There is no glory in prevention

Immer wenn es einem zu gut geht, kommt man auf Schnapsideen. Man hat zu viel Zeit, zu wenig echte Sorgen, die Gedanken kreisen, es entstehen absurde Ideen, die man aber als halbwegs vernunftbegabter Mensch nach einmal drüber schlafen wieder verwirft … Weniger Vernunftbegabte schreien sie unterm Aluhut über den Marktplatz. Und wenn zur fehlenden Vernunft noch Niedertracht und Menschenverachtung kommen, landen Sie als großer Skandal in der Zeitung.

Das ist wohl die Hauptursache für die an den Rändern zunehmend zerfledderten Corona-Diskussionen: Es. Geht. Uns. Gut. Wenig Tote, kaum Arbeitslose, noch keine große Insolvenz-Welle, relativ maßvolle Eingriffe in die Grundrechte (verglichen mit Nachbarstaaten) … Das alles ist nicht vom Himmel gefallen, es hat Gründe. Viele epidemiologische und politische Maßnahmen haben dafür gesorgt, dass Schlimmeres verhindert wurde, das also etwas nicht passiert ist. Und weil der Mensch ein Dummerle ist, tut er sich schwer damit, Ursache und Nicht-Wirkung kausal zu verknüpfen. (Er tut sich ja schon schwer damit, Ursache und Wirkung angemessen zu verknüpfen und zum Beispiel Kausalität von Korrelation zu unterscheiden, aber das ist ein anderes Thema.)

Im Zusammenhang mit Impfen und Impfgegnern habe ich schon öfters über dieses Präventions-Paradox geschrieben. Impfen verhindert, dass Schlimmeres passiert; und wenn nur lange genug nichts Schlimmes passiert ist, erscheint die Ursache, die zu dieser Nicht-Wirkung geführt hat, irgendwie überflüssig.

Die Abwesenheit von Katastrophen lässt uns Katastrophen vergessen, unterschätzen und Vorbeugung vernachlässigen, so ist das halt. Wohlstands-Verwahrlosung trifft auf Präventions-Paradox. Keine Mutter in einem Entwicklungsland käme auf die Idee, ihr Kind nicht gegen Masern impfen zu lassen, nachdem die Krankheit im Nachbarort gewütet hat. Kein Mensch in der Lombardei wäre auf dem Höhepunkt der dortigen Corona-Pandemie, als Militärkonvois beladen mit Leichen durch die Straßen fuhren, auf die Idee gekommen, das Virus zu unterschätzen.

Bei uns wird statt dessen die große Wissens-Maschine Internet angeworfen, mit deren Hilfe man sich innerhalb weniger Minuten zum Spezialisten für Immunologie und Virologie ausbilden lassen kann. Fünf Minuten gegoogelt, schon stehen die ganzen unfassbaren Risiken des Impfens fest; sie sind so offensichtlich, dass deren Leugnen nur mit einer großen Verschwörung zu tun haben kann. Fünf Minuten gegoogelt, schon steht die ganze unfassbare Harmlosigkeit von Covid-19 fest; sie ist so offensichtlich, dass deren Leugnen nur mit einer großen Verschwörung zu tun haben kann. Der Mensch, das Dummerle …

„There is no glory in prevention“, hat Christian Drosten das in seinem Podcast auf den Punkt gebracht.

Apropos Drosten: Dass wir einen der weltweit führenden Virologen in Sachen Corona-Viren in Deutschland haben, der nicht nur still vor sich hin forscht, sondern auch noch sein Wissen teilt und ziemlich viel Zeit für Aufklärung investiert, ist für viele (mich eingeschlossen) ein Glücksfall, für manche ein Ärgernis und für wenige ein Anlass, um mediale Kampagnen der übelsten Sorte zu starten. Das ist insofern wenig überraschend, da Kampagnen der übelste Sorte zur Kernkompetenz mancher Medien gehören, nebst Rücksichtslosigkeit, Niedertracht und Menschenverachtung. Wir erinnern uns einmal mehr an das, was Max Goldt über diese eine Zeitung geschrieben hat, deren Name hier nicht genannt werden soll:

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

(Zuletzt dieses Zitat gelesen beim Pestarzt; anderes Thema, passend wie immer.)

Dass ausgerechnet diese Zeitung eine Studie von Drosten zu diskreditieren versucht, ist natürlich auch ein bisschen lustig. Denn es ist kein größerer Gegensatz denkbar als jener zwischen dem wissenschaftlichen Prinzip der Kritik zum Erlangen von Erkenntnis und der medialen Holzhammer-Methode, einfach alles zurechtzuplätten, bis es der Kampagne dient, sei es auch noch so weit hergeholt und konstruiert. Eine Brachial-Schlagzeile jener Zeitung passt zum stets filigran differenzierenden und relativierenden Drosten ungefähr so gut wie eine Dampframme zu einem Schweizer Uhrmacher.

Na, gut. Enden wir für heute optimistisch: Ein anderes Land, das mit der Pandemie ziemlich gut klargekommen ist, ist Japan. Woran das liegt, könnt ihr unter anderem englischsprachig in Science nachlesen. Oder einfach bei Drosten in der jüngsten Podcast-Ausgabe (Folge 44) nachhören, wo er auch erklärt, warum wir vielleicht sogar halbwegs glimpflich in den Winter kommen können und was das eben mit Japan zu tun hat.

***

Und sonst so? Urlaub!!! Eigentlich wären wir zurzeit in Avignon in Südfrankreich und nächste Woche dann in der Nähe von Barcelona. Aber das konnten wir natürlich vergessen, also haben wir den Urlaub auf eine Woche verkürzt und sind zu Hause geblieben. Da kann‘s ja bekanntlich auch schön sein. Mehr darüber nächste Woche …

6 Gedanken zu “There is no glory in prevention

  1. Guten Morgen Christian,
    ja, es ist traurig, den ersehnten Urlaub nicht antreten zu können. Wir haben lange gezögert, uns aber letzte Woche entschlossen, den Urlaub in der Toskana Ende Juni zu buchen. Ich hoffe, dass Du und Deine Familie dieses Jahr vielleicht doch noch eine Gelegenheit haben werdet, im sonnigen Süden zu entspannen.
    Zu dem anderen Thema: ich hatte letztens ein Gespräch mit zwei Kolleginnen, die auch die Maßnahmen etwas überzogen fanden. Ich habe ausnahmsweise viel zugehört, ohne all zu viel zu widersprechen. Manche Aussagen sind durchaus berechtigt und nachvollziehbar. Und oft geht es nunmal um Gefühl und nicht um Ratio. Aber eine Frage konnte leider auch nicht beantwortet werden: was wären sinnvolle andere Alternativen gewesen? Im Grunde wissen sie schon, dass man es nicht laufen hätte lassen können. Aber als dann die Monitorsendung zitiert wurde, um die Vorgänge in Italien zu relativieren, war ich etwas verunsichert. Nachdem ich die Sendung in der Mediathek angesehen hatte, habe ich verstanden, dass man häufig dazu neigt, das für sich Passende rauszuhören. Natürlich war der Monitorbeitrag mitnichten geeignet, die Geschehnisse zu relativieren. Aber Argumente der Kollegin hörten sich so an, als habe Monitor den großen Skandal aufgedeckt. So ist das – leider.
    Alles Gute für Dich und Deine Familie

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