Hass im Web

Zitat am Freitag: Hass im Web

Dass sich der Mensch gegenüber anderen Menschen gerne raubtierhaft verhält, hat Thomas Hobbes schon vor 350 Jahren geschrieben. Der Firnis der Zivilisation könnte also, mit Erich Fromm gesprochen, dünn sein, und wer daran zweifelt, möge einen Blick ins Social Web werfen …

Und dazu muss man gar nicht auf die Facebook-Seiten von Pegida oder anderen intellektuellen Tieffliegern gehen. Beleidigungen, Drohungen und Hass sind im Web heute allgegenwärtig. Die Hemmschwelle, anderen im digitalen Kommentarfeld mindestens den Tod zu wünschen, ist so niedrig wie nie zuvor.

„Wo Frauen sich äußern, erzeugt das Hass“

Das wissen wir eigentlich schon, doch nun wissen wir es noch genauer, denn die britische Tageszeitung The Guardian hat kürzlich alle Leserkommentare ausgewertet, die seit 1999 auf ihrer Webseite eingegangen waren.

Und was mich dann doch überrascht hat: Von den zehn am häufigsten beleidigten und bedrohten Autoren beim Guardian sind acht Frauen. Spitzenreiterin mit den meisten Beleidigungen, Drohungen und Verunglimpfungen ist die Feministin Jessica Valenti, die in der Süddeutschen Zeitung im Interview gefragt wird, woran das liegen könnte:

Wo Frauen sich äußern, erzeugt das Hass. Die Leute, die diese Dinge schreiben, sind mit der Einstellung aufgewachsen, dass Frauen das nicht tun sollten.

Ach du meine Güte. Und das mitten in Europa. Nicht irgendwo im finstersten Turbanstaat, vor dem uns die Abendlandbeschützer bewahren wollen.

„Pädophiler Abschaum“

Apropos Hass im Web, ich muss noch einen Schlenker zu Sebastian Edathy machen, der für die SZ von Heribert Prantl in seinem selbstgewählten arabischen Exil besucht wurde. Der Artikel ist lesenswert, weil Prantl sich anschaut, was aus dem ehemaligen Vorzeige-Politiker geworden ist, was die Kinderpornographie-Vorwürfe aus ihm gemacht haben und wie Edathy versucht, ein „Leben danach“ zu leben. Prantl verharmlost nichts und dramatisiert nichts, er beobachtet und ordnet das Ganze als Jurist auch juristisch ein:

Die Tat stürzt den Täter. Und wenn es gar keine Straftat und keinen Straftäter gibt? Dann bleibt die moralische Schuld. Die reicht für den Sturz. Und diese Sturzstrafe kann schlimmer sein als jede Geld- und Haftstrafe, die im Strafgesetzbuch vorgesehen ist.

Das freilich geht vielen Kommentatoren im Web schon zu weit, die Edathy offensichtlich hassen und ihn lieber tot als lebendig sehen würden. Vor allem aber halten sie es für eine Zumutung, dass eine Zeitung über solchen „pädophilen Abschaum“ berichtet, ihm eine „Plattform“ bietet, ob sie ihn am Ende gar dafür bezahlt hat, diese Lügenpresse? Schämt euch, ihr bei der Süddeutschen, das werden wir nicht lesen …!

Es sind Hass-Reflexe, die wir da im Web bestaunen können, denn natürlich haben die allermeisten Kommentatoren, wie sie teils selbst zugeben, den Beitrag nicht gelesen. Für Erregungswellen genügt heute ein Stichwort, und für Hass-Kommentare ebenfalls. Man muss nur „Edathy“ sagen, und schon geht die Post ab. Hintergründe, Einordnungen, Herstellung von Kontext: egal.

Hass-Reflexe plus Frontenbildung, das sind die Standard-Zutaten heutiger Web-„Diskussionen“. Denn wer nicht für uns ist, ist gegen uns, und wer Edathy nicht genauso hasst, findet ihn wohl irgendwie gut, sieht in ihm ein Opfer, bietet ihm eine Bühne, solidarisiert sich mit ihm, verhöhnt die wahren Opfer.

Aber darüber habe ich ja kürzlich schon mal geschrieben.

Trotzdem: Schönes Wochenende!

(Alle Freitags-Zitate zum Nachlesen)

5 Gedanken zu “Zitat am Freitag: Hass im Web

  1. Facebook und andere soziale Medien sind leider zu Distanzwaffen verkommen, in der Menschen, so sie über eine ausreichend schlechte Kinderstube verfügen, anderen Menschen oft anonym, ohne echte Konsequenzen befürchten zu müssen und ohne ihren Opfern in die Augen sehen zu brauchen, die eigenen Abgründe fehlender Bildung und Erziehung in’s Gesicht schmettern dürfen.

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  2. Ich dachte auch bis zur ersten Flüchtlingswelle, dass wir zumindest in Deutschland etwas weiter wären… und dann habe ich die FB-Kommentare gelesen. Mittlerweile zünden sie die Heime an und der Staat wehrt sich kaum, weder nach rechts, noch nach links und auch nicht zu Sylvester, DAS macht mir Kummer!

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  3. Studienprojekt: Führt die Zunahme eines rauen Umgangstons online zu rauerem Verhalten offline oder eher umgekehrt? Analog zu Studien, ob die Zunahme des Pornokonsums zu mehr oder weniger Vergewaltigungen führt. (Anscheinend weniger: http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/28803/title/Porn–Good-for-us-/)
    Es könnte ja sein, dass Hasskommentieren in den meisten Fällen eine Ersatzhandlung ist. Dann führte eine Zunahme verbaler „Gewalt“ im virtuellen Raum zu einer Abnahme körperlicher Gewalt im realen Raum und müsste überraschenderweise als weiterer Schritt der Zivilisierung gelten.

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    • Das ist ne gute Frage. Gefühlt und ganz ohne Evidenz würde ich vermuten, dass das Sinken der Hemmschwelle irgendwie irgendwo Folgen hätte, a la Broken-Window-Theorie. Aber vielleicht bietet das moderne Web auch nur die Bühne, die Lessing & Co früher mit dem Bürgerlichen Trauerspiel bespielten, um Katharsis auszulösen und zu ermöglichen, wer weiß. Dann wäre das Web ein wunderbarer Blitzableiter, und dann könnten wir auch alle Augen zudrücken und den verbalen Müll im Web ertragen, weil wir wüssten, dass er zu einem guten Zweck produziert wird …

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