zu begreifen und zu hinterfragen, was hier wirklich passiert.
    Sorry, hat zwar jetzt zwar nichts mit Shakespeare zu tun, aber ich halte es für Erbsenzählerei, ob es Hamlet zu Horatio gesagt hat und ob es wortwörtlich übersetzt wird oder sinngemäß in freier Übersetzung.

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    • Sorry, Peter Löwe, aber hier ist kein Platz für Verschwörungstheoretiker und Impfverweigerer. Und wenn du das, was ich schreibe, für Erbsenzählerei hältst, dann hab ich einen Tipp für dich: Lies ein anderes Blog. Und tschüss.

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    • Ach ja, das haben wir es wieder, dieses „schlecht für die Menschheit weil schlecht für mich“ (der Einfachheit halber nehmen wir mal an, dass deine Probleme tatsächlich eine Nebenwirkung der Pockenschutzimpfung sind). Stellen wir uns also mal vor, die Pockenimpfung hätte es nicht gegeben. Dann würden heute immer noch mit schöner Regelmäßigkeit Pockenepidemien auftreten. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wärst du dann nicht nur untergewichtig und schlapp, sondern blind oder taub oder geistig geschädigt oder vielleicht auch tot. Oder anders ausgedrückt: heute bist du mit ziemlicher Sicherheit der einzige Impfgeschädigte in deiner Familie. Ohne Pockenschutzimpfung hättest du heute mit mit ziemlicher Sicherheit mehrere Angehörige durch Pocken verloren oder sie wären schwer geschädigt. Vielleicht deine Geschwister, vielleicht deine Kinder, vielleicht deine Enkel. Lass dir das mal durch den Kopf gehen…

      Du hattest halt Pech, der eine von 10.000 zu sein, bei dem es zu Impfkomplikationen kam. Das mag jetzt herzlos klingen, ist es aber nicht. Ich bedaure dich durchaus, mein Herz hängt aber auch noch an einer ganzen Reihe anderer Menschen…

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