Dont feed Pegida

Don’t feed Pegida

Je mehr ich über Pegida erfahre, desto sicherer bin ich, dass es nur eine sinnvolle Strategie für den Umgang mit diesen Leuten gibt: Wir sollten sie ignorieren …

Als Fan der Aufklärung habe ich kürzlich noch geäußert: Wir müssen Pegida-Anhänger mit guten Argumenten überzeugen, ihnen aus ihrer besorgten Unsicherheit und ängstlichen Ahnungslosigkeit helfen. Nicht den mitlaufenden Nazis und Hooligans, sondern den „normalen“ Bürgern, die sich aus welchen Gründen auch immer von Pegida verstanden und vertreten fühlen. Möge ihnen das Licht der Aufklärung den Weg weisen!

Inzwischen glaube ich: Das ist falsch. Es gibt bei Pegida für diese Strategie keine Anknüpfungspunkte. Denn Pegida steht inhaltlich für: nichts. Oder zumindest für nichts Konkretes.

Frau Oertels diffuse Unzufriedenheit

Kathrin Oertel von PegidaDas wurde jüngst sehr schön deutlich anhand der beiden Pegida-Führungsfiguren Lutz Bachmann und Kathrin Oertel. Letztere hat sich am Sonntag in der Talkshow von Günther Jauch erstmals einer großen Öffentlichkeit präsentiert und hatte hier die Gelegenheit darzustellen, wofür und wogegen sie genau ist. Sie sagte aber: nichts. Jedenfalls nichts Konkretes. Sie ist irgendwie unzufrieden. Mit der Politik. Mit der Tabuisierung von Themen (welchen und durch wen weiß man nicht). Mit der mangelnden Mitbestimmung. Es ist eine diffuse Unzufriedenheit, die in einigen Slogans mündet. Aus einer gewissen Medienskepsis wird der Slogan von der Lügenpresse. Aus einem gewissen Unbehagen gegenüber Ausländern wird der Slogan von der Islamisierung des Abendlands.

Nebenbei erwähnt: Günther Jauch wurde ja allenthalben für seine Sendung mit Pegida-Beteiligung kritisiert, nicht zuletzt weil er Frau Oertel mit Samthandschuhen angefasst habe und auch kein anderer Diskussionsteilnehmer wirklich Contra gegeben habe. Ich dagegen glaube, er hat alles richtig gemacht. Es wäre ein Leichtes gewesen, Frau Oertel, erkennbar Talkshow-unerfahren und kein Medienprofi, auseinander zu nehmen. Das hätte Jauch und „den Medien“ aber nur den Vorwurf eingebracht, unfair mit Pegida umzugehen, und Frau Oertel zum Opfer der bösen Presse stilisiert, das sie nun wahrlich nicht ist.

Nein, ihr Auftritt hat für sich gesprochen: keine Inhalte, keine Argumente, keine Ansatzpunkte für Diskussion. Nichts, worüber sich zu reden lohnt. Genauso gut kann man mit Leuten diskutieren, die irgendwie an Astrologie glauben. Man kann es aber auch lassen. Macht keinen Unterschied.

Lutz Bachmanns Tiefflug

Oder nehmen wir Lutz Bachmann, den eben zurückgetretenen Vorsitzenden von Pegida. Inhaltlich befindet auch er sich in einer immerwährenden Fastenzeit. Aber immerhin sprachlich offenbart er, wes Geistes Kind er ist.

Tweets von BachmannBei Metronaut hat man sich durch seine Twitter-Timeline gegraben und Bemerkenswertes gefunden: Vom „Migrantenhaufen“ ist da die Rede, von „Negriden“, von „Claudia Fatima Roth“, die man erschießen sollte, und von „Bundesschwuchtel Löw“. Hier ist einer im intellektuellen Dauertiefflug unterwegs, gefangen in seiner kleinen Welt voller Vorurteile. Ein unangenehmer Besserwisser, der sich selbst für originell hält, nicht mal ansatzweise für Argumente zugänglich ist, unter faszinierender Selbstüberschätzung leidet – und allen Menschen mit nur einem Funken Verstand unglaublich auf die Nerven geht.

Der lange Schatten der Pegida-Zwerge

Im Internet nennt man solche Zeitgenossen Trolle und hat ein gutes Rezept für den Umgang mit ihnen: Beachtet sie nicht! Don’t feed the trolls! Lasst sie quatschen und ignoriert sie in zen-buddhistischer Gelassenheit. Diskussion bringt null, nada, niente, rien, nothing. Sie quatschen nur weiter und weiter, weil ihnen ein wichtiger Sensor fehlt, mit dem halbwegs zivilisierte Wesen ausgestattet sind: ein Gespür dafür zu wissen, wann es Zeit ist, einfach mal die Klappe zu halten.

Leider passiert medial genau das Gegenteil. Bei einer Pressekonferenz von Bachmann und Oertel war der Saal jüngst randvoll mit Medienvertretern. Blitzlichtgewitter, laufende Kameras, größtmögliche Aufmerksamkeit. Das freut die Trolle und diejenigen, die ihnen applaudieren. Sie sonnen sich in der Aufmerksamkeit. Nie war Karl Kraus‘ Ausspruch passender: „Wenn die Sonne niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.“

Also, machen wir’s ab sofort richtig. Knipsen wir die Scheinwerfer aus. Don’t feed the trolls. Don’t feed Pegida.

Bildnachweis: Malik_Braun via photopin cc; blu-news.org cc

9 Gedanken zu “Don’t feed Pegida

  1. Aus eigener Erfahrung kann ich jeden Satz dieses Kommentars unterstreichen; es ist Zeitverschwendung, mit jemandem zu diskutieren, der die einzige Wahrheit für sich beansprucht oder sich – statt sich mit Fakten auseinanderzusetzen – bloß auf ein diffuses Gefühl beruft.

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  2. … meine Oma formulierte in solchen Fällen vehement uff Berlinerisch „Junge, – ja nich erst ignorieren!“, wenn sie sagen wollte, dass Ignorieren schon zu viel an Aufmerksamkeit wäre.

    „Nicht füttern“ allein wird aber natürlich nicht ausreichen.
    Dialogverweigerung spielt dieser „gesellschaftlichen Erscheinung“ eher in die Karten.
    Ich vermute, bis zu 10% der Krauts teilen etliche der düsteren Demo-Parolen.
    Und das die AfD die gerne einsammelt, ist doch klar. Das stärkt rückwirkend auch noch den ganz rechten Rand. Wird verdammt anstrengend in den nächsten Jahren …

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    • Ich sage ja nicht, dass wir keine Debatten mehr führen sollten. Ich würde das nur von Pegida trennen und den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit von diesem Grüppchen wegnehmen. 20.000 Unzufriedene in Dresden, die zwei fragwürdigen Führungsfiguren hinterherlaufen und für sich rekamieren, „das Volk“ zu sein? Bei 80 Millionen Deutschen? Es gibt eine relevante (und natürlich auch deutlich größere) Gruppe von Unzufriedenen, Politikfrustrierten, Sich-Nicht-Abgeholt-Fühlenden, über die sich Politiker Gedanken machen sollten. Da wäre Gesprächsverweigerung die falsche Strategie. Die sind aber nicht identisch mit Pegida. Und es gibt natürlich jede Menge Themen, die man diskutieren sollte, bis hin zur kritischen Fragen an alle möglichen Religionen inklusive Islam. Aber nicht weil ein paar diffus Unzufriedene durch Dresden laufen, sondern weil wir das generell tun sollten (und ja auch unabhängig von Pegida schon lange tun).

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  3. Ich bin mir nicht sicher, ob ignorieren die beste Alternative ist, Zugegeben, die Führungsfiguren, das 19-Punkte-Papier und die Transparente der Pegida-Bewegung sind inhaltsarm bis inhaltsleer. Aber schau Dir mal die Kommentare in den sozialen Medien an. Da wird es sehr viel konkreter, genauer gesagt, die Angst und der Hass mündet dort in ganz konkrete Forderungen. Zum Beispiel nach gezielter Tötung und Bürgerkrieg. Beispiele aus der Facebook-Gemeinschaft Pegida:

    „Stellt sie alle an die wand und Feuer!“ (gemeint sind Muslime)

    „Der Hitler wäre mir am Arsch lieber als Merkel & Co im Gesicht.“

    „Bürgerkrieg heißt das WORT. Der wirklich wahre Feind ist dieses verschissene System, dem wir alle so lange ausgeliefert sind, bis wir etwas tun. Der Focus sollte sich gegen den Staat richten“

    „Mal sehen wo das alles noch endet schauen wir mal aber der Staat muss weg“

    „Wenn wir hier wirklich was verändern wollen, dann wird es auch ein Bürgerkrieg und eine Revolution in unserem Land geben.“

    Das ist ganz klar verfassungsfeindlich. Ich finde ignorieren den falschen Weg. Und noch ein Wort zum Auftritt von Frau Oertel bei Günter Jauch. Freilich hat sie nichts gesagt, sondern nur geredet. Aber genau das schätzen viele Pegida-Leute. Das ist wie Horoskop: Die Meinung und die Forderungen sind so allgemein gehalten, dass sich viele mit ihrer amorphen Angst wiederfinden. Ganz im Gegensatz zu Dir fand eine Pegida-Jüngerin den Auftritt klasse, guckst Du hier:

    „Die Schluss Ansprache der Kathrin war weltklasse !
    Groessten Respekt Frau Oertel !
    Sie machen das Klasse!
    Sehr gut! Weiter so!“

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    • Da sind wir uns völlig einig, Alex. Die Frage ist nur: Welche Reaktion löst was aus? Bei Trollen löst Aufmerksamkeit noch mehr Getrolle aus, das ist einfach so. Diskussion, Widerspruch, Aufklärung oder nur der Versuch, etwas davon zu tun, ist komplett sinnlos. Trolle sind unbelehrbar. Je mehr Bühne du ihnen bietest, desto mehr Raum nehmen ihre Themen und Ansichten ein. Und das lässt sich schön auf Pegida übertragen, virtuell und im realen Leben. Die Zitate oben sind eine Zumutung, aber wenn sie nicht justiziabel sind, sollte man sie ignorieren, weil sie sonst immer mehr Raum und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Ich kenne den Drang, widersprechen zu wollen, sehr gut. Das kann man doch so nicht stehen lassen! Der soll nicht das letzte Wort haben, sonst hat er mit seiner kruden Weltsicht gewonnen! Doch kann man, doch soll er. Alles andere kostet nur nerven und bewirkt das Gegenteil dessen, was man will: dass diese Zeitgenossen möglichst wenig Aufmerksamkeit bekommen.

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      • Ich habe neulich auf Facebook gesehen, dass Du auch dem „Welt-Praktikanten“ folgst. So, wie sie es bei der „Welt“ machen, finde ich zum Beispiel eine (von mehreren) Möglichkeiten, Dummheit, Verschwörungsglauben und Hass bloßzustellen. Manchmal springen dann andere User dem „Praktikanten“ zur Seite, und der Pegitroll hat keinen Bock mehr, weil sich alle über ihn lustig machen.

        Eine weitere Möglichkeit ist das, was Du mit dem Begriff Lügenpresse gemacht hast (und Gabriela heute mit dem Gender-Mainstreaming http://gabriela-heinrich-blog.com/gender-mainstreaming-pegida): Diejenigen, die so etwas nicht glauben wollen, erreicht man nicht, das ist ja klar. Aber diejenigen, die sich gerade informieren, ob sie den Käse gut finden sollen oder nicht, könnte man damit schon erreichen. Die Gefahr ist die, dass, wenn man zuviel unwidersprochen lässt, immer mehr Leute sich von dem Käse angesprochen fühlen, weil die Gegenmeinung fehlt.

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      • Ja, das ist auch bei Trollen eine bewährte Maßnahme: Über sie reden, aber nicht mit ihnen. Dahingehend können wir das von mir vorgeschlagene Ignorieren gerne erweitern. Ignorieren bezog sich auch tatsächlich darauf, ihnen keine Bühne zu bieten bzw. die vorhandene Bühne nicht auch noch mit Extra-Scheinwerfen auszuleuchten und Extra-Lautsprechern auszustatten. Und auch nicht auf ihre Bühne zu gehen und dort mit ihnen Gespräche zu führen. Aber gegenüber eine eigene Bühne aufbauen und damit eine Gegenöffentlichkeit schaffen: sehr gut.

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