Eine so genannte Buchhandlung

Gestern waren meine Frau und ich, was selten vorkommt, mal ohne Kinder in der Stadt. Beim Bummeln haben wir auch einen Abstecher in die Erlanger Thalia-Filiale gemacht, und das war in mancher Hinsicht bemerkens- und damit bloggenswert …

Thalia gehört zur Douglas Holding, es gibt fast 300 Buchhandlungen dieser Kette im deutschsprachigen Raum, und normalerweise mache ich um solche monströsen, standardisierten Buch-Kaufhäuser einen großen Bogen und kaufe lieber online bei Amazon oder in der kleinen Buchhandlung meines Vertrauens um die Ecke. Nach einer Stunde Thalia in Erlangen habe ich mindestens drei Gründe, das weiterhin zu tun:

Keine Community im Buch-Kaufhaus

Und was nehm ich jetzt?
Und was nehm ich jetzt?

Es gibt wirklich wahnsinnig viele Bücher in so einer Thalia-Filiale … Nur woher wissen die ganzen Menschen dort, ob die Bücher lesenswert sind oder nicht? Cover? Klappentext? Die ersten Sätze des Buches? Freunde, ich war selbst eine Weile lang Lektor in einem Verlag und habe dafür gesorgt, dass die Cover meiner Bücher, die Klappentexte und die ersten Sätze kein Hinderungsgrund waren, die Bücher zu kaufen. Man kann doch unmöglich ein Buch kaufen, ohne zu wissen, ob und warum andere des Buch empfehlen oder nicht.

Ich habe mich jedenfalls dreimal in der Analog-Großbuchhandlung dabei erwischt, wie ich halbwegs interessant erscheinende Bücher via iPhone und Amazon-App gegengecheckt und mir ein paar Rezensionen dazu durchgelesen habe. Alle drei Mal habe ich mich dann gegen einen Kauf entschieden, weil Cover und Klappentexte zwar sehr hübsch, die Kritiken aber ziemlich vernichtend waren. Dann lieber gleich online stöbern und kaufen.

Ein Gemischtwarenladen des Grauens

So ähnlich muss es in der Vorhölle aussehen ...
So ähnlich muss es in der Vorhölle aussehen …

Habe ich oben „Buchhandlung“ geschrieben? Ja, es gibt bei Thalia jede Menge Bücher, aber dazu gibt es eine veritable Spielwarenabteilung, massenhaft Schreibwaren und jede Menge hässlichen, kitschigen Schnickschnack à la Diddel-Maus, der mein ästhetisches Empfinden grob beleidigt. Dazu Buddha-Figuren, Mineraliengedöns und Klangschalen-Klone in der „Gesundheits“-Abteilung. Und ein paar Süßigkeiten, man kann ja nie wissen … Ein Wunder, dass Douglas nicht noch eine Parfüm-Dependance in irgendeiner Ecke aufgemacht hat.

Wollen das die Thalia-Kunden? Lassen sich die Kids heutzutage durch unglaublich hässliche bunte Keramik-Eulen (süüüüüß!) in die Filiale locken und sagen dann: Mensch, wo wir gerade da sind, lass uns noch ein paar Bestseller von der Spiegel-Liste mitnehmen!? Ich persönlich glaube, es hat Gründe, dass die Gemischtwaren-Hortens, -Karstadts und -Kaufhofs dieser Welt ihre Probleme hatten oder haben, aber wenn die Buchhandlung Thalia ihr Heil in der Gemischtwarenecke sucht, hat das bestimmt ein festes strategisches Fundament. Nur mich wird man damit nicht als Kunden gewinnen.

Keine Beratung

Bücher, Engel und Gedöns bei Thalia
Bücher, Engel und Gedöns bei Thalia

Immerhin gibt es bei Thalia einige Buchhändlerinnen. In Baumärkten gehört es ja zur Strategie, dass Kunden, unentschlossen und ratlos vor dem gigantischen Schraubenregal auf und ab tigernd, verhungern, mumifizieren und zu Staub zerfallen können, bevor mal ein einziger Verkäufer vorbeikommt. Bei Thalia ist das noch anders. Also haben wir zu folgendem kleinen Spezial-Problem eine Buchhändlerin um Rat gefragt: Wir fahren Ende August an den Gardasee und möchten uns außerdem ein paar Städte in der Umgebung anschauen: Vicenza, Piacenza, Brescia, Mantua, so was halt. Der 08/15 Gardasee-Führer enthält natürlich nur den Gardasee plus Verona. Rund um den Gardasee stoßen die Lombardei, die Emilia-Romagna und das Veneto aufeinander, sodass wir schlimmstenfalls für jede Region einen Führer kaufen müssten. Erschwerend kommt hinzu, dass wir an Kunst und Kultur interessiert sind und daher Bücher für Kind gebliebene Erwachsene mit mehr Bildern als Text, ausklappbaren Gimmicks und dem Niveau von Super-RTL per se nicht in Frage kommen. Die Preisfrage lautete also: Gibt es ein bis zwei Bücher auf halbwegs akzeptablem Niveau, die diese Regionen zusammen abdecken?

Um die Sache kurz zu machen: Die Beratung bei Thalia bestand aus hilflosen Klicks in einer wenig hilfreichenden Buchhandels-Software und aus kuriosen, nur rudimentäre geographische Kenntnisse offenbarenden Nachfragen. Und natürlich gab es keine Lösung für mein zugegebenermaßen nicht ganz einfaches Problem.

Aber einfach kann auch Google.

11 Gedanken zu “Eine so genannte Buchhandlung

  1. Jetzt möcht ich mal wieder paar Zeilen schreiben. Denn vor Urzeiten habe ich meine berufliche Laufbahn als Buchhandelsazubi begonnen und dein Post verlangt nun nach einem Kommentar.

    Eingangs stellst du die Frage, woher man in einer Buchhandlung wissen sollte, ob ein Buch lesenswert ist. Zumal man den Klappentexten eh nicht trauen kann und einem auch keine Rezensionen einer Community zur Verfügung stehen.
    Nun, ganz einfach: Man weiß es nicht. Aber man hat eine gute Chance es herauszufinden: Indem man die ersten Seiten liest und darauf hört, was das eigene Lesegefühl einem sagt. Mag man den Schreibstil? Sind die Sätze kompliziert oder einfach? Kennt man sich nach 2 Seiten schon nicht mehr aus oder langweilen die ersten 2 Seiten zu Tode? …

    Früher hatten wir anscheinend alle mehr Mut bei der Buchwahl. Denn es hat ja irgendwie geklappt, auch ohne Empfehlung des Buchhändlers. Du skizzierst aber eine Welt, in der wir es gewohnt sind uns abzusichern und hasenfüßig bei der Kaufentscheidung zweite und dritte Meinungen einholen. All das für eine Geschichte mit der man paar Stunden verbringen wird. All das für ein 11.90 € Taschenbuch. Ich finde daher: Habt mehr Mut und hört auf euer Lesegefühl!!

    Das mit den Non-Book Artikel ist auch so ein Sache. Ich verstehe da die Buchhandlungen, irgendwie. Denn wenn es Bücher im Supermarkt gibt, an Tankstellen oder an Baumärkten, dann muss man sich halt was einfallen lassen, um Umsatz auf die Fläche zu bekommen. Diese Non-Book Artikel sind aber nicht als primäre sondern als sekundäre Ware zu verstehen. Denn zum Buch kauft man dann halt noch eine unglaublich hässliche bunte Keramik Eule für Tante Erna. Man gewinnt also niemand als Kunden, sondern macht mit den bestehenden Kunden mehr Umsatz. Das wäre dann auch das strategische Fundament.

    Mir wäre es auch lieber, wenn nur Bücher angeboten wären. Aber nur so kann die große Buchhandlung zehntausende Bücher in die Regale stellen, die sich vielleicht nur einmal im Jahr drehen. Wie zum Beispiel den Kunst-Reiseführer für die Städte Vicenza, Piacenza, Brescia, Mantua.

    Das führt mich auch gleich zum Thema Beratung:
    Das ist wirklich so ein kniffliges Thema. Denn ist jetzt die Beratung schlechter geworden oder hatten es früherer Buchhändler einfacher, weil es noch nicht so viele Bücher gab und die Kunden noch nicht so informiert waren? Ich weiss es nicht.

    Ich kann es nachvollziehen, dass man sich aufregt, wenn ein Buchhändler auf die Frage nach dem Autor von „Berlin, Alexanderplatz“ mit wissensleeren Blick hilflos auf den Bildschirm start.
    Dein Beispiel – auch wenn es ein sehr realistisch ist – fand ich aber dann doch sehr speziell und somit auch a bissl unfair, um den Beratungsnotstand bei Thalia zu kritisieren. Denn a) bin ich mir auch fast sicher, dass eine Google Suche hier auch nicht auf Anhieb ein verwertbares Ergebnis liefert und b) der so oft gelobte Buchhändler in der Buchhandlung um die Ecke, wird auch nicht auf Anhieb das passende Buch (gibt es das überhaupt?) finden. Der Buchhändler um die Ecke ist nämlich meist Generalist. Er hat im Regelfall breites Wissen, welches nur in einzelnen Bereichen in die Tiefe geht. Das kann das Reisebuch sein, muss aber nicht. Vom Konzept her würden also große Buchhandlungen, die für jede Abteilung einen oder mehrere Buchhändler angestellt haben, besser bei solchen Fragen abschneiden. In der Theorie zumindest. (wobei der Hugendubel am Marienplatz – die Mutter der deutschen Buchkaufhauses – in vielen Abteilungen Koryphäen sitzen hatte (hat?). Da hat es funktioniert. (oder funktioniert es noch)

    So das wollt ich nur mal gesagt haben. Versteh mich nicht falsch. Ich verteidige hier nicht Thalia. Im Gegenteil. Ich bin kein großer Fan von den großen Buchhandelshäusern. Aber nur aus dem Grund, weil sie austauschbar sind. Ersr haben sie den kleinen schlecht-gemanagten Buchhandlungen Umsatz weggenommen und dann hat ihre Austauschbarkeit dafür gesorgt hat, dass viele Kunden die Lust verloren haben, in den Laden zu gehen. Getreu dem Motto: Wenn austauschbar, dann gleich online bestellen.

    So viel dazu. Und jetzt wünsche ich einen wunderbaren Urlaub in Italien. Hoffentlich mit dem passenden Reiseführer.

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    • Ich sag auch nur: Das ist nicht meine Buchhandlung. Ich hatte schon Kommentare auf Google+ von Kunden, die diese kunterbunte Mischung mögen.

      Aber bei der Beratung bin ich anderer Meinung: 1) Google kennt keine Antwort, dazu ist die Frage zu komplex. Daher hatte ich ja auf die Beratung gehofft. 2) Die „kleine“ Buchhändlerin meines Vertrauens ist keine Generalistin, sondern Spezialistin. Sie hat ihre Nischen, daher wäre ich mit so einer Frage gar nicht zu ihr gegangen. 3) Von einer Großbuchhandlung mit einer Reiseabteilung und einer Buchhändlerin, die vermutlich nur diese Abteilung betreut, hätte ich aber mehr erwartet. Das wäre DIE Chance für Thalia gewesen, mich zu beeindrucken, Motto: Wow, das ist ein Grund, hierher zu kommen. War aber leider eine Enttäuschung …

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  2. Die Schulbuchbestellung in der Filiale lief super – Sendung über thalia.de direkt nach Hause.

    Beratung in Braunschweig ist o.k..

    Benachrichtigungsservice über bestellte Bücher funktioniert auch zuverlässig.

    Geschenkverpackungsservice habe ich öfter ausgenutzt – hat amazon m.E. nicht.

    Viele Grüße
    Jan Kinsky

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  3. Da im Blog neulich nach Entdeckungen unserer Neuland-Streifzüge gefragt und zu diesem Beitrag thematisch eine nette Ergänzung anbei ein Linktipp: http://www.lchoice.de.
    P.S.: Ich fand den ersten Kommentar auf den Beitrag thematisch fundiert und ansprechend formuliert. Daher würde ich gerne ein „gefällt mir“ verteilen, für Kommentare scheint dies allerdings aktuell nicht möglich – oder habe ich es nur nicht entdeckt?

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