Zitat am Freitag: Denken

Ich weiß, es ist schon Samstag. Aber wenn es ums Denken geht, machen wir mal eine Ausnahme beim „Zitat am Freitag“ und liefern einen Gedanken zum Denken mit etwas Verspätung nach …

„Die Höflichkeit in Eurer Halle hat letzthin etwas nachgelassen“, heißt es im Herrn der Ringe, und das ist eine ziemliche Untertreibung, denn wie Gandalf und seine Gefährten am Hofe König Theodens empfangen werden, lässt doch sehr zu wünschen übrig. Auf unser heutiges Thema umgemünzt könnte man sagen: Das Denken in sozialen Medien hat letzthin etwas nachgelassen

Wo sind die Zurechnungsfähigen?

Das hat kürzlich dazu geführt, dass Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne die Geduld verloren und sich in einer zornigen Publikumsbeschimpfung über Hass und Dummheit in sozialen Medien beschwert hat (aber auch an „die zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung dort draußen“ appelliert hat, die Social Media zu bevölkern und letztlich als Diskurs-Plattformen zu retten).

Es führt aber auch dazu, dass die heute schon in sozialen Medien anwesenden Zurechnungsfähigen immer mehr genervt sind von den Plattformen, wie eine Untersuchung des Munich Digital Institutes gezeigt hat: 70 Prozent der Facebook-Nutzer stellen eine zunehmende Aggressivität fest, ein Fünftel will das Netzwerk deshalb künftig weniger nutzen (was natürlich das Gegenteil dessen wäre, was sich Sascha Lobo erhofft).

Die Denkfaulheit der Politiker

Und längst ist die Diskurs-Unwilligkeit und -Unfähigkeit in die Welt außerhalb sozialer Medien geschwappt. Wie anders ließe sich das absurde Theater um die TV-Debatten zu den anstehenden Landtagswahlen erklären, das grotesk denkfaule und antidemokratische Verhalten von SPD und Grünen, die sich weigern öffentlich mit der AfD zu diskutieren. Vielleicht ist es ja auch umgekehrt: Die Politiker machen vor, wie man Standpunkte zementiert, und Lieschen Müller macht es ihnen auf Facebook halt nach.

Vor diesem Hintergrund also zum Zitat der Woche. Die Publizistin Carolin Emcke schreibt in ihrer wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung Folgendes und bringt damit das ganze Problem auf den Punkt:

In der zunehmend polarisierten, fragmentierten Öffentlichkeit dominiert im Augenblick vor allem jenes Denken, das immer fertig und abgeschlossen sein will, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt, das nur mehr ordnet, welche Behauptungen und welche Ideen anschlussfähig sind an das, was man immer schon geglaubt und gedacht hat. So sortiert der narzistisch-ideologische Filter vor, was zum eigenen Deutungsmuster passt, was das eigene politische Passepartout bestätigt – und sortiert aus, was abgetan und wer als gegnerisch denunziert werden kann.

Weil in diesem antagonistischen Modus kaum mehr ernsthaft gedacht werden muss, sondern nur noch gesammelt wird, was sich einfügt in die eigene Überzeugung, beschleunigt sich auch das ganze Verfahren: die Zeit, in der traditionellerweise die Argumente der anderen überprüft, evaluiert und abgewogen werden, erübrigt sich ja bei dieser Methode. Eine misstrauische Hermeneutik des Verdachts vergiftet so die Atmosphäre der öffentlichen Auseinandersetzung. Es braucht nur ein einziges Wort, dem Signalwirkung zugeschrieben wird, es braucht nur einen Satz, der als Etikett einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe gilt – und schon entlädt sich reflexhaft eine Kaskade an Unterstellungen: etwas zu dämonisieren oder zu verharmlosen, ahnungslos zu sein oder zu lügen, in jedem Fall aber mutwillig im Unrecht zu sein.

Dafür oder dagegen

Meinungen sammeln statt selbst denken. Die eigene Position zementieren statt zweifeln und um Standpunkte ringen. Dafür oder dagegen sein statt Zwischentöne zuzulassen, zu schwanken und die eigene Meinung auch mal zu korrigieren. Das scheint mir der Kern des Problems zu sein.

Carolin Emcke zitiert als Alternative Ingeborg Bachmann, die in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen „vom Denken, das zuerst noch nicht um eine Richtung besorgt ist, einem Denken, das Erkenntnis will“ schreibt. Aber das ist natürlich verflucht anstrengend.

 

Schönes Wochenende!

(Alle Freitags-Zitate zum Nachlesen)

11 Gedanken zu “Zitat am Freitag: Denken

  1. … also, was SPD und Grüne sich das (aus machtpolitischem Kalkül!) für eine Dummheit geleistet haben, ist so unterirdisch weimarisch, dass es Angst macht. #Grüne #SPD: Bitte DRINGEND nachlesen, wie die 1920er in Deutschland politisch so gelaufen sind …
    Bringt einen zu der Frage: Haben demokratische Strukturen ein Geschichtsgedächtnis ? Vermutlich ist Machtstreben der mächtigere Antrieb. Und dann noch so eine Selbsteinschätzung/Forderung, – vollständig heuteshowfähig:

    „Malu Dreyer: Wir brauchen eine glasklare Haltung gegen rechts. #MALU16“

    Emcke: Das ist richtig, hilft aber derzeit einfach nicht. Bei den aktuellen Grabenbildungen und Verwerfungen kommen NATÜRLICH keine Zwischentöne mehr vor bzw. gehen unter. Insofern eine Elfenbeinturmanalyse, der 1% der Bevölkerung begeistert zustimmen und die 99% der Bevölkerung nicht erreicht …

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  2. Ja, Denken ist anstrengend und bei komplexen Themen ist eine Meinungsbildung zudem zeitaufwändig.
    Vielleicht sind digitale Medien dafür nur bedingt geeignet. Das Leben ist analog und besteht nicht nur aus Nullen und Einsen. Es ist auch nicht nur schwarz und weiß. Und wie soll ein Medium, welches vor allem Synonym für Schnelligkeit ist, zum lnnehalten und Nachdenken anregen?
    Menschen brauchen die Gemeinschaft. Das ist die soziale Komponente der digitalen Medien. Doch vielen Menschen reicht es scheinbar, sich einer starken Meinung anzuschließen, statt sich eine eigene Meinung zu bilden.

    Zudem: Im Internet hat sich ein Wandel vollzogen. Die kreativen Denker, die jenseits von finanziellen Interessen eine freie Diskussion verwirklichen wollten, sind inzwischen in der Minderheit. Das Netz ist inzwischen ein Tummelbecken für Konsumenten, Geschäftemacher und Demagogen. Letzteres wurde z.B. in der Satire „Er ist wieder da“ thematisiert. Dagegen sind kreative Freigeister inzwischen in der Minderheit.
    Leider!

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  3. Ich befürchte nur, dass die Erkenntnisse hinsichtlich der Diskussionskultur so stehen bleiben müssen, sprich: an den Umständen und negativen Auswirkungen der Web 2.0 „Errungenschaften“ (das Web für alle) wird sich so schnell nichts ändern. Ich sehe auch keine Möglichkeiten, der Dummheit etwas entgegenzusetzen. Insofern muss ich Lobo recht geben („Je dümmer, desto Social Media“). Im realen Leben gehen wir Menschen, die unfähig sind, Debatten zu führen, über kurz oder lang aus dem Weg – weil wir wissen, dass die Masse dieser Menschen rationalen Argumenten nicht zugänglich ist. Mit dem Web 2.0 bekommen diese „Geister“ plötzlich Zuspruch von Gleichgesinnten, was suggeriert, hier läge eine Meinungsmehrheit vor.

    Dummerweise nehmen Politiker aber diese Einzelmeinungen als wichtig wahr, nicht zuletzt, weil sie zusätzlich durch die Medien multipliziert werden und so eine Relevanz erhalten, die ihnen eigentlich nicht zusteht. Ich wage mal eine steile These: solange Online Medien (seien es Tageszeitungen oder Fatzebug) es ermöglichen, dass zu jedem Thema die „breite Öffentlichkeit“ ihren Kommentar ungefiltert abgeben darf, wird sich daran nichts ändern. Diejenigen, die argumentativ etwas dagegen halten könnten, nehmen es eben – wie im realen Leben – nicht so wichtig, sich mit diesen Trollen auseinander zu setzen.

    Wir haben hier ein systemimmanentes Problem. Es gibt Möglichkeiten, diesem Treiben, insbesondere in den Kommentarbereichen der Online-Zeitungen, entgegenzuwirken. Allerdings vertragen sich diese nicht mit der Abhängigkeit von Werbeinnnahmen durch möglichst hohe Zugriffzahlen. Weil Online-Zeitungen kostenlos sein müssen, folgt daraus, dass selbst provokante und offensichtlich falsche und negative Kommentare weitere Zugriffe provozieren und damit „hochgerankt“ werden. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast über die Ironie lachen.

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    • Ich fürchte, ich muss dir uneingeschränkt Recht geben. Ich beschäftige mich ja zurzeit viel mit Helmut Schmidt, lese einiges von ihm und ertappe mich immer wieder beim Gedanken: Diese oder jene seiner Haltungen und Entscheidungen hätte einen riesigen Shitstorm ausgelöst, hätte es das heutige Web damals schon gegeben, der ihn (vor)zeitig von der politischen Bühne gefegt hätte. Er wäre nie der Elder Statesman geworden, als den ihn am Schluss alle geschätzt haben. Kurzum: Schwierige, aber richtige Entscheidungen hätte es aufgrund des Drucks des Social Media Mobs nicht gegeben. Auf die heutigen Zeiten übertragen lässt einen das eher zum Web-Pessimisten werden (was mir eigentlich gar nicht liegt) …

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  4. Vom Grundsatz her kann ich dem auch zustimmen, allerdings beschleicht mich bei dem ganzen Diskurs ein gewisser Verdacht, dass die Wahrnehmung der hier beschworenen „Dummheit“, des „Social-Media-Mobs“, der „Trolle“ usw., usw. keineswegs auf beiden Seiten des politischen Spektrums stattfindet, sondern dies recht überwiegend (ich betone: „überwiegend“, nicht „nur“) etwas einseitig dort verortet wird, wo man das Etikett „rechts“ anheften zu können glaubt. Ich kann aber aus gewissermaßen familiärer Erfahrung nur sagen, dass, Dummheit, Blindheit, Aggression etc.im „linken“ Lager keinen Deut weniger zu Hause ist als im sogenannt „rechten“. Mein Bruder, der sich intensiv mit dem Islam auseinandergesetzt hat und den Koran inzwischen weit besser kennt als so mancher Moslem, betreibt von Zeit zu Zeit einen Aufklärungsstand, in dem er völlig unaufgeregt(!) den totalitären, vormodernen, unaufgeklärten Machtanspruch dieser Weltanschauung erläutert, die mit der freiheitlich-rechtlichen Grundordnung und zentralen westlichen Werten (Demokratie, Gewaltenteilung, Pluralismus, Liberalität, sexueller Selbstbestimmung) völlig unvereinbar ist – mit nichts anderem, wohlgemerkt(!), als den Argumenten, die sich direkt aus den Schriften selbst ergeben. Nun sollte man ja meinen, dass intime Kennerschaft der Sache, über die man redet, eine brauchbare Grundlage für einen aufgeklärten Diskurs zum Thema abgeben könnte. Weit gefehlt! Was er sich schon an Pöbeleien, Androhung von Prügeln, Beschimpfungen („geistiger Brandstifter“, „Rassist“, „Nazi“ sind noch die harmloseren) hat anhören müssen, ist ganz ungeheuerlich. Und keineswegs nur von Moslems selbst, die sich und den Propheten natürlich „beleidigt“ sehen, sondern auch von denen, die, der Optik nach, einem linksliberal-bürgerlichen Milieu zuzurechnen sind. Nun ist er in den sozialen Medien zwar wenig präsent, doch ich bin mir nicht sicher, ob diejenigen, die völlig zu Recht das (im weiteren Sinne) Troll-Unwesen in den Sozialen Medien beklagen, dabei auch die dumm-aggressiven Pöbeleien und Drohungen im Netz gegen AfD-Mitglieder oder auch nur deren vermeintliche Parteigänger im Blick haben. Hass-Tiraden im Netz gegen das, was für „rechts“ gehalten wird, gibt es nämlich auch, und zwar zuhauf!

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  5. Dir persönlich glaube ich das gerne, und natürlich kann man dem nur zustimmen. Mein Argwohn bezieht sich darauf, dass ich (1) exakt dies (Denkfaulheit, Standort-Abschottung, Immunisierung gegen rationale Argumente … usw.) im linksliberalen Spektrum in mindestens genauso starker Ausprägung wahrnehme wie in der Pegida-Fraktion, und dass (2) zugleich die Mehrheit derer, die das bewusste „Trolltum“ ausführlich beklagen, dieses eben nur im sogenannt „rechten Spektrum“ wahrnehmen, nur „rechts“ die eigentliche Gefahr sehen usw., usw. – – – dass also das Ganze unterm Strich eben doch zu einer Veranstaltung der „üblichen Verdächtigen“ wird (Grüne, Gewerkschaften, Jusos, Linke, Kirchen, Autonome, gutmenschlich verstrahlte Naivlinge usw. , die „Standardzusammensetzung“ jeder Anti-Pegida-Demo eben), eine reine Gesinnungsangelegenheit also und keine der kühlen Abwägung der Argumente, was es doch Deiner berechtigten Forderung nach sein sollte. Bloße Gesinnung, reine Ideologie aber, die sich als rationale Kritik tarnt, ist eine Mogelpackung. Das heißt nicht, dass jeder Kritiker mogelt und in Wahrheit ein Ideologe ist, aber eben auch nicht, dass jeder Kritiker darum ein solcher ist, weil er sich durch besonderen Denkfleiß, Argument- und diskursive Ergebnisoffenheit auszeichnet. Dieser Sachverhalt ist es im übrigen auch, der es mir persönlich völlig unmöglich erscheinen ließe, bei irgendeiner Form von Demo mitzulaufen. Die hierdurch unvermeidliche Vergesellschaftung mit Leuten, mit denen man aus gutem Grunde keine Schnittmenge hat und auch nicht haben will, ist für mich ein schwer erträglicher Gedanke. Wenn Menschen Parolen skandieren, nachgeplapperte dazu, wird mir schlecht. Die Parole ist das Ende jeden Diskurses und der Intellektuelle ist allzeit aufgerufen, jede politische Parole zu durchkreuzen, jede gesellschaftliche Phraseologie durch seinen Einwand zu verderben und deren heimliche Einwanderung in die Sprache zu decouvrieren. (Ein sprechendes Beispiel für genau diese gesinnungstüchtige und darum schwer erträgliche Phraseologie ist für mich etwa die pauschale Titulierung der Migranten als „Schutzsuchende“ – wer das unreflektiert nachplappert ist nicht minder trollig unterwegs als „angebräunte“ Pegidisten es auf ihre Weise sein mögen …).

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