Was man in Österreich über Corona lernen kann

Die ersten Tage unseres sommerlichen Wander-Urlaubs waren wir in einem österreichischen Tal, das (per Auto) nur von Deutschland aus erreichbar ist …

Die Corona-Regeln sind offenkundig deutlich laxer als in Deutschland, was der niedrigen Zahl an Neuinfektionen in Österreich geschuldet sein mag. Kaum Abstand im Restaurant, keine Maskenpflicht, Frühstücksbuffet wie eh und je (jeder fasst und atmet alles an).

Das Interessante ist: Gefühlt drei Viertel der Menschen hier im Hotel akzeptieren diese „Regeln“ sofort und klaglos. Dabei müsste man nur mal kurz sein Hirn einschalten und käme recht schnell zur Erkenntnis, dass dieses Verhalten einigermaßen dumm ist. Denn: Praktisch alle Gäste hier in Hotel und Restaurant kommen aus Deutschland, Grund siehe oben. Die allermeisten sind auch Deutsche. Es wäre also sehr naheliegend, sich an die deutschen Corona-Regeln zu halten, auch wenn man formal in Österreich ist.

Das tun aber die wenigsten. Wir werden, wie zu Beginn der Pandemie, ein wenig mitleidig angeschaut, als wären wir leicht gestört, weil wir Masken aufsetzen, wenn wir zum Buffet gehen, und wieder absetzen, wenn wir wieder am Tisch sind. Dass wir das von allen basisdemokratisch benutzte Buffet-Besteck gar nicht anfassen oder nur mit Servietten, merkt zum Glück niemand, sonst wären wir wahrscheinlich schon Gesprächsthema Nummer 1. Gleiches gilt für Salzstreuer und anderes Kollektiv-Gut. Denn die einzige Desinfektions-Maßnahme besteht hier darin, einmal den Tisch abzuwischen, wenn die Gäste gehen. Alles wie früher eigentlich.

Für das Verhalten der drei Viertel Corona-Sorglosen hier gäbe es verschiedene Erklärungs-Ansätze, zum Beispiel:

Möglichkeit 1: Wir haben es hier mit Corona-Leugnern und Covidioten zu tun, die nach der Demo in Berlin in den Urlaub ins beschauliche Tal in Österreich gefahren sind. Nicht sehr wahrscheinlich. Die Leute hier sind ziemlich normal, nett, freundlich, keiner prahlt damit, endlich der Merkel-Diktatur entkommen zu sein und endlich mal wieder frei die Meinung sagen zu dürfen, was in Berlin ja bekanntlich unmöglich war.

Möglichkeit 2: Wir haben es hier mit jenem Party-Volk zu tun, das im Winter in Ischgl und vor wenigen Wochen auf Malle die Sau rausgelassen hat. Ordentlich Alkohol, und schon ist alles wurscht, weniger aus Opposition zur Politik, mehr weil das Leben kurz und jenseits des eigenen Egos alles egal ist. Auch nicht sehr wahrscheinlich. Der Ballermann-Fan geht eher selten in Österreich wandern, würde ich vermuten. Partys und Alkohol-Exzesse ließen sich hier nicht beobachten.

In Wahrheit haben wir es hier vermutlich mit dem ganz normalen Durchschnitts-Bürger zu tun, der tut, was erlaubt, und lässt, was verboten ist. Wie, keine Masken-Pflicht und kein Abstands-Gebot in Österreich? Prima, dann halt nicht. Dass die Neuinfektions-Zahlen in Deutschland auf breiter Front steigen, dass vor allem Urlaubs-Rückkehrer an dieser Entwicklung beteiligt sind, dass das Virus immer noch gefährlich ist, dass wir bitte, bitte einen zweiten Lockdown durch kollektive Anstrengung und Einfach-mal-ein-bisschen-zusammenreißen unbedingt vermeiden sollten – alles vergessen. Vorschrift ist Vorschrift, Schnaps ist Schnaps und Urlaub ist Urlaub.

Daraus lässt sich manches schlussfolgern. Zum Beispiel dass eine funktionierende, rational und evidenzbasiert agierende Regierung und deren pandemiebegrenzende Maßnahmen essenziell sind. Das ahnten wir schon angesichts der irrlichternden Regierung in den USA, die eher irrational und fakenewsbasiert durch die Pandemie torkelt und dabei immer noch knapp 50.000 Neuinfektionen pro Tag produziert und 170.000 Tote mitverschuldet hat. Und dass wir das Prinzip Freiwilligkeit wohl eher vergessen können. Wir brauchen klare Regeln und eindeutige Vorgaben, und zwar am besten in Kombination mit einem fein ziselierten Bußgeldkatalog.

Noch ein hoffnungsvoller Gedanke zum Schluss: Bislang habe ich nirgendwo gehört oder gelesen, dass trotz allem oben Geschriebenen solche Frühstücksbuffets und Standard-Hotel-Situationen zu Super-Spreader-Hotspots wurden. Das hätte ja mal ein Gesundheitsamt oder die Corona-App per Nachverfolgung feststellen, und diese Information hätte ja wohl auch irgendwie den Weg in die Öffentlichkeit finden müssen. Wenn also selbst solche aus meiner Sicht kritischen Szenarien einigermaßen pandemie-unschädlich sind, wäre das ein gutes Zeichen fürs Zusammenleben im Herbst, fürs neue Schuljahr, fürs Einkaufen, für Restaurant-Besuche etc. Falls die meisten Hotspots irgendwas mit Menschenmengen zu eng beieinander in schlecht belüfteten Räumen unter Zuhilfenahme erheblicher Mengen Alkohol zu tun haben, sollte sich das im Herbst doch beherrschen lassen, oder?

Unterdessen diskutiert man in Deutschland, ob der Karneval stattfinden kann, wo nicht selten Menschenmengen zu eng beieinander in schlecht belüfteten Räumen unter Zuhilfenahme erheblicher Mengen Alkohol zusammentreffen.

„Und so endet der Tag, wie er begann: mit Heiterkeit auf dem Fundament fortgeschrittener Bitternis.“ (Wigald Boning)

7 Gedanken zu “Was man in Österreich über Corona lernen kann

  1. Über die Effektivität freiwilliger Schutzmaßnahmen habe ich auch vor kurzem mal gebloggt (allerdings auf Englisch: http://research.phys.cmu.edu/biophysics/2020/07/30/do-voluntary-public-health-measures-work-during-a-pandemic/), anlässlich einer interessanten Publikation guter Kollegen von mir, die sich den Fall “Schweden” mal genauer angeguckt haben. Es stellt sich heraus, dass in Schweden freiwillige Maßnahmen vermutlich viele Menschenleben gerettet haben, weil sich Menschen deutlich mehr eingeschränkt haben als von der Regierung empfohlen.

    Das sollte aber nicht dahingehend interpretiert werden dass das “schwedische Modell” nun also doch funktioniert. Das würden meine Kollegen auch vehement bestreiten. Damit Menschen richtige Entscheidungen treffen, brauchen sie auch die richtige Information, und das Gefühl, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, auch freiwillig mitmachen und am selben Strang ziehen. In den USA ist das derzeit hoffnungslos. Aber auch in Deutschland sehe ich da Schwierigkeiten, wo ein frustrierend großer (und elendig lauter) Teil der Bevölkerung mit den absurdesten Verschwörungsfantasien liebäugelt.

    Ich habe das Gefühl, dass seit etlichen Jahrzehnten wichtige Debatten nicht mehr anhand der Fakten entschieden werden, selbst wenn die Faktenlage klar ist. Die Seite, die eigentlich eingestehen müsste, dass sie im Irrtum war, verfolgt stattdessen die Strategie, Zweifel zu schüren. Man weiß es halt immer noch nicht so genau, die Faktenlage ist kompliziert, die Experten sind sich ja auch nicht einige, oder eben der Hinweis auf irgendwelche wohlfeilen Verschwörungen, die unter trickreicher Faktenverdrehung, und im Spiegelkabinett des Internets wirr reflektiert, alles erklären können. (Und genau deswegen nichts erklären können.) So war es mit “Rauchen verursacht Lungenkrebs”, “saurer Regen macht den Wald kaputt”, und “der Klimawandel gefährdet unsere Zukunft”.

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  2. Danke für den Beitrag,
    den Vor-Kommentar frage ich nach, wie er es interpretiert, dass in Schweden viele ältere Menschen mit und an Corona sterben mussten?
    Was die Reise-Diskussionen betrifft: „Wie vieles gibt es doch, dessen ich nicht bedarf“. Das Zitat von Sokrates ist mir heute wieder mal eingefallen.
    Beste Grüße

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  3. Wir sind gerade für ein paar Tage in Frankfurt und sehr angenehm überrascht. Im Lokal in Hessen keine Maskenpflicht für Gäste. Trotzdem haben sie +90% auf. Genauso im Hotel. Obwohl freiwillig.
    Wobei unsere Reise den Irrsinn in Deutschland zeigt: 5 Bundesländer in den letzten 14 Tagen. Jedes hat ähnliche Zahlen, aber unterschiedliche Regelungen.

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  4. Ich war gerade für 10 Tage in Wien und war schockiert, wie lax es ist.
    In Restaurants sind Masken anscheinend gar nicht mehr vorgeschrieben. Im ÖPNV setzen die Leute in letzter Sekunde halbherzig eine Maske auf, nachdem sie vorher am Bahnsteig oder der Haltestelle dicht an dicht stehen. Im Supermarkt rücken einem die Leute schon wieder auf die Pelle.

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    • Ja. Ganz anders, wenn man ein paar Kilometer über die Grenze fährt. In Südtirol sehr viel Maske & Bewusstsein dafür. Bei zwei Busfahrten in ziemlich vollen Bussen hatten ausnahms- und diskussionslos alle Masken auf. Schon kurios …

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