Ach, und übrigens … (44): Backautomaten, Detox, Ernährungs-Inkompetenz und 600 Kilo Spargel

Mahlzeit! Heute gibt’s wieder Links rund ums Essen, vom Nachwuchsmangel bei deutschen Bäckern und Metzgern über neuerlichen Entgiftungs-Blödsinn bis zum Hunger in der Welt …

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Es wird immer schwieriger, gute Metzger und Bäcker zu finden. Gefühlt, aber auch statistisch belegt, wie die Wirtschaftswoche schreibt: Die Zahl der eigenständigen Fleischereifachgeschäfte in Deutschland sank in den letzten 12 Jahren von 17.000 auf 11.000. Ein ähnlicher Trend bei den selbständigen Bäckern, deren Zahl sich in den letzten 8 Jahren von 15.000 auf 12.000 verringerte.

Außerdem hat die Branche mit Nachwuchsmangel zu kämpfen. Kein Wunder. Die Kunden kaufen zunehmend am Backautomaten von Aldi und Lidl zum halben Preis. Wahrscheinlich wächst gerade eine Generation heran, die noch nie eine Bäckerei von innen gesehen hat und glaubt, ein Bäcker sei ein rechteckiger Kasten, und wenn man auf einen Knopf drückt, kommt ein Brot raus.

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Vom Entschlacken und Entgiften hatten wir’s hier schon mal. Neudeutsch heißt das Detox und bringt allerlei phantasievolle Produkte mit sich, die angeblich beim Entgiften helfen. Smoothies zum Beispiel. Oder Kräutertees. Oder Pflaster. Dabei sind wir auch ganz ohne überteuerten Schwindel Entgiftungs-Experten, wie man bei futurezone nachlesen kann:

Wer sich wirklich entgiften will, sollte über ganz andere Dinge nachdenken: Besitzen Sie eine Leber? Und eine Niere? Im optimalen Fall vielleicht sogar noch eine zweite? Gratulation, damit ist jede weitere Entgiftungsmaßnahme wohl unnötig. Unser Körper ist nämlich ziemlich gut darin, Gifte ganz von alleine wieder loszuwerden.

Fazit, wen wundert’s:

Praktisch alle diese Produkte haben auffallende Gemeinsamkeiten: Ihre Anwendung macht keinen Spaß, sie kosten eine Menge Geld und sie sind aus wissenschaftlicher Sicht völlig sinnlos. (…) Detox-Kuren entfernen keine Gifte aus unserem Körper – sie entfernen nur eine Menge Geld aus unserem Bankkonto.

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Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer geht nicht wenigen Leuten wahnsinnig auf die Nerven, weil er ihr heiles Weltbild zerstört. Fettarm ist doch nicht gesund? Tiere leiden im Schlachthaus weniger als in freier Wildbahn? Kinder schlank halten zu wollen ist verantwortungslos, weil viel mehr Kinder magersüchtig als adipös sind? Lauter Dinge, die der ernährungsbewusste, gesundheitsbewegte Deutsche nicht so gerne hört.

Mir geht er ja auch manchmal auf die Nerven, weil er so arg gerne provoziert und dann manchmal selbst dogmatisch wird. Aber eines habe ich u.a. in seinem Podcast im Deutschlandradio gelernt: Das Leben ist zu komplex für einfache Wahrheiten, daher sind alle Warnungen und Ratschläge wie „Zu viel Kaffee entwässert“ oder „Fünfmal am Tag Obst essen“ reiner Humbug. Den Studien und „Experten“, die solche pauschalen Urteile fällen, sollte man mit Skepsis begegnen:

Pauschale Ernährungsempfehlungen sind ein Zeichen von Inkompetenz. Wer versucht, bei der Ernährung alles auf die gleiche Linie zu trimmen, könnte genauso gut hergehen und sagen, Schuhgröße 32 macht die Füße gesund, also müssen alle Schuhe der Größe 32 tragen.

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Ein wie für diesen Beitrag gemachtes Beispiel für sinnbefreite Ernährungs-Warnungen liefert dankenswerterweise der BUND, der reißerisch mahnt und warnt (was sonst?), nämlich vor „mehr Nervengift im Spargel“. Uuuuh, Nervengift?! Müssen wir jetzt auf Spargel verzichten? Will uns die böse Industrie, gesteuert von den Bürokraten in Brüssel vergiften? Müssen wir zurück in die Jurte und allem Fortschritt entsagen, wenn wir gesund leben wollen?

Die Salonkolumnisten klären auf:

Davon ausgehend werden Grenzwerte für unbedenkliche Dosen ermittelt. Beim Acetamiprid ist die erlaubte Tagesdosis, bei der bei lebenslanger Einnahme keine gesundheitliche Gefahr besteht, 0,07 mg pro kg Körpergewicht. Nach der skandalösen Anhebung der Spargelgrenzwerte müsste also ein 70 kg schwerer Erwachsener lediglich jeden Tag seines Lebens etwas mehr als sechs Kilo Spargel essen, um in die Nähe dieser garantierten Unbedenklichkeit zu gelangen. Die akute Referenzdosis für eine einzige Mahlzeit ohne Gesundheitsrisiko beträgt 0,1 mg/kg. Wer also ganz sichergehen will, sollte zum Osterfest höchstens achteinhalb Kilo Spargel verspeisen. Übrigens enthalten solche toxikologischen Grenzwerte immer einen Sicherheitsfaktor. Der beträgt in diesem Fall 100. Bei 600 Kilo Spargel am Tag könnte es also langsam gefährlich werden.

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Bei aller berechtigter Beschäftigung mit der Frage, was genussreiche, gesunde, ethisch vertretbare Ernährung eigentlich ist, hat ein Großteil der Welt immer noch andere Probleme: die Menschen überhaupt satt zu bekommen. Die gute Nachricht dabei: Obwohl die Zahl der Bewohner auf diesem Planeten immer weiter steigt, hungern immer weniger Menschen. Das ist kein Zufall, wie Spiegel Online schreibt, sondern das Ergebnis langer, harter Arbeit etwa der Uno:

Die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte zahlt sich aus: In allen Weltregionen hat sich die Ernährungssicherheit und die Anzahl Kalorien pro Kopf in den letzten sechzig Jahren enorm verbessert. Obwohl es immer mehr Menschen gibt auf der Welt, gibt es gleichzeitig auch immer mehr Nahrung pro Kopf. Die Uno nennt Hunger das „größte lösbare Problem der Welt“.

Die schlechte Nachricht: Immer noch 795 Millionen Menschen weltweit haben nicht genug zu essen.

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Weitere Fundstücke und Kleinigkeiten hier im Blog.

8 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (44): Backautomaten, Detox, Ernährungs-Inkompetenz und 600 Kilo Spargel

  1. Könntest Du bitte bitte eine Sprungmarke auf den Abschnitt „Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer…“ setzen?

    Gerne würde ich jemand einen Link zu genau diesem Ausschnitt aus dem Artikel hier schicken.

    Gefällt 1 Person

  2. Bist du denn der Meinung, dass er in DIESEM Fall zurecht kritisiert oder nimmst du die Kritik an seiner Auslegung ernst? (die ja eben aussagt, dass er sich die Zahlen auslegt, wiedewiedewiie sie ihm gefallen)

    In letzterem Fall frage ich mich, warum du ihn weiterhin zitierst, im ersteren, was an der Kritik an ihm du nicht nachvollziehst.
    Und das würde mich wirklich interessieren: hat der von mir verlinkte Artikel unrecht und wenn ja, wo?

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    • Mit scheint die Kritik in diesem Fall berechtigt zu sein. Aber worauf willst du hinaus? Der Mann macht wöchentlich eine Kolumne, oft finde ich die interessant, manchmal nicht. Ich vermute er hat mal Recht, mal nicht. Er spitzt gerne zu und provoziert. Aber warum sollte ich ihn nicht zitieren? Weil er ab und zu danebenliegt? Das tue ich auch.

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