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Randale und Respekt

Donald Trump in Amerika. Pegida und andere Lautsprecher in Deutschland. Wann genau wurden Randale und Gepöbel in der politischen Kommunikation eigentlich salonfähig?

Ich habe mir auch das jüngste TV-Duell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton in den USA angesehen – und habe gelitten. Ich empfinde körperliche Schmerzen dabei, wenn ich Trump zuhören muss. Das liegt zum einen an seiner unterintellektuellen, infantilen, stupiden und beleidigend anspruchslosen Art zu argumentieren und so zu tun als wäre es eine Lösung, wenn man komplexe Probleme mit dem Holzhammer der Vereinfachung möglichst platt schlägt.

Wertschätzung und Geringschätzung

Es liegt aber vor allem daran, wie er mit seinen Mitmenschen umgeht, seien es seine Kontrahentin im TV-Duell oder Frauen und generell Menschen, die nicht seinem Idealbild entsprechen (also tendenziell alle außer ihm selbst). Er ist arrogant, derb, beleidigend und feuert mit grobem Korn, und zwar am liebsten unter die Gürtellinie. Es fehlt ihm, um mal zwei altmodische Tugenden zu bemühen, an Anstand und Respekt.

Respekt meint ja so etwas wie eine generelle Wertschätzung anderer, und zwar besonders dann, wenn man mit ihnen nicht einer Meinung ist, besonders dann, wenn es sich um einen (politischen) Gegner handelt. Daher wird Respekt zum Beispiel auf dem Sportplatz gepredigt und eingeübt und ist Teil einer FIFA-Kampagne, damit keiner vergisst, dass es sich nur um ein Spiel handelt.

Trumps Grundeinstellung ist hingegen Geringschätzung, und die bringt er lautstark randalierend und pöbelnd zum Ausdruck. Diese Einstellung und dieses Verhalten teilt er mit Zeitgenossen in Dresden, die am Tag der Deutschen Einheit unseren gewählten Repräsentanten Ausdrücke an den Kopf werfen, dass man sich nur schämen kann und schnell den Fernseher ausschaltet, es könnten ja Kinder zuhören.

Hatespeech, die virtuelle Blutgrätsche

Und das führt zum eigentlichen Problem: Noch herrscht, zumindest meiner Wahrnehmung nach, ein einigermaßen großer Konsens, dass das Verhalten der Dresdener Randalierer nicht akzeptabel ist. Dieser Konsens franst am Rand bereits aus, ein Blick ins Internet und in einschlägige Facebook-Debatten rund um die Themen Flüchtlinge, Gender und Co genügt, um das festzustellen: „Hatespeech“ ist Randale statt Respekt im Internet. Hatespeech ist die virtuelle Blutgrätsche, nicht weil man unbedingt noch den Ball erreichen, sondern weil man dem Gegner weh tun will. Und zurzeit fragen sich alle, wer in Sachen Hatespeech wohl die Rolle des Schiedsrichters übernehmen könnte, um gelbe und rote Karten zu verteilen: Facebook? Die Justiz? Die Community? Sonst wer?

Und Donald Trump ist derjenige, der Hatespeech aus den finsteren Facebook-Hinterhöfen hervorholt und salonfähig macht. Der den Pegida-Randalierern Rückenwind gibt. Der dafür sorgt, dass Respekt bald nicht mehr als Tugend, sondern als Schwäche gesehen werden wird.

Wenn der offizielle Kandidat für eines der wichtigsten Ämter, das auf dieser Welt zu vergeben ist, monatelang vor einem Millionenpublikum randaliert und Respektlosigkeit zelebriert, wird das nicht ohne Folgen bleiben.

Das Gegenprogramm: Respekt einfordern

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Gegenmittel auch im Web: Respekt einfordern!

Wir werden das nicht verhindern können, aber wir müssen es auch nicht hinnehmen. Wir können zumindest ein bisschen dagegenhalten und im Kleinen flicken, was Trump in großem Maßstab zertrampelt.

Ein Beispiel: Wenn Sigmar Gabriel mit Neonazis konfrontiert wird, ist es zwar menschlich verständlich, aber vor dem geschilderten Szenario dennoch falsch, ihnen den „Stinkefinger“ zu zeigen. Jeder, der politisch tätig ist, sollte sich weder auf das Niveau Trumps noch auf das anderer geistiger Tiefflieger am rechten oder linken Rand einlassen. Und wer Politik kommentiert, sollte dazu entsprechend Stellung beziehen. Noch ein Beispiel hier im Blog: Ich lösche inzwischen deutlich schneller Kommentare. Und dazu müssen sie nicht mal beleidigend sein, die fliegen eh gleich raus. Inzwischen reicht schon unfreundliche Respektlosigkeit, die Lust an destruktivem Gepöbel statt an konstruktiver (gerne auch kontroverser) Diskussion.

Vielleicht hilft uns das weiter, wenn Trump am 8. November die große Bühne wieder verlässt. Sollte es anders kommen, dann war’s das mit dem guten alten Respekt. Was dann aber vermutlich eines der kleineren Probleme sein wird.

16 Gedanken zu “Randale und Respekt

  1. Du wirst es nicht gerne hören, aber eine Hauptursache für die unverhältnismäßige Präsenz der lautstarken Pöbelei sind die sozialen Medien und primär der Umgang damit durch die etablierten Medien. Die Argumentationskette ich ganz einfach: ein Beitrag wird auf einer Online-Zeitung veröffentlicht. Der gemeine Pegidist wartet nur darauf, zu diesem Thema seinen Kommentar abzugeben. Er erhält aufgrund der exponierten Darstellung (er war der erste – das ist auffallend häufig der Fall) sehr schnell von seinen GesinnungsgenossInnen Likes. Damit steigt das Interesse, den Beitrag zu lesen. Jetzt kommt das was Counter-Speech verlangt: diejenigen, denen es wichtig genug ist, dagegen zu halten, veröffentlichen ihre Sicht der Dinge. Versuchen nicht zu polarisieren, anständig zu argumentieren etc. Sie sind nur leider zu spät dran, die ersten Plätze sind schon vergeben. Nun vermehren sich die Kommentare – der Online Zeitung gefällt’s, denn je mehr Kommentare, je mehr Gelesen und je mehr Likes desto mehr Werbeeinnahmen werden generiert. Dumm nur, dass die, die am lautesten sind, die meisten Gegenargumente oder Zustimmungen bekommen. In der subjektiven Wahrnehmung, sind die wenigen, die am lautesten brüllen, präsenter als es tatsächlich der Fall ist. Durch die Sozialen Medien wird dieser Effekt sogar noch verstärkt: denn selbst wenn die Meinung noch so bescheuert ist, wird alleine durch das Teilen eines solchen Beitrags oder das dagegen Argumentieren, um ihn vermeintlich als negative Randmeinung zu kennzeichnen, der gegenteilige Effekt – nämlich noch mehr Aufmerksamkeit – erreicht. Gleiches geschieht bei TV und Radio Sendungen, wo immer und immer wieder diese Beispiele vorgespielt werden. Man erhält den Eindruck, als sei es das einzig Relevante.
    Die Redaktionen nehmen es nicht ernst, denn sie finanzieren sich durch die beschriebenen Effekte. Sie werden einen Teufel tun, und Hate Speech beschränken. Man hört besser auf, Counter Speech zu betreiben. Je mehr man von dem Dreck liest und dagegen argumentiert, desto größer wird die Aufmerksamkeit für diese Idioten. Ignorieren ist das einzig wahre Mittel, um ihnen den Stellenwert beizumessen, den sie verdienen.

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  2. Nein tut mir leid, dass ist mir zu einfach, zu naiv.
    Wie auch immer das Geschrei von irgendwelchen wahnsinnigen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten geartet sein mag, es gibt keinen Grund Respekt nicht als Tugend zu betrachten.
    Es gibt aber auch keinen Grund Respektlosen mit Respekt zu begegnen.
    Respekt soll bekommen, wer Respekt verdient.
    Auch ist Respekt nicht ungefährlich – und selbst bei den Nazis nicht unbeliebt.
    Es sind schon viele gestorben, weil sie bestimmten Personen nicht den geforderten Respekt gezollt haben …
    Respekt ist ein gefährlicher Begriff. Lieber andere suchen.

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  3. Wir leben in einem Zeitalter der Empfindlichkeit. Zumindest in unseren westlichen Regionen.
    Die Angst davor, den wahren Schrecken der Welt ins Angesicht zu blicken, führt dazu, dass wir nur noch Monologe mit Gleichgesinnten führen; was wir dann demokratischen Dialog der Toleranz und des Wohlwollens nennen. Vorwegen.
    In Wirklichkeit wollen wir nur kritisieren ohne kritisiert zu werden.
    Von denen, die nur Macht und Geld aber sonst rein gar nichts respektieren, wollen wir dann Respekt einfordern. Doch denen ist das herzlich egal – und wird es immer bleiben.

    Ändern wird sich rein gar nichts, außer wir ändern etwas. Und das beginnt damit, dass wir lernen einzustecken und dann konsequent austeilen.
    Empfindliche halten sich an der Form fest. Auf die kommt es aber gar nicht an.
    Es geht nicht um das Wie, sondern um das Wofür.

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      • Es geht tatsächlich um den Respekt der anderen Person gegenüber. Wenn dieser nicht besteht sind Diskussionen sinnlos. Anderer Meinung zu sein, vielleicht im Dissenz auseinander zu gehen, ist kein Problem, solange man respektvoll miteinander umgeht.

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      • Das ist doch Auslegungssache, deshalb halte ich davon nichts.
        Auch macht es keinen großen Sinn zivilisiert zu bleiben, wenn andere mit Maschinengewehren auf dich schießen.
        Zivilisiertsein ist nur eine Form der behaglichen Bequemlichkeit, solange keine echte Gefahr droht.
        Wichtiger als Zivilisiertsein ist zu wissen, wofür es sich lohnen würde mal nicht zivilisiert zu sein. Wie gesagt, das Wofür ist viel wichtiger als die Form.
        Das wird viel zu oft vergessen: Trump und die AFD sind nicht deshalb so grauenhaft, weil sie Dinge so sagen wie sie sie sagen, sondern weil sie Wertlosem Wert beimessen und Wertvolles wertlos erscheinen lassen.

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      • @raul katos: Nein, um Respekt geht’s nicht. Respekt ist eine Sache von Gleichgesinnten. Respekt tritt da auf, wo ich einverstanden bin.
        Ich respektiere, was ich gut und richtig finde. Ich respektiere Wertvolles und Ehrwürdiges.
        Wer all das zerredet und mit Füßen tritt, hat keinen Respekt verdient.
        Aber jeder Mensch verdient es, dass man sich mit ihm auseinandersetzt. Das hat mit Respekt nichts zu tun. Eher mit Nächstenliebe.

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  4. Wie immer, habe ich den Beitrag meines Ex-Kollegen mit großem Respekt gelesen. Ich finde, Herr Buggisch trifft den Nagel auf den Kopf, auch wenn er einen Punkt übersieht. Wenn man mal einen Paradigmenwechsel durchführt, und sich überlegt, was das Ziel von Donald Trump ist, dann kommt man nicht umhin, ihm – im Sinne von Zielorientierung – Respekt zu zollen. Er weiß genau, wie er zum Ziel kommt. Das Hauptproblem ist nicht er. Das größte Problem sind diejenigen, die ihn gut finden und wählen. Bei denen genießt er großen Respekt. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich mit Randalieren zu diskutieren hätte. Den Stinkefinger hätte ich allerdings gar nicht im Repertoire meiner Ausdrucksmöglichkeiten und die meisten Schimpfwörter auch nicht. Früher, im Arbeitsleben, habe ich gesagt: „Wer streitet zeigt Interesse.“ Heute geht es aber oft nicht um Streit im Sinne eines intellektuellen Meinungsaustausches mit Argumenten, sondern um platte, unreflektierte Pöbeleien. Und damit will ich nichts zu tun haben, bin damit aber leider automatisch Teil des Problems.

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    • Ich bin nicht sicher, ob Trump so ist, weil er die Zielgruppe anspricht, oder ob die Zielgruppe sich durch sein Verhalten angesprochen fühlt. Ich tendiere zu Letzterem. Was freilich nichts daran ändert, dass es ganz offensichtlich ein Potential an Publikum gibt, das sich durch diese Art angesprochen fühlt.

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  5. Zivilisiertheit ist von jeher die Ideologie gewesen, die dazu dienen sollte andere Menschen zu unterdrücken. (Und das fing nicht erst im Kolonialzeitalter an).
    Zivilisiertheit ist die Hölle der Political Correctness. Ist es Zufall, dass Trump im Mutterland der Political Correctness so viel Erfolg hat?
    Es kann keine harte Auseinandersetzung geben, wenn ich allem was mir irgendwie nicht passt den Stempel der Unzivilisiertheit aufdrücke, um dann guten Gewissens der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.
    Wo kann es eine fruchtbare Auseinandersetzung geben, wenn ich ständig darauf achten muss, den anderen nicht zu beleidigen? Welche unemotionale Auseinandersetzung hat schon jemals etwas bewirkt?
    Nein, das eigentliche Problem liegt jenseits von Respekt und Zivilisiertheit.

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  6. Was ich sagen will ist, dass ich zwar die Grundgesinnung von C. B. zu teilen glaube, aber komplett anderer Meinung bin, weil:
    – Mit nett sein ist es nicht getan.
    – Respekt von Rüpeln zu fordern ist vertane Liebesmüh, die letztlich nur zu Frust führt.
    – Trump, Petry, Pegida und Konsorten sind Leute, die keinen Respekt verdienen.
    – Respekt von Leuten zu fordern, die keinen Respekt verdienen, ist absurd.
    – Die innere Haltung von Trump & Co. und deren Konsequenzen wären auch dann nicht akzeptabel (oder weniger schlimm), wenn sie in formvollendeter Höflichkeit vorgetragen würden (was oft geschieht).
    – Hatespeech ist eine Diskursform die zwar erhöhte Aufmerksamkeit erzeugt; sie gedeiht aber nur auf fruchtbarem Boden. Der Boden ist zuerst da! Dieser Boden ist eine bestimmte Grundhaltung, die mal in dieser Form, mal in anderer verkündet wird. Die Form ist mal hübscher oder mal hässlicher. Aber auf die Form kommt es nicht wirklich an. Die Grundhaltung, die Gesinnung ist das Problem.

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  7. Wenn man mal einen Paradigmenwechsel durchführt, und sich überlegt, was das Ziel von Donald Trump ist, dann kommt man nicht umhin, ihm – im Sinne von Zielorientierung – Respekt zu zollen. Er weiß genau, wie er zum Ziel kommt. Das Hauptproblem ist nicht er. Das größte Problem sind diejenigen, die ihn gut finden und wählen. Bei denen genießt er großen Respekt.

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