Spotify Mix der Woche

Spotify: Bumm Bumm aus der Kleinkind-Krippe

Die mächtige Konkurrenz von Apple Music hat Spotify, den bisherigen Musik-Streaming-Marktführer, aufgeweckt. Neuerdings gibt es einen „Mix der Woche“. Da hab ich mal reingehört – und sehr Seltsames erlebt …

Jede Woche neu bekomme ich nun also von Spotify eine Playlist „Dein Mix der Woche“ angeboten. Das Prinzip dahinter bejubelt erklärt Spotify wie folgt: „Erstmals kombiniert der schwedische Musik Streaming Service dabei den persönlichen Musikgeschmack eines Nutzers mit der Musik, die andere Nutzer mit ähnlichen Hörgewohnheiten derzeit hören.“

Aha. Big Data. Personalisierung. Moderne Zeiten. Klingt nicht schlecht, dachte ich und warf bei meiner nächsten größeren Laufrunde die Playlist an.

Abscheulichkeit aus Moldawien

Erstes Lied auf der Playlist: Dragostea din tei von O-Zone. Das ist insofern bemerkenswert, als das eines der allerscheußlichsten Lieder ist, die ich kenne. Diese moldawische Bubi-Group war damit 2004 ewig auf Platz 1 in Deutschland und hat bei mir regelmäßig Übelkeit ausgelöst. Dass Big Data genau dieses Lied in „meinen Mix der Woche“ setzt: beeindruckend! Schließlich heißt es nicht „Lieblings-Mix der Woche“. Big Data funktioniert …

Was dann folgt, lässt sich weitgehend in zwei Kategorien einteilen:

Baby, die Welt ist ein Freizeitpark!

Erstens: Deutscher Pop mit Musik und Texten, die an Einfältigkeit, Uninspiriertheit und Albernheit ihresgleichen suchen. Nehmen wir zum Beispiel Einhorn fang von MC Fitti. Ja, der Name ist Programm.

Lauschen wir in den Text hinein: „Forever zusamm, ich halt dich im Arm, | Sonnenuntergang, | und wir gehn heut Nacht ein Einhorn fang | Zusamm, ich halt dich im Arm, | Sonnenuntergang, |und wir gehn heut Nacht ein Einhorn fang …“ Aber was will man erwarten von jemandem, der eine doch eher schlichte ontologische Sicht auf die Dinge hat: „Baby, die Welt ist ein Freizeitpark.“

Bumm, bumm, bumm, bumm

Es geht aber noch schlimmer: Im Song und dem dazu schrecklich passenden Musikvideo Piraten tun die Mitglieder der rätselhaften Band 257ers so als wären sie Piraten. Das heißt sie rollen das „R“ ganz fürchterlich und liefern ein Laienschauspiel ab, gegen das jeder Kinderfasching Oscar-verdächtig ist.  Der Refrain geht dann so: „Wir sind Piraten, Piraten, Piraten mit ’nem Schiff | Piraten mit ’ner Hakenhand und Narben im Gesicht | Piraten sind voll böse und Piraten trinken Rum | Piraten wollen feiern und sie schießen mit Kanon‘ | Bumm, bumm, bumm, bumm | Bumm, bumm, bumm, bumm.“

Während ich das höre, denke ich an das verkannte Genie von Ralph Siegel und Dschingis Kahn, die schon 1979 in Sachen Kostüme und Musik den heutigen Epigonen hoffnungslos überlegen waren.

Menschenrechtsverletzende Cover-Versionen

Zweitens: Ehemals gute Musik, die mit schlechten Computer-Effekten so lange verhunzt wird, bis sie es in die Top 10-Liste der schlimmsten Menschrechtsverletzungen geschafft hat. Offenbar fällt es heutigen Musikern nicht nur schwer, halbwegs sinnige Texte stammelfrei hervorzubringen, es ist ihnen auch völlig unmöglich, interessante Melodien zu erfinden. Also nimmt man einfach längst vorhandene Melodien und trampelt auf ihnen herum.

Schlimmstes Katastrophen-Beispiel in „meinem Mix der Woche“: Axel F von Crazy Frog. Die Älteren erinnern sich: Axel F war jenes Instrumental-Stück, das Harold Faltermeyer 1984 für den Beverly Hills Cop komponiert hatte. Der Crazy Frog ist hingegen eine Erfindung für die größte digitale Pest der Nuller-Jahre: für Jambas Klingeltöne, die in ihrem berüchtigten Sparabo reihenweise Teenager um ihr Taschengeld gebracht haben. Wenn der Crazy Frog auf Harold Faltermeyer trifft, ist das als würde ein Tsunami eine idyllische Pazifik-Insel verschlingen: Es bleibt nur Zerstörung und Verzweiflung. Ich laufe schneller, um das Lied hinter mir zu lassen – funktioniert aber nicht.

Exakt ein originelles Lied

Kurioserweise hat Spotify dem „Mix des Grauens der Woche“ auch ein paar schöne Klassiker beigemischt, zum Beispiel Music von John Miles oder Word of Mouth von Mike & the Mechanics. Aber das rettet die Sache auch nicht mehr.

Exakt ein (!) Lied der Playlist fand ich originell und bemerkenswert: 147 Täg von No Future, eine Schweizer Band. Kannte ich noch nicht. Der Song ist die netteste Wehrdienstverweigerung, die ich bisher gehört habe: „Und 147 Täg sind schwär, | im Militär, scheiss Militär | de blöd Verein mag i nüm gse | die scheiss Armee, ojemine | und qualvoll isch es gsi | i schiss ufd Hirarchie denn lieber d Anarchie | und es wird nie meh so si | es esch verbi.“ 147 Tage übrigens, weil die Grundausbildung im Rahmen der Schweizer Wehrpflicht 21 Wochen lang dauert.

Was aber bleibt ist das große Spotify-Rätsel: Wie man an meinem „persönlichen Musikgeschmack“ derart vorbeizielen kann. Es mag damit zusammenhängen, dass früher auch meine Kinder meinen Spotify-Account genutzt haben. Aber das ist lange her. Und andere Streaming-Dienste wie Netflix haben es längst geschafft, dass die Nutzer sich verschiedenen Profilen zuordnen, um genau so ein Durcheinander zu vermeiden.

Ach ja, alle Links führen zu den passenden YouTube-Videos. Viel Spaß beim Reinhören ;-)

12 Gedanken zu “Spotify: Bumm Bumm aus der Kleinkind-Krippe

  1. Ich weiß nicht, ob es Absicht oder ein Tippfehler war, aber der Interpret heißt MC Fitti. Mit „F“ am Anfang. ;-) Und ich finde dessen Lieder mitunter sogar recht vergnüglich ebenso wie die Musik der 257ers. Speziell „Piraten“ erheitert mich des Öfteren, wenn ich es im Radio höre. Insofern hätte ich die Playlist nicht ganz so schlimm gefunden wie du. Aber da sie auch den Crazy Frog beinhaltet, ist sie natürlich immer noch abstoßend…

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      • Also MC Fitti und die 257ers gehören nun wahrlich auch nicht zu meinen Lieblingsmusikanten. Ich finde diese Art von Musik nur hin und wieder ganz amüsant. Ich glaube, einfach weil sie anders ist und die Musiker sich auch selber nicht so ernst nehmen. Die wissen selber, dass sie mit ihren Sachen keinen Preis für große Kunst gewinnen. Gerade MC Fitti spielt auch bewusst mit seinem Image, glaube ich. ;-)

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      • Na klar, Albernheit ist auf Dauer sicherlich kein Erfolgsrezept für Musiker. Aber es ist eine Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Und wer weiß – wenn man das erst geschafft hat, kann man diese Alrbernheit vielleicht nach und nach etwas zurückschrauben und auch mal andere Sachen probieren. Wenn man das als Künstler denn kann. Wenn nicht, fällt man wohl bald in die Kategorie One-hit-wonder…

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  2. Werter Christian, deine großen Daten sind vermutlich kaputt. Mein Mix der Woche ist zum zweiten Mal in Folge hervorragend! Eine gute Mischung aus zu 3/4 unbekannten Songs von so zu 50% unbekannten Musikern gemischt mit Songs, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört habe. Diese Woche hat mir Spotiy beispielsweise Mari Kvien Brunvoll – Everywhere You Go im Ricardo Villalobos Mix rausgesucht. Und zwar in der Version mit den ganzen 28 Minuten (https://youtu.be/Ap1z0z1_kkE)! Außerdem war endlich mal wieder Ulrich Schnauss mit dabei mit seinem Monday Paracetamol (https://youtu.be/5ASjhNBL5fU). Im selben Mix. Hatte seine Alben eigentlich mittlerweile hinten im Schrank stehen aus akuter Überhörung.

    Übrigens: Das Playlist-Radio macht auch noch mal besonders Spaß.

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    • Ja, nur wie repariere ich meine großen Daten? Das find ich bei Spotify auch etwas störend, dass ich nicht per Dislike-Button oder so störende/schlechte Empfehlungen downgraden kann. Das kann ich ja z.B. bei Amazon-Buchempfehlungen machen …

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      • Tjanun, hab mal irgendwo gelesen, dass last.fm gut mit Spotify interagiert. last.fm war damals schon gut wenn es darum ging, passende und neue Musik rauszusuchen und ich nutze beides parallel.

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  3. Ohne Spotify zu kennen: Die Empfehlungen bei Apfel-Musik sind auch nicht treffsicherer. Auch die reichen von ‚Oh ja, lange nicht gehört!‘ bis ‚Was soll DAS denn?!?‘.
    Dabei habe ich sogar bei der Anmeldung meine verschiedensten Musikgeschmäcker angeklickt; allerdings waren schon die Vorgaben reichlich limitiert.
    Aber was soll’s? Wer aktiv sucht, der findet!

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  4. Auch ich bin begeistert von meinem heutigen Wochenmix. 30 Top-Titel, die meinem Geschmack 100%ig entsprechen. Ich bin jetzt 6 Wochen dabei, und wahrscheinlich braucht es ein wenig Zeit. Zudem mußt Du Dich nicht wundern, wenn andere Deinen Account benutzen.

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