Das Impfen und das Internet

Das Impfen und das Internet

Im Internet tobt die Diskussion über Sinn und Unsinn von Impfungen. Das ist typisch Internet. Und ein Problem …

Manche Dinge im Leben sind im Prinzip ganz einfach. Zum Beispiel Viren. Die kleinen Biester verfolgen nur ein einziges Ziel: Sie wollen sich reproduzieren. Dazu brauchen sie Wirtszellen, die sie zur Virenproduktion umprogrammieren, und zwar so lange, bis der Wirt tot ist. Das machen sie nicht aus Unfreundlichkeit, sondern weil es eben ihr Ziel ist, und wer nur ein einziges Ziel verfolgt, dem alles andere untergeordnet ist, geht dabei buchstäblich über Leichen.

Ganz naturbelassen: Immunsystem vs. Viren

Die gute Nachricht für alle Freunde „sanfter“ Medizin: Es gibt praktisch kein schulmedizinisches Medikament gegen Viren. Da hat euer großes Feindbild, die böse Pharmaindustrie, komplett versagt. Die Gründe dafür sind kompliziert, tun hier aber nichts zur Sache. Und noch eine gute Nachricht für euch Naturheiler: Es gibt nur einen gänzlich unindustriellen und naturbelassenen Gegner, den die Viren wirklich fürchten müssen: das menschliche Immunsystem. Es produziert Antikörper, die mit den Viren kurzen Prozess machen.

Oft. Aber leider nicht immer. Manchmal gewinnen die Viren und der Mensch ist schwer krank. Oder behindert. Oder tot. Oder eines nach dem anderen. Wie eben in Berlin geschehen, wo ein Kleinkind an den Masern gestorben ist.

Die Impfung, der Freund des Immunsystems

Das lässt sich bei manchen Viren schwer vermeiden, bei anderen schon. Durch Impfung. Wieder eine ganz einfache, aber durchaus geniale Sache: Das Immunsystem wird durch die Impfung quasi vorgewarnt: Obacht, wenn’s ernst wird: Das ist das Virus. Gewöhn dich dran! Im Falle einer Infektion schickt ein gut gewappnetes Immunsystem die Viren ins Nirwana. Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Pocken, Tollwut, FSME – keine Chance. Ende der Geschichte.

Alles andere, auch das ist ganz einfach, ist Quatsch. Mythen und Märchen. Schauergeschichten. Gschmarri, wie wir in Franken sagen. Zum Beispiel dass Kinder irgendwie stärker werden, wenn sie schlimme Erkrankungen durchstehen. Wie hat ein Kommentator im Blog nebenan so schön geschrieben: „Aber die Masern haben doch bestimmt einen natürlichen Sinn? Ja. Der Sinn der Masern ist der Arterhalt der Masernviren! Masernviren sind keine knuffeligen anthroposophischen Entwicklungshelfer, die Kindern quasi zu einer Art ‘Häutung’ beim Erwachsenwerden verhelfen, sie ganz natürlich weiterbringen und ihren Platz im Plan in der weisen, guten, sanften Natur haben: Masernviren. Wollen. Sie. Umbringen.“

Verkomplizierungs-Maschine Internet

Und dennoch werden eigentlich einfache Dinge heutzutage gerne endlos verkompliziert. Die Verkomplizierungs-Maschine, die das ermöglicht, heißt: Internet. Seit aus dem Web 1.0 das Web 2.0 wurde und aus dem Web das Mitmach-Web, an dem sich jeder aktiv mit „User Generated Content“ beteiligen kann, ist das so. Man kann es nicht beklagen und möchte es nicht missen, denn es ist ein feines, basisdemokratisches Grundprinzip: Jeder kann mitmachen und mitreden, jeder seine Meinung veröffentlichen, alles wird gesagt, alles diskutiert.

Aber alles bedeutet eben: alles. Jeder Schwachsinn, jede Lächerlichkeit, jede halbgare Idee, der alles außer einem klaren Gedanken vorangegangen ist, jede esoterische Dummheit, jeder verschwurbelte Firlefanz, alles. Und alles, auch das ist Segen, Fluch, und Grundprinzip des Social Web, steht erst mal gleichberechtigt nebeneinander. Ob Stephen Hawking oder Lieschen Müller etwas zum Thema Astrophysik schreiben, ist dem Web egal. Ob das Robert Koch Institut etwas übers Impfen schreibt oder Naturheilerin Schantall, die in ihrem Leben ein paar bewusstseinserweiternde Drogen zu viel konsumiert hat: Fürs Web ist das erst mal nur Content, der gesucht und gefunden werden muss.

Das Internet, die Community der Verrückten

Und so wird aus mancher geistigen Flatulenz, die früher als armseliges Lüftchen lautlos verpufft wäre, ein omnipräsenter Donnersturm. Die sozialen Netzwerke und Google machen’s möglich. Denn die Community der verrückten Realitätsverweigerer, die hinter jeder halbwegs stabilen Erkenntnis eine Verschwörung wittern, ist groß und ausdauernd. Sie überfluten das Web mit ihren Meinungen, so grotesk sie auch sein mögen. Sie dominieren Diskussionen und haben oft das letzte Wort, weil vernunftbegabte Zeitgenossen längst begriffen haben, dass Diskutieren exakt gar nichts bringt, und frühzeitig das Feld räumen. Wer’s nicht glaubt, möge einen Blick auf die Facebook-Diskussion bei der Stiftung Warentest über die Masern werfen. Man könnte auch sagen: Die Stiftung Warentest im tapferen, aber einsamen Kampf gegen Legionen von Dummen und Verwirrten.

(Die Dominanz der Dummheit greift übrigens auch auf die klassischen Medien über, die sich natürlich bei ihren Recherchen zunehmend im Internet bedienen. Und um eine vermeintlich ausgewogene Berichterstattung sicherzustellen, kommen Experten und Verwirrte gleichermaßen zu Wort. Hat man ja schon bei Pegida gesehen, als ein Adolf Hitler-Imitator Lutz Bachmann ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie der Vizekanzler Gabriel.)

Ein Impfplan wie die Müslimischung

Das alles führt dazu, dass Unbedarfte im Web nicht mehr Aufklärung bekommen, sondern Verunsicherung. Eine Mutter, die für ihr Neugeborenes nur das Beste will, findet im Web: maximale Verwirrung. Das wäre verkraftbar, wäre das Web nur irgendeine Informationsquelle. Das Web ist heute aber nicht mehr nur Informationsquelle, es dient zur Entscheidungsfindung. Mein Kind impfen nach all den Horrorgeschichten, die ich im Web gelesen habe? Lieber nicht!

Grund für die Impfskepsis wie jetzt in Berlin ist nicht Unterinformiertheit, sondern Überinformiertheit. Statistiken belegen eindeutig: Nicht der Straßenarbeiter, die Putzfrau oder der KFZ-Mechaniker verweigern Impfungen. Sie sind noch zugänglich für einfache Wahrheiten und hören im Übrigen auf den Rat ihres Kinderarztes. Es sind die Besserverdienenden mit höherem Bildungsniveau. Sie erliegen dem Information-Overflow im Internet und halten sich für kompetent, aus den vielen Informationen das Beste für den Lebensplan ihres Kind herauszupicken. Wie hat es eine Expertin in der SZ so schön gesagt: „Viele glauben dann, sie könnten sich einen alternativen Impfplan zurechtlegen, so wie man seine Müslimischung individuell gestaltet.“

Gewonnen hat die Dummheit

Gewonnen hat dank der Verkomplizierungs-Maschine Internet am Schluss nicht die Vernunft und schon gar nicht die Wissenschaft. Sonst gäbe es keine Impfskepsis und kein Berliner Kleinkind, das an Masern gestorben ist. Sonst wären die Masern so gut wie ausgerottet, so wie die Pocken seinerzeit ausgerottet wurden, lange bevor es das Internet gab, lange bevor esoterische Meinung genauso viel wert war und eine ähnliche Breitenwirkung entfalten konnte wie wissenschaftliche Erkenntnis. Gewonnen haben mit anderen Worten am Schluss Dummheit und Esoterik.

Für einen Technologie-Optimisten wie mich ist das ein einigermaßen kulturpessimistisches und tragisches Fazit, wie ich feststellen muss.

Die Lösung heißt Impfpflicht

Wie kommen wir raus aus diesem Dilemma, wie könnte eine Lösung aussehen? 1967 wurde von der WHO eine weltweite Impfpflicht gegen Pocken eingeführt. Einige Jahre später waren die Pocken ausgerottet. Pocken-Opfer vorher: Millionen. Pocken-Opfer nachher: Null. Ganz einfach.

Entscheidungen für oder gegen Impfungen sind keine individuellen, sondern gesellschaftliche Entscheidungen. Hierfür gibt es die Politik, die jenseits von erregter Meinungsvielfalt im Internet evidenzbasierte Entscheidungen treffen kann.

Anders gesagt: Wir brauchen keine basisdemokratische Internet-Abstimmung über die Ausrottung gefährlicher Viren wie der Masern. Wir brauchen auch keine Aufklärungskampagne, wie sie Grünen- und Linken-Politiker fordern. (Als gäbe es nicht bereits zahlreiche Aufklärungskampagnen. Und wie schon oben geschrieben: Diskussion und Argumente bringen nichts; genauso gut könnte man mit einem Evangelikalen diskutieren, ob denn wirklich jedes Detail in der Bibel wörtlich gemeint ist.)

Wir brauchen eine Impfpflicht.

13 Gedanken zu “Das Impfen und das Internet

  1. Zitat Artikel: „Es sind die Besserverdienenden mit höherem Bildungsniveau“ [die Impfungen verweigern].

    Was das „Bildungsniveau“ angeht, hab ich bei Anthroposophen ja Zweifel: Wer auf den Scharlatan Rudolf Steiner hereinfällt, was für eine „Bildung“ hat der?

    Aber es sind die Anthroposophen, sagt das Robert Koch Institut:

    MASERN IN BERLIN – Gesundheitsminister Gröhe kritisiert Impfgegner

    (…) Die beim staatlichen Robert-Koch-Institut für Impfungen zuständige Sabine Reiter erklärte die Impfskepsis bei Masern, Mumps und Röteln jüngst im Deutschlandfunk so:

    “In den deutschsprachigen Ländern, also auch in der Schweiz und Österreich, ist die Skepsis in weiten Teilen der Bevölkerung sehr verbreitet. Das kommt vor allen Dingen daher, dass viele denken, das sei eine harmlose Kinderkrankheit und das Durchmachen würde das Immunsystem stärken.”

    Ferner wies Reiter auf den starken Einfluss von Anthroposophen in dieser Frage hin: “In den letzten Jahren, wenn wir Masernausbrüche in Schulen und Kindergärten hatten, waren die oft in Waldorf-Kindergärten oder anthroposophischen Schulen.”

    http://www.deutschlandfunk.de/masern-in-berlin-gesundheitsminister-groehe-kritisiert.1818.de.html?dram:article_id=312349

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  2. Der Streit der Impfbefürworter und –gegner ist doch ein wunderbares Beispiel, wie das Netz auf diese an sich alte Diskussion katalytisch wirkt.

    Da stehen sich zwei Lager gegenüber, die Positionen sind nicht vereinbar, und man knallt sich im Sperrfeuer Argumente und Scheinargumente um die Ohren. Und am Ende ist es so wie immer:
    Beide behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein, und zwar der wahreren Wahrheit als die der anderen: Sprich einen höheren Kenntnisstand zu besitzen.

    Beide diffamieren die anderen als verbohrten, dummen Bevölkerungsteil, weil sie den eigenen Argumenten einfach nicht folgen wollen. Beide diffamieren den anderen als moralisch schlechteren Menschen, während man selbst zum Kreis der besseren, verständigeren Menschen gehört.

    Und beide wissen (und zwar nur der jeweils eine), was richtig und demzufolge zu tun ist – das gilt selbstverständlich nicht nur für einen selbst, sondern für den anderen zwingend mit. Und genau das ist das eigentliche Problem hier.

    Diskussionen dieser Art, die fundamentalistisch, dogmatisch und missionarisch bis über die Grenzen gegenseitiger Beleidigungen geführt werden, gibt es en masse.

    Derweil, und das ist bitter, sind die Leidtragenden dieser Debatte zunächst die nichtgeimpften (i.d.R.) Kinder. Schlimmer und meiner Meinung nach den Tatbestand vorsätzlicher Körperverletzung erfüllend ist es, Kinder auf „Masernparties“ zu bringen, damit sie sich infizieren. Mich wundert, warum es da nicht Anzeigen wegen Körperverletzung gleich serienweise hagelt.

    Leidtragende ist aber auch die Gemeinschaft, denn die Pflegeaufwendungen absichtlich zu Erkrankung gebrachter Kinder zahlt ja dann die Kasse, also wir alle. Und wenn ich lese, dass Kindergärten und Schulen vorsorglich geschlossen werden, weil ein Ausbruch der Masern befürchtet wird, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Leidtragende sind auch wieder die anderen, die sich um die Betreuung ihrer Kinder kümmern müssen, derweil die Masernparty-Besucher munter die Krankheit aktiv verbreiten helfen.

    Das ist dann asoziales Verhalten auf höherem Bildeungsniveau par excellence.

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    • Du Schreibst: „Schlimmer und meiner Meinung nach den Tatbestand vorsätzlicher Körperverletzung erfüllend ist es, Kinder auf “Masernparties“ zu bringen, damit sie sich infizieren.“

      Und was ist es, wenn man seine Kinder ohne Masern-Impfung in eine Waldorfschule schickt?

      ( es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Masern bekommen )

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  3. Da bei sämtlichen Diskussionen um das Impfen der eigentliche Kern der Problematik nicht zur Sprache kommt und viele ein “gespaltenes“ Verhältnis zu Viren und Bakterien haben, lag es nahe diesem Verhältnis mal auf den Zahl zu fühlen und ein wenig “Werbung“ für Viren zu machen, schließlich wird die Rolle der Viren für das Leben als Ganzes, nicht nur in der Impfdiskussion, völlig ausgeklammert. Daher anbei der erste Teil dieser “Werbekampagne“:

    http://faszinationmensch.com/2015/03/26/we-are-virus-die-chronische-offensichtlichkeit-teil-1/

    Gruß

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