Kunst und Kirche

Ich wurde an anderer Stelle gebeten, ein paar Gedanken zum Thema Kunst und Kirche aufzuschreiben. Hier das Ergebnis …

Wenn man wie ich gerade ausgiebig Urlaub in der Toskana gemacht hat, erscheint einem die Verbindung von Kunst und Kirche wie das Natürlichste auf der Welt. Nehmen wir den mittelalterlichen Dom von San Gimignano, jener dank ihrer Geschlechtertürme bekannten und oft besuchten Stadt.

Fresko aus dem Dom von San Gimignano
Fresko aus dem Dom von San Gimignano

Im Langhaus finden sich wunderbare Freskenzyklen aus dem 14. Jahrhundert, auf der einen Seite Szenen aus dem Alten, auf der anderen aus dem Neuen Testament, bis hin zur berühmten Darstellung von Himmel und Hölle, Paradies und Unterwelt, wobei Erstere mit ihren brav in Reih und Glied stehenden Heiligen heutzutage etwas weniger interessant wirkt als die dramatischen Szenen gegenüber, wo sich zahlreiche Teufel über die Sünder hermachen und ihnen die schrecklichsten Dinge antun.

Die ganze Kirche ein Bilderbuch! Das Bauwerk als Bühne für die künstlerische Darstellung der wichtigsten Glaubensinhalte und -botschaften!

Botschaften in Bildern

Ähnliches finden wir in vielen Kirchen der Welt, wenngleich natürlich nicht auf solch hohem künstlerischen Niveau. Es gehört quasi zum Standardrepertoir der Kirche, ihre Botschaften durch Rituale, Worte und Bilder zu vermitteln, wobei Bilder meint: die immer gleichen Bilder und Szenen, die wir hundert- und tausendfach in zahlreichen Varianten gesehen haben, von Adam bis zur Apokalypse, von Jesu Geburt bis zur Auferstehung. In der Kunstgeschichte spricht man von Ikonografie, wenn man sich mit diesen Motiven und ihrer Weiterentwicklung durch die Jahrhunderte beschäftigt.

Ein Stifter mit der von ihm gestifteten Kirche
Ein Stifter mit der von ihm gestifteten Kirche

Apropos Botschaften: Natürlich diente nicht nur die Bibel als Grundlage für Kunst im Dienst und Auftrag der Kirche, sondern auch das nicht selten beträchtliche Ego des Auftraggebers. Seit Jahrtausenden lassen sich Herrscher durch Kunst verewigen, und was die römischen Kaiser konnten, können die Päpste (aber auch nachgelagerte Kirchenfürsten, Stifter und andere, die über das nötige Kleingeld verfügten) schon lange.

Kunst veranschaulicht und verewigt Kirche – sowohl in Glaubensfragen als auch in der ganz handfesten Frage, wessen Name in den Geschichtsbüchern stehen soll. Wenn wir also über Kunst und Kirche reden, müssten wir eigentlich auch – würde das hier nicht zu weit führen – über Glaube, Macht und Geld reden: Früher eine ganz selbstverständliche Kombination, heute etwas unpopulär geworden, wie jüngst der Limburger Bischof Tebartz van Elst erfahren musste.

Bilderzerstörer und Bilderverehrer

Bildersturm - Holzschnitt aus dem 15. Jahrhundert
Bildersturm – Holzschnitt aus dem 15. Jahrhundert

All das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verbindung von Kunst und Kirche gar nicht so selbstverständlich ist, wie wir meinen. Dabei müssen wir gar nicht zu anderen Religionen wie dem Islam abschweifen, der sich bekanntlich schwer tut etwa mit der bildlichen Darstellung seines Propheten. Auch in der Geschichte des Christentums gab es Momente, in denen die Weichen hätten anders gestellt werden können – mit gravierenden Auswirkungen auf das Verhältnis von Kunst und Kirche.

Etwa im 8. und 9. Jahrhundert in Byzanz, wo sich Bilderzerstörer und Bilderverehrer, Ikonoklasten und Ikonodulen einigermaßen unversöhnlich gegenüberstanden. Die Motive übrigens auch hier: eine Mischung aus Glaube und Macht, ein Streit über das Gebot, sich kein Gottesbild zu machen, gepaart mit handfesten politischen Interessen. Das zweite Konzil von Nicäa beendet den Streit vorübergehend und ließ die Verehrung, nicht jedoch die Anbetung von Ikonen zu.

Kunstkritiker in Bettelorden

Dennoch wäre es ein Fehler, die bilderfeindlichen Tendenzen der Kirche überzubewerten. In großem Umfang verdanken wir der Kirche die Erhaltung von Kunstwerken, die, ohne ihre vereinnahmende Art, verloren und vergessen wären. Das Pantheon in Rom, der größte antike Zentralbau der Menschheit, ist nur erhalten, weil es im 7. Jahrhundert in eine Kirche umgewandelt wurde, die es bis heute ist. Antike Bauplastiken – zum Beispiel Säulen und Kapitelle – wurden in großer Zahl als so genannte Spolien in frühchristlichen Kirchen wiederverwendet und damit vor der Zerstörung bewahrt.

Und man konnte sich auch kritisch mit schmückender Kunst auseinandersetzen, ohne gleich zum Bildersturm aufzurufen. Im Hochmittelalter taten das die Bettelorden, allen voran der Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux. Seine Kritik an Reichtum und Ornat kommt uns fast schon modern vor in Zeiten ständiger Reizüberflutung: „Die Kirche glänzt in ihren Wänden und darbt in ihren Armen. Ihre Steine bekleidet sie mit Gold und ihre Kinder läßt sie nackt …“ Und tatsächlich kann man auch heute den Besuch einer Bettelordenskirche als wohltuend empfinden, gerade im Gegensatz zu bayerischem Barock und musealem Überfluss in mancher berühmten Kirche.

Der Bildersturm radikaler Reformatoren

Bildersturm - Relief am Zürcher Münster
Bildersturm – Relief am Zürcher Münster

Einige Jahrhunderte später warfen die Reformatoren einen kritischen Blick auf das Thema Kunst und Kirche – und kamen vielerorts zu dem Schluss, dass Ersteres in Letzterer nichts verloren habe. Die Begründung kennen wir bereits: Das erste und zweite Gebot Mose diente ebenso zur Rechtfertigung eines reformatorischen Bildersturms wie die erwähnte Praxis, Kunstwerke zu beauftragen und zu stiften, um die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen und im Jenseits auf der sicheren Seite zu sein.

Radikale Reformatoren wie Zwingli und Calvin machten sich folglich für ein komplettes Bilderverbot stark, und da es Verboten an Endgültigkeit mangelt, wurden zahlreiche mittelalterliche Kunstwerke vollständig zerstört. Den Bildersturm haben also nicht irgendwelche degenerierten IS-Terroristen erfunden, die Vernichtung von Kunst im Namen von Glaube, Kirche und Gott hat eine lange Tradition (wenngleich die Methoden früher weniger explosiv waren als heute).

Luther und Cranach

Luther-Portrait von Lucas Cranach d. Ä.
Luther-Portrait von Lucas Cranach d. Ä.

Martin Luther übrigens hatte eine gemäßigte Meinung zum Thema Kunst und Kirche, was mit Sicherheit auch auf seine langjährige Freundschaft mit Lucas Cranach dem Älteren zurückzuführen ist. Natürlich war ihm die Vorstellung zuwider, man könne durch edle Werke und mäzenatische Kunstförderung etwas für sein Seelenheil tun – sola scriptura, sola fide, sola gratia! Doch die Radikalität der Bilderstürmer war ihm ebenfalls fremd. 1522 beendete er mit seinen berühmten Invokavitpredigten einen aufflammenden Bildersturm in Wittenberg, 1525 sprach er erneut Klartext in Sachen Kunst und Kirche: Bilder seien „zum ansehen, zum zeugnis, zum gedechtnis, zum zeychen“ erlaubt.

Wieder eine historische Weichenstellung! Und eine – da schließt sich der Kreis -, die eine neue Ikonographie begründete: Wenn wir heute an Martin Luther denken, denken wir an ihn, wie Lucas Cranach ihn porträtiert hat. Mit seiner Entscheidung pro Kunst in der Kirche hat der große Reformator auch Geschichtsschreibung in eigener Sache betrieben. Zwar hat er sich vom Papsttum gelöst und die Kirche grundlegend reformiert. Doch kennen tun wir ihn wie die großen und mächtigen Päpste aus Renaissance und Barock: durch die Kunst …

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