Ach, und übrigens … (43): Genuss-Ignoranz, veganes Fleisch und Jahrgangs-Sardinen

Heute geht es in den gesammelten Links ums Essen: Der Spiegel hat sehr dummes Zeug über Bier geschrieben, Veganer mögen kein Fleisch außer im Namen ihrer Produkte, Jamie Oliver hat ebenfalls ein kleines Namens-Problem und ich habe den Sardinen-Trend verpasst …

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Für den jüngsten Spiegel nahm ein Redakteur an einer Craft Beer-Verkostung teil und schrieb darüber. Was dabei herauskam, ist der Ausflug eines sich für normal haltenden Menschen in die Welt der rätselhaften Bier-Spinner. Normal bedeutet dabei, Genuss versnobt zu finden und Anspruchslosigkeit zur Haltung zu erklären:

Mein Le­ben lang habe ich Bier ein­fach im­mer nur ge­trun­ken. Gro­ße Bier­fra­gen ha­ben sich mir nie ge­stellt. Ich fand, das war im­mer das Wun­der­ba­re am Bier: Es ver­lang­te kei­ne in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung, kei­ne Be­wer­tung. Nur gute Küh­lung.

Tja. Mit dieser Denkungsart kann man auch Diskussionen über verschiedene Gin-Sorten für absurd erklären und sagen, mal wolle einfach nur ’nen Schnaps trinken. Oder meinen, dass ein gutes Steak vom Metzger völlig überbewertet sei, ’ne Bratwurst von Aldi würde es doch auch tun. Ignoranz als Lebensgrundlage – kann man machen, muss man aber nicht zwingend im Spiegel propagieren. Jedenfalls gelingt es dem Autor, einen der dümmsten Sätze zu schreiben, die ich in letzter Zeit gelesen habe:

Die bes­ten Din­ge sind ja oft ein­fach: Oli­ven­öl, Salz, Brot oder Wurst.

Wenn wir mal das Salz außen vor lassen, zeigt die Aussage tatsächlich, dass sich der Autor noch nie mit Lebensmitteln beschäftigt hat und bedenklicherweise dennoch für ein renommiertes (?) Magazin darüber schreiben darf. Sind Olivenöl, Brot oder Wurst etwa gut, weil sie einfach sind? Gibt es nicht etwa einen Unterschied in der Größe des Grand Canyon zwischen einem Aufback-Teigling aus dem Back-o-Mat des Billig-, Schnell- und Selbstbedienungs-Bäckerei-Klons in der Fußgängerzone – und zum Beispiel den Broten die Bäcker Arnd Erbel in Dachsbach herstellt? Ist es jetzt die neue bildungsbürgerliche Coolness, sich über Qualität, die auf Erfahrung und Leidenschaft basiert, lustig zu machen und statt dessen billigen Industrie-Scheiß zu propagieren – weil er „einfach“ ist?

Aufmerksam geworden bin ich auf den Spiegel-Artikel übrigens über einen Facebook-Kommentar des Gastro-Kritikers Jürgen Dollase, der dazu schreibt:

Solche verwirrten Berichte haben unter den Intellektuellendarstellern der Republik Tradition. Ich erinnere mich an einen Text eines prominenten Exemplars dieser Gattung, der einmal ein Berliner Restaurant mit sehr kreativer Küche besucht hat, offensichtlich ein ebenso offensichtlich geliebtes Schnitzel erwartete und nicht vorfand. Er mußte dann zu Hause dringend ein Käsebrot essen. Der Irrsinn ist nun, daß man beim SPIEGEL (und immer wieder auch an anderen Stellen) solche Einlassungen zu kulinarischen Themen vermutlich auch noch für aufklärerisch hält. Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: die Aufforderung zum Analphabetismus als Aufklärung!

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Zugegeben: Landwirtschaftsminister sind gefühlt eher kuriose Gestalten. Kleine, dicke, glatzköpfige Männer mit CSU-Parteibuch, die die Grüne Woche eröffnen und sonst eher unauffällig bleiben. So wie Ignaz Kiechle, falls den noch jemand kennt. Horst Seehofer hatte den Job übrigens auch mal. Und Hans-Peter Friedrich. Aber auch Renate Künast, für die man das Amt gleich flott modernisiert und sie auch für Ernährung und Verbraucherschutz zuständig erklärt hat. Vom jetzigen Minister hat noch nie jemand etwas gehört und wer bei „Wer wird Millionär“ seinen Namen kennt, hätte locker 500.000 Euro verdient. Ich helfe euch mal: Christian Schmidt heißt der Mann.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Jener Herr Schmidt hat einen Wahnsinns-Skandal ausgelöst, weil er vor Kurzem gefordert hat, Fleischimitate sollten nicht mehr als „vegetarisches Fleisch“ oder „vegane Currywurst“ gekennzeichnet werden dürfen. Wie kann er nur?! Lebensmittelchemiker Udo Pollmer wundert sich im Deutschlandradio eher über die Reaktionen und meint, dass es doch sonst gerade Ziel des Verbraucherschutzes sei, dass auf Verpackungen nur das steht, was auch wirklich enthalten ist:

Die Reaktionen auf den längst überfälligen Vorschlag des Ministers sind von Heuchelei geprägt. Gewöhnlich regt sich das vegane Publikum über jedes Fitzelchen Tier in seinen Produkten auf, ja sogar ein Klacks Schmalz zum Schmieren der Druckmaschinen für Banknoten reicht für lautstarke Empörung. Und jetzt ist es „dreist“, wenn Sojaimitate nicht mehr „Fleisch“ oder „Wurst“ heißen dürfen? Zur Erinnerung: 2003 trat in der EU ein Reinheitsgebot in Kraft, demzufolge nur noch Muskelfleisch als „Fleisch“ bezeichnet werden durfte. Damit ging eine Forderung der Verbraucherverbände in Erfüllung, denn damals zählten noch die Innereien dazu.

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Apropos Essen: Selbst Fans des Kochs Jamie Oliver wundern sich ein wenig, mit welchen Namen er seine Kinder auf den ohnehin schon beschwerlichen Weg des Leben geschickt hat. Tschakkeline-Alarm!

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Und nochmal Thema Essen: Dass ich einen Trend aber so was von verschlafen kann! Dass Sardinen aus Dosen ähnlich wie Corned Beef irgend etwas anderes sind als eine Notration, die ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel auch nach 17 Jahren noch essen kann, war mir komplett entgangen. Nun durfte ich aber in München lernen: Es gibt Jahrgangs-Sardinen zu Liebhaber-Preisen. Die Sardine in der Dose ist wie der Wein in der Flasche:

Dass das Ganze beim Fisch mittlerweile beinahe ähnlich zelebriert wird, noch dazu bei jenem Produkt, das generell eher mit Billigware und bedrohlicher Enge verbunden wird – der Sardinendose –, mag da schon eher überraschen. Gut, wirklich neu sind die sogenannten Jahrgangssardinen oder „Sardines millésimes“, die aus Frankreich stammen, zwar nicht. Die Nachfrage danach steigt aber auch hierzulande. Immer mehr Menschen sind bereit, für eine Dose hochwertiger Sardinen aus einem bestimmtem Jahr eine Summe zwischen vier und 20 Euro auszugeben – bei Sammlerstücken sind die Grenzen ähnlich wie beim Wein nach oben offen.

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Weitere Fundstücke und Kleinigkeiten hier im Blog.

9 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (43): Genuss-Ignoranz, veganes Fleisch und Jahrgangs-Sardinen

  1. Als Fleischesserin zum Fleischersatz:
    Das hat nichts mit Etikettenschwindel zu tun. Ich kenne NIEMANDEN , dem es nicht sofort auffallen würde, dass da eben kein Fleisch drin ist.
    Und als was sollte man eine vegetarische Currywurst bitte sonst bezeichnen?
    Das ganze ist FleischERSATZ und es gibt doch gar nicht vor, Fleisch zu sein?

    Das ganz riecht eher nach Vegetarierbashing.
    Und haben wir echt keine anderen Probleme?

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    • Also, tierische Innereien dürfen nicht als Fleisch bezeichnet werden, pflanzliches Soja aber schon. Das finde ich nicht 100% nachvollziehbar. Und Vegetarierbashing kann ich auch nicht erkennen, eher Kritik am sehr aktiven Marketing von vegetarischen Prodzuzenten und Verbänden, die einen „Schinken Spicker“ verkaufen, in dem alles enthalten ist außer Schinken … (Und doch, wir haben auch noch andere Probleme, aber sollen wir uns nur noch mit ausgewählten besonders schwerwiegenden Problemen beschäftigen? Mit welchen? Und wer wählt die aus?)

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  2. Guter Artikel. Ich musste mehrfach heftig schmunzeln. Was will man mehr.

    Noch eine kleine Anmerkung: Die Zeiten, als zum Beispiel ein Helge Timmerberg beim Stern 10.000 Mark im Monat verdiente, sind längst vorbei. Viele sogenannte Journalisten – so hört man – leben in prekären Verhältnissen. So macht man aus der eigenen Not eine Tugend und baut sich seine Weltanschauung vom einfachen, anspruchslosen Leben. Die Wahrheit aber ist: kein Geld.

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  3. Über Herrn Pollmers Aussage muss ich mich doch sehr wundern. Wenn ein Mensch versucht konsequent keine tierischen Produkte zu konsumieren und neben dem mit-nur-bißchen-Ei-Kuchen im Büro auch auf mit tierischem Fett produzierte Geldscheine verzichten will ist das lächerlich. Aber bei veganen bzw. vegetarischen Gerichten, deren einziger tierischer Bestandteil ein Teil der Produktbezeichnung ist, mangelt es plötzlich an Aufregung.

    Das Ziel des Verbraucherschutzes ist es doch, den Verbraucher vor Mogelpackungen zu schützen. Diese entstehen aber hauptsächlich dann, wenn der Hersteller günstige (und eventuell minderwertige) Inhaltsstoffe verwendet, aber hochwertige Inhaltsstoffe auf der Verpackung vortäuscht.

    Vegane bzw. vegetarische Produkte tragen ihren Namen aber nicht um den Verbraucher zu täuschen, sondern um eine Idee zu vermitteln, wonach das Produkt schmecken soll. (Ob man das jetzt braucht oder das Ergebnis gelungen ist, ist wiederum ein anderes Thema.) Der Mangel an Tier wird aber immer deutlich auf der Packung angegeben. Insofern wird pflanzliches Soja eben nicht zur Täuschung als Fleisch bezeichnet, sondern die Produktbezeichnung bedient sich zur Erläuterung des Produkts des Namens eines Gerichtes (vegetarische Currywurst) oder einer Zubereitungsform, Sojahack zum Beispiel. Dieses Prinzip ist aber nichts Neues, immerhin heißt eine Fleischtomate Fleischtomate, weil sie so fleischig ist und nicht weil sie aus Rind besteht.

    Die Tatsache, dass eine vegetarische Currywurst doch nur eine gepresste Sojarolle in Currysoße ist, wird die Käufer dieser Produkte wohl kaum kalt erwischen. Bei den Inhaltsstoffen von Erdbeerjoghurt oder Eistee bin ich mir da nicht so sicher.

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