Anekdote vs. Evidenz

Ein Problem dieser elenden Corona-Pandemie ist, dass die Gefahr abstrakt ist. Es gibt einen Widerspruch zwischen persönlichem Erleben und wissenschaftlicher Erkenntnis – und damit tun wir uns schon immer schwer …

Denn was wir persönlich von Corona mitbekommen, ist … nichts. Ich persönlich kenne (zum Glück) niemanden, der an Corona gestorben ist, und niemanden, den es schwer getroffen hätte. Ich kenne Menschen, bei denen es einen milden Verlauf gab. Ich hatte in den letzten Monaten kein einziges Erlebnis, das die harten Maßnahmen zum Infektionsschutz und die Einschränkung unserer Freiheit rechtfertigen würde.

Eine mögliche Reaktion auf diesen Widerspruch ist, in Menschenmengen ohne Masken und Abstand gegen die böse Regierung zu demonstrieren und sich mit Sophie Scholl zu vergleichen. Alles Lüge, alles Panikmache, alles Diktatur! Es ist doch offensichtlich, dass es keine große Gefahr gibt! „Nicht gefährlicher als die Grippe“, ist das Mantra der Corona-Leugner, weil sie es so und nicht anders erleben.

Der Rest der Bevölkerung, der die Maßnahmen gegen Corona akzeptiert – und es ist zum Glück die große Mehrheit -, berücksichtigt neben dem persönlichen Erleben eine weitere Informationsebene: die Statistik. Es gibt eine große Menge an verfügbaren Zahlen, Daten und Fakten, sie werden regelmäßig berichtet, übersichtlich aufbereitet und verständlich von Experten erklärt. Und sie sind eindeutig, was die Gefährlichkeit des Virus angeht, die Infektions-Sterblichkeit und die schweren Krankheitsverläufe.

Das Problem des persönlichen Erlebens

Diese sehr unterschiedliche Bewertung der gegenwärtigen Lage der Nation hat ihre Ursache darin, wie gut wir zwischen Anekdote und Evidenz unterscheiden können (oder mit anderer Begrifflichkeit: zwischen anekdotischer und statistischer Evidenz); wie gut wir uns Folgendes klar machen können: Das, was wir persönlich erleben, hat zunächst keine Bedeutung über das persönliche Erlebnis hinaus. Es ist eine Anekdote, die wir nicht ohne Weiteres verallgemeinern können.

Das klingt trivial, ist aber tatsächlich ein Problem, dem wir öfter begegnen. Zwei Beispiele:

Erstens: Es gibt nicht wenige Menschen, die glauben an einen Einfluss des Monds auf ihr Leben. Sie planen ihren Friseur-Besuch nach den Mondphasen und meinen, sie würden bei Vollmond schlecht schlafen. Das ist reiner Aberglaube und hat seine Ursache in der Verwechslung von Korrelation und Kausalität: Einmal schlecht geschlafen, zum Fenster rausgeschaut, den Vollmond gesehen – fertig ist das Vorurteil, man könne bei Vollmond schlecht schlafen. 

Zweitens, wechseln wir in den Bereich der Medizin: Es gibt nicht wenige Menschen, die glauben, Homöopathie würde ihnen helfen. Man kann ihnen noch so viele Gründe liefern, warum Homöopathie gar nicht funktionieren kann … Man bekommt dann dennoch immer dasselbe zu hören: „Aber mir hat‘s geholfen.“ Auch hier liegt oft eine Verwechslung von Korrelation und Kausalität vor: Einmal Kopfschmerzen gehabt, einmal Globuli eingeworfen, nach einiger Zeit ging es besser – fertig ist das Vorurteil, die Globuli hätten gegen Kopfschmerzen geholfen. In Wahrheit hat sich der Körper selbst geheilt, wie er das so oft tut, und dass man nebenbei zufällig ein bisschen Zucker konsumiert hat, tat nichts zur Sache. (Und wenn‘s nicht die Selbstheilungskräfte waren, war‘s der Placebo-Effekt.)

In beiden Fällen ist es aus wissenschaftlicher Sicht sonnenklar und evident, dass weder Vollmond noch Globuli unser Leben positiv oder negativ beeinflussen. Mond und Zucker sind wurscht. Es gibt jede Menge Studien, die das belegen. Und dennoch ignorieren nicht wenige Menschen die statistische Evidenz und messen der Anekdote zu große Bedeutung bei.
Das ist im Fall des Monds egal, im Fall der Homöopathie ärgerlich und im Fall von Corona dramatisch. Denn die Evidenz zu ignorieren hat bei Corona Auswirkungen nicht nur auf einen selbst, sondern auf die Mitmenschen.

Was fangen wir nun mit diesen Erkenntnissen an?

Ein Narrativ im Kopf

Dabei hilft uns nochmal ein Schlenker zu einem anderen Beispiel. Denn nicht immer leugnen so viele die statistische Evidenz. Denken wir etwa an die Gefahr für Fahrradfahrer, die von abbiegenden LKW ausgeht. Ich persönlich kenne (zum Glück) niemanden, der von so einem abbiegenden LKW zermalmt wurde, ich habe so eine Situation noch nie mit ansehen müssen. Und dennoch habe ich einen Heiden-Respekt vor den Dingern, und ich kenne keinen Radfahrer, der ohne ein flaues Gefühl mit dem Fahrrad neben einem blinkenden 18-Tonner an der Ampel steht.

Warum triggert die Anekdote unser Handeln in diesem Fall weniger stark? Weil wir uns das Unglück vorstellen können, weil wir schreckliche Berichte darüber gelesen haben, weil es eine „sinnstiftende Erzählung“ gibt, die „Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird“, wie Wikipedia das nennt; kurz: weil wir ein Narrativ im Kopf haben, vor allem wenn wir auf unserem wackeligen Fahrrad neben so einem LKW stehen.

Eine Lösung im Umgang mit Corona könnte daher darin bestehen, Narrative zu schaffen bzw. ihnen Reichweite zu verschaffen, und zwar für alle, denen reine Zahlen, Daten und Fakten nicht ausreichen, um ihr Verhalten anzupassen. Es ist kein Zufall, dass die dramatischen Bilder von Militärkonvois voller Särge in Norditalien im Frühjahr die Menschen in der Region viel vorsichtiger gemacht haben als anderswo. Es war ein Narrativ mit Bildern, die die Menschen getroffen haben. Es erzählte Corona-Geschichten grausam-anschaulich zu Ende, machte Schicksale sichtbar und verwandelte nackte Zahlen in das fühlbare Leid vieler Familien in der Region.

Nun ist das Letzte, was ich mir wünsche, dass Militärkonvois voller Särge durch unsere Straßen rollen und uns zur Vernunft bringen. Aber die traurigen Bilder und Geschichten dieser Pandemie existieren, wir müssen sie nur sichtbarer machen. Es sind Bilder und Geschichten zum Beispiel von Intensivstationen und aus Reha-Kliniken, von Ärzten, Pflegern und Patienten.

„Diese wahren Geschichten aus der echten Corona-Krise laufen an uns vorbei“, war kürzlich in einem Artikel zu lesen, und es stimmt: Wir lesen viel über die Auswirkungen von Corona auf Schüler, Gastronomen, Künstler (alles wichtig!) und besorgte Bürger, die neben Rechtsradikalen und bekloppten veganen Köchen gegen die Zumutungen der Regierung demonstrieren (gar nicht wichtig!); viel mehr als über diejenigen, die mit den medizinischen Folgen von Corona zu kämpfen haben.

Mir ist bewusst, dass diese Narrative durchaus schwierig sein können, man setzt sich leicht dem Vorwurf aus, Ängste zu schüren. Aber vielleicht fallen euch weitere Möglichkeiten ein, die Corona-Gefahr anschaulich und greifbar zu machen, ohne schwarz zu malen.

Alle nutzen Narrative

Und wem das zu unsachlich ist, wer doch lieber auf Statistik verweist, wer darin wiederum Panikmache wittert, dem sei gesagt: Alle nutzen Narrative in dieser Pandemie, auch die Verharmloser und Leugner. Der Lauteste von ihnen, der wirre Mann auf Abruf im Weißen Haus, ist zugleich der größte Geschichtenerzähler. Kaum hatte er seine Corona-Infektion überstanden, machte er Wahlkampf als „starker Mann“, dem Corona nichts anhaben konnte. Seine Erzählung lautete: So schlimm kann das mit dem Virus nicht sein, ihr müsst nur stark genug sein, dann könnt ihr es besiegen. Ein doppelt zynisches Narrativ, verleitet es doch die Anhänger zur Unvorsicht und unterstellt zugleich den Corona-Opfern, sie seien zu schwach gewesen. Zynisch, aber wirksam: 70 Millionen Amerikaner haben bekanntlich Trump gewählt – auch weil sie seinen Narrativen geglaubt haben.

Das Problem der fehlenden Anschaulichkeit ist übrigens generell ein Problem in einer wohlstandsgesättigten Gesellschaft, die Tod und Leid erfolgreich aus dem Alltag verbannt hat. Sie ist zum Beispiel auch ein Grund für die Impfmüdigkeit der Menschen. Auch hier spricht die Anekdote („Was wollt ihr denn? Ich sehe weit und breit keine Masern und erst recht keine schlimmen Folgen einer Masernerkrankung. Ich lass mich doch nicht gegen nichts impfen!“) gegen die Evidenz (Zahlen, Daten, Fakten zur Gefährlichkeit der Masern). Absurderweise führt der erfolgreiche evidenzbasierte Kampf gegen die Masern zu einer Stärkung der Anekdote und einer Schwächung der Evidenz – wir haben das hier schon einmal unter dem Begriff des Präventionsparadoxons verhandelt.

Wir brauchen also nicht nur für Corona, sondern auch in anderen Zusammenhängen Narrative, die helfen, Evidenz zu verstehen und zu akzeptieren; Bilder und Geschichten, die nackte Zahlen und abstrakte Informationen anschaulich machen.

Bildnachweis: Daniel Tafjord bei Unsplash