Wie wirklich ist die Wirklichkeit (im Social Web)?

Vor einigen Tagen machte wieder mal ein Spiegel Online-Artikel die Runde, der ein bedrohliches Bild von Facebook im Speziellen und von Social Media im Besonderen zeichnete. Tenor: Das Social Web ist ein vorgefiltertes Web und verzerrt die Wirklichkeit. Ich kann nur sagen: Stimmt! Nur kann ich beim besten Willen nicht erkennen, warum das ein Problem sein sollte …

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Argumentation des Spiegel-Autors. In seinem Beitrag „Die ganze Welt ist meiner Meinung“ kritisiert er vor allem, dass Portale wie Facebook durch Algorithmen und technische Filter einen Teil des Nachrichtenstroms ausblenden, nämlich den, der aufgrund irgendwelcher Formeln für weniger relevant gehalten wird. Und so würde man Freunde, mit denen man weniger aktiv kommuniziert, aus den Augen verlieren, konträre Ansichten würden verborgen, kurz: Das durch Facebook vermittelte Weltbild werde durch Facebook selbst verzerrt, es entspreche nicht mehr der Wirklichkeit. Und das, meint der Autor, sei eine „schleichende, unheimliche Veränderung“ …

Social Media-Nutzer: die Schere im Kopf

Darüber hinaus wird vom Spiegel-Autor nicht nur die automatisierte, softwaregestützte Wirklichkeits-Verzerrung kritisiert, nein, auch die Nutzer des Social Web selbst haben eine besondere Schere im Kopf und unterwerfen sich quasi einer freiwilligen Selbstkontrolle, indem Sie Social Media nutzen. Klingt verrückt, schreibt er aber so:

Eine ganz ähnliche Verengung der Weltsicht lässt sich bei Twitter beobachten, wo die Nutzer selbst entscheiden, welchen Menschen sie folgen, wessen Leseempfehlungen und Kommentare sie sehen wollen. Twitter filtert diesen persönlich zusammengestellten Strom der Hinweise, Wortmeldungen und Kommentare nicht – man sieht in chronologischer Abfolge ohne jede weitere Gewichtung, was das selbstgewählte Umfeld gesagt hat. Und doch wirkt die vom selbstgewählten Twitter-Umfeld gelieferte Sicht auf die Welt verzerrt, wenn man sie einmal mit dem Smalltalk in der U-Bahn, der Kneipe oder den Kommentaren auf einer beliebigen Nachrichtenseite im Netz vergleicht.

Ganz ehrlich: Wenn ich die Kommentare auf einer „beliebingen Nachrichtenseite im Netz“ wie Spiegel Online lese, wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen Filter, der mich vor der ganzen Kakophonie des Meinungswahnsinns bewahrt, mit dem die Nutzer das Web überschwemmen. Und nicht wenige meiner Bekannten danken Steve Jobs auf Knien für die Erfindung des iPods, damit sie im öffentlichen Nahverkehr von den Meinungen ihrer Mitmenschen verschont bleiben. Aber das nur am Rande.

Wirklichkeit als Ergebnis von Kommunikation

Man muss ja nicht gleich bis zu Platons Höhlengleichnis zurückgehen, um darüber nachzudenken, was „die Wirklichkeit“ denn überhaupt sein soll. Uns sollen ein paar Jahre reichen, wenn wir einen Blick in Paul Watzlawicks (unbedingt lesenswertes) Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ werfen. Da heißt es gleich auf der ersten Seite:

Dieses Buch handelt davon, dass die so genannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen. Es soll gezeigt werden, dass dies nicht so ist; dass das wackelige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft ist (…). Es soll ferner gezeigt werden, dass der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste aller Selbsttäuschungen ist; dass es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind.

Watzlawicks Buch ist vor 35 Jahren erschienen, als es wirklich noch kein Facebook gab – wohl aber Medien wie den Spiegel, die heute die Veränderung der Wirklichkeitswahrnehmung durch Soziale Medien beklagen, obwohl sie doch selbst schon viel länger zur Wirklichkeitsverzerrung beitragen oder – mit Watzlawicks gesprochen – Wirklichkeit überhaupt erst erzeugen.

Wer verlässt sich schon auf nur eine medial vermittelte Wirklichkeit?

Und das ist ja auch völlig in Ordnung so. Selbstverständlich wird ein Leser des Spiegels eine andere Wirklichkeitsauffassung haben als ein Leser der FAZ, dessen Wirklichkeit sich wiederum erheblich von der des BILD-Zeitungs-Lesers unterscheiden dürfte. Kann tatsächlich heute noch jemand der Meinung sein oder gar fordern, die Medien würden bzw. müssten die objektive Wahrheit und nichts als die Wahrheit verkünden? Jeder darf bei uns (unserer Demokratie sei Dank) Medien konsumieren, wie er will – und nicht die schlechteste Methode dürfte dabei sein, sich nicht nur auf eine medial vermittelte Wirklichkeit zu verlassen. Meine Wirklichkeit etwa speist sich aus zahllosen Quellen, von SZ und FAS über diverse Fernseh- und Radiosender bis hin zu rund 50 RSS-Feeds, Twitter, Facebook und anderen Online-Medien.

Das eigentlich Verblüffende kann also 35 Jahre nach Watzlawick beim besten Willen nicht die Tatsache sein, dass Social Media die Sicht auf die Welt verzerrt. Das eigentlich Verblüffende ist, dass manche diesen Umstand beklagen, ein Bedrohungsszenario einer „schleichenden, unheimlichen Veränderung“ konstruieren und so tun als sei dieses Problem erst mit Social Media in die Welt gekommen. Andererseits: So verblüffend ist das auch wieder nicht, wenn man mitverfolgt, wie sich der Spiegel regelmäßig am Thema Social Media (und andere Verlage generell am Thema Internet) abarbeitet …

Im Zweifelsfall: abschalten

Automatische Filter wie der von Facebook haben übrigens einen gewaltigen Vorteil: Man kann sie abschalten, wenn man will. Nach dem Schalter „Jetzt nur noch objektive Informationen anzeigen“ auf Spiegel Online habe ich bislang vergeblich gesucht.

Kuriose Randnotiz am Schluss: Der Spiegel Online-Artikel wurde inzwischen von 9.380 Personen auf Facebook empfohlen (denn natürlich bietet Spiegel Online unter jedem Artikel Social Sharing-Funktionen an, um die Reichweite seines Contents zu erhöhen). Wenn das kein Beitrag zur verzerrten Sicht auf die Welt bei Facebook ist …

Bildnachweis: rasc / www.pixelio.de

14 Gedanken zu “Wie wirklich ist die Wirklichkeit (im Social Web)?

  1. Ach, na ja. Facebook oder Twitter zeigen doch auch nur, was im „echten Leben“ passiert. Wer sich dort nur Freunde sucht, die der gleichen Meinung sind und sich für die gleichen Themen interessieren wie man selbst, der wird das auch im Social Media tun. Wer am Kiosk nur Bild kauft, wird im Netz nicht automatisch zum SZ-Leser.

    Nicht Facebook oder Twitter filtern, sondern immer noch der Benutzer. Selbst im großen weiten Netz bleibt mancher Horizont doch sehr begrenzt. Denn was nützt mir der Ozean, wenn ich nur ein kleines Padellboot besitze? Besitze ich jedoch ein Kreuzfahrtschiff, werde ich nicht auf einen Trip über den Atlantik verzichten, nur weil der keine Artikel über die andere Seite der Welt veröffentlicht.

    Viele Grüße
    Rita

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  2. Im Grunde genommen ist der Blog-Beitrag bereits eine Folge der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung ;-) Eine Mehrheit der Bevölkerung ist weder bei Twitter noch bei Facebook aktiv. Ich halte es für gefährlich, Social Web für repräsentativ zu halten. Viele, die aus dem Social Web einen kommerziellen Nutzen ziehen wollen, hätten das aber gern. Falls Google/facebook/Twitter tatsächlich einmal den Nachrichten- und Meinungsbildungsmarkt dominieren würden, müßte man sie in öffentlich-rechtliche Hände geben.

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    • … was suggeriert, dass die öffentlich-rechtliche Meinungsbildung der Wirklichkeit näher kommt als die privatwirtschaftliche … das kann sein, muss aber nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass hier zwar weniger wirtschaftliche, dafür aber um so mehr politische Interessen eine Rolle spielen (man denke an den Rauswurf des ZDF-Chefredakteurs Brender). Ich finde Google oder Facebook im Meinungsmarkt per se jedenfalls nicht schlechter als Spiegel Online, die Welt oder RTL, und deren Überführung in öffentlich-rechtliche Hand fordert glaube ich auch niemand. ;-)

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  3. Welche Zeitung lese ich und weshalb und wie? Welches TV-Nachrichtenformat sehe ich und weshalb und wie? Warum nutze ich facebook und wie nutze ich es? Ganz sicher nicht weil ich es für das Alleinseeligmachende die Wirklichkeit abbildende Medium halte. Einmal ganz abgesehen davon, dass die Wirklichkeit sich gar nicht verzerren lässt. Sie ist was sie ist. Sie ist Wirklichkeit. Und abbilden lässt sich die Wirklichkeit auch nicht. Bestenfalls kann ein Medium, kann ich, das abbilden was das Medium, was ich unter Wirklichkeit verstehe, wie ich sie sehe. Da geht es den Medien nicht anders als der Kunst. Dieses ganze Bebrüll ist aus meiner Sicht völlig unsinnig. Jeder halbwegs medienkompetente Mensch sucht sich die Quellen für die Informationen selbst, die er für sein Leben braucht. Jeder halbwegs medienkompetente Mensch sucht sich die Medien zur Mitteilung seiner Abbildung von Wirklichkeit selbst. Wobei vollkommen gleichgültig ist, ob es sich Print, Sozial Media oder Stammtisch handelt.

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  4. Mit „Wahrheit“ haben sich die Deutschen ein Wort geprägt, das natürlich eher Wunsch ist, als irgendwie Norm. Jeden Tag werden Milliarden von Wahrheiten erzeugt und vergehen wieder. Wir einigen uns auf eine Durchschnittswahrheit, um miteinander leben zu können. Das ist also sogar wohl eine kulturelle Anpassungsleistung des Homo Sapiens.

    Wenn SPIEGEL-Online oder andere Medien die Durchschnittswahrheit schleifen, geschieht das über Menschen/Bewußtsein, Gremien und viele Jahre. Klar, nicht ungefährlich. Aber wenn „erfolgreiche“ Algorithmen, also Servereinstellungen, die Themensteuerung automatisieren und beschleunigen, mache ich mir doch Gedanken: Kopfdruckmeinungsmacht ! Das man das als „medienkompetenter Mensch“ versteht bzw. differenzieren kann, ok, – aber die Masse folgt der Oberfläche.

    Aber wahrscheinlich werde ich nur langsam neurotisch ;-)

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    • Ehrlich gesagt finde ich einen Algorithmus, der mir gemäß nachvollziehbaren Regeln etwas wegfiltert, weniger bedrohlich als einen menschlichen Filter, der nach eigenem Maß und Weltbild Fakten bewertet und mir dann gefiltert oder „angereichert“ als neue Fakten präsentiert. Letzterer hat nämlich meist ein klares Manipulationsziel, ein Bot nicht.

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      • … ich meine, ein „Manipulationsziel“ läßt sich von effektiv eingesetzten Servern/Online-Netzwerken auch effektiver erreichen. Herdentriebe auslösen können, ist u.U. nicht ungefährlich. Diese Macht versteht der Markt auch und bewertet relevante Aktien hoch.

        „Menschliche Filter“ schaffen ohne die internationalen Online-Kommunikationsoligopolisten nicht einen so globalen Gleichklang, weil die nicht so optimal koordinier- bzw. steuerbar sind.

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      • Ehrlich ?
        Gerade wenn ich ein „halbwegs medienkompetenter Mensch, der sich die Medien zur Mitteilung seiner Abbildung von Wirklichkeit selbst sucht“ bin, konfrontiere ich mich doch regelmäßig gern mit „abweichenden“ Ansichten – die ich mir ja nicht gut selbst herstellen kann, sondern zu deren Konsum ich auf irgendwelche Zusammensteller, Redakteure oder wie immer sie heißen, angewiesen bleiben werde.
        Für diese Leistung zahle ich sogar gern Geld.

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  5. Ich stimme Deiner Analyse zu, die Gott sei Dank auch noch richtig bleibt, wenn man das Watzlawick Zitat ersatzlos tilgt. Dass dieser liebe Konstruktivist Epistemologie nicht von Ontologie unterscheiden kann oder will ist sein Problem, nicht meins. Vielleicht war das ja der Mode der 1970er Jahre geschuldet, aber ich sehe die Wirklichkeit nicht also soziales Konstrukt an. Zugegeben, man kann sie nur durch allerhand soziale, kulturelle, biologische, etc. Brillen betrachten, aber — und Plato hat da hübsch drauf hingewiesen — man würde durch diese Brillen nichts, noch nicht mal etwas Verzerrtes, sehen, wenn es keine Wirklichkeit „da draußen vor der Höhle“ gäbe.
    OK, das ist am Tenor des Blogs vorbei, aber ich muss mir halt immer ein bisschen Adrenalin von der Seele schreiben, wenn ich einen philosophischen Relativisten klugscheißern seine Lebensweisheiten kundtun höre ;-)

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    • Einverstanden. Um in deinem Bild zu bleiben meint der Spiegel eben, er hätte dank eines eingebauten Erkenntnis-Scheibenwischers Klarsicht auf die Wirklichkeit, während namentlich Social Media nur lustige – nein: aus Sicht des Spiegel gefährliche Vexierbilder produziert. Dabei sind die Brillen der Medien allesamt bunt eingefärbt, nur manche sind sich dessen offenbar nicht bewusst, was ich eher bedenklich finde. Und dass die Herangehensweise (und die Schlussfolgerungen) eines Psychotherapeuten aus den 70er Jahren mit der deinen nicht ganz kompatibel ist, kann ich einigermaßen nachvollziehen … ;-)

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      • Ganz so böse würde ich über den Spiegel nicht herziehen, auch wenn dieser manchmal erstaunlich naiv bezüglich der Farbe der eigenen Brille ist.
        Übrigens, ich bin nicht grundsätzlich allergisch gegen die Ansichten von Leuten mit deutlich unterschiedlichem Bildungshintergrund (klar, das hattest Du ja auch gar nicht unterstellt). Ich lese z.B. sehr gerne Steven Pinker, den man irgendwo zwischen Psychologie und Sprachwissenschaft ansiedeln muss.

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  6. Ganz so böse würde ich über den Spiegel nicht herziehen, auch wenn dieser manchmal erstaunlich naiv bezüglich der Farbe der eigenen Brille ist…
    Übrigens, ich bin nicht grundsätzlich allergisch gegen die Ansichten von Leuten mit deutlich unterschiedlichem Bildungshintergrund (klar, das hattest Du ja auch gar nicht unterstellt). Ich lese z.B. sehr gerne Steven Pinker, den man irgendwo zwischen Psychologie und Sprachwissenschaft ansiedeln muss.

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  7. […] Wer gelegentlich in meinem Blog vobeischaut, weiß, dass ich ein Freund differenzierter Betrachtung bin, und die Zuspitzung im Absatz zuvor ist natürlich total übertrieben. Und dennoch gibt es in unserem schönen Land für meinen Geschmack beim Thema Internet viel zu viele Schwarzmaler, die immer nur die Risiken und Gefahren, nicht aber die Chancen und Möglichkeiten im Blick haben. Beispiele gebe ich im Blog ja immer wieder: von Street View bis zum Jugendmedienschutzstaatsvertrag, vom Leistungsschutzrecht bis zur Wirklichkeitswahrnehmung im Web. […]

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