Bullshit-Bingo für Blogger

Ich habe Post bekommen. Von Irina. Sie verspricht mir: „12 Tipps: Reichweite für Ihren Blog“. Und zwar total kostenlos, also quasi aus nur Menschenliebe und weil das Leben so wunderbar ist. Das musste ich mir genauer anschauen …

Was also sind die „12 Dinge, die Sie unbedingt tun sollten, wenn Sie einen neuen Blogbeitrag geschrieben haben“? Mal sehen, ich habe mir natürlich für den Preis meiner Seeledurch Offenlegung meiner Kontakdaten, auf dass ich ewig Werbung bekomme GRATIS! den Leitfaden als PDF heruntergeladen.

Terror Ficken Hitler!

Ganz wichtig:

Ihr Blogartikel steht und fällt mit dem Inhalt, denn nur wenn der Inhalt für Ihre Leser interessant ist, wird er gelesen und kommentiert, geteilt oder gelikt.

Nee, echt? Jetzt hör aber auf! So wichtig ist der Inhalt dann wohl doch nicht, denn die folgenden Tipps sind Mathematik: Die perfekte Headline besteht aus exakt 6 Wörtern mit 53 bis 57 Zeichen. Die Headline dieses Blogbeitrags besteht nebenbei erwähnt aus nur 24 Zeichen, womit ich definitiv keinen einzigen Leser finden werde. Und wenn eure Headline 58 Zeichen hat: Tja, Anfängerfehler. Ein Blogbeitrag selbst sollte übrigens aus „3 bis 5 Abschnitten“ bestehen.

Ich persönlich formuliere Headlines ja ohne Zahlenmystik und eher wie das Känguru aus Marc Uwe Klings Känguru-Chroniken: „Terror Ficken Hitler!“ Oder so ähnlich. Liest garantiert jeder.

Jetzt wird’s viral!

Nächster Tipp? Bitteschön:

Veröffentlichen Sie Ihren Blogbeitrag immer mehrfach auf den sozialen Netzwerken. Durch die Fan-Interaktion mit dem Beitrag vergrößert sich die Reichweite des Beitrags auf dem Netzwerk – der Inhalt wird viral.

Alter! Reichweite ist ja offenbar ein Kinderspiel! Aber bitte nicht nur an Twitter und Facebook denken, sondern gleich wie ein Profi an die Sache rangehen:

Auf Business Netzwerken erreichen Sie fast ausschließlich Unternehmenskontakte. Sie gelangen also mit Ihren Inhalten direkt zu den richtigen Entscheidungsträgern und bauen eine direkte Beziehung zu ihnen auf.

Gnarrhahahihi … Klar, wer mit mir eine echte Beziehung aufbauen will, sollte mich am besten über XING kontaktieren.

Und so geht es immer weiter mit wertvollen Tipps: „Bauen Sie mit Influencer Marketing Kontakte zu wichtigen Multiplikatoren auf!“ Der Klassiker: „Nehmen Sie an Blogparaden teil!“ Und zu guter Letzt: „Kontrollieren Sie Ihre Maßnahmen regelmäßig und optimieren Sie Ihre Anstrengung kontinuierlich.“

Mein Tipp: Ignoriert Irina!

Keine Ahnung, wer die Zielgruppe des Leitfadens sein soll. Erfahrene Blogger (die von Irina angeschrieben wurden, weil sie ihren Blog irgendwo gefunden hat), werden sich totlachen. Also eher Anfänger, die mit dem Bloggen gerade beginnen wollen. Liebe Anfänger hier kommt mein kostenloser Tipp für euch:

Ignoriert Irina und ihren Leitfaden, denn er macht euch zu sterilen Blogmonstern, die mit ihren durchoptimierten, buchstabengezählten, auf „Klick mich!“ getrimmten Beitragsklonen als Teil der sterilen Blogmonster-Armee da draußen nur eines tun: unendliche Langeweile und Depression verbreiten. Reichweite ist irrelevant. Es gibt schon 200.000 Blogs da draußen, was glaubt ihr wie viele davon Korinthen kackend Buchstaben zählend, klickgeil und erfolgskontrolliert ihre Leser in ewigen Dämmerschlaf versetzen?

Schreibt doch statt dessen einfach, was ihr wollt. Vielleicht liest es jemand, vielleicht auch nicht. Vielleicht tut es euch einfach gut zu schreiben, egal ob ihr 10, 100 oder 1.000 Leser habt. Schreibt aus Spaß an der Freude, weil ihr unbedingt was loswerden wollt, weil ihr neugierig seid und es halt mal ausprobieren wollt … Oder lasst es.

11 Gedanken zu “Bullshit-Bingo für Blogger

  1. Gerade frage ich mich, warum ich das überhaupt gefunden/gelesen habe.
    Bei so viel Unprofessionalität.

    Stimmt, ich hab das Blog ja wegen seines Inhalts abonniert. Nicht wegen seiner Arithmetik in der Headline. Und da taucht er völlig automatisch in meinem Reader auf.

    Vielleicht zählen Content und Authentizität doch noch was :)
    Weitermachen, Herr Buggisch.

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke! Gerade habe ich mich gefragt, warum ich blogge, und für wen (10 Leser, 3 davon mit mir verwandt?) und ob das nicht ganz sinnlos/falsch/nutzlos ist. Beim Lesen Ihres Artikels ist es mir wieder einfeallen: weil es Spass macht!

    Gefällt 3 Personen

  3. ich denke, dass diejenigen Blogger, die glauben sich von solchen „Profis“ beraten lassen zu müssen, es nicht anders verdient haben. Die wollen mit Ihrem Blog das schnelle Geld. Substanziell? Da sehe ich derlei Blogs auf der Loser-Seite. Ich kenne da auch so einen Fuzzi – Namen möchte ich nicht nennen, nennen wir Ihn einfach mal Klaus-Dieter – der glaubt (und es auch lautstark kundtut) jeden noch so unwichtigen Blog zu mehr Besuchern zu verhelfen und damit sogar Gewinne erzielen zu können. Natürlich gegen Bares, denn Klaus-Dieter muss ja auch von was leben.
    Ich glaube ein guter Blog braucht einen starken Charakter und nicht einen Wendehals, der sich beeinflussen lässt über welche Themen er schreibt und sogar noch seinen Schreibstil anpasst, und mit kurzen prägnanten Sätzen auch dem letzten Doofi seine Blogbeiträge kredenzen kann. Da muss auch nicht immer alles weichgespült sein um es auch bloß jedem Besucher Recht machen zu müssen.
    Ich blogge seit 2007 – mehr oder weniger erfolgreich. Mal schafft es ein Beitrag unter die Top Ten bei Google – viele aber auch nicht. Solche „Misserfolge“ belasten mich aber nicht besonders. Ich blogge auch nicht aus finanzieller Interesse – dann hätte ich schon 2008 aufgeben müssen. Klar hat sich in der Zeit auf meinem Blog einiges geändert. Manche Themen kamen mehr in den Fokus, andere traten dafür in den Hintergrund. Dies war aber nicht dem Umstand geschuldet Mainstream-Themen hinterher zu laufen, sondern weil ich mich einfach Privat für andere Dinge zu interessieren begann. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur ein einzelnes Thema herauszupicken, bloß um dann der einzige Blog auf der Welt zu sein, der über die korrekte Anordnung schmutziger Kaffeetassen in der Spülmaschine referiert. Auch dies ist ja gerne der Allheil-Vorschlag der „ich mach dich reich und berühmt“-Gurus.
    Für mich ist bloggen zuallererst ein tolles Hobby – wenn ich anderen damit etwas Unterhaltung bieten kann – vielleicht sogar mit nützlichen Infos versorgen – dann habe ich ein winziges Stückchen dazu beigetragen, die Internet-Welt vor schlechten Blogs zu retten – und kann mich entspannt zurück lehnen.. ;-)

    Gefällt 2 Personen

  4. Hallo, Christian, danke für diesen herrlichen Artikel! Ichkannd ajedes Wort von unterschrieben. Eines fehlt mir allerdings noch, was mich allerdings eher amüsiert: Wenn die Blogger-Gurus, die einem erklären wollen, wie es geht, ca. 20 Jahre jung sind und ihr Blog erst seit einem halben Jahr exisiert.
    Beste Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s