Evolution

Evolution

Ein wunderbares Interview mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins in der Süddeutschen Zeitung. Für ihn ist Evolution nicht nur eine Theorie, sondern „die größte Idee aller Zeiten“ …

Evolution meint, wir erinnern uns, die allmähliche Entwicklung oder Veränderung von Lebewesen. Die treibenden Kräfte dahinter sind Mutation und Selektion: Die Mutation sorgt durch winzige genetische Veränderungen für Vielfalt, man könnte auch sagen: für einen unendlichen Pool an Möglichkeiten des Lebens; die Selektion sorgt dafür, dass aus dieser Vielfalt diejenigen überleben und sich wiederum weiterentwickeln, die am besten dafür geeignet sind.

Ein geniales Prinzip

Was für ein geniales Prinzip, das nur irgendwelche Kreationisten nicht bestechend finden können, die sich lieber einen allmächtigen Schöpfergott vorstellen, der die Erde erst vor einer Handvoll Jahren geschaffen, aber dafür antik angemalt hat (doch, das glauben manche, kannste dir nicht ausdenken …).

Dawkins erklärt Evolution so, und man merkt ihm an, wie ihn diese Theorie begeistert:

Die entscheidende Idee ist, dass alle Arten von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Wir sind alle Cousins. Die treibende Kraft der Evolution ist die natürliche Selektion, sie produziert all die Schönheit, Eleganz und das vermeintliche Design, das wir in der Natur finden. Und zwar so: Nachkommen, die sich durch puren Zufall genetisch unterscheiden, haben unterschiedliche Überlebenschancen. Darwin kannte noch keine Gene, er hat es anders ausgedrückt: Es werden mehr Kinder geboren als überleben können. Also gibt es Konkurrenz, und die Gewinner sind diejenigen, die am besten für das Überleben ausgestattet sind. Und diese positiven Eigenschaften vererben sie an ihre Nachkommen.

Klingt abstrakt, aber er stellt eine einfache Frage, die, wie ich finde, die ganze Theorie wunderbar greifbar macht. Sie lautet, und ich erlaube mir, sie nun euch zu stellen:

Was glaubt ihr, wie viele eurer Vorfahren sind jung gestorben? Spontane Antwort?

Natürlich viele, werden die meisten von euch antworten. Hohe Kindersterblichkeit in früheren Zeiten, schlechte hygienische Bedingungen, raue Sitten, harte Kämpfe ums Überleben, weiß man ja …

Die verblüffende und richtige Antwort ist: kein einziger. Jedenfalls nicht so jung, dass er oder sie schon als Kind gestorben wäre. All eure und meine Vorfahren haben ein fortpflanzungsfähiges Alter erreicht, sonst gäbe es uns nicht. Oder wie Dawkins sagt: „Wir sind die Nachkommen einer ununterbrochenen Linie von erfolgreichen Vorfahren.“ Herzlichen Glückwunsch: Ihr seid evolutionsgeschichtlich ein Erfolgsmodell. Ich auch. Und ich will eure Begeisterung nicht einschränken, aber: alle anderen existierenden Lebewesen auch. Stand heute.

Religion als Produkt der Evolution?

Also Evolution statt trickreicher Schöpfergott. Eine interessante Frage dabei ist, warum es dann überhaupt Religion gibt und ob sie wie alles andere auch ein Produkt der Evolution ist. Dazu Dawkins:

Religion ist vor allem ein Produkt unseres Gehirns, und das Gehirn ist ein Produkt der Evolution. So betrachtet, ist die Religion tatsächlich ein Produkt der Evolution. (…) Die bessere Frage wäre: Warum sind unsere Hirne so ausgestattet, dass sie Religionen hervorbringen? Welche psychologische Veranlagung steckt dahinter? Ich denke, dass es eine Tendenz gibt, Obrigkeiten zu gehorchen, darauf zu hören, was die Eltern sagen, weil es ein Überlebensvorteil ist. Ein Kind überlebt eher, wenn es auf Eltern und andere Autoritäten hört.

Noch eine interessante Frage: Bringt Evolution Perfektion hervor? Oft ist ja von „perfekt“ an die Bedingungen angepassten Lebewesen die Rede. Dawkins sagt nein bzw. sieht auch Grenzen, denn Evolution kann nicht wie ein Ingenieur einen Plan verwerfen und wieder bei Null anfangen. Sein Beispiel:

Stellen sie sich ein Düsentriebwerk vor – das wurde auch nicht Schritt für Schritt aus einem Propeller entwickelt. Man hat den Propellerantrieb verschrottet und dann den Düsenantrieb neu entwickelt. Nicht komplett neu, aber nahezu. Stellen Sie sich vor, der Propeller hätte eine Evolution durchlaufen und sich Schritt für Schritt verändert: eine Schraube nach der anderen, ein Gewinde nach dem anderen – das Ergebnis wäre wohl ein sehr merkwürdiges Düsentriebwerk.

Emanzipation von der Evolution

Letztes Beispiel dafür, warum das Interview wirklich lesenswert ist: Ist der Mensch im Rahmen der Evolution etwas Besonderes? Immerhin sind wir die erste Spezies, die verstanden hat, was Evolution ist und wie sie funktioniert. Sind wir, wenn wir sie verstehen, vielleicht sogar in der Lage, uns von ihr abzukoppeln? Dawkins‘ Antwort:

Wir haben uns ein Stück weit vom Prozess der natürlichen Auslese emanzipiert. In entwickelten Gesellschaften ist es schwierig, jung zu sterben. Und ob wir uns fortpflanzen, hängt vor allem davon ab, ob wir das wollen. Es kommt kaum noch darauf an, ob wir die passenden Gene haben, die uns das Überleben ermöglichen. In dem Sinne haben wir uns sicher von der Evolution emanzipiert.

Und natürlich haben wir darüber hinaus die Fähigkeit, Evolution zu gestalten:

Das tun wir schon seit einigen Tausend Jahren, seit es Landwirtschaft und Tierhaltung gibt. Wir züchten Arten – Hunde zum Beispiel, Kohlköpfe oder Rosen. So erzeugen wir sehr beeindruckende evolutionäre Veränderungen. In Zukunft werden wir Gene sehr gezielt und direkt manipulieren können, also nicht über den Umweg der Zucht. Wir werden dann vielleicht direkt die gewünschten Mutationen erzeugen und nicht nur die Selektionsfaktoren steuern.

Alles sehr faszinierend, finde ich. Und hier in voller Länge nachzulesen (kostenpflichtig).


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3 Gedanken zu “Evolution

  1. Wenn man sich täglich durch den Kommentarschlamm in den Sozialen Medien wühlt, könnte man auf die Idee kommen, dass die Evolution seit 70.000 Jahren Mittagspause macht und ein Großteil der Menschen auf dem intellektuellen Stand des homo erectus stehengeblieben ist. Aber richtig, nicht die Evolution ist das Problem, sondern gerade die Emanzipation davon:

    Und ob wir uns fortpflanzen, hängt vor allem davon ab, ob wir das wollen. Es kommt kaum noch darauf an, ob wir die passenden Gene haben …

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  2. Die Evolution, nicht nur des Lebens auf diesen kleinen Planeten hier, sondern derjenigen des gesamten Universums, ist einer der großartigsten Gegenstände, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Zusammen mit der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik bildet die Evolutionstheorie das Dreigestirn der höchsten geistigen Leistung, die unsere Spezies je hervorgebracht hat. Ich bin nur in einem Punkt etwas anderer Meinung als der Verfasser: Wir (Mitglieder des exklusivsten Clubs der Welt, des Clubs der „Überlebenden“) haben uns nur scheinbar und über eine Kurzstrecke von den Gesetzen der Mutation (übrigens maßgeblich bestimmt vom C14-Gehalt der Atmosphäre, er ist der „Gashebel“ der Evolution) emanzipiert. Eine hochentwickelte Großhirnrinde ist auch nichts weiter als eines der vielen ziellosen Experimente der Natur. Ob sie sich langfristig überlebentechnisch bewährt, ist noch lange nicht ausgemacht. Wir übersehen allzu leicht, dass unsere individuelle Teilhabe an der geistigen Sphäre, die uns zur derzeit dominanten Spezies disponiert, die Natur in ihrer profunden Interessenlosigkeit nicht weiter interessiert. Auch wir sind, auf lange Sicht eine ephemere Erscheinung und werden dereinst anderen Spezies Platz machen müssen, die darum keineswegs über eine höhere Intelligenz verfügen als wir, sondern in ihrer Zeit einfach besser angepasst sein werden als wir, selbst wenn es sich dabei nur um einen Virus oder eine Kakerlakenart handeln sollte. Die „Krone“ nicht der Schöpfung (die es im evolutiven Sinne als „Gewolltes“ eben nicht gibt), die „Krone“ der Dominanz über das sonstige Leben allhier – sie ist ein Wanderpokal …!

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