Fliegen

Ich fliege gern. Überwiegend beruflich und innerhalb von Deutschland. Es ist eine Mischung aus Routine und Faszination …

Ich habe heute aus gegebenem Anlass darüber nachgedacht, warum ich gern fliege. Ist doch auch nur eine Fortbewegung von A nach B. Und innerdeutsche Flüge sind ja inzwischen fast wie Taxifahren: Einsteigen, fliegen, aussteigen, fertig. Nix Besonderes.Und dennoch bin ich jedes Mal beeindruckt, wenn dieses Stahl-Ding vom Boden abhebt.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich euch dank meines Studiums zwar einiges über die Ästhetik der Frühaufklärung erzählen könnte, von Physik aber ziemlich wenig Ahnung habe. Ahnung im Sinne von tieferem Verständnis: Ich weiß, dass diese Fliegerei mit dem Grundprinzip des dynamischen Auftriebs zu tun hat – das ändert aber nichts an einem gewissen naiven Staunen, dass das wirklich funktioniert. (Genauso weiß ich theoretisch, dass die digitale Welt aus 1 und 0 besteht – und trotzdem wundere ich mich regelmäßig, dass daraus Texte, Bilder und Musik entstehen (die auch noch dank WLAN unsichtbar durch die Luft sausen, Sachen gibt’s …))

fliegen-04Ich nehme, wann immer es geht, einen Fensterplatz, und freue mich über gute Sicht. Deutschland von oben ist faszinierend. Und eine Veränderung der Perspektive hat noch niemandem geschadet. Ich darf’s mal mit Reinhard Mey sagen: Was uns groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein.

Fliegen ist ja heutzutage alles andere als luxuriös. Man sitzt auf engstem Raum beieinander und bekommt als Beschäftigungstherapie eine Semmel und einen Plastikbecher Flüssigkeit. Trotzdem habe ich nichts gegen die innerdeutsche Flugstunde, selbst ohne Fensterplatz und gute Sicht. Und zwar weil die übliche Kommunikationshysterie zwangsunterbrochen ist. Anders als im ICE blökt kein Business-Mensch irgendwelche Business-Floskeln ins Telefon. Und man ist offline. Das ist man im ICE-WLAN zwar in der Regel auch, aber dort verschwendet man einige Zeit mit Login-Versuchen und akzeptiert die Erkenntnis, dass das Internet schweigt, nur widerwillig.

fliegen-02Vermutlich sind deshalb die meisten Passagiere im Flugzeug ziemlich entspannt. Weil sie gar nicht erst versuchen, Probleme zu lösen oder aktuell informiert zu sein. Statt dessen lesen sie, schlafen oder schauen zum Fenster raus. Entschleunigung bei 700 Km/h.

Ich habe überhaupt nur einmal Stress im Flugzeug erlebt: Beim Rückflug von Rhodos nach Nürnberg regte sich ein Mitreisender furchtbar auf. Weil er keine Semmel mehr bekam. Semmeln waren aus. Statt dessen bekam er einen Muffin. Er wollte aber eine Semmel. Und hatte deshalb sehr schlechte Laune. Die Flugbegleiterinnen haben ihn sehr souverän ignoriert, bis er sich wieder beruhigt hatte.

fliegen-09Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Ich habe noch nie unfreundliche Flugbegleiter(innen) erlebt. Kaum zu glauben. Sie begrüßen einen freundlich, behandeln einen freundlich und verabschieden einen freundlich. (Besonders mag ich die Verabschiedung bei Air Berlin, weil man beim Aussteigen ein Schokoherz in Air-Berlin-roter Alufolie geschenkt bekommt. Ein Herz zum Abschied – wo gibt’s denn so was? Außerdem schmeckt die Schokolade ganz wunderbar.)

Was mir beim Nachdenken übers Fliegen noch aufgefallen ist: Man bekommt die Piloten kaum noch zu Gesicht. Menschen, die ich mit Fliegen verbinde: Fluglinien-Personal beim Einchecken, mehr oder weniger gut gelaunte Security-Leute, Flugbegleiter, sogar Busfahrer (sowohl im wenig turbulenten Nürnberg als auch im völlig überlasteten Tegel gibt es regen Busverkehr auf dem Flugfeld). Nur Piloten sieht man selten. Die kenne ich eigentlich nur aus Nachrichten über Pilotenstreiks und aus Catch Me If You Can. Aber im echten Leben? Sind sie hinter dieser verfluchten Cockpit-Tür verbarrikadiert. Ein knapper O-Ton über die Lautsprecher zum Thema Wetter und Reisezeit, das war’s in der Regel.

Schade eigentlich.

 

In vielen Punkten ähnlich wie mir geht es übrigens Don Dahlmann, der auch lesenswert übers Fliegen nachgedacht hat. Erst wollte ich nur bei ihm kommentieren, aber dann wurde ein eigener Blogbeitrag daraus.

11 Gedanken zu “Fliegen

  1. Schöner Text. Geht mir ähnlich. Aber eins hab ich dir voraus: Unfreundliche Flugbegleiterinnen hab ich jede Menge erlebt. Okay, es ist eine Weile her, aber die West-Berlin-Flüge der Pan Am müssen so eine Art Strafkolonie der Airline gewesen sein, ein Saftschubsen-Sibirien, in das die unverbesserlichen Sünderinnen abgeschoben wurden, um Flugreisende zu malträtieren und ihnen den schlechtesten Kaffee der Luftfahrtgeschichte zu servieren.

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  2. Toll, auch ich liebe das Fliegen, die Flugzeuge und das ganze Drumherum.

    Ich fliege gerne, auch lange Strecken. Wobei ich mir dann schon oft wünsche, das es endlich vorbei ist – so ab 6 Stunden oder so. Aber wenn man dann am Ziel ist, freut mach sich einfach. Und es gibt nun mal keine schnellere und bequemere Art von A nach B zu kommen.

    Unfreundliche FlugbegleiterInnen hatte ich auch schon, sie sind aber auch bei mir die Ausnahme. Die meisten sind nett, zuvorkommend und hilfsbereit. Und das die am Ende eines langen Tages, auf ihrem dritten oder vierten Flug auch mal am Ende sind, das sei ihnen verziehen. Vor allem wenn man beobachtet, was die teilweise mit uns Passagieren so mitmachen.

    LG Thomas

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  3. „Und man ist offline. Das ist man im ICE-WLAN zwar in der Regel auch, aber dort verschwendet man einige Zeit mit Login-Versuchen und akzeptiert die Erkenntnis, dass das Internet schweigt, nur widerwillig.“
    Großartig! :-D

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  4. Früher flog ich leidenschaftlich gerne. Inzwischen denke ich darüber nach, dass bei der Anzahl der Flüge die Wahrscheinlichkeit steigt, mal eine ziemlich unangenehme Situation *räusper* zu erleben. Und schwupps steigt das Stresslevel enorm an. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass es mich irgendwann erwischen wird… :-(

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  5. Dein Blogeintrag über das Fliegen hat mir sehr gefallen! Du sprichst viele Dinge aus, über die ich mir so in der Art auch schon Gedanken gemacht habe, wenn ich im Flieger sitze. Jetzt gerade komme ich aber nicht von den 1en und 0en los und die Datenübertragung im WLAN, na danke dafür :D Sachen, die man weiß, aber nicht ganz versteht…

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  6. Ich habe ebenfalls einen Beitrag zu Fliegen geschrieben. Angefangen bei Reinhard Mey „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein[…]“ und mit Otto Waalkes „Unter den Wolken da muss die Beinfreiheit grenzenlos sein.“ beendet.
    Wie sich vielleicht vermuten lässt sehe ich das Fliegen etwas anders und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es sich in Gedanken besser fliegen lässt als in einem Flugzeug und ich doch gerne mit beiden Beinen auf dem Boden stehe.
    Zu lesen gibt´s das hier: http://vomfliegenlernen.blogspot.de/2015/02/uber-die-diskrepanz-zwischen-vogeln-und.html

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