Allgäuer Urlaubs-Notizen

Warum die Alpen Alpen heißen und warum es im Allgäu mit nur einer Ausnahme wirklich wahnsinnig schön ist …

Das Allgäu

Meine Güte, ist das schön hier. Egal, wohin, worauf oder worunter man wandert: Man biegt um die nächste Kurve und steht schon wieder in einer Idylle. Sanft geschwungene, saftig grüne Wiesen im Vordergrund, schroffe Berge im Hintergrund. Traumhafte Bergseen. Sehr entspannte Kühe, die ein sehr entspanntes Kuh-Leben leben und bimmelnd vor sich hin trotteln. Bewirtete Almen, die hier Alpen heißen, mit unglaublich guter Holunderschorle und phantastischem Bergkäse, was alles natürlich am besten schmeckt, wenn man ein paarhundert Höhenmeter zu Fuß geschafft hat. Riesige Bauernhäuser, die entweder immer noch als Bauernhäuser oder inzwischen als Gästehäuser fungieren und die wohl einen heimlichen Wettstreit untereinander austragen, wer die meisten und schönsten Geranien am Balkon hängen hat. Lokale Brauereien. Einfaches, deftiges und sehr gutes Essen. Es ist schlicht ein kleines Paradies.

Die Alpen

Apropos Alpen: Ein Gedanke, der mir beim Wandern durch den Kopf ging: Heißen die Alpen eigentlich Alpen wegen der Alpen oder die Alpen wegen der Alpen? Also die großen Alpen (Berge) wegen der kleinen Alpen (Almen) oder umgekehrt? Der nüchterne Duden hat mich aufgeklärt: Weder noch, beide haben denselben Wort-Ursprung: „mittelhochdeutsch albe, althochdeutsch alba, wahrscheinlich ursprünglich = Berg“. Und Wikipedia kommt natürlich auch wieder altklug um die Ecke: „Das Wort Alm ist die verschliffene Form von mittelhochdeutsch alben, dem ursprünglichen Dativ Singular des Wortes albe, das im Nominativ als Alp(e) in den alemannischen Dialekten weiterlebt. Alb(e) wiederum ist dasselbe Wort wie der Name der Alpen: Dieser vorrömische Begriff bezeichnete ursprünglich wohl einen ‚(hohen) Berg‘ und dann insbesondere die für die Landwirtschaft treibende Bevölkerung der Alpentäler wichtige ‚Hochweide‘.“

Neuschwanstein

Die Sache mit der Idylle bedarf einer einzigen Einschränkung: Sobald man sich dem Schloss Neuschwanstein in einem Umkreis von ungefähr einem Kilometer nähert, wird man in ein Paralleluniversum gebeamt. Urplötzlich befindet man sich in einem absurden Touristen-Spektakel von vollendeter Perfektion – Perfektion in der Hinsicht, dass alle Ingredienzien absurder Touristen-Spektakel vorhanden sind, als hätte jemand eine Checkliste für absurde Touristen-Spektakel geführt und sorgfältig darauf geachtet, dass kein Punkt ausgelassen wird. Lächerliche Märchenschloss-Optik ohne jegliche (kunst-)historische Relevanz? Check. Pferdekutschen? Check. Unmengen asiatischer Touristen, die sich ständig selbst fotografieren? Check. Devotionalien-Läden, die den Begriff Kitsch in eine völlig neue Dimension katapultieren? Check. Aber es gibt eine gewisse Neuschwanstein-Magie. Sie besteht darin, dass innerhalb der 1-Kilometer-Zone all dieser Wahnsinn stattfindet und er außerhalb wie weggeblasen ist. Wir sind ein paar Stunden lang nahe Neuschwanstein gewandert, und siehe da: keinerlei absurdes Spektakel. Keine Japaner, kein Kitsch, nichts. Statt dessen einsame Wanderrouten, schöne Berge, der wunderbare Schwansee … Wir haben die 1-Kilometer-Zone nur kurz touchiert und dann sofort wieder das Weite gesucht. Hier Schönheit, dort Wahnsinn, faszinierend …

Elektro-Radler

Während die Zahl der Wanderer hier in den letzten Jahren konstant geblieben sein dürfte, hat eine Spezies um gefühlt ein paartausend Prozent zugenommen: die der Elektro-Radler. Die kennt man ja aus dem Flachland, aber hier hat sie begonnen die Berge zu erobern, und zwar in Konkurrenz zu den echten Mountain-Bikern. Während Letztere ähnlich wie wir Wanderer schwitzen und arbeiten und sich ihre Alpen-Verköstigung redlich verdienen, begehen Erstere eindeutig Betrug am Berg, an den Mountain-Bikern und irgendwie an der gesamten Menschheit. Sie radeln nämlich derart entspannt den steilsten Berg nach oben und überholen dabei derart flott die echten Mountain-Biker, dass sie genauso gut mit so einer Golfplatz-Rentner-Elektro-Karre bergauf segeln könnten. Der Unterschied besteht darin, dass sich die Elektro-Radler perfide als echte Sportler tarnen und in Sachen Dresscode locker bei der Tour de France mitfahren könnten. Wäre ich echter Mountain-Biker und würde von solchen elektrischen Sport-Simulanten überholt, würde ich das Erlebte nachts im Traum vermutlich mit übelsten Mordphantasien kompensieren.

Unterleuten

Meine Urlaubslektüre: dieser Gesellschaftsroman von Juli Zeh, den ich euch dringend empfehlen möchte. Einerseits kann sie wunderbar erzählen und Menschen charakterisieren, ganz entspannt und unterhaltsam und intelligent. Andererseits seziert sie derart schonungslos das Soziotop eines kleinen ostdeutschen Dorfes, dass es wohlig weh tut. Im Dorf tun sich Abgründe auf und am Ende handelt das Buch von grausamer Vereinzelung, von Menschen, die sich selbst am nächsten sind, von Dorfgemeinschaft, Freundschaft und Ehe, die allesamt nur Fassade sind. Damit letztlich ein trauriges Buch, aber wahnsinnig kurzweilig und charmant geschrieben.

Und noch ein paar Fotos …

Ein Gedanke zu “Allgäuer Urlaubs-Notizen

  1. Neben Neuschwanstein ist außerdem Oberstdorf wirklich ein absolutes No-Go, dann lieber interessante Orte wie Kempten, Isny, Immenstadt oder Kaufbeuren besuchen (bieten sich bei schlechtem Wetter und Dauerregen wie jetzt Ende Juli als Zeitvertreib sehr an). Bei unserem sommerlichen Besuch dieses Jahr im Allgäu ist es uns aber leider nicht gelungen herauszufinden, was die Allgäuer nun eigentlich sind: Schwaben, Alemannen, Bayern oder eine Mischung aus alldem vielleicht?!

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