Filterblase Zwei – Wahl und Schluss

Vor einem knappen Jahr habe ich mein Filterblasen-Experiment gestartet und schon damals angekündigt, es bis zur Bundestagswahl durchführen zu wollen. Damit ist es Zeit für ein Ende des Experiments und ein Fazit …

Natürlich feiert die Filterblase Zwei den Einzug der AfD in den Bundestag, das ist wenig verwunderlich und legitim. Schräge Begleittöne gibt es auch: Einerseits wird von Wahlbetrug geraunt, die AfD hätte eigentlich viel mehr Stimmen bekommen. Andererseits ist man sich uneins, wie der Austritt von Frauke Petry aus der Fraktion zu werten ist. Mehrheitlich sieht man das als Verrat, man wirft ihr vor, sich opportunistisch das Bundestagsmandat über die AfD erschlichen zu haben. So schnell wird man vom Idol zum Teil des verhassten Systems, das man mit allen Mitteln bekämpfen will.

Ewig gleiche Klischees

Es war wohl einer meiner letzten Besuche in der Filterblase Zwei. Das Experiment war zeitlich limitiert, ich wollte bis zur Bundestagswahl verfolgen, wie in einer stark rechtslastigen Community gedacht und argumentiert wird. Und langsam reicht es auch. Ich gewinne keine neuen Erkenntnisse mehr und habe auch keine Lust mehr auf die ewig gleichen Klischees vom korrupten System der Angela Merkel, von bösen Systemmedien und noch böseren Ausländern, die vergewaltigend und mordend unser schönes Land ruinieren.

Aber ich habe im vergangenen Jahr viel gelernt und versucht hier im Blog und auf Vorträgen zu vermitteln. Über Rechtspopulismus, Framing, selektive Wahrnehmung, Verschwörungstheorien, Fake News, Hate Speech … Und natürlich über digitale Filterblasen und Echokammern.

Vorträge und Diskussionen

Was ich weder geplant noch erwartet hatte, war die große Resonanz auf diese kleine Blog-Serie. Ich habe Publikations- und Vortrags-Anfragen von Südtirol bis Köln bekommen und tatsächlich eine zweistellige Zahl von Vorträgen über das Thema gehalten (wenngleich ich Südtirol aus Aufwandsgründen leider absagen musste). Ich habe dabei interessante Diskussionen mit Schülern, Studenten und älteren Mitbürgern in Stadt und Land geführt, auch dabei wieder einiges gelernt und hoffentlich ein wenig Medienkompetenz vermittelt.

In jedem Fall erfreulich ist, dass sich die Wahrnehmung des Themas in den letzten Monaten massiv verändert hat. Vor einem Jahr hatten noch die wenigsten etwas von Filterblasen und Fake News gehört, inzwischen sind diese Themen in aller Munde: Sie stehen auf der politischen Agenda, sie werden von Journalisten kritisch beleuchtet, selbst Plattformanbieter wie Twitter und Facebook sehen sich gezwungen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie es mit den erwähnten Themen weitergeht: Wird Hate Speech konsequenter juristisch verfolgt werden? Werden Fake News auf Plattformen wie Facebook künftig gekennzeichnet oder gelöscht? Und zwar auf Basis redaktioneller Arbeit oder durch Algorithmen? Werden die Filterblasen durchlässiger werden?

Wie hältst du’s mit der AfD?

Durch den Einzug der AfD in den Bundestag wird sich außerdem die gesamte Gesellschaft damit beschäftigen, wie sie mit Rechtspopulismus umgehen will, ganz unabhängig von digitalen Phänomenen. Einige bisher im Wahlkampf zu beobachtende Ansätze halte ich für wenig zielführend: Weder wird es helfen, sämtliche AfD-Politiker und -Wähler als Nazis zu dämonisieren und eine Debatte damit von vornherein auszuschließen; noch bringt es irgendetwas, sie allesamt zu grenzdebilen Trotteln zu erklären, über die man sich mit fleißig geteilten Satireshow- und Spaßpartei-Beiträgen schön lustig machen kann. Beides sind übrigens sehr bequeme Haltungen, die einem jegliche (zweifellos mühsame) inhaltliche Auseinandersetzung ersparen.

Statt dessen führt meiner Meinung nach kein Weg an genau dieser inhaltlichen Auseinandersetzung vorbei – sicher nicht mit jedem, der für die AfD steht oder sie gewählt hat (dass es genug Unerreichbare gibt, hat auch das Filterblasen-Experiment gezeigt), aber mindestens mit den drei Fünfteln, die Analysen zufolge die AfD nicht aus Überzeugung, sondern aus Unzufriedenheit mit den anderen Parteien gewählt haben.

Wie dem auch sei. Nun also: Tschüss, Filterblase Zwei. Ich danke dir für ein interessantes und anstrengendes Jahr. Aber ich werde dich nicht vermissen.

Die Serie zum Nachlesen

8 Gedanken zu “Filterblase Zwei – Wahl und Schluss

  1. … dufte, Christian ! Kann Deine Empfehlungen zur Auseinandersetzung mit der AfD nur unterstreichen. Das selbstgefällige linksliberale Bürgertum hat leider aktiv eingezahlt auf den AfD-Aufstieg und versteht immer noch nicht, welche Fehler es begangen hat. Ich sage nur „Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten“ …

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  2. Das „selbstgefällige linksliberale Bürgertum“… Ich behaupte jetzt nicht, dass mit AfDlern oder mit Erdogan-Fans unter den Deutschürken keine Diskussionen möglich seien. Aber wie schwer es ist, hat Buggisch in seinem Beitrag doch selbst geschrieben. Also ich finde diese Zuweisung auch nicht wenig selbstgefällig.

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    • @Horst, – recht haste, – Zuweisung im Sinne „Schuld hat einzig hat das linksliberale Bürgertum“ war nicht gemeint und wäre falsch. Ich bin nur besonders enttäuscht vom linksliberale Bürgertum, zu dem ich mich auch irgendwie zugehörig fühlte, – die hätten das doch erkennen und handeln müssen! Aber nix da: platte (Nazi-)Ausgrenzungsversuche, die das Gegenteil bewirkten.

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    • Das ist zweifellos wahr. Aber die Like-Systeme sind halt bequem und stellen kaum Anforderungen. Entsprechend haben sie sich leider durchgesetzt – zu Ungunsten einer Diskussionskultur in Blogs. Aber wenn ich so richtig nachdenke: gab es die eigentlich jemals, von Ausnahmen abgesehen.

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      • Negative Bewertungen sind halt schlecht für das Geschäft (siehe auch bei ebay!), ich lese auch häufiger Sachen, die nicht meine Meinung darstellen, und da würde ich schon oft lieber mit neutral bewerten, das Post als solches ist dann ja nicht zwangsläufig schlecht (geschrieben oder dargestellt).

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  3. Lieber Herr Buggisch,
    ich stehe ein bisschen auf Kriegsfuß mit der Art Logik in Sozialen Systemen und mit dem, was Microsoft mir mit seinem vielen höchst überflüssigem Schnickschnack (z.B. „Willkommen zurück! Machen Sie genau da weiter, wo sie aufgehört haben.“) bei jedem Update zumutet. Na ja, ich nehme einen neuen Anlauf, diesmal schreibe ich zuerst in ein Word-Dokument.
    Ihr Projekt Filterblase Zwei fand ich sehr gut. Es hat sicher vielen Menschen – auch in Ihren Vorträgen, an einem nahm ich teil – neue Erkenntnisse vermittelt. Auch ich habe gelernt, wie der Hase läuft. Auch Ihr Aufruf zur inhaltlichen Auseinandersetzung ist genau richtig. Nur fürchte ich, dass er auf die die Oberflächlichkeit liebende Realität trifft und verpufft.
    Was wollte denn der Wähler mit seinem vielleicht gut gemeinten Protest. Von denen, die sich im Netz zur AFD-Wahl mit der Zweitstimme bekennen, kenne ich einige. Ich weiß, dass das keine Sozialfälle sind. Manche sagen ganz offen, sie hätten das Wahlprogramm der AFD gar nicht gelesen. Sie wollten halt einen Denkzettel verpassen. Ich war kein Protestwähler, aber wenn ich mir ansehe, was vor der Wahl und nach der Wahl abgeht, werde ich sehr nachdenklich. Denken die Politiker eigentlich, dass sie irgendjemand noch als Vorbild wahrnimmt. Ich nehme bewusst einige am Boden gebliebene Landräte, wie u.a. den im Landkreis Fürth aus. Die Diskussion zur Deutungshoheit der „Denkzettel“ ist einfach schaurig. Doch dazu später.
    Einfach mal, was mir gerade so einfällt:
    Das Hurra-Video zum Gewinn aller Direktmandate, was sicher den eigenen Fanclub erfreut, aber alle anderen den Kopf schütteln lässt. Denkt da niemand im Kopf des anderen, bevor er so etwas freigibt?
    Die oberlehrerhafte Erläuterung zum Gebrauch und zur Wirkung des Wortes „Fresse“. Wo blieb der Aufschrei von Frau Klöckner, als Herr Pofalla sagte, er könne die Fresse von Herrn Bosbach nicht mehr sehen, er solle abhauen? Ausgerechnet zu einem Politiker, der noch ein Vorbild ist.
    Die oberflächlichen Journalisten, die Herrn Gauland, weil sie halt vorher das Interview nicht durchgespielt hatten, oder keine kritschen Denker dabei hatten, Herrn Gauland auf die Frage nach der Entsorgung auch noch einen Punkt machen ließen. Schließlich habe nicht er das Wort eingeführt. Warum war man auf diese Antwort nicht vorbereitet? Warum hat man die Frage auch so naiv gestellt?
    Die Mär von der wundersamen Rettung unserer Bezirkskrankenhäuser, die ein CSU-Politiker erzählt, ohne dass er daran denkt, dass er damit viele Fachleute vor den Kopf stößt. Wenn ein Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung die Geschäftsleitung kritisiert, und dann gehen muss, dann stinkt es in diesem Unternehmen, und zwar vom Kopf her. Wenn man die Ursachen kennen lernen will, muss man die Mitarbeiter fragen und nicht die Geschäftsleitung.
    Und dann: Obergrenze, Obergrenze …, Merkel pfui, Merkel hui.
    Was bedeutet denn das „Ehrlichmachen“, das jetzt manche Politiker als Reaktion auf den Denkzettel fordern? Ich vermute, man müsse ehrlich auf die Fehler der anderen hinweisen können. Zum Beispiel, dass man dem politischen Gegner (Seehofer versus Merkel) nicht hätte nachgeben dürfen und dass der das jetzt einsehen müsse. Bei mir bedeutet „Ehrlichmachen“, eigene Fehler einzugestehen, und zu demonstrieren, dass man daraus gelernt hat. Dazu würde zum Beispiel gehören, dass man sagt, dass man vor dem Flüchtlingsdesaster die Fehler gemacht hat. Die Flüchtlinge haben doch am Ufer in Griechenland und Italien nicht einfach kurz Anlauf genommen, und sind dann urplötzlich vor unserer Grenze gelandet. Man hat sich zurückgelehnt, zugeschaut, abgewartet und auf die Zuständigkeit laut Dublin verwiesen. Wenn die Politiker daraus nichts gelernt haben, und das muss ich annehmen, solange sie solche Fehler nicht eingestehen, muss man beunruhigt sein. Und da kommt Frau Merkel nicht gut weg. In der Notsituation hat sie dann schon aus humanitären Gründen richtig gehandelt, weil die Alternativen für alle unerträglich gewesen wären. Da hat man einen Minister mit tollen Ideen zur Bekämpfung der Flüchtlingsursachen mit Namen Müller, der aber leider fast nichts zu sagen hat. Warum hörte man nicht (sinngemäß): „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben schwere Versäumnise zu verantworten und hätten früher handeln müssen. Daraus werden wir lernen. Den Auftrag hat unser Entwicklungshilfeminister, der gute Vorschläge zur Bekämpfung der Ursachen der Probleme hat, und der jetzt auch die notwendigen Milliarden, die wir schon früher in die Hand hätten nehmen müssen, bekommt. Jetzt kann ich Sie nur um Entschuldigung bitten. Wir schaffen es nur gemeinsam. Ich bitte Sie, helfen Sie mit. Dann können wir es schaffen.“
    Die Politiker merken halt nicht, dass viele Bürger merken, was da läuft. Zum Beispiel beim Dieselskandal. Da werden wir von Managern und Politikern regelrecht ver…, das Wort veräppeln reicht da nicht mehr.
    Ich könnte noch lange fortfahren. Vielleicht meinen mache zu recht, ich bin mit meiner Kritik etwas CDU/CSU-lastig. Das kommt einfach daher, weil ich mir, wenn es so weitergeht, ernsthaft überlegen muss, wo ich mein Kreuz in Zukunft machen soll?
    So, Ihnen Herr Buggisch wünsche ich bei Ihrer Arbeit in den Sozialen Medien weiter viel Erfolg!
    Ihr Siegbert Rudolph
    PS: Sollten noch Tippfeher drin sein: Ich bin Rekonvaleszent.

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